Tagarchiv: Nachruf

Reto Parolari: Ein loderndes Feu sacré ist erloschen

Völlig unerwartet ist der Winterthurer Komponist, Dirigent, Arrangeur und Multi-Instrumentalist Reto Parolari am Sonntag, 15. Dezember 2019, im Alter von 67 Jahren gestorben. Reto Parolari war seit 2007 im Vorstand der SUISA. Zuvor war er seit 1990 in der Verteilungs- und Werkkommission, die er ab 1997 präsidierte. Nachruf von Xavier Dayer, Präsident der SUISA, und Urs Schnell, Direktor der FONDATION SUISA

Reto Parolari in einer Aufnahme aus dem Jahr 2014, fotografiert an der SUISA-Generalversammlung in Bern. (Foto: Juerg Isler, isler-fotografie.ch)

Vor wenigen Tagen erhielten wir die traurige Nachricht vom Tod von Reto Parolari; der SUISA-Vorstand ist bestürzt. Bis vor einer Woche zuvor war Reto Präsident der Kommission «Tarife und Verteilung» und nahm mit der immensen menschlichen Großzügigkeit, die ihn auszeichnet, an unseren Vorstandssitzungen teil. Niemand hätte sich vorstellen können, dass er uns so plötzlich verlassen könnte. Ich erinnere mich an unsere intensiven und herzlichen Diskussionen beim gemeinsamen Vorstandsessen.

Ich möchte mit diesen wenigen Zeilen seinen wertvollen Beitrag an den SUISA-Vorstand hervorheben: Als Komponist und Musiker brachte er eine wichtige Sicht ein. Er war immer konstruktiv und ein unentbehrlicher Partner.

Wir kennen uns seit 2007, als er nach zehn Jahren als Präsident der Verteilungs- und Werkkommission in unseren Vorstand eintrat. Es ist demnach eine wichtige Person im Leben des Vorstands, die uns am Sonntag verlassen hat – unersetzlich, und wir bedauern sein Ableben sehr.

Um uns seine Musik und seinen künstlerischen Werdegang vor Augen zu führen, scheint es mir das Beste, dem Direktor unserer Stiftung, Urs Schnell, das Wort zu erteilen. Erst kürzlich hat er anlässlich der Verleihung des Kulturpreises der Stadt Winterthur am 3. Dezember eine hervorragende Laudatio gehalten. Die Rede von Urs Schnell, die wir im Folgenden wiedergeben, nimmt heute eine besonders ergreifende Dimension an.

Im Namen des SUISA-Vorstandes möchte ich den Angehörigen von Reto Parolari in dieser schmerzlichen Zeit unser tiefstes Mitgefühl aussprechen.

Xavier Dayer

Laudatio anlässlich der Kulturpreisverleihung an Reto Parolari im Theater Winterthur, 3. Dezember 2019

Lieber Reto

Für mich schliesst sich heute Abend ein Kreis: auf der Bühne dieses Hauses hatte ich meine erste Begegnung mit Dir, Reto – wir schreiben ungefähr das Jahr 1990. Als Lehrdiplom-Student an der damaligen Musikhochschule hier in Winterthur musste ich beim jährlichen Konsi-Chorkonzert mitsingen. Angesagt war ein gemeinsames Konzert mit Deinem Orchester. Auf dem Programm: «Gehobene Unterhaltungsmusik»

Diese Ausgangslage war, Sie können sich das vielleicht vorstellen, geschätzte Damen und Herren – nun: nicht ganz einfach. Für die auf die hehre Klassik konditionierten Musik-Studentinnen und Studenten war es zunächst völlig abwegig, sich mit solchem Repertoire überhaupt auseinandersetzen zu müssen. Skepsis schlug dem Vorhaben entgegen. «Unterhaltungsmusik».. womöglich sogar noch ternär-swingend… Auszüge aus «My Fair Lady» und ähnliches… nun, dem damaligen Chorleiter und Konsidirektor, dem von mir hoch geschätzten Fritz Näff, stellte sich eine echte Herausforderung..

Aber, je näher das Konzert kam, umso deutlicher wurde: Unterhaltungsmusik ist nicht per se «leichte» Musik, die auf die «leichte» Schulter genommen werden kann. Da fordern einen härteste musikalische Knacknüsse.

Schlussendlich zum Fliegen gebracht hast es dann Du, Reto: Dank Deiner Begeisterung, Deinem Elan, Deinem Humor, – und ja, einer natürlichen Autorität, wie sie nur Könnern eigen ist, die über der Materie stehen, ging ein Ruck durch die versammelte Studentenschaft. Widerstände schmolzen, es wurde gemeinsam musiziert.

Was ich an jenem Abend von Dir als Lebensweisheit mitnehmen durfte: Um als Musiker sein Publikum wirklich abzuholen braucht es den Respekt gegenüber seinen MitMusikerinnen, die profunde Kenntnis dessen was man tut, eine tiefe Ehrfurcht vor der Musik, vor allem aber die eigene Begeisterung, das lodernde Feuer, – das Feu sacré.

Mit dieser kleinen Reminiszenz an die Vergangenheit darf auch ich Sie herzlich zu dieser KulturPreisübergabe an Reto Parolari begrüssen.

Es ist mir eine grosse Ehre und Freude, hier zu Ihnen sprechen zu dürfen. Und ich danke Dir, Reto, dass Du mich dafür angefragt hast…

Ihr Parolaris seid ja seit heute Abend die Winterthurer Familie mit der wohl umfangreichsten Kulturpreissammlung, schon Dein Vater, der Oboist Egon Parolari, hat den Preis vor genau 30 Jahren zugesprochen erhalten – was auch für die Kontinuität der Winterthurer Kulturpolitik spricht.
Seit Kindsbeinen hast Du in Winterthur gewirkt. Einmal hast Du gesagt: «Ich selber bin eigentlich auf dem Bühnenboden des Stadthauses aufgewachsen. Mein Vater hat mich so oft an Proben und Konzerte mitgenommen.»

Mit 24 Jahren hast Du an der hiesigen Musikhochschule Dein Studium als eidgenössisch diplomierter Musiker im Hauptfach Schlagzeug abgeschlossen, weitere Studien folgten in Hannover, Stuttgart und Wien.

Voilà – Und ab jetzt, geschätzte Damen und Herren, wird es schwierig, denn die grösste Herausforderung, wenn man sich dem Werken und Wirken von Reto nähern will, ist schlicht die unglaubliche Vielfalt seines Schaffens.

Kein einfaches Unterfangen für den armen Laudatoren, Dein Curriculum, Reto: es ist geprägt von Gleichzeitigem und Gegensätzlichem, Parallelem und sich Ergänzendem. Aber, und das zur Erleichterung des doch nicht ganz so armen Laudatoren: zusammengehalten vom unbedingten Feuer für die Musik, dem Feu sacré – und genau wegen der Ecken und Kanten ist es ein in sich logisches Curriculum.

Du bist Künstler – aber auch gewiefter Unternehmer. Du bist Komponist und Arrangeur, Du bist Autor und Herausgeber von Fachliteratur, Dirigent und Instrumentalist.

Multi-Instrumentalist: auf Marimba, der Continental-Schreibmaschine, dem Schlagzeug, Klavier, virtuos sogar auf Autohupen. Dein Hauptinstrument aber, das bist – Du selber. Deine Echtheit, Dein Glaube an Deine Mission, Deine Herzlichkeit und Humor, Deine Sturheit und Unbedingtheit, eben Dein Feu sacré…

Es ist unmöglich über Dich zu sprechen, ohne gleichzeitig die «Gehobene Unterhaltungsmusik» mitzumeinen.

Doch, Moment… was ist das?? Was unterscheidet den Parolari von anderen MusikerInnen, was ist, im MarketingSprech: Dein Alleinstellungsmerkmal?
Ich darf Cédric Dumont, den Gründer des Unterhaltungsorchesters von Radio Beromünster und Leiter des Radiostudio Zürichs zitieren: „Der Sündenfall der Musik geschah, als man zwischen E und U, zwischen Ernst und Unterhaltung zu unterscheiden begann.. Aber auch für U braucht es Durchhaltewillen, Handwerkliches Können und Begeisterungsfähigkeit“. Voilà, das Feu sacré.
Du brennst für ein Musikgenre, das es wahrlich «nicht leicht» hat. Ein Genre, das, wenn überhaupt wahrgenommen, oftmals mit süffisantem Lächeln bedacht wird…

Doch woher kommt das eingangs geschilderte Nasenrümpfen seitens der VertreterInnen des sogenannten «Ernsten» Fachs?

Die Anforderungen sind hoch, höher wohl als an manch andere, vermeintlich Ernste Musikgenres: Um die volle Wirkung der Unterhaltungs-Musik zu erzielen ist die Partitur genauestens umzusetzen, die Musik MUSS ernst genommen – aber – Achtung: Widerspruch – immer mit einem Augenzwinkern gespielt werden.

Doch: im Umkehrschluss: Darf ich mich nicht von einer Beethoven-Sinfonie, einem Bach-Konzert „unterhalten“ fühlen? Und falls ich mich doch „unterhalten“ fühlen sollte: hat da jemand etwas falsch gemacht??

Ich lass das mal so stehen…

Deine Kunst ist eng verknüpft mit der Geschichte des Schweizer Radios. Bis in die siebziger Jahre hatte jede Radiostation ihre eigenen Orchester unter Vertrag, die mit speziell komponiertem Repertoire die gesprochenen Sendungen live begleiteten. Um die gewünschten Stimmungs-Effekte beim Zuhörer zu erzielen, musste die Musik vielfältig, farbig und bildhaft komponiert und handwerklich perfekt umgesetzt sein. Was mich zur These veranlasst: die gehobene Unterhaltungs-Musik ist eine Filmmusik, – eine Filmmusik, die sich ihre Bilder selber schaffen muss – und das ist musikalisches Storytelling at its best.

Mit den massiven Verwerfungen in der Medienlandschaft anfangs der Siebzigerjahre war auch die Hochzeit der Radioorchester vorbei – Ein Klangkörper nach dem anderen wurde aufgelöst – das Repertoire wurde nicht mehr nachgefragt, höchstqualifizierte Musikerinnen und Musiker wurden entlassen, den Notenarchiven drohte die Altpapiersammlung…

Da war Reto zur richtigen Zeit am richtigen Ort:
Du hast die Notenbestände des Radiostudio Basels, die des Bayrischen Rundfunks und später jene des Radio-Orchesters Beromünster buchstäblich vor dem Shredder bewahrt.

Und so gedeiht Deine materiell wohl grösste Leistung nun eher im Verborgenen, hier fast unter unseren Füssen….

In einem grossen Luftschutzraum mitten in der Stadt Winterthur bist Du zum Hüter einer riesigen Notensammlung von über 110000 Titeln geworden.

Dieses grösste Musikarchiv Europas ist aber nicht einfach ein Mausoleum kreativer Momente, nein, Du vermittelst den Zugang für zahlreiche internationale Orchester, welche die Noten rege nutzen.
Dein Verdienst für den sowohl klingenden als auch archivarischen Fortbestand dieses musikhistorisch einmaligen Erbes, die Lebendigerhaltung von Kulturgut, kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Ich danke an dieser Stelle der Stadt Winterthur, dass sie mit ihrem Preis dieses einmalige Engagement anerkennt und damit auch dieser Musik die verdiente Referenz erweist.
Und natürlich kann man nicht über Dich sprechen, ohne Deine eigenen Orchester zu erwähnen.
Das erste hast Du bereits während des Studiums an der hiesigen Musik-Hochschule gegründet.
Es entstand das ORP in sinfonischer Besetzung, welches seit 1990 ausschliesslich mit rund 40 BerufsmusikerInnen besetzt ist. Ein solches Orchester – das sei am Rande vermerkt – ist eigentlich ein unternehmerischer Blödsinn. Es kann nie rentieren – und trotzdem: Du musstest es nie beim Konkursamt melden.

Über 40 Orchester aus der ganzen Welt hast Du dirigiert, darunter Exoten wie das Orchester Hermitage, St.Petersburg (Russland), das Orchester Flughafen Zürich (Schweiz), oder das Philharmonische Orchester Pyöngyang (Nord-Korea),

Um all diese Engagements hast Du Dich nie beworben – Du wurdest stets angefragt..
So auch – für die Zirkuswelt: mit zarten 28 Jahren hat man Dir die Dirigentenstelle beim Zirkus Nock angeboten, kurz darauf jene beim Zirkus Knie. Für Dein Wirken am Theater Carré in Amsterdam hat Dir die niederländischen Königin gar den Titel «Königlicher Kapellmeister» verliehen. Und auch als musikalischer Oberleiter des internationalen Circusfestivals in Monaco findest Du Dich ja auf Tuchfühlung mit Adligen und gekrönten Häuptern….

Nur in der Heimat schlug Dir der Glamour etwas weniger entgegen: mit Deinem Internationalen Festival der gehobenen Unterhaltungsmusik hast Du zwar ein einzigartiges Musikereignis von internationaler Ausstrahlung geschaffen – welche aber von der heimatlichen Öffentlichkeit eher weniger beachtet wurde..

Ich müsste jetzt noch auf Deine Arbeit als Komponist und Arrangeur von über 800 Werken eingehen, auch der Autor von Fachartikeln und mehreren Fachbüchern verdiente gebührend gewürdigt zu werden – indes, die Zeit rinnt..

Etwas ist mir aber noch wichtig: Du bist nicht nur in eigener Sache unterwegs, Reto: als Vorstandmitglied der Urheberrechtsgenossenschaft SUISA oder als aktives Mitglied des hiesigen RotaryClubs Winterthur-Mörsburg bist Du auch uneigennützig dem Dienst an Deiner Mitwelt verpflichtet.

Wie eingangs erwähnt: ein Curriculum mit Ecken und Kanten – denn all diese Facetten Deines Tuns: sei es als Musiker, Dirigent, Orchesterleiter, Unternehmer, Veranstalter, Verleger, Archivar, Komponist – sie ergänzen, bedingen und brauchen sich gegenseitig und ergeben das Gesamtbild eines Kulturschaffenden, eines Kulturschaffers. – eben ein logisches Curriculum.

Erst vor Kurzem durfte ich noch einmal unter Deinem Dirigat wirken: zwar nur in einem Stück, diesmal aber als ausgebildeter Flötist. Und innert Sekunden war es wieder da: dieses Gefühl, das Du einem so gekonnt vermittelst: dieses respektvolle «Das kommt gut, vertrau mir». Locker im Auftritt, ernsthaft in der Sache. Und tatsächlich: Du hast eingezählt, die BigBand swingt los, mein Einsatz… Dein Feu sacré loderte und alles war superbe – und ja, es kam gut!

Merci, Reto, für das alles!!

Urs Schnell

Die Abdankungsfeier findet am Montag, 30. Dezember 2019, um 15 Uhr in der Stadtkirche in Winterthur statt.

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Völlig unerwartet ist der Winterthurer Komponist, Dirigent, Arrangeur und Multi-Instrumentalist Reto Parolari am Sonntag, 15. Dezember 2019, im Alter von 67 Jahren gestorben. Reto Parolari war seit 2007 im Vorstand der SUISA. Zuvor war er seit 1990 in der Verteilungs- und Werkkommission, die er ab 1997 präsidierte. Nachruf von Xavier Dayer, Präsident der SUISA, und Urs Schnell, Direktor der FONDATION SUISA

Reto Parolari in einer Aufnahme aus dem Jahr 2014, fotografiert an der SUISA-Generalversammlung in Bern. (Foto: Juerg Isler, isler-fotografie.ch)

Vor wenigen Tagen erhielten wir die traurige Nachricht vom Tod von Reto Parolari; der SUISA-Vorstand ist bestürzt. Bis vor einer Woche zuvor war Reto Präsident der Kommission «Tarife und Verteilung» und nahm mit der immensen menschlichen Großzügigkeit, die ihn auszeichnet, an unseren Vorstandssitzungen teil. Niemand hätte sich vorstellen können, dass er uns so…Weiterlesen

Wo keine Liebe ist, ist alles vergeblich

Am 26. Juni 2019 ist der Zürcher Komponist und Musikjournalist Rolf Urs Ringger im Alter von 84 Jahren gestorben. Nachruf von Gastautor Thomas Meyer

Rolf Urs Ringger: Wo keine Liebe ist, ist alles vergeblich

Rolf Urs Ringger war SUISA-Mitglied seit 1960. (Foto: Keystone / Gaëtan Bally)

In jungen Jahren habe er einen Roman mit dem Titel «Der Dandy» schreiben wollen: Die Hauptfigur nimmt ein Taxi und fährt zur Oper. Von dieser kurzen und doch ausgedehnten Fahrt sollte das Buch handeln – und dabei wohl ein wenig auch von ihm selber. Egal, ob das nun erfunden war oder ob sich im Nachlass tatsächlich ein Romanfragment finden wird: Rolf Urs Ringger wusste natürlich, was für ein Futter er mit einer solchen Anekdote dem Journalisten gegenüber gab. Schelmisch stellte er sich vor, wie das Bild des Dandys Ringger entstand, und freute sich, denn das war er ja auch: der Dandy unter den Schweizer Komponisten, unverstellt eitel, aber auch mit dieser Eitelkeit lustvoll spielend. Als Adrian Marthaler sein Orchesterwerk «Breaks and Takes» fürs Fernsehen visualisierte, spielte Ringger persönlich einen Delius-ähnlichen, melancholischen Komponisten an einem Swimming Pool.

«Ich liebe das Kokettieren. Das gibt ja doch auch meiner Produktion das leichte und spielerische Moment. Und es kommt ja beim Publikum auch sehr gut an. Und ich habe Freude daran.», sagte er mal im Gespräch. «Das Moment des Narzisstischen, jetzt wertfrei verstanden, ist doch sehr stark bei mir spürbar.» Ich mochte ihn für diese Selbstironie, die bei ihm ganz natürlich war. Er brachte eine ganz eigene und auffallende Farbe in die zur Bescheidenheit neigende Zürcher Musikszene, er war mondän, vielgewandt, urban, wenn er den Sommer auch immer auf Capri verbrachte, wo einige sinnliche Klangbilder entstanden. Zu diesem Image hat der Komponist selber reichlich beigetragen.

Ton- und Wortkünstler

Ringger war aber auch ein Zürcher. Hier wurde er am 6. April 1935 geboren, hier wuchs er auf, lebte und arbeitete hier, ein Wort- und Tonkünstler. In Küsnacht besuchte er das Seminar, bei Kurt von Fischer am Musikwissenschaftlichen Seminar Zürich dissertierte er über Weberns Klavierlieder. Als rur. gehörte er über Jahrzehnte zum Kritikerstab der «Neuen Zürcher Zeitung», lieferte pointierte und elegante, zuweilen bewusst nachlässige Texte, porträtierte aber auch schon früh jene Komponisten, die später erst weithin Beachtung erhielten wie zum Beispiel Edgard Varèse oder Charles Ives, Erik Satie und Othmar Schoeck. Neben den grossen Figuren finden sich da die Einzelgänger, und gern hat er der Nostalgiker gedacht, zu denen er sich selber wohl auch zählte. In Publikationen wie der Aufsatzsammlung «Von Debussy bis Henze» hat er diese Porträts gebündelt.

Kompositionsunterricht erhielt Ringger ganz früh privat bei Hermann Haller. In den Darmstädter Ferienkursen 1956 studierte er bei Theodor W. Adorno und Ernst Krenek, kurz darauf noch für ein halbes Jahr bei Hans Werner Henze in Rom. Es waren ästhetische Antipoden, denn da schon hatte sich Henze aus der Avantgardeszene zurückgezogen. Obwohl Ringger später mit einem süffisant erwartungsvollen Lächeln erzählte, mit Adorno habe er sich eigentlich besser verstanden als mit Henze, folgte er doch dessen Abwendung von den streng seriellen Techniken und der Hinwendung zu einer sinnlichen Klangsprache. Das hört man schon seinen Titeln an: «… vagheggi il mar e l’arenoso lido …» für Orchester (1978), «Souvenirs de Capri» für Sopran, Horn und Streichsextett (1976–77), «Ode ans Südlicht» für Chor und Orchester (1981) oder «Addio!» für Streicher und Röhrenglocken. Mit «Der Narziss» (1980), «Ikarus» (1991), und «Ippòlito» (1995) schuf er drei Ballettmusiken. Den grossen musikdramatischen Formen freilich hat er sich offenbar nie zu nähern versucht.

Sinnliche Klangsprache

Ringger war einer der ersten, der sich in den 70er-Jahren in Henzes Gefolge, aber durchaus frühzeitig im Trend, wieder neotonaler Elemente bediente. Derlei vermerkte ich damals in einer Kritik entsprechend bissig. Natürlich reagierte er bei aller Selbstironie entsprechend beleidigt. Und doch kam er ein paar Jahre später genussvoll darauf zurück und verkündete stolz, ich hätte ihn damals als den ersten Neotonalen hierzulande bezeichnet. Die postmoderne Wende hatte ihm recht gegeben.

So spielte seine Musik gern mit Zitaten (von Debussy etwa), schwelgte in impressionistischen Farben oder in hochromantischen Gesten, blieb aber dabei durchsichtig und leicht. Am höchsten freilich schätze ich ihn als urbanen Flaneur. Nicht dort, wo er Zeitungsausschnitte auf etwas kindische Weise zu einer Collage («Chari-Vari-Etudes», «Vermischtes») für Kammersprechchor montierte, sondern in seinen musikalischen Promenaden. Im «Manhattan Song Book» (2002) für Sopran, drei Sprechstimmen und fünf Instrumente ist er in New York unterwegs, beobachtet, notiert, kommentiert in elf Songs, frech, unbeschwert, auch da in koketter Selbstbespiegelung. Als ihn eine nicht sehr freundlich als «crazy witch» bezeichnete Dame fragt, ob er der «famous composer» sei, antwortet er kurz: «No, it’s my cousin.»

Nun ist er gestorben. «Licht!» steht zuoberst in der Todesanzeige, darunter die Sätze: «Er liebte die Sonne des Mittelmeers, die Musik und die Jugend. Er dankt allen, die ihm im Leben Gutes erwiesen und seine Musik gefördert haben.» Capri wird ihn vermissen. Sein «Notizario caprese» (2004) endet mit den Worten «(sehr ruhig, fast ohne Pathos) Se non c’è Amore, tutto è sprecato. (sehr nüchtern) Wo keine Liebe ist, ist alles vergeblich. Ein Grabspruch in Capri; ungefähr 2020.»

Der Nachruf von Thomas Meyer ist zuerst in der «Schweizer Musikzeitung», Nr. 9/10 vom September/Oktober 2019 erschienen.

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Am 26. Juni 2019 ist der Zürcher Komponist und Musikjournalist Rolf Urs Ringger im Alter von 84 Jahren gestorben. Nachruf von Gastautor Thomas Meyer

Rolf Urs Ringger: Wo keine Liebe ist, ist alles vergeblich

Rolf Urs Ringger war SUISA-Mitglied seit 1960. (Foto: Keystone / Gaëtan Bally)

In jungen Jahren habe er einen Roman mit dem Titel «Der Dandy» schreiben wollen: Die Hauptfigur nimmt ein Taxi und fährt zur Oper. Von dieser kurzen und doch ausgedehnten Fahrt sollte das Buch handeln – und dabei wohl ein wenig auch von ihm selber. Egal, ob das nun erfunden war oder ob sich im Nachlass tatsächlich ein Romanfragment finden wird: Rolf Urs Ringger wusste natürlich, was für ein Futter er mit einer solchen Anekdote dem Journalisten gegenüber gab. Schelmisch stellte er sich vor, wie das Bild des Dandys Ringger entstand, und freute sich, denn das war er…Weiterlesen

Hommage an Claudio Taddei

Am 9. August 2019 ist Claudio Taddei, Singer-Songwriter und Maler, im Alter von 52 Jahren gestorben. Nachruf von Rossana Taddei und Sara Ravarelli

Hommage an Claudio Taddei

Rossana und Claudio Taddei. (Foto: Alejandro Persichetti)

In Uruguay als Sohn einer Tessiner Familie geboren, war Claudios Kindheit geprägt von beiden Kulturen. Seine Musikkarriere beginnt in Südamerika, wo er alsbald die Höhen der südamerikanischen Charts erklimmt. 2002, in Uruguay als grosser Star gefeiert, zwingen ihn schwere gesundheitliche Probleme zur Rückkehr in die Schweiz. Phasen intensiver medizinischer Behandlungen und künstlerischer Aktivitäten und Musikabende wechseln sich hier ab, denn auch im Tessin schätzt man Claudio schon nach wenigen Jahren als eine bedeutende Persönlichkeit der Kunstszene – ein bekannter Musiker und beliebter Maler.

Gemeinsam mit seiner Schwester Rossana entdeckt und pflegt Claudio Taddei seine Passion bereits in der Kindheit. Auch Rossana Taddei blickt auf eine erfolgreiche Musikkarriere in Uruguay zurück. Bei der SUISA seit vielen Jahren als Mitglied angemeldet, möchte Rossana mit uns nun ihre liebevolle und persönliche Erinnerung an Claudio teilen: Claudio, als Bruder wie auch als unvergesslicher Künstler. (Sara Ravarelli)

Liebster Bruder, Freund und Gefährte auf dieser abenteuerlichen, traumhaften Reise

Wie die Sonne, ein gigantischer Stern voller Licht.
Dein Weg führte stets entlang der schicksalhaften Pfade der Sonne, und nun kehrst Du zu ihr zurück.
Einen Abschied von Dir kann es nicht geben, denn Du lebst in all Deinen Liedern, in jedem Deiner Pinselstriche, in Deinen Farben, in unseren Gedanken und unseren Herzen weiter.
Liebster Bruder, Freund und Gefährte auf dieser abenteuerlichen, traumhaften Reise – einem Zwillingsbruder gleich, ewiger Kompagnon.
Deine lebhaften, lachenden und neugierigen Augen widerspiegeln Dein freimütiges Herz und sind mir Kompass auf meinem Weg. In Deinen Liedern erzählst Du aus Deinem Leben und singst von Freude, Traurigkeit und Güte.
Dass Deine Hand uns nun auf unseren Wegen leitet, wir, die Dich lieben und nun wieder selber zu gehen bereit sind, um den Schmerz und die Leere, die Du hinterlässt, zu überwinden.
Du wirst mir fehlen, Du wirst uns allen fehlen. Ich werde den Kosmos mit unserer Geschichte erfüllen, unserem Sein als Bruder und Schwester.
Unser Werk rettet uns und hat uns immer wieder gerettet.
Unser Werk bringt uns zusammen und hat uns immer wieder zusammengebracht.
Es war unser roter Faden, der uns immer vereint hat und uns immer vereinen wird.
Jedes Bild, das mir meine Erinnerungen an Dich schenken, beginnt und endet mit einem Lächeln.

Sagenhaft ruhig
Lebhaft intensiv
Beschaulich geräuschvoll
Chaotisch geordnet
Leidenschaftlich ruhig
Leise emotional
Hartnäckig schüchtern
Ehrfürchtig überschwänglich
Mein liebster Bruder, mir vertraut wie meine eigene Hand und doch unbekannt in den Tiefen Deiner Unendlichkeit, in der Du gewesen bist und immer sein wirst.

Danke, dass Du ein Maestro warst; denn das Leben ist ein Geschenk: Man muss es nur zu leben verstehen, dann wird das Geschenk zum Licht.

«Te toca la pena, también la alegría y el amor. No dejes que nada espere, la vida hace siempre lo que quiere, más vale echarle picante y hacer que las cosas se vivan bien pa’delante.»

Rossana Taddei

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Hommage an Claudio Taddei

Rossana und Claudio Taddei. (Foto: Alejandro Persichetti)

In Uruguay als Sohn einer Tessiner Familie geboren, war Claudios Kindheit geprägt von beiden Kulturen. Seine Musikkarriere beginnt in Südamerika, wo er alsbald die Höhen der südamerikanischen Charts erklimmt. 2002, in Uruguay als grosser Star gefeiert, zwingen ihn schwere gesundheitliche Probleme zur Rückkehr in die Schweiz. Phasen intensiver medizinischer Behandlungen und künstlerischer Aktivitäten und Musikabende wechseln sich hier ab, denn auch im Tessin schätzt man Claudio schon nach wenigen Jahren als eine bedeutende Persönlichkeit der Kunstszene – ein bekannter Musiker und beliebter Maler.

Gemeinsam mit seiner Schwester Rossana entdeckt und pflegt Claudio Taddei seine Passion bereits in der Kindheit. Auch Rossana Taddei blickt auf…Weiterlesen

Michel Legrand: ein Leben für die Musik

Michel Legrand ist am 26. Januar 2019 im Alter von 86 Jahren gestorben. In seiner 60-jährigen Karriere erlangte der Komponist Weltruhm. Der Meister mit dem feurigen Temperament lebte in strengem Rhythmus. Nachruf von Bertrand Liechti, Mitglied des SUISA-Vorstands

Michel Legrand: ein Leben für die Musik

Michel Legrand, hier in einer Aufnahme vom 17. Mai 2017 vor der Eröffnungszeremonie der Filmfestspiele in Cannes, war SUISA-Mitglied seit 1998. (Foto: Regis Duvignau / Reuters)

Er wurde 1932 im Pariser Quartier Menilmontant in eine Musikerfamilie geboren: Sein Vater, Raymond Legrand, war Komponist und Orchesterleiter, und der Orchesterdirigent Jacques Hélian (Der Mikaëlian) war sein Onkel. Am Konservatorium studierte Legrand Klavier, Trompete und Komposition in der Klasse von Nadia Boulanger. Er entdeckte seine Leidenschaft für Jazz und nahm 1958 sogar ein Album in New York auf, was ihn mit den Jazzgrössen Chet Baker, Miles Davis und John Coltrane zusammenführte. Zu jener Zeit eroberte die Nouvelle Vague des französischen Films definitiv die Leinwände: Legrand arbeitete mit Jean Luc Godard, Claude Chabrol, Jean Paul Rappeneau.

In den 1960er-Jahren begegnete Michel Legrand auch Jacques Demy, mit dem er sich für neun Filme zusammentat, darunter «Les Parapluies de Cherbourg» (1964), der in Cannes eine Goldene Palme erhielt, «Les Demoiselles de Rochefort» (1967) und «Peau d’Âne» (1970). Übrigens entstanden Drehbuch, Text und Musik von «Les Parapluies de Cherbourg» und «Les Demoiselles de Rochefort» im Walliser Kurort Verbier.

«Ein Gigant der Musik und ein genialer Komponist, Jazzer und Dirigent!»

Michel Legrands Weg führte ihn anschliessend nach Hollywood, wo er in den folgenden Jahren drei Oscars erhielt: für die Originalmusik in «Thomas Crown ist nicht zu fassen» («The Thomas Crown Affair»,1969) von Norman Jewison, mit dem Hit «The Windmills of Your Mind»; 1972 für «Summer of ’42» von Robert Mulligan und 1984 für «Yentl» von Barbra Streisand. Ausserdem machte er Tonaufnahmen mit internationalen Stars wie Frank Sinatra, Charles Aznavour, Ella Fitzgerald, Claude Nougaro und später auch mit Nathalie Dessay.

Ich hatte das Privileg, im März 2018 für Netflix mit der Supervision seiner Komposition für den letzten – unveröffentlichten – Film von Orson Wells, «The Other Side of the Wind», betraut zu werden. Dazu eine kleine Anekdote: Die Erben des grossen amerikanischen Cineasten hatten in einem Notizbuch zum unvollendeten Film eine Randbemerkung entdeckt – einem Befehl aus dem Jenseits gleich: «Michel Legrand anrufen!»

Nach 20-jähriger Zusammenarbeit mit Michel Legrand wird er mir als Gigant der Musik und als genialer Komponist, Jazzer und Dirigent in Erinnerung bleiben!

www.michellegrandofficial.com

Michel Legrand trat 1998 der SUISA als Mitglied bei. Im Jahr 2002 wurde der französische Komponist im Rahmen des Filmfestivals Locarno von der FONDATION SUISA, der Musikförderstiftung der SUISA, für sein Lebenswerk geehrt.
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Michel Legrand ist am 26. Januar 2019 im Alter von 86 Jahren gestorben. In seiner 60-jährigen Karriere erlangte der Komponist Weltruhm. Der Meister mit dem feurigen Temperament lebte in strengem Rhythmus. Nachruf von Bertrand Liechti, Mitglied des SUISA-Vorstands

Michel Legrand: ein Leben für die Musik

Michel Legrand, hier in einer Aufnahme vom 17. Mai 2017 vor der Eröffnungszeremonie der Filmfestspiele in Cannes, war SUISA-Mitglied seit 1998. (Foto: Regis Duvignau / Reuters)

Er wurde 1932 im Pariser Quartier Menilmontant in eine Musikerfamilie geboren: Sein Vater, Raymond Legrand, war Komponist und Orchesterleiter, und der Orchesterdirigent Jacques Hélian (Der Mikaëlian) war sein Onkel. Am Konservatorium studierte Legrand Klavier, Trompete und Komposition in der Klasse von Nadia Boulanger. Er entdeckte seine Leidenschaft für Jazz und nahm 1958 sogar ein Album in New York auf, was ihn mit den Jazzgrössen Chet Baker, Miles Davis und…Weiterlesen

Die Chansons von Charles Aznavour sind Teil unserer kollektiven Identität

Charles Aznavour war seit 1976 Mitglied der SUISA und gehörte zu unseren berühmtesten Mitgliedern. Die unzähligen Würdigungen, die seit seinem Tod von Radio- und Fernsehsender weltweit und der internationalen Presse veröffentlicht wurden, führen uns nochmals das Ausmass seines Ruhmes vor Augen und wir können daraus auch einiges lernen. Nachruf von Xavier Dayer, Präsident der SUISA

Die Chansons von Charles Aznavour sind Teil unserer kollektiven Identität

Charles Aznavour, im Bild bei einem Auftritt im Teatro Regio di Parma am 30. Oktober 2009, schrieb im Verlaufe seiner Karriere Texte und Musik von unzähligen Liedern. (Foto: Fabio Diena / Shutterstock)

Charles Aznavour war ein genialer Sänger mit einer herausragenden Bühnenpräsenz, aber er war auch ein aussergewöhnlich guter Komponist und Textautor, der mehrfach selbst betont hat, wie wichtig auch diese Tätigkeit für ihn war.

In den öffentlichen SACEM-Archiven befindet sich noch seine Aufnahmeprüfung, mit der er sich im Jahr 1947 bei der französischen Verwertungsgesellschaft als Urheber registrierte. Ja, damals war es tatsächlich so, dass jedes Neumitglied eine Aufnahmeprüfung ablegen musste! Besonders bewegend ist, einen Text mit dem Titel «Si je voulais» zu lesen, der von den SACEM-Mitarbeitenden mit dem Rotstift korrigiert wurde.

Dies ruft eindrücklich die verschiedenen Etappen in Erinnerung, die Charles Aznavour vom unbekannten Künstler bis zum Weltstar durchlaufen musste. Dabei drängt sich der Gedanke auf, dass der Lebensweg dieses Sohnes armenischer Einwanderer eine Hymne auf die Öffnung unserer modernen Gesellschaft ist; eine Öffnung zur Akzeptanz und zum Bewusstsein, dass sich Kulturen durch ihre Verbindung gegenseitig bereichern. Vielleicht sitzt ja gerade in diesem Moment ein neuer «Charles Aznavour» in einem Boot und überquert das Mittelmeer.

Aznavours «Sandkornstimme» und die Lieder mit ihren markanten Texten und Melodien sind heute ein Teil von uns und unserer kollektiven Identität. Unsere Gegenwart wurde von seinem Werk beeinflusst, und sein Lebensweg gibt allen Urhebern Hoffnung.

Die Ausdruckskraft von Musik lässt sich kaum mit Worten beschreiben. Ebenso können Worte allein der Dankbarkeit nicht gerecht werden, die wir bei der SUISA dafür empfinden, dass Charles Aznavours unserer Verwertungsgesellschaft sein Vertrauen geschenkt hatte. Das ist eine grosse Ehre, und wir möchten der Familie von Charles Aznavour unser Beileid aussprechen.

www.aznavourfoundation.org

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Charles Aznavour war seit 1976 Mitglied der SUISA und gehörte zu unseren berühmtesten Mitgliedern. Die unzähligen Würdigungen, die seit seinem Tod von Radio- und Fernsehsender weltweit und der internationalen Presse veröffentlicht wurden, führen uns nochmals das Ausmass seines Ruhmes vor Augen und wir können daraus auch einiges lernen. Nachruf von Xavier Dayer, Präsident der SUISA

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Charles Aznavour, im Bild bei einem Auftritt im Teatro Regio di Parma am 30. Oktober 2009, schrieb im Verlaufe seiner Karriere Texte und Musik von unzähligen Liedern. (Foto: Fabio Diena / Shutterstock)

Charles Aznavour war ein genialer Sänger mit einer herausragenden Bühnenpräsenz, aber er war auch ein aussergewöhnlich guter Komponist und Textautor, der mehrfach selbst betont hat, wie wichtig auch diese Tätigkeit für ihn war.

In den öffentlichen SACEM-Archiven befindet sich noch seine Aufnahmeprüfung, mit der er sich im…Weiterlesen

«Das Cello spricht wie ein Mensch»

Neben seiner Tätigkeit als Kinderarzt war Dr. Beat Richner zeit seines Lebens als Musiker aktiv. Ab 1972 trat er unter dem Künstlernamen «Beatocello» auf. Für seine poetisch-kabarettistischen Musikprogramme schrieb er Musik und Texte von mehreren Werken selbst. In der Nacht auf Sonntag, 9. September 2018, ist das langjährige SUISA-Mitglied im Alter von 71 Jahren gestorben. Text von Manu Leuenberger

Beat Richner: «Das Cello spricht wie ein Mensch»

Der musizierende Kinderarzt Dr. Beat Richner – hier in einem Szenenbild aus dem Film «LʼOmbrello di Beatocello» von Georges Gachot – war seit 1978 SUISA-Mitglied. (Foto: Gachot Films / www.lombrellodibeatocello.com)

Beat Richner wurde am 13. März 1947 geboren und wuchs in Zürich auf. Nach der Matura widmete er sich ein Jahr lang der Musik. Der 19-Jährige trat mit einem Programm namens «Träumerei eines Nachtwächters» öffentlich auf. Während seines anschliessenden Medizinstudiums entwickelte er die Figur des Musikclowns «Beatocello». Unter diesem Künstlernamen wurde Beat Richner in der Schweizer Kleinkunstszene bekannt. Im Zusammenhang mit seinem humanitären Engagement in Kambodscha fand der musizierende Kinderarzt auch im Ausland Beachtung.

1978 wurde Beat Richner Mitglied bei der SUISA. Er war Komponist und Textautor von Liedern, die er hauptsächlich für die Beatocello-Musikprogramme schrieb. Seine Kompositionen tragen Titel wie «Chatz und Muus», «SʼTröpfli», «Zirkus», «Doctor PC», «De Sprinti und de Läbi» oder «Dong und Deng» und sind auf verschiedenen CD-Aufnahmen verewigt. Auf anderen Aufnahmen ist der Cellist auch als Interpret von Werken von Bach, Vivaldi und Bruch zu hören.

Das Cello war für Dr. Beat Richner ein treuer Begleiter. Er spiele darauf täglich 30 bis 40 Minuten, erzählte er einmal in einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten», damit bleibe er fit für die Konzerte, die er jeden Samstag in Siem Reap für Besucher aus aller Welt spielte, um dabei über die von ihm gegründeten Spitäler zu informieren und dafür Spenden aufzubringen. «Das Cello spricht da wie ein Mensch», sagte Beat Richner im Interview. «Eine einfache, eine warme menschliche Sprache, die tröstet.»

www.beat-richner.ch

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  1. Dodo Leo sagt:

    An Beatocello erinnere ich mich oft, immer wieder gerne und, als wenn es gestern gewesen wäre, dass ich seine Lieder gehört habe.
    Das trifft es aber eigentlich nicht ganz, viel mehr war Hr. Richners Figur eine ständige und haltgebende Begleitung meiner Kindheit. Der Umstand, warum ich seiner Musik und Geschichten als Kind begegnete, kommt daher, dass ein erheblicher Teil dieser Kindheit – vor allem in der früheren Phase – im Kinderspital stattfand. Ich hatte ein kleines, silbergraues Kassettengerät, mit dem man nur vorwärt spulen konnte, und das ein bisschen schepperte. Das machte mir nichts aus, denn was ich hörte, war viel mehr als Musik. Es waren Gefühle des Trostes, Linderung der Angst.
    Wenn Hr. Richner in dem Interview mit der »Schweizer Illustrierten« davon sprach, das Cello würde „sprechen wie ein Mensch“, dann kann ich das nur bestätigen. Für mich war es ganz genau so, ich erinnere mich gut. Einmal, so meine ich mich jedenfalls ebenfalls erinnern zu können, war er sogar bei uns auf der Station. Aber, vielleicht ist das auch Wunschdenken eines Erwachsenen, der sich wünscht, es wäre damals so gewesen. Irgendwie war er sowieso immer da.
    Ich halte inne und senke mein Haupt, verbeuge mich in tiefer Annerkennung und Dankbarkeit an einen selbstlosen Mann, der mir und vielen anderen im Leben so viel gegeben hat und sage; Danke Hr. Richner.
    Dodo Leo

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Neben seiner Tätigkeit als Kinderarzt war Dr. Beat Richner zeit seines Lebens als Musiker aktiv. Ab 1972 trat er unter dem Künstlernamen «Beatocello» auf. Für seine poetisch-kabarettistischen Musikprogramme schrieb er Musik und Texte von mehreren Werken selbst. In der Nacht auf Sonntag, 9. September 2018, ist das langjährige SUISA-Mitglied im Alter von 71 Jahren gestorben. Text von Manu Leuenberger

Beat Richner: «Das Cello spricht wie ein Mensch»

Der musizierende Kinderarzt Dr. Beat Richner – hier in einem Szenenbild aus dem Film «LʼOmbrello di Beatocello» von Georges Gachot – war seit 1978 SUISA-Mitglied. (Foto: Gachot Films / www.lombrellodibeatocello.com)

Beat Richner wurde am 13. März 1947 geboren und wuchs in Zürich auf. Nach der Matura widmete er sich ein Jahr lang der Musik. Der 19-Jährige trat mit einem Programm namens «Träumerei eines Nachtwächters» öffentlich auf. Während seines anschliessenden Medizinstudiums entwickelte er die Figur…Weiterlesen

Der Schattenmann des Mundartrock

Aus seiner Feder stammten die Schweizer Hits, die vor allem Polo Hofer berühmt machten. Nun ist Hanery Amman im Alter von 65 gestorben. Nachruf von Gastautor Ane Hebeisen

Der Schattenmann des Mundartrock

Hanery Amman, SUISA-Mitglied seit 1976, in einer Aufnahme vom 10. November 2009, fotografiert anlässlich eines SUISA-Mitgliedertreffens in Bern. (Foto: Wolfgang Rudigier)

Wurde Hanery Amman nach seinen Träumen befragt, dann antwortete er stets das Gleiche: Er hoffe, bis zum Ende seines Lebens Musik machen zu können. Und auch wenn dieses Leben nicht immer gerecht zu ihm war und immer wieder neue Katastrophen und Enttäuschungen für ihn bereit hielt, blieb ihm zumindest das vergönnt: Er machte bis zuletzt das, was ihm am liebsten war – er machte Musik.

Es wäre vermessen zu behaupten, dass er dabei eine überdurchschnittliche Produktivität an den Tag gelegt hätte. Dafür hatte er zu sehr mit anderem Ungemach zu kämpfen. Von seinem Output wurde in all den Jahren nur ein kleiner Bruchteil veröffentlicht, weshalb anzunehmen ist, dass da irgendwo in Interlaken noch ein berstend voller Archiv-Schatz an Hanery-Amman-Essays und -Etüden auf seine Entdeckung wartet.

Die Seele von Rumpelstilz

Angebahnt wurde seine Musikkarriere indes schon früh. Er spielte schon in der Schule Banjo und Ukulele. Doch im Singsaal des Schulhauses stand dieses Klavier, das den ganzen Werdegang des Hanspeter «Hanery» Amman in andere Bahnen lenken sollte. Er begann darauf zu spielen und spürte schnell, dass sich damit weit grössere Gefühlsregungen erzielen liessen, als mit nasal klingenden Zupfinstrumenten.

Nach einer Lehre als Feinmechaniker und nach einem Abstecher ins Schauspielfach (überliefert ist eine Rolle als General im Stück «Treffpunk Vietnam» am Zürcher Zimmer-Theater), traf er sich 1971 regelmässig mit seinem alten Nachbarn, einem gewissen Urs «Polo» Hofer, zum Musikmachen. Die beiden lebten mit ihren Eltern längere Zeit im selben Haus in Interlaken, Hofers waren Trauzeugen bei der Hochzeit der Ammans, und der sieben Jahre ältere Polo durfte Klein-Hanery zuweilen im Kinderwagen durch die Nachbarschaft schieben.

Damals ahnte noch niemand, dass die beiden bis an ihr Lebensende miteinander verbunden bleiben sollten – mal enger, mal etwas loser – und schon gar nicht, dass in Interlaken dereinst ein Platz nach den beiden benannt werden würde.

Die Aufgaben an ihrem ersten musikalischen Aufeinandertreffen waren klar verteilt. Hanery Amman schrieb die Musik, Polo Hofer die Texte. Hofer war Verkäufer, Sänger und Kühlerfigur, Amman war die Seele des Projekts und prägte den Sound des Mundartrock 1.0 massgeblich. Als musikalische Blaupause diente Udo Lindenberg, der es geschafft hatte, die deutsche Sprache mit der Musik der Zeit zu verquicken. Ziel war es, so etwas auch in Schweizer Mundart möglich zu machen.

Der erste Schweizer Reggae

Rumpelstilz war eine Band, in der diverseste unterschiedliche Kräfte wüteten. Das Tastenspiel des Hanery Amman war beispielsweise von so divergenten Vorbildern wie Elton John und Chick Corea beeinflusst, man bewunderte den Fusion-Jazz-Saxofonisten Jim Pepper ebenso wie Bob Dylan – und weil der Temporär-Perkussionist und spätere Weltmusik-Guru Res Hassenstein auch mit der karibischen Musik vertraut war, beschloss man, auch den Reggae ins Stilrepertoire aufzunehmen.

In dieser Zeit entstanden die ersten grossen Hits aus der Feder des Hanery Amman: «Teddybär» (offiziell der erste Mundart-Reggae) oder der Sechseinhalbminüter «D Rosmarie und i», dem Amman ein signifikant-perlendes Piano-Intro voranstellte, um im Solo in der Mitte des Stücks auf engstem Raum von Boogie über Blues zum Jazz zu schwenken. Er mochte das Fusionieren.

Hanery Amman bezeichnete die Jahre mit Rumpelstilz später als die prägendsten seiner Karriere. Sie seien eine Multikulti-Band gewesen, zu einer Zeit, in der es den Begriff noch gar nicht gab, erzählte er gerne. Er habe mit den Rumpelstilz seinen Stil und seine Eigenart sowohl als Musiker wie auch als Komponist entwickelt.

Auflösung von Rumpelstilz

Die Rumpelstilz waren zwar höchst erfolgreich, ein Nationalheiligtum waren sie damals beileibe nicht. Gerade in Hanery Ammans Heimatstadt Interlaken wurde der Mann mit den langen blonden Haaren noch nicht als guter Hirte des helvetischen Liedguts angesehen, sondern als einer, der besser einer anständigen Arbeit nachgehen solle.

1979 führten Spannungen zwischen Hanery und Polo zum Bruch und zur Auflösung der Band, wie es halt so geht, wenn zwei harte Berner-Oberländer-Gringe aufeinanderprallen. In einem Interview nach der Trennung erklärte Hanery den Streit folgendermassen: «Wir waren zwei Leithammel in einer Band. Polo Hofer ist der Publikumserfolg irgendwann in den Kopf gestiegen. Das hat der Band geschadet.»

Und auch ums Geld ging es: Trotz der grossen Erfolge sei man finanziell immer klamm gewesen, dafür habe niemand eine gute Erklärung gehabt. Mit ein bisschen Distanz beschrieb er das Verhältnis zu Hofer dann etwas nüchterner: «Wir haben uns gebraucht und ergänzt», im Alter bezeichneten sich die beiden als Freunde.

Ein Hit für die Ewigkeit

Polo Hofer gründete nach der Trennung Polos SchmetterDing, während es Hanery Amman unter eigenem Namen und auf eigene Faust versuchte. 1980 erschien sein in Deutschland produziertes Solo-Album «Burning Fire», die Amtssprache war Englisch, stilistisch frönte er einem munteren Americana-Rock, und in Interviews erklärte er, dass er mit seiner Musik auf Reisen gehen wolle und dass Berndeutsch ohnehin nur bedingt eine Rocksprache sei.

Im Oberland kam das nur bedingt gut an. Dafür spielte er einige Konzerte in Deutschland und Österreich. Daneben komponierte er Filmmusik oder schrieb Lieder für die italienische Schlager-Lady Rita Pavone. Seine Zusammenarbeit mit der deutschen Produktionsfirma kündigte er bald auf, richtete sich in Interlaken ein eigenes Studio ein, gab Konzerte und tat das, was er am liebsten tat: er schrieb Songs.

Einer davon hiess «Kentucky Rose» und wäre womöglich ebenfalls im hauseigenen Archiv verstaubt. Polo Hofer, mittlerweile mit der SchmetterBand unterwegs, stattete den bloss auf einem Demo-Tape festgehaltenen Song mit einem berndeutschen Text aus und landete damit einen der grössten Hits des schweizerischen Musikbinnenmarktes: «Alperose» machte Hofer und Amman unsterblich.

Unter dem bisweilen etwas sturen Oberländer Schädel von Hanery Amman schlug stets ein grosses Herz. Freunde sprechen von einem speziellen, aber höchst liebenswerten Charakter. Stets fallen Attribute wie: direkt, ehrlich, bockig und hochsensibel. Der Mann hatte Humor und liess selbst im grössten Zetern immer wieder seinen Schalk und seine Herzlichkeit aufblitzen.

Was ihm aber gar nicht gefiel, waren musikalische Unkonzentriertheiten: Im Mai 1984 ging er mit der Hanery Amman Band ins Studio, um ein Album einzuspielen. Doch Amman fand das Ergebnis derart schlecht, dass er es nicht veröffentlichen mochte. Der Grund war bald gefunden: Es soll an der Arbeitsweise der Mitmusiker gelegen haben, wie er in einem Interview schimpfte. Die Band habe zu wenig Motivation an den Tag gelegt. Das Ergebnis: Rückzug! Gruppenkonstellation überdenken!

«Chopin des Berner Oberlandes»

Es folgen schwierige Jahre. Hanery Amman erleidet aufgrund einer Operation nach einer Mittelohrenentzündung einen Tinnitus, der ihm das Musizieren lange Zeit fast verunmöglicht. Dennoch spielt er Konzerte, zettelt eine Rumpelstilz-Reunion an und schneidet im Anker Interlaken (er wohnt direkt über dem Konzertsaal) drei Konzerte mit. Das daraus resultierende Tonwerk «Live im Anker» arriviert zu einem der berühmtesten Konzertalben der Schweiz.

Erst im Jahr 2000 erscheint das nächste Solo-Album von Amman. Es heisst «Solitaire», erntet euphorische Kritiken, schafft es aber nicht über Platz 90 der Schweizer Hitparade hinaus. Die Welt hört Manu Chao, Red Hot Chili Peppers oder Britney Spears, Ammans lange zwischengelagerte und sorgfältig ausarrangierte Mundart-Nummern scheinen ein bisschen aus der Mode gefallen zu sein. Und auch die Mediziner haben keine guten Nachrichten für ihn. 2007 wird bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. Eine Krankheit, die ihm nun, zehn Jahre später – und fünf Monate nach Polo Hofer –, das Leben gekostet hat.

Sein Verhängnis hat er nie beklagt, auch wenn ihm sein Leben «einen Schicksalstätsch nach dem anderen» verpasst habe, wie er kürzlich sagte. Im Gegenteil: Er verspüre viel Dankbarkeit. Hanery Amman war nie einer, der sich gerne in den Vordergrund gedrängt hat. Berühmt gemacht haben seine Lieder Polo Hofer, nicht ihn. Das Showbusiness sei die Welt der Hochstapler und Blender, so seine Diagnose, er habe sich darin nie richtig wohl gefühlt.

Am wohlsten fühlte er sich, wenn er sich an einen Flügel setzen und seinen Fingern beim Spielen zuhören konnte. Er hat das meist in der Nacht getan (öfter auch nackt, wie er einmal verriet) – es war seine Meditation gegen die Launen der Welt. «Wenn dich alles ‹versecklet› , hast du am Schluss noch die Musik», lautete seine Devise.

Hätte man ihm jemanden zur Seite gestellt, der seine Arbeit ein bisschen geordnet, und ihm die immer wieder aufkommenden Selbstzweifel genommen hätte, der Mann, der von Polo Hofer als «Chopin des Berner Oberlandes» bezeichnet wurde, hätte ein weit grösseres Œuvre hinterlassen. Doch mit Beratern hatte es der Interlakner nicht so.

Trotzdem: Was er veröffentlicht hat, ist im Langzeitgedächtnis der Schweizer Mundartmusik abgespeichert. Bis zuletzt arbeitete er an einem Instrumental-Album, von dem er hoffte, dass er es vor seinem Tod noch vollenden könne. Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Hanery Amman starb in der Nacht auf Silvester im Alter von 65 im engsten Familienkreis.

Wie sang er auf seinem Solo-Album «Solitaire» so schön: «U we de meinsch, die Wält göng under, de si d Stärne geng no da». Nun leuchtet da ein Stern mehr am Firmament.

www.haneryamman.ch

Dieser Nachruf von Ane Hebeisen ist in ähnlicher Form Anfang Januar 2018 bei Der Bund und Tages-Anzeiger erschienen.

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Aus seiner Feder stammten die Schweizer Hits, die vor allem Polo Hofer berühmt machten. Nun ist Hanery Amman im Alter von 65 gestorben. Nachruf von Gastautor Ane Hebeisen

Der Schattenmann des Mundartrock

Hanery Amman, SUISA-Mitglied seit 1976, in einer Aufnahme vom 10. November 2009, fotografiert anlässlich eines SUISA-Mitgliedertreffens in Bern. (Foto: Wolfgang Rudigier)

Wurde Hanery Amman nach seinen Träumen befragt, dann antwortete er stets das Gleiche: Er hoffe, bis zum Ende seines Lebens Musik machen zu können. Und auch wenn dieses Leben nicht immer gerecht zu ihm war und immer wieder neue Katastrophen und Enttäuschungen für ihn bereit hielt, blieb ihm zumindest das vergönnt: Er machte bis zuletzt das, was ihm am liebsten war – er machte Musik.

Es wäre vermessen zu behaupten, dass er dabei eine überdurchschnittliche Produktivität an den Tag gelegt hätte. Dafür hatte er zu…Weiterlesen

Adieu grosser Jörg Schneider!

Jörg Schneider gehörte ohne Zweifel zu den beliebtesten Schauspielern der Schweiz. Überdies führte er unter anderem Regie, lieh seine Stimme der Figur «Kasperli» und schrieb Märchen und Musicals. Als Textautor von über 200 Liedern, deren Musik er teilweise auch selbst komponierte, war er seit langem Mitglied bei der SUISA. Ende August 2015 ist Jörg Schneider im Alter von 80 Jahren gestorben. Nachruf von Gastautorin Monika Kaelin

Joerg Schneider Portrait

Jörg Schneider, im Bild in einer Aufnahme von 2013, schrieb viele Liedtexte und komponierte bei einigen auch die Musik dazu. (Foto: Christoph Kaminski)

Viel zu früh musste er von uns gehen. Er, der sich immer gesund ernährte, nie über die Stränge haute, sondern sich voll und ganz den Brettern, die die Welt bedeuten, verschrieben hatte. Jörg Schneider war Perfektionist in Person, übersetzte unzählige Stücke aus dem Englischen und Hochdeutschen ins Schweizerdeutsche, schrieb über 200 Liedtexte, spielte in all seinen Boulevard-Eigenproduktionen die Hauptrolle, war in TV-Serien wie «Polizischt Wäckerli» und in «Motel» als Koni Frei erfolgreich, überzeugte beim Soap-Dauerbrenner «Lüthi und Blanc» als Buchhalter Oskar Wehrli, führte nebenbei Regie, schrieb Märchen und Musicals, lieh seine Stimme der Figur «Kasperli» und musste sich nach über 55 Jahren Bühnenpräsenz mit einem Schlag der unheilbaren Krankheit Krebs entgegenstellen.

Keine leichte Aufgabe für einen quirligen und arbeitsfreudigen Ausnahmekünstler, der sich als ausgebildeter Lehrer und danach diplomierter Berufsschauspieler eigentlich der Klassik verschrieben hatte, schliesslich aber in der leichten Muse sein grosses Publikum fand und jahrelang Millionen von Schweizer Zuschauern erfolgreich begeisterte. Der Volksschauspieler war Bühnenschaffender vor und hinter den Kulissen, der schrieb, produzierte und auch inszenierte. Von Natur aus war der waschechte Zürcher ein fröhlicher Mensch. Wenn ihn etwas störte, räumte er die Begebenheit mit einem sarkastischen Spruch und einem Lachen aus dem Weg.

Vielseitiger Ausnahmekünstler

Die Vielseitigkeit des Ausnahmekünstlers Jörg Schneider zeigt sich besonders eindrücklich bei einem Blick auf seine rege künstlerische Tätigkeit. An der Seite von Ruedi Walter wirkte Jörg Schneider als Wladimir in der vielbeachteten Aufführung des Beckett-Stücks «Warte uf de Godot» in der Mundart-Adaption von Urs Widmer mit. Im Sommertheater Winterthur sowie im Freilufttheater Hohe Promenade in Zürich spielte er in vielen weiteren klassischen Theaterstücken mit.

1963 startete er seine TV-Karriere als junger Schauspieler in «Vico, ist’s wahr?» und reiste an der Seite von Vico Torriani durch die Schweiz. Der grosse Durchbruch gelang ihm ab 1966 mit dem Hörspiel, der Bühnenproduktion und der TV-Serie «Polizischt Wäckerli».

Unvergesslich bleibt Jörg Schneider als Vater von 41 Kasperli-Geschichten, die Generationen von Kindern begeisterten und noch heute ein Renner sind. Für die Zürcher Märchenbühne und das Opernhaus Zürich sind unter seiner Beteiligung unzählige Kindermusicals und -märchenspiele entstanden.

Zürcher Wirkungsstätten waren auch das Schauspielhaus, das Corso-Theater, das Theater am Hechtplatz und vorwiegend das Bernhard-Theater. Im Musical «Z wie Züri» durfte ich 1976 zum ersten Mal als Schauspielerin und Sängerin an seiner Seite mitwirken. Jörg gab mir bei dieser Produktion viele Tipps und erklärte mir zum Beispiel, wie ich etwas sagen sollte, damit ich eine Pointe auf sicher hatte. Seine Ratschläge wurden für mich zur besten Schauspielschule, die ich je erleben durfte, denn ich lernte direkt beim Spielen auf der Bühne.

Grossartiges Lebenswerk

Es folgten in den kommenden Jahren jährlich viele weitere Stücke, die Jörg Schneider im Bernhard-Theater mit seinem Ensemble aufführte und auf Tournee in der Schweiz erfolgreich spielte. 2014 musste er schliesslich aus gesundheitlichen Gründen seine Abschiedstournee mit der Dialekt-Tragikomödie «Häppi Änd» abbrechen. In dieser harten, mit Schmerzen verbundenen Leidenszeit drehte er noch tapfer zusammen mit dem ebenfalls kürzlich verstorbenen Matthias Gnädinger und unter der Regie von Paul Riniker den Kinofilm «Usfahrt Oerlike».Der Film erhielt den «Prix du Public» an den 50. Solothurner Filmtagen, wo das grossartige Schaffen von Jörg Schneider mit Standing Ovations geehrt wurde. Zwei Mal war Jörg Schneider mit dem Prix Walo ausgezeichnet worden: 1995 als Schauspieler, 2014 für sein Lebenswerk.

Im März 2015 erschien sein letztes Werk, die Autobiografie «Äxgüsi». Nach seiner Leidenszeit als Krebskranker schlief Jörg Schneider am 22. August 2015 in den Armen seiner geliebten Frau Romy friedlich zu Hause in Wetzikon ein, befreit von Schmerzen und mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Er war ein guter Mensch und wird uns Schauspielkollegen und seinem geliebten Publikum sehr fehlen. Danke lieber Jörgli für alles, was Du für uns ein Leben lang mit Freude, Liebe und Engagement geschaffen hast.

In Freundschaft Deine
Monika Kaelin

Monika Kaelin ist Komponistin, Texterin, Sängerin, Entertainerin und Moderatorin sowie Theater-, Musik- und Event-Organisatorin, Präsidentin des Vereins Show Szene Schweiz und TV-Produzentin des Prix Walo. Von 1999 bis 2015 war sie Mitglied des Vorstandes der SUISA.

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Jörg Schneider gehörte ohne Zweifel zu den beliebtesten Schauspielern der Schweiz. Überdies führte er unter anderem Regie, lieh seine Stimme der Figur «Kasperli» und schrieb Märchen und Musicals. Als Textautor von über 200 Liedern, deren Musik er teilweise auch selbst komponierte, war er seit langem Mitglied bei der SUISA. Ende August 2015 ist Jörg Schneider im Alter von 80 Jahren gestorben. Nachruf von Gastautorin Monika Kaelin

Joerg Schneider Portrait

Jörg Schneider, im Bild in einer Aufnahme von 2013, schrieb viele Liedtexte und komponierte bei einigen auch die Musik dazu. (Foto: Christoph Kaminski)

Viel zu früh musste er von uns gehen. Er, der sich immer gesund ernährte, nie über die Stränge haute, sondern sich voll und ganz den Brettern, die die Welt bedeuten, verschrieben hatte. Jörg Schneider war Perfektionist in Person, übersetzte unzählige Stücke aus dem Englischen…Weiterlesen

Die Evergreens von Beny Rehmann leben weiter

Beny Rehmann, der beliebte Schweizer Trompeter, Bandleader und Komponist, ist im vergangenen Dezember im Alter von 78 Jahren gestorben. Evergreens wie die «Schiffsfeger-Polka», «Oh Katharina», «Morgenmuffel» oder «Jeden Tag geht die Sonne auf» leben weiter und bleiben der Nachwelt als sein musikalisches Vermächtnis erhalten. Nachruf von Gastautor Hans «Housi» Bracher

Beny-Rehmann-Trompete

Der im Dezember 2014 verstorbene Beny Rehmann war seit 1967 Mitglied bei der SUISA. (Foto: StudioArt.ch)

Beny Rehmann wurde am 11. September 1936 in Kaisten AG als 12. von 13 Kindern geboren. Mit 16 Jahren erhielt er von seinem Bruder eine Trompete geschenkt. Er absolvierte die Rekrutenschule als Trompeter, wurde von Georges Hofer als Solotalent entdeckt und in die Musikgesellschaft Strengelbach (MGS) aufgenommen.

Am Silvester 1962/63 hatte er mit einem Quartett, «Die lustigen Tiroler Musikanten», seinen ersten Auftritt. Der Auftritt mit Stücken wie «Tanz beim Dorfwirt» oder «Die Dorfschöne» von Slavko Avsenik war ein Riesenerfolg. Beny hatte im Radio ein Live-Konzert mit den «Original-Oberkrainern» gehört und war davon so begeistert, dass er sich mit mir zusammentat, um diese wunderbare Art Musik zu spielen. Nur wenige kannten damals in der Schweiz den mitreissenden Oberkrainer-Sound. Eine Musik, die ihren Ursprung in der slowenischen Folklore hat.

Erfolgreich mit eigenen Kompositionen

Ermutigt durch den Erfolg am Silvester 1962/63 begann Beny Rehmann mit eigenen Kompositionen. Bewusst betonte er dabei seinen eigenen Stil, indem er zu Akkordfolgen griff, die in der slowenischen Volksmusik nicht vorkommen.

Beny-Rehmann-Tiroler-Musikanten

Eines der ersten Fotos des Quartetts «Die lustigen Tiroler Musikanten», mit Trompeter Beny Rehmann links, Ueli Aebi mitte, Albert König rechts und Housi Bracher vorne, aufgenommen im Jahr 1963 (Foto: zVg / Privatarchiv Hans Bracher)

1965 nahm er mit seinen «lustigen Tiroler Musikanten» am damals bekannten Blick-Festival teil und belegte am Final im Kursaal Bern hinter Paola del Medico und dem Eugster-Quartett den dritten Platz. Erste Schallplattenaufnahmen waren die Folge.

Beny nannte seine Formation neu «Beny Rehmann Quintett», erweiterte das Ensemble auf ein Sextett, baute die Musikstilrichtungen aus und trat sich schliesslich unter dem Namen «Beny Rehmann Showorchester» auf.

Rund 4000 Live-Konzerte gespielt

Mit rund 4000 Live-Konzerten, Radio-und Fernsehauftritten bei SRF, ORF, ZDF, ARD, beispielsweise acht mal Musikantenstadel mit Karl Moik, war er aus der damaligen Showszene nicht mehr wegzudenken.

Beny Rehmann war ein Pionier in der Szene. So wagte er sich anfangs der 80er-Jahre trotz negativer Voraussagen von diversen Schweizer Konzertagenten auf eine Herbsttournee mit zwanzig Auftritten in bekannten Schweizer Konzertsälen. Das Fazit: Ausverkaufte Konzerte!

Hits von Beny Rehman wurden zu Evergreens

Seine Aufnahmen wurden 16 Mal mit Gold, 7 Mal mit Platin und 1 Mal mit Doppelplatin ausgezeichnet. 1984 erhielt er den Prix Walo als bester Schweizer Showstar. 2012 wurde er nochmals mit einem Prix Walo ausgezeichnet, dieses Mal mit dem Ehrenpreis.

Evergreens wie die «Schiffsfeger-Polka», «Dreamland», «Morgenmuffel», «Jeden Tag geht die Sonne auf» oder «Oh Katharina» leben weiter und bleiben der Nachwelt als sein musikalisches Vermächtnis erhalten.

Mit der goldenen Trompete Menschen glücklich gemacht

Beny Rehmann war ein offener, ehrlicher, bescheidener, aber auch ehrgeiziger und pedantischer Musiker. Er erhielt grosse Unterstützung von seiner Familie, die ihm alles bedeutete. Seine ganze Seele und sein ganzes Herz legte er in die Kompositionen. Benys brillantes, gefühlvolles Spiel mit der goldenen Trompete war unverkennbar.

Seit dem 19.12.2014 ist Beny Rehmann nicht mehr unter uns. Gesundheitliche Probleme haben ihm seit Jahren zu schaffen gemacht.

Danke Beny, dass ich dich über viele Jahrzehnte als Musikerkollege begleiten und Zehntausende von Menschen mit deiner Musik glücklich machen konnte.

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Beny Rehmann, der beliebte Schweizer Trompeter, Bandleader und Komponist, ist im vergangenen Dezember im Alter von 78 Jahren gestorben. Evergreens wie die «Schiffsfeger-Polka», «Oh Katharina», «Morgenmuffel» oder «Jeden Tag geht die Sonne auf» leben weiter und bleiben der Nachwelt als sein musikalisches Vermächtnis erhalten. Nachruf von Gastautor Hans «Housi» Bracher

Beny-Rehmann-Trompete

Der im Dezember 2014 verstorbene Beny Rehmann war seit 1967 Mitglied bei der SUISA. (Foto: StudioArt.ch)

Beny Rehmann wurde am 11. September 1936 in Kaisten AG als 12. von 13 Kindern geboren. Mit 16 Jahren erhielt er von seinem Bruder eine Trompete geschenkt. Er absolvierte die Rekrutenschule als Trompeter, wurde von Georges Hofer als Solotalent entdeckt und in die Musikgesellschaft Strengelbach (MGS) aufgenommen.

Am Silvester 1962/63 hatte er mit einem Quartett, «Die lustigen Tiroler Musikanten», seinen ersten Auftritt. Der Auftritt mit Stücken wie «Tanz…Weiterlesen

In Gedenken an Erwin Ernst Kunz

Musiker, Dirigent, Komponist, Arrangeur, Musiktheoretiker – Erwin Ernst Kunz, oft nur Ernst Kunz genannt, war ein musikalischer Tausendsassa und hat mit seinem vielseitigen Talent und Können in den unterschiedlichsten Bereichen des Schweizer Musikschaffens seine Spuren hinterlassen. Am 11. Juli 2014 ist das langjährige SUISA-Mitglied im Alter von 97 Jahren gestorben.

Erwin-Ernst-Kunz

Erwin Ernst Kunz am Kontrabass bei Musikaufnahmen im Oktober 1988. (Foto: Rolf W. Kunz)

Erwin Ernst Kunz, geboren am 24. März 1917, ist zusammen mit den Brüdern Jakob und Willy im damals ländlichen Uster / ZH aufgewachsen. Als 10-Jähriger erhielt er von der Mutter sein erstes Instrument geschenkt: eine alte, defekte Handorgel. Ein Ustermer Musiklehrer stellte ihm ein bespielbares Instrument zur Verfügung und erteilte dem Knaben Unterricht. Die ärmlichen Verhältnisse in der Arbeiterfamilie boten für musische Betätigungen wenig Spielraum. Ein weitsichtiger Vormund ermöglichte ihm, die Aufnahmeprüfung an das Zürcher Konservatorium zu absolvieren, die er als 17-Jähriger erfolgreich bestand.

Im Rekordtempo zum Berufsmusiker gereift

Gesegnet mit der Gabe des absoluten Musikgehörs erlernte Ernst Kunz das Rüstzeug für den Sprung in ein Sinfonieorchester im Rekordtempo. Mit 20 Jahren wurde er in das Tonhalle-Orchester aufgenommen, dem er als Tubist und Kontrabassist von 1937 bis zur Pensionierung im Jahr 1982 treu blieb. Mit vitalem Interesse studierte er als junger Musiker die Kompositionstechniken der grossen Meister wie Wagner, Brahms oder Bruckner und bildete sich in musiktheoretischen Fächern weiter. Internationale Berufssinfonieorchester von Wien, Mailand, Berlin, über Peking bis Buenos Aires engagierten den Tubisten gerne als Zuzüger. Unter Musikerkollegen war er umgangssprachlich als «Tuba-Kuenz» bekannt.

Neben seiner Tätigkeit als Orchestermusiker engagierte und wirkte der vielseitige Musiker in den unterschiedlichsten Bereichen des Schweizer Musikschaffens. Er dirigierte diverse Berufsmusik- und Amateurformationen wie auch Chöre und amtete als Korrepetitor für Opernsänger und -sängerinnen. Ebenso war er als musikalischer Aufnahmeleiter für Musikstudios tätig: Unter anderem war er verantwortlich für die Produktion einer CD-Reihe mit Schweizer Liedern und Märschen, die anlässlich der 700-Jahre-Feier der Schweizerischen Eidgenossenschaft entstand («Kantons-Märsche aus der ganzen Schweiz» Vol. 1 + Vol. 2, «Schweizer-Lieder aus allen Kantonen» Vol. 1 + Vol. 2, alle erschienen bei K-Tel, 1991).

Vielseitig engagiert: Von Volksmusik über Gefangenenchor bis zu Kinderliedern

Über viele Jahre hinweg war Ernst Kunz sonntäglicher Organist und Chorleiter in der Strafanstalt Regensdorf. Unter seinem Dirigat nahm der Chor zusammen mit dem Bläserkorps der Heilsarmee und Solisten anfangs der 1970er-Jahre eine Sammlung an Weihnachtsliedern auf, die mit beachtlichem Erfolg auf dem Tonträger «Der Gefangenenchor der Strafanstalt Regensdorf singt Weihnachtslieder» (Ex-Libris-Verlag) vertrieben wurde.

Regelmässig und zu seinem persönlichen Vergnügen trat er mit Volksmusik-Formationen auf und spielte Tuba oder Kontrabass unter anderem bei der Länderkapelle Edi Bär, der Freudenberger Dorfmusik von Otto Würsch oder der Seldwyler Dorfmusik von Jakob Farner. Nach seiner Pensionierung beim Tonhalle-Orchester unterrichtete er als Lehrer für Tuba am Konservatorium Luzern.

Zeit seines Lebens war E. Ernst Kunz auch als Komponist, Arrangeur und Texter aktiv. Seit 1964 war er Mitglied bei der SUISA. Er komponierte Märsche, Orchester- und Chor-Stücke, Singspiele und schrieb unzählige Orchestrierungen, Arrangements und Bearbeitungen. Eine besondere Vorliebe hatte er für Kinderlieder: Die vielen Lieder, die er geschrieben und vertont hat, wurden im Buch «Kinderlieder: wenn die Kinder singen, lacht der Himmel froh, alle Engel singen laut ein Jubilo» (erschienen im Jahr 2000) verewigt.

Mit «Heavenly Club» und Les Sauterelles Teil der Schweizer Popmusik-Geschichte

Nicht zu letzt war der musikalische Tausendsassa auch an einem veritablen Stück Schweizer Popmusik-Geschichte mitbeteiligt: Für das Album «View To Heaven» von Les Sauterelles verfasste Ernst Kunz die Streicher-Arrangements und dirigierte ein 16-köpfiges Streichorchester bei den Aufnahmen im Tonstudio Bauer in Ludwigsburg. Zu den von Ernst Kunz orchestrierten Songs gehört auch die Single «Heavenly Club», die es 1968 auf Platz Nr. 1 der Schweizer Hitparade schaffte. Die Single gilt als erste Schweizer Produktion, die in den offiziellen Schweizer Charts den Spitzenplatz erreichte. Dank dem Album mitsamt der Hitsingle gelang den Sauterelles der internationale Durchbruch.

Das erfüllte Leben für die Musik hat im hohen Alter von 97 Jahren ein Ende genommen: Am 11. Juli 2014 ist Erwin Ernst Kunz gestorben.

Wir danken Rolf W. Kunz, dem Neffen des Verstorbenen, für die umfangreichen biographischen Angaben zum Leben und Schaffen von Erwin Ernst Kunz.

 

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Musiker, Dirigent, Komponist, Arrangeur, Musiktheoretiker – Erwin Ernst Kunz, oft nur Ernst Kunz genannt, war ein musikalischer Tausendsassa und hat mit seinem vielseitigen Talent und Können in den unterschiedlichsten Bereichen des Schweizer Musikschaffens seine Spuren hinterlassen. Am 11. Juli 2014 ist das langjährige SUISA-Mitglied im Alter von 97 Jahren gestorben.

Erwin-Ernst-Kunz

Erwin Ernst Kunz am Kontrabass bei Musikaufnahmen im Oktober 1988. (Foto: Rolf W. Kunz)

Erwin Ernst Kunz, geboren am 24. März 1917, ist zusammen mit den Brüdern Jakob und Willy im damals ländlichen Uster / ZH aufgewachsen. Als 10-Jähriger erhielt er von der Mutter sein erstes Instrument geschenkt: eine alte, defekte Handorgel. Ein Ustermer Musiklehrer stellte ihm ein bespielbares Instrument zur Verfügung und erteilte dem Knaben Unterricht. Die ärmlichen Verhältnisse in der Arbeiterfamilie boten für musische Betätigungen wenig Spielraum. Ein weitsichtiger Vormund ermöglichte…Weiterlesen