Tagarchiv: Komponist

Reto Parolari: Ein loderndes Feu sacré ist erloschen

Völlig unerwartet ist der Winterthurer Komponist, Dirigent, Arrangeur und Multi-Instrumentalist Reto Parolari am Sonntag, 15. Dezember 2019, im Alter von 67 Jahren gestorben. Reto Parolari war seit 2007 im Vorstand der SUISA. Zuvor war er seit 1990 in der Verteilungs- und Werkkommission, die er ab 1997 präsidierte. Nachruf von Xavier Dayer, Präsident der SUISA, und Urs Schnell, Direktor der FONDATION SUISA

Reto Parolari in einer Aufnahme aus dem Jahr 2014, fotografiert an der SUISA-Generalversammlung in Bern. (Foto: Juerg Isler, isler-fotografie.ch)

Vor wenigen Tagen erhielten wir die traurige Nachricht vom Tod von Reto Parolari; der SUISA-Vorstand ist bestürzt. Bis vor einer Woche zuvor war Reto Präsident der Kommission «Tarife und Verteilung» und nahm mit der immensen menschlichen Großzügigkeit, die ihn auszeichnet, an unseren Vorstandssitzungen teil. Niemand hätte sich vorstellen können, dass er uns so plötzlich verlassen könnte. Ich erinnere mich an unsere intensiven und herzlichen Diskussionen beim gemeinsamen Vorstandsessen.

Ich möchte mit diesen wenigen Zeilen seinen wertvollen Beitrag an den SUISA-Vorstand hervorheben: Als Komponist und Musiker brachte er eine wichtige Sicht ein. Er war immer konstruktiv und ein unentbehrlicher Partner.

Wir kennen uns seit 2007, als er nach zehn Jahren als Präsident der Verteilungs- und Werkkommission in unseren Vorstand eintrat. Es ist demnach eine wichtige Person im Leben des Vorstands, die uns am Sonntag verlassen hat – unersetzlich, und wir bedauern sein Ableben sehr.

Um uns seine Musik und seinen künstlerischen Werdegang vor Augen zu führen, scheint es mir das Beste, dem Direktor unserer Stiftung, Urs Schnell, das Wort zu erteilen. Erst kürzlich hat er anlässlich der Verleihung des Kulturpreises der Stadt Winterthur am 3. Dezember eine hervorragende Laudatio gehalten. Die Rede von Urs Schnell, die wir im Folgenden wiedergeben, nimmt heute eine besonders ergreifende Dimension an.

Im Namen des SUISA-Vorstandes möchte ich den Angehörigen von Reto Parolari in dieser schmerzlichen Zeit unser tiefstes Mitgefühl aussprechen.

Xavier Dayer

Laudatio anlässlich der Kulturpreisverleihung an Reto Parolari im Theater Winterthur, 3. Dezember 2019

Lieber Reto

Für mich schliesst sich heute Abend ein Kreis: auf der Bühne dieses Hauses hatte ich meine erste Begegnung mit Dir, Reto – wir schreiben ungefähr das Jahr 1990. Als Lehrdiplom-Student an der damaligen Musikhochschule hier in Winterthur musste ich beim jährlichen Konsi-Chorkonzert mitsingen. Angesagt war ein gemeinsames Konzert mit Deinem Orchester. Auf dem Programm: «Gehobene Unterhaltungsmusik»

Diese Ausgangslage war, Sie können sich das vielleicht vorstellen, geschätzte Damen und Herren – nun: nicht ganz einfach. Für die auf die hehre Klassik konditionierten Musik-Studentinnen und Studenten war es zunächst völlig abwegig, sich mit solchem Repertoire überhaupt auseinandersetzen zu müssen. Skepsis schlug dem Vorhaben entgegen. «Unterhaltungsmusik».. womöglich sogar noch ternär-swingend… Auszüge aus «My Fair Lady» und ähnliches… nun, dem damaligen Chorleiter und Konsidirektor, dem von mir hoch geschätzten Fritz Näff, stellte sich eine echte Herausforderung..

Aber, je näher das Konzert kam, umso deutlicher wurde: Unterhaltungsmusik ist nicht per se «leichte» Musik, die auf die «leichte» Schulter genommen werden kann. Da fordern einen härteste musikalische Knacknüsse.

Schlussendlich zum Fliegen gebracht hast es dann Du, Reto: Dank Deiner Begeisterung, Deinem Elan, Deinem Humor, – und ja, einer natürlichen Autorität, wie sie nur Könnern eigen ist, die über der Materie stehen, ging ein Ruck durch die versammelte Studentenschaft. Widerstände schmolzen, es wurde gemeinsam musiziert.

Was ich an jenem Abend von Dir als Lebensweisheit mitnehmen durfte: Um als Musiker sein Publikum wirklich abzuholen braucht es den Respekt gegenüber seinen MitMusikerinnen, die profunde Kenntnis dessen was man tut, eine tiefe Ehrfurcht vor der Musik, vor allem aber die eigene Begeisterung, das lodernde Feuer, – das Feu sacré.

Mit dieser kleinen Reminiszenz an die Vergangenheit darf auch ich Sie herzlich zu dieser KulturPreisübergabe an Reto Parolari begrüssen.

Es ist mir eine grosse Ehre und Freude, hier zu Ihnen sprechen zu dürfen. Und ich danke Dir, Reto, dass Du mich dafür angefragt hast…

Ihr Parolaris seid ja seit heute Abend die Winterthurer Familie mit der wohl umfangreichsten Kulturpreissammlung, schon Dein Vater, der Oboist Egon Parolari, hat den Preis vor genau 30 Jahren zugesprochen erhalten – was auch für die Kontinuität der Winterthurer Kulturpolitik spricht.
Seit Kindsbeinen hast Du in Winterthur gewirkt. Einmal hast Du gesagt: «Ich selber bin eigentlich auf dem Bühnenboden des Stadthauses aufgewachsen. Mein Vater hat mich so oft an Proben und Konzerte mitgenommen.»

Mit 24 Jahren hast Du an der hiesigen Musikhochschule Dein Studium als eidgenössisch diplomierter Musiker im Hauptfach Schlagzeug abgeschlossen, weitere Studien folgten in Hannover, Stuttgart und Wien.

Voilà – Und ab jetzt, geschätzte Damen und Herren, wird es schwierig, denn die grösste Herausforderung, wenn man sich dem Werken und Wirken von Reto nähern will, ist schlicht die unglaubliche Vielfalt seines Schaffens.

Kein einfaches Unterfangen für den armen Laudatoren, Dein Curriculum, Reto: es ist geprägt von Gleichzeitigem und Gegensätzlichem, Parallelem und sich Ergänzendem. Aber, und das zur Erleichterung des doch nicht ganz so armen Laudatoren: zusammengehalten vom unbedingten Feuer für die Musik, dem Feu sacré – und genau wegen der Ecken und Kanten ist es ein in sich logisches Curriculum.

Du bist Künstler – aber auch gewiefter Unternehmer. Du bist Komponist und Arrangeur, Du bist Autor und Herausgeber von Fachliteratur, Dirigent und Instrumentalist.

Multi-Instrumentalist: auf Marimba, der Continental-Schreibmaschine, dem Schlagzeug, Klavier, virtuos sogar auf Autohupen. Dein Hauptinstrument aber, das bist – Du selber. Deine Echtheit, Dein Glaube an Deine Mission, Deine Herzlichkeit und Humor, Deine Sturheit und Unbedingtheit, eben Dein Feu sacré…

Es ist unmöglich über Dich zu sprechen, ohne gleichzeitig die «Gehobene Unterhaltungsmusik» mitzumeinen.

Doch, Moment… was ist das?? Was unterscheidet den Parolari von anderen MusikerInnen, was ist, im MarketingSprech: Dein Alleinstellungsmerkmal?
Ich darf Cédric Dumont, den Gründer des Unterhaltungsorchesters von Radio Beromünster und Leiter des Radiostudio Zürichs zitieren: „Der Sündenfall der Musik geschah, als man zwischen E und U, zwischen Ernst und Unterhaltung zu unterscheiden begann.. Aber auch für U braucht es Durchhaltewillen, Handwerkliches Können und Begeisterungsfähigkeit“. Voilà, das Feu sacré.
Du brennst für ein Musikgenre, das es wahrlich «nicht leicht» hat. Ein Genre, das, wenn überhaupt wahrgenommen, oftmals mit süffisantem Lächeln bedacht wird…

Doch woher kommt das eingangs geschilderte Nasenrümpfen seitens der VertreterInnen des sogenannten «Ernsten» Fachs?

Die Anforderungen sind hoch, höher wohl als an manch andere, vermeintlich Ernste Musikgenres: Um die volle Wirkung der Unterhaltungs-Musik zu erzielen ist die Partitur genauestens umzusetzen, die Musik MUSS ernst genommen – aber – Achtung: Widerspruch – immer mit einem Augenzwinkern gespielt werden.

Doch: im Umkehrschluss: Darf ich mich nicht von einer Beethoven-Sinfonie, einem Bach-Konzert „unterhalten“ fühlen? Und falls ich mich doch „unterhalten“ fühlen sollte: hat da jemand etwas falsch gemacht??

Ich lass das mal so stehen…

Deine Kunst ist eng verknüpft mit der Geschichte des Schweizer Radios. Bis in die siebziger Jahre hatte jede Radiostation ihre eigenen Orchester unter Vertrag, die mit speziell komponiertem Repertoire die gesprochenen Sendungen live begleiteten. Um die gewünschten Stimmungs-Effekte beim Zuhörer zu erzielen, musste die Musik vielfältig, farbig und bildhaft komponiert und handwerklich perfekt umgesetzt sein. Was mich zur These veranlasst: die gehobene Unterhaltungs-Musik ist eine Filmmusik, – eine Filmmusik, die sich ihre Bilder selber schaffen muss – und das ist musikalisches Storytelling at its best.

Mit den massiven Verwerfungen in der Medienlandschaft anfangs der Siebzigerjahre war auch die Hochzeit der Radioorchester vorbei – Ein Klangkörper nach dem anderen wurde aufgelöst – das Repertoire wurde nicht mehr nachgefragt, höchstqualifizierte Musikerinnen und Musiker wurden entlassen, den Notenarchiven drohte die Altpapiersammlung…

Da war Reto zur richtigen Zeit am richtigen Ort:
Du hast die Notenbestände des Radiostudio Basels, die des Bayrischen Rundfunks und später jene des Radio-Orchesters Beromünster buchstäblich vor dem Shredder bewahrt.

Und so gedeiht Deine materiell wohl grösste Leistung nun eher im Verborgenen, hier fast unter unseren Füssen….

In einem grossen Luftschutzraum mitten in der Stadt Winterthur bist Du zum Hüter einer riesigen Notensammlung von über 110000 Titeln geworden.

Dieses grösste Musikarchiv Europas ist aber nicht einfach ein Mausoleum kreativer Momente, nein, Du vermittelst den Zugang für zahlreiche internationale Orchester, welche die Noten rege nutzen.
Dein Verdienst für den sowohl klingenden als auch archivarischen Fortbestand dieses musikhistorisch einmaligen Erbes, die Lebendigerhaltung von Kulturgut, kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Ich danke an dieser Stelle der Stadt Winterthur, dass sie mit ihrem Preis dieses einmalige Engagement anerkennt und damit auch dieser Musik die verdiente Referenz erweist.
Und natürlich kann man nicht über Dich sprechen, ohne Deine eigenen Orchester zu erwähnen.
Das erste hast Du bereits während des Studiums an der hiesigen Musik-Hochschule gegründet.
Es entstand das ORP in sinfonischer Besetzung, welches seit 1990 ausschliesslich mit rund 40 BerufsmusikerInnen besetzt ist. Ein solches Orchester – das sei am Rande vermerkt – ist eigentlich ein unternehmerischer Blödsinn. Es kann nie rentieren – und trotzdem: Du musstest es nie beim Konkursamt melden.

Über 40 Orchester aus der ganzen Welt hast Du dirigiert, darunter Exoten wie das Orchester Hermitage, St.Petersburg (Russland), das Orchester Flughafen Zürich (Schweiz), oder das Philharmonische Orchester Pyöngyang (Nord-Korea),

Um all diese Engagements hast Du Dich nie beworben – Du wurdest stets angefragt..
So auch – für die Zirkuswelt: mit zarten 28 Jahren hat man Dir die Dirigentenstelle beim Zirkus Nock angeboten, kurz darauf jene beim Zirkus Knie. Für Dein Wirken am Theater Carré in Amsterdam hat Dir die niederländischen Königin gar den Titel «Königlicher Kapellmeister» verliehen. Und auch als musikalischer Oberleiter des internationalen Circusfestivals in Monaco findest Du Dich ja auf Tuchfühlung mit Adligen und gekrönten Häuptern….

Nur in der Heimat schlug Dir der Glamour etwas weniger entgegen: mit Deinem Internationalen Festival der gehobenen Unterhaltungsmusik hast Du zwar ein einzigartiges Musikereignis von internationaler Ausstrahlung geschaffen – welche aber von der heimatlichen Öffentlichkeit eher weniger beachtet wurde..

Ich müsste jetzt noch auf Deine Arbeit als Komponist und Arrangeur von über 800 Werken eingehen, auch der Autor von Fachartikeln und mehreren Fachbüchern verdiente gebührend gewürdigt zu werden – indes, die Zeit rinnt..

Etwas ist mir aber noch wichtig: Du bist nicht nur in eigener Sache unterwegs, Reto: als Vorstandmitglied der Urheberrechtsgenossenschaft SUISA oder als aktives Mitglied des hiesigen RotaryClubs Winterthur-Mörsburg bist Du auch uneigennützig dem Dienst an Deiner Mitwelt verpflichtet.

Wie eingangs erwähnt: ein Curriculum mit Ecken und Kanten – denn all diese Facetten Deines Tuns: sei es als Musiker, Dirigent, Orchesterleiter, Unternehmer, Veranstalter, Verleger, Archivar, Komponist – sie ergänzen, bedingen und brauchen sich gegenseitig und ergeben das Gesamtbild eines Kulturschaffenden, eines Kulturschaffers. – eben ein logisches Curriculum.

Erst vor Kurzem durfte ich noch einmal unter Deinem Dirigat wirken: zwar nur in einem Stück, diesmal aber als ausgebildeter Flötist. Und innert Sekunden war es wieder da: dieses Gefühl, das Du einem so gekonnt vermittelst: dieses respektvolle «Das kommt gut, vertrau mir». Locker im Auftritt, ernsthaft in der Sache. Und tatsächlich: Du hast eingezählt, die BigBand swingt los, mein Einsatz… Dein Feu sacré loderte und alles war superbe – und ja, es kam gut!

Merci, Reto, für das alles!!

Urs Schnell

Die Abdankungsfeier findet am Montag, 30. Dezember 2019, um 15 Uhr in der Stadtkirche in Winterthur statt.

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  1. Markus Niffenegger sagt:

    Lieber Reto
    Die Nachricht von deinem unerwarteten Abschied vom irdischen Leben hat mich zu tiefst schockiert, denn du warst mir stets ein guter Freund und ein grosses Vorbild. Die Zeit, in welcher ich vor über 40 Jahren als junger Amateurtrompeter in deinem Orchester mitmusizieren durfte, ist mir bis heute als meine beste musikalische Erfahrung in guter Erinnerung geblieben. Mit dir haben wir einen grossen Musiker und überaus edlen Menschen verloren.
    Vielen Dank für alles, ruhe in Frieden!
    Markus

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Völlig unerwartet ist der Winterthurer Komponist, Dirigent, Arrangeur und Multi-Instrumentalist Reto Parolari am Sonntag, 15. Dezember 2019, im Alter von 67 Jahren gestorben. Reto Parolari war seit 2007 im Vorstand der SUISA. Zuvor war er seit 1990 in der Verteilungs- und Werkkommission, die er ab 1997 präsidierte. Nachruf von Xavier Dayer, Präsident der SUISA, und Urs Schnell, Direktor der FONDATION SUISA

Reto Parolari in einer Aufnahme aus dem Jahr 2014, fotografiert an der SUISA-Generalversammlung in Bern. (Foto: Juerg Isler, isler-fotografie.ch)

Vor wenigen Tagen erhielten wir die traurige Nachricht vom Tod von Reto Parolari; der SUISA-Vorstand ist bestürzt. Bis vor einer Woche zuvor war Reto Präsident der Kommission «Tarife und Verteilung» und nahm mit der immensen menschlichen Großzügigkeit, die ihn auszeichnet, an unseren Vorstandssitzungen teil. Niemand hätte sich vorstellen können, dass er uns so…Weiterlesen

Unterwegs im eigenen Universum

Cécile Marti gehört zu den herausragendsten Protagonistinnen zeitgenössischer Musik in der Schweiz. In ihren Werken versucht die Komponistin und Bildhauerin verschiedene Ausdrucksformen zu einem grossen Ganzen zu vereinen. Zum Dialog zwischen Klang und Skulptur soll sich in naher Zukunft auch das Ballett gesellen. Die FONDATION SUISA unterstützt die künstlerische Vision der Zürcherin mit einer Carte Blanche in der Höhe von 80 000 Schweizer Franken. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Cécile Marti: Unterwegs im eigenen Universum

Carte Blanche für Cécile Marti. (Foto: Suzie Maeder)

Normalerweise gilt die Einsicht, dass man das künstlerische Werk von dessen Urheber trennen sollte. Im Falle von Cécile Marti ist dies kaum möglich, weil ein einziger Tag in ihrem Leben sie nicht nur zwang, ihren grossen Traum zu begraben, sondern sie letztlich auch nach langer Leidenszeit auf jenen Weg brachte, mit dem sie heute künstlerische Erfolge feiert.

Die Kompromisslosigkeit, mit der die heute 45-jährige Zürcherin ihre künstlerischen Visionen verfolgt, war schon als kleines Mädchen ausgeprägt: «Von klein auf wusste ich: Ich will Geigerin werden. Geigerin und nichts anderes». Mit acht Jahren begann sie Geige zu spielen, kurz darauf kam das Klavier hinzu. Als sie die Violinistin Bettina Boller an einem Konzert hörte, war auch da klar: «Bei der will ich Unterricht haben». Der Wille versetzt Berge und die junge Cécile bekam als einzige Privatunterricht. «Diese Zeit war wie ein musikalisches Erdbeben für mich», schwärmt Marti. «Bettina Boller brachte mir die Neue Musik näher. Mit 12 hörte ich schon Alfred Schnittke. Danach war für mich definitiv klar: Ich muss ans Konservatorium und die Geige wird zum alleinigen Fokus meines Lebens.»

Aus der Traum

Marti senkt für einen Sekundenbruchteil den Blick, bevor sie weitererzählt: «Mit 17 unterrichtete ich bereits selber, mit 18 folgte das Konsi und Orchesterprojekte von Mahler bis Bruckner. Es war grossartig. Doch dann, mit 20, der Hammer!» Marti erlitt einen Schlaganfall, war halbseitig gelähmt. Von einem Tag auf den anderen: Aus der Traum. «Ich wollte es nicht wahrhaben und habe es mit allen erdenklichen Therapien drei Jahre lang versucht. Ich habe so lange gekämpft, bis ich am Ende meiner Kräfte war.»

Marti verbannte die Geige auf den Dachboden und hörte sich fünf Jahre lang keine Musik mehr an. «Die Wunde war viel zu gross.» Sie fühlte sich in dieser Zeit – wie sie es selber ausdrückt – «wie in einer Wüste». Bis zu jenem Moment, als sich ihr Unterbewusstsein zu melden begann. «Plötzlich hörte ich Musik in mir drin. Und die begann ich dann aufzuschreiben. Das war der Anfang meiner Kompositionstätigkeit.»

Mit Dieter Ammann begann das Kompositionsstudium und die erste Begegnung mit Zeitverläufen im Moment-Bereich. Die Begegnung mit dem österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas während ihres Studiums eröffnete ihr plötzlich eine zusätzliche Dimension bei der Erarbeitung eigener Werke. Haas praktizierte im Gegensatz zu Ammann einen für Marti bis anhin unbekannten Umgang mit zeitlichen Verläufen. «Er liess sich für eine Idee ungemein viel Zeit, bis zum Punkt, in der sie völlig ausgeschöpft ist. Und dann dreht sich diese Idee langsam in eine neue hinein. Diese langsame Verwandlungsform hat mich fasziniert. Daraus ergibt sich ein völlig anderes Hören und Zeitempfinden.»

Skulpturales Hören

Im Nachhinein betrachtet ist es wohl kein Zufall, dass sich Marti von den Möglichkeiten verschiedenster Zeitverläufe in den Bann gezogen fühlte. Und ebenso wenig ist es Zufall, dass sie parallel mit dem Beginn ihrer Kompositionstätigkeit auch mit der Bildhauerei begann. Der durch den Schlaganfall jäh unterbrochene Zeitverlauf des eigenen Lebens, der letztlich in einen Neuen mündete; und der rohe Stein, der mit viel Kraft, Ausdauer und Willenskraft sich in eine vollendete Skulptur verwandelt – die Dialektik zwischen Biographie und künstlerischer Auseinandersetzung ist nicht von der Hand zu weisen.

Sie erklärt auch den Weg, den Marti für sich eingeschlagen hat und der sich klar von der klassischen Karriere unterscheidet. «Normalerweise komponiert man im Auftrag von Jemandem. Ich habe vorwiegend meine eigenen Ideen verfolgt», erklärt sie bestimmt. Ihr Doktorvater in London (Marti doktorierte mit einer Arbeit über musikalische Zeitverläufe) äusserte zu Beginn noch Bedenken, was ihre Kompositionspläne betraf. «Er sagte: ‹Du schreibst einfach ins Blaue hinaus›», erzählt sie lächelnd. «Du wirst wohl nie ein Orchester dafür finden.» Er meinte damit den Orchesterzyklus «Seven Towers», in 7 Teilen und für 120 Musiker von 80 Minuten Dauer, der 2016 durch das SOBS in Biel uraufgeführt wurde und seit seiner Entstehung auch in Teilen durch das Berner Symphonieorchester, der Geneva Camerata und der Sinfonietta Basel gespielt wurde.

In diesem – im wahrsten Sinne – atemberaubenden Werk erinnert das Orchester in seiner Ganzheit auch an eine Skulptur, die sich auf vielfache Weise erfahren lässt. «Die Leute sagen mir, meine Musik höre und fühle sich skulptural an und ich denke, sie ist in der Tat sehr gestisch und formend. Ich mag die Vorstellung, dass man Dinge aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachten kann und zwischen meiner bildhauerischen Arbeit und meinen Kompositionen ist tatsächlich eine Wechselwirkung vorhanden.»

«Das grösste Geschenk»

Diese Wechselwirkung möchte Cécile Marti mit einem neuen Projekt erweitern, und zwar mit einem Ballett. Die Idee kam ihr vor drei Jahren, als sie eine Choreographie der Kanadierin Crystal Pite in einem Londoner Theater sah. «Es war wie ein Blitzschlag für mich», schwärmt Marti. «Bis dahin hatte ich noch nie eine Tanzvorstellung gesehen, bei der ich unmittelbar das Gefühl hatte, mit dieser Choreographin möchte ich zusammenarbeiten.» Pite, so Marti, mache tänzerisch genau das gleiche wie sie musikalisch. «Auch sie arbeitet skulptural und mit Hilfe von grossen Gruppen. Sie formt dann diese Masse in alle erdenklichen Richtungen.»

Dass Pite zwar angetan war vom Projekt, aber als Shooting Star der Tanzszene bis 2026 völlig ausgebucht ist, hält Marti nicht davon ab, die Idee weiterzuverfolgen. Während ihrer musiklosen Zeit schrieb sie Dutzende von Tagebüchern – sie sind nicht nur das Vermächtnis einer düsteren Zeit, sondern schildern auch den Aufbruch in ein neues Leben. Diese Schriften sollen Basis sein für ein autobiographisches Handlungsballett, das es in dieser Form noch nie gegeben hat.

Ob im Falle des Balletts, dessen erster Teil im September 2019 in Warschau vorerst konzertant uraufgeführt wurde, oder bei im selben Monat uraufgeführten 2. Streichquartett, dessen Titel «In Stein gemeisselt» bereits auf die Präsenz von 26 Steinskulpturen hinweist: Die Sichtbarwerdung von Zeitverläufen steht im Zentrum von Martis sowohl kreativer wie forschender Arbeit. Konsequenterweise arbeitet sie deshalb auch weiter am Konzept der «Seven Towers», um auch diese in Zukunft physisch skulptural erfahrbar zu machen.

Die Carte Blanche der FONDATION SUISA ermöglicht es ihr nun, ohne Druck dieses Ziel weiter zu entwickeln. «Die Carte Blanche ist einfach das grösste Geschenk, das man sich vorstellen kann», schwärmt sie. «Ich verfolge Dinge, die mir am Herzen liegen und die vielleicht auf dem Papier unpopulär erscheinen. Aber meine Arbeit soll inhaltlich präzise und so authentisch wie möglich sein. Und deshalb sollte der zeitliche Druck dabei keine Rolle spielen.»

Der Schicksalsschlag, den Marti 20-jährig widerfuhr, muss sich wie ein Schwarzes Loch angefühlt haben, in dem sämtliche Materie verschwand. Umso beeindruckender erscheint der nach Jahren der Dunkelheit erfolgte Urknall, aus dem heraus sie ein ganz neues, einzigartiges und noch längst nicht bis in alle Ecken erforschtes Universum erschaffen hat.

www.cecilemarti.ch

2018 hat die FONDATION SUISA mit der Vergabe von neuen Werkbeiträgen begonnen. Die «Carte Blanche» in der Höhe von 80 000 Franken, die nicht ausgeschrieben, sondern alle zwei Jahre direkt von einer Fachjury vergeben wird, soll es Musikschaffenden erlauben, sich ohne finanziellen Druck auf seine oder ihre künstlerische Weiterentwicklung zu konzentrieren.

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Cécile Marti gehört zu den herausragendsten Protagonistinnen zeitgenössischer Musik in der Schweiz. In ihren Werken versucht die Komponistin und Bildhauerin verschiedene Ausdrucksformen zu einem grossen Ganzen zu vereinen. Zum Dialog zwischen Klang und Skulptur soll sich in naher Zukunft auch das Ballett gesellen. Die FONDATION SUISA unterstützt die künstlerische Vision der Zürcherin mit einer Carte Blanche in der Höhe von 80 000 Schweizer Franken. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

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Wo keine Liebe ist, ist alles vergeblich

Am 26. Juni 2019 ist der Zürcher Komponist und Musikjournalist Rolf Urs Ringger im Alter von 84 Jahren gestorben. Nachruf von Gastautor Thomas Meyer

Rolf Urs Ringger: Wo keine Liebe ist, ist alles vergeblich

Rolf Urs Ringger war SUISA-Mitglied seit 1960. (Foto: Keystone / Gaëtan Bally)

In jungen Jahren habe er einen Roman mit dem Titel «Der Dandy» schreiben wollen: Die Hauptfigur nimmt ein Taxi und fährt zur Oper. Von dieser kurzen und doch ausgedehnten Fahrt sollte das Buch handeln – und dabei wohl ein wenig auch von ihm selber. Egal, ob das nun erfunden war oder ob sich im Nachlass tatsächlich ein Romanfragment finden wird: Rolf Urs Ringger wusste natürlich, was für ein Futter er mit einer solchen Anekdote dem Journalisten gegenüber gab. Schelmisch stellte er sich vor, wie das Bild des Dandys Ringger entstand, und freute sich, denn das war er ja auch: der Dandy unter den Schweizer Komponisten, unverstellt eitel, aber auch mit dieser Eitelkeit lustvoll spielend. Als Adrian Marthaler sein Orchesterwerk «Breaks and Takes» fürs Fernsehen visualisierte, spielte Ringger persönlich einen Delius-ähnlichen, melancholischen Komponisten an einem Swimming Pool.

«Ich liebe das Kokettieren. Das gibt ja doch auch meiner Produktion das leichte und spielerische Moment. Und es kommt ja beim Publikum auch sehr gut an. Und ich habe Freude daran.», sagte er mal im Gespräch. «Das Moment des Narzisstischen, jetzt wertfrei verstanden, ist doch sehr stark bei mir spürbar.» Ich mochte ihn für diese Selbstironie, die bei ihm ganz natürlich war. Er brachte eine ganz eigene und auffallende Farbe in die zur Bescheidenheit neigende Zürcher Musikszene, er war mondän, vielgewandt, urban, wenn er den Sommer auch immer auf Capri verbrachte, wo einige sinnliche Klangbilder entstanden. Zu diesem Image hat der Komponist selber reichlich beigetragen.

Ton- und Wortkünstler

Ringger war aber auch ein Zürcher. Hier wurde er am 6. April 1935 geboren, hier wuchs er auf, lebte und arbeitete hier, ein Wort- und Tonkünstler. In Küsnacht besuchte er das Seminar, bei Kurt von Fischer am Musikwissenschaftlichen Seminar Zürich dissertierte er über Weberns Klavierlieder. Als rur. gehörte er über Jahrzehnte zum Kritikerstab der «Neuen Zürcher Zeitung», lieferte pointierte und elegante, zuweilen bewusst nachlässige Texte, porträtierte aber auch schon früh jene Komponisten, die später erst weithin Beachtung erhielten wie zum Beispiel Edgard Varèse oder Charles Ives, Erik Satie und Othmar Schoeck. Neben den grossen Figuren finden sich da die Einzelgänger, und gern hat er der Nostalgiker gedacht, zu denen er sich selber wohl auch zählte. In Publikationen wie der Aufsatzsammlung «Von Debussy bis Henze» hat er diese Porträts gebündelt.

Kompositionsunterricht erhielt Ringger ganz früh privat bei Hermann Haller. In den Darmstädter Ferienkursen 1956 studierte er bei Theodor W. Adorno und Ernst Krenek, kurz darauf noch für ein halbes Jahr bei Hans Werner Henze in Rom. Es waren ästhetische Antipoden, denn da schon hatte sich Henze aus der Avantgardeszene zurückgezogen. Obwohl Ringger später mit einem süffisant erwartungsvollen Lächeln erzählte, mit Adorno habe er sich eigentlich besser verstanden als mit Henze, folgte er doch dessen Abwendung von den streng seriellen Techniken und der Hinwendung zu einer sinnlichen Klangsprache. Das hört man schon seinen Titeln an: «… vagheggi il mar e l’arenoso lido …» für Orchester (1978), «Souvenirs de Capri» für Sopran, Horn und Streichsextett (1976–77), «Ode ans Südlicht» für Chor und Orchester (1981) oder «Addio!» für Streicher und Röhrenglocken. Mit «Der Narziss» (1980), «Ikarus» (1991), und «Ippòlito» (1995) schuf er drei Ballettmusiken. Den grossen musikdramatischen Formen freilich hat er sich offenbar nie zu nähern versucht.

Sinnliche Klangsprache

Ringger war einer der ersten, der sich in den 70er-Jahren in Henzes Gefolge, aber durchaus frühzeitig im Trend, wieder neotonaler Elemente bediente. Derlei vermerkte ich damals in einer Kritik entsprechend bissig. Natürlich reagierte er bei aller Selbstironie entsprechend beleidigt. Und doch kam er ein paar Jahre später genussvoll darauf zurück und verkündete stolz, ich hätte ihn damals als den ersten Neotonalen hierzulande bezeichnet. Die postmoderne Wende hatte ihm recht gegeben.

So spielte seine Musik gern mit Zitaten (von Debussy etwa), schwelgte in impressionistischen Farben oder in hochromantischen Gesten, blieb aber dabei durchsichtig und leicht. Am höchsten freilich schätze ich ihn als urbanen Flaneur. Nicht dort, wo er Zeitungsausschnitte auf etwas kindische Weise zu einer Collage («Chari-Vari-Etudes», «Vermischtes») für Kammersprechchor montierte, sondern in seinen musikalischen Promenaden. Im «Manhattan Song Book» (2002) für Sopran, drei Sprechstimmen und fünf Instrumente ist er in New York unterwegs, beobachtet, notiert, kommentiert in elf Songs, frech, unbeschwert, auch da in koketter Selbstbespiegelung. Als ihn eine nicht sehr freundlich als «crazy witch» bezeichnete Dame fragt, ob er der «famous composer» sei, antwortet er kurz: «No, it’s my cousin.»

Nun ist er gestorben. «Licht!» steht zuoberst in der Todesanzeige, darunter die Sätze: «Er liebte die Sonne des Mittelmeers, die Musik und die Jugend. Er dankt allen, die ihm im Leben Gutes erwiesen und seine Musik gefördert haben.» Capri wird ihn vermissen. Sein «Notizario caprese» (2004) endet mit den Worten «(sehr ruhig, fast ohne Pathos) Se non c’è Amore, tutto è sprecato. (sehr nüchtern) Wo keine Liebe ist, ist alles vergeblich. Ein Grabspruch in Capri; ungefähr 2020.»

Der Nachruf von Thomas Meyer ist zuerst in der «Schweizer Musikzeitung», Nr. 9/10 vom September/Oktober 2019 erschienen.

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Am 26. Juni 2019 ist der Zürcher Komponist und Musikjournalist Rolf Urs Ringger im Alter von 84 Jahren gestorben. Nachruf von Gastautor Thomas Meyer

Rolf Urs Ringger: Wo keine Liebe ist, ist alles vergeblich

Rolf Urs Ringger war SUISA-Mitglied seit 1960. (Foto: Keystone / Gaëtan Bally)

In jungen Jahren habe er einen Roman mit dem Titel «Der Dandy» schreiben wollen: Die Hauptfigur nimmt ein Taxi und fährt zur Oper. Von dieser kurzen und doch ausgedehnten Fahrt sollte das Buch handeln – und dabei wohl ein wenig auch von ihm selber. Egal, ob das nun erfunden war oder ob sich im Nachlass tatsächlich ein Romanfragment finden wird: Rolf Urs Ringger wusste natürlich, was für ein Futter er mit einer solchen Anekdote dem Journalisten gegenüber gab. Schelmisch stellte er sich vor, wie das Bild des Dandys Ringger entstand, und freute sich, denn das war er…Weiterlesen

Spannende Einblicke und Konzerte am Festival Zeiträume

Möchten Sie Komponistinnen und Komponisten bei ihrer Arbeit über die Schultern blicken? Sie möchten fragen, was sie inspiriert und animiert, uns mit ihren Werken neue Welten zu eröffnen? Die Biennale Zeiträume Basel bietet Ihnen in Zusammenarbeit mit der SUISA die Möglichkeit, sich persönlich mit Urheberinnen und Urhebern der Werke zu unterhalten, die während dem Festival gespielt werden. Text von Erika Weibel

Spannende Einblicke und Konzerte am Festival Zeiträume

Zeiträume Pavillon, Treffpunkt des Festivals. Er wurde erstellt durch Zeiträume Basel mit Unterstützung der SUISA und der Basler Kantonalbank in Koproduktion mit der Hochschule für Musik FHNW / Musik-Akademie Basel. (Foto: Johanna Köhler)

In Kooperation mit der SUISA macht das Festival Zeiträume erlebbar, wie heute Musik entsteht. Denn 2019 legt das Festivalprogramm einen besonderen Schwerpunkt auf den kreativen Entstehungsprozess von Kompositionen. In den SUISA Talks mit Komponistinnen und Komponisten, deren Werke beim Festival erklingen, können die Festivalbesucherinnen und -besucher in deren Welt eintauchen, einen Eindruck von ihrer Motivation, ihrer Inspiration und unterschiedlichen Arbeitsweisen erhalten. Die Zuschauerinnen und Zuschauer können in einer lockeren Atmosphäre auch selbst Fragen an die Komponistinnen und Komponisten richten.

Das kann den Besuch des anschliessenden oder vorher bereits gehörten Konzerts um einiges spannender machen und somit die Vorfreude schüren oder das musikalische Erlebnis vertiefen. Die Gespräche sind für das Publikum kostenlos, werden professionell moderiert und finden an unterschiedlichen Standorten statt.

SUISA Talks am Festival Zeiträume 2019

SO 15.09. Katharina Rosenberger, Baldur Brönnimann | Wir sind Meer | Mitteldeck
MO 16.09. Mitglieder FIM Basel | Das grosse Rauschen| Unternehmen Mitte
MO 16.09. Marianne Schuppe | Die Summe | ZeitRäume Pavillon
MI 18.09. Elisabeth Flunger & Gäste | Das grosse Rauschen | Unternehmen Mitte
MI 18.09. Team Rohrwerk. Fabrique sonore | Kunstmuseum
DO 19.09. Team Rohrwerk. Fabrique sonore | Kunstmuseum
SA 21.09. Team Rohrwerk. Fabrique sonore | Kunstmuseum
SA 21.09. Hannes Seidel, Andreas Wenger | Überläufer* | Zollhalle St. Johann
SA 21.09. Kollektiv Mycelium | Cyber String Species | Gare du Nord
SA 21.09. Mike Svoboda | Freude | Antoniuskirche
SO 22.09. Team Ivan Wyschnegradsky: La Coupole | Markthalle Basel

Darüber hinaus werden täglich am Pavillon Talks zwischen 16.30 und 19.00 Uhr stattfinden. Den genauen Zeitplan dafür wird das Festival Zeiträume allerdings erst kurz davor auf seiner Website veröffentlichen.

Moderation: Bernhard Günther, Dorothea Lübbe, Johannes Joseph, Anja Wernicke

Festival Pavillon

Der Basler Architekt Marco Zünd (Buol & Zünd Architekten) hat im Auftrag von Zeiträume Basel 2019, unterstützt von der SUISA, in prominenter Lage am Rheinufer bei der Mittleren Brücke eine einladende, temporäre Sammelstelle entworfen. Ein aufklappbarer Würfel dient zwei Wochen lang als Informationsstelle, Treffpunkt rund um diverse Festivalaktivitäten und Ort künstlerischer Interventionen. Das Publikum begegnet dort auch Komponistinnen und Komponisten in Aktion während der gesamten Dauer des Festivals.

Öffnungszeiten Pavillon
DI 10.09.–SO 22.09. | täglich 11:00–19:00 Uhr | Wohlterasse an der Mittleren Brücke

Würfel Talks mit Festivalkünstlerinnen und -künstlern: täglich 16:30 Uhr – 19:00 Uhr
(ausgenommen während der Performances)
DI 10.09. | SUISA Talk mit Marco Zünd
MO 16.09. | SUISA Talk mit Marianne Schuppe

Performances: MI 11.09., DO 12.09., DI, 17.09., MI 18.09. | jeweils 12:30–14:00 Uhr & 17:00–18:30 Uhr

www.zeitraeumebasel.com

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Möchten Sie Komponistinnen und Komponisten bei ihrer Arbeit über die Schultern blicken? Sie möchten fragen, was sie inspiriert und animiert, uns mit ihren Werken neue Welten zu eröffnen? Die Biennale Zeiträume Basel bietet Ihnen in Zusammenarbeit mit der SUISA die Möglichkeit, sich persönlich mit Urheberinnen und Urhebern der Werke zu unterhalten, die während dem Festival gespielt werden. Text von Erika Weibel

Spannende Einblicke und Konzerte am Festival Zeiträume

Zeiträume Pavillon, Treffpunkt des Festivals. Er wurde erstellt durch Zeiträume Basel mit Unterstützung der SUISA und der Basler Kantonalbank in Koproduktion mit der Hochschule für Musik FHNW / Musik-Akademie Basel. (Foto: Johanna Köhler)

In Kooperation mit der SUISA macht das Festival Zeiträume erlebbar, wie heute Musik entsteht. Denn 2019 legt das Festivalprogramm einen besonderen Schwerpunkt auf den kreativen Entstehungsprozess von Kompositionen. In den SUISA Talks mit Komponistinnen und Komponisten, deren Werke beim…Weiterlesen

Unterwegs im und mit dem Raum

Ort, Zeit und Raum spielen in den Arbeiten des Komponisten Beat Gysin eine zentrale Rolle. In seiner sechsteiligen «Leichtbautenreihe» konzipiert er dafür speziell Räume, um das Publikum mit wechselnden Klang- und Raumerfahrungen zu konfrontieren. Ab 2021 soll der zweite Teil des aufwändigen Projekt realisiert werden. Die FONDATION SUISA unterstützt dieses Vorhaben finanziell mit einem Get Going!-Beitrag. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Beat Gysin: Unterwegs im und mit dem Raum

Der Basler Komponist Beat Gysin in einer Aufnahme aus dem Jahr 2010. (Foto: Anna Katharina Scheidegger)

Chemie und Musik: Geht das zusammen? Was anfänglich wie ein Widerspruch erscheint, macht in der Biografie von Beat Gysin durchaus Sinn. Aufgewachsen in einer Musikerfamilie, hat sich Gysin dafür entschieden, neben Komposition und Musiktheorie auch noch Chemie zu studieren. Der wissenschaftliche Ansatz und das empirische Auswerten eines experimentellen Ansatzes sind für ihn genauso wichtig wie das musische Element. «Ich wollte mit meiner Musik nie berühmt werden. Ich wollte mit und in der Musik immer Antworten finden», erklärt der heute 50jährige Basler.

Sein Werkverzeichnis ist beeindruckend. Noch beeindruckender allerdings ist die Art und Weise, wie er seine Kompositionen zur Aufführung bringt. Gysin bewegt sich konsequent jenseits der Vervielfältigung und von Tonkonserven. Ort, Zeit und vor allem der Raum sind zwingende Elemente seiner Aufführungspraxis. In dieser Hinsicht ist Gysin weitaus mehr als «nur» Komponist und Musiker. Man muss schon Umschreibungen wie Forscher, Architekt, Vermittler und Philosoph bemühen, um letztlich das Gysinsche Universum zu begreifen.

«Mein Kern ist tatsächlich ein philosophischer», meint er dazu. «Es geht um die Wahrnehmung und ich stelle fest, dass die Musik in ihrer ganzen Rezeption aus dem Raum gefallen ist.» Man betrachte die Musik heute losgelöst von ihrer Aufführung, fügt er an und verweist damit auf einen zentralen Punkt seiner Arbeit: Das konsequente Zusammenspiel von Raum und Klang. «Wenn man ein Stück von mir aus dem Raum herausnimmt, dann ist dies etwa so, als würde man von einem Orchesterwerk eine Klavierpartitur anfertigen. Man kennt zwar dann die Töne, aber man hört das Orchester nicht.»

Mit bemerkenswerter Konsequenz, Akribie und Lust am Experiment lotet Gysin in seinen zahlreichen Projekten immer wieder aufs Neue das komplexe Zusammenspiel von Raum, Klang und der sich daraus ergebenden Wahrnehmung von Musik aus. Der Aufführungsraum wird Teil des Kunstwerks, das letztlich dem Publikum nicht nur eine völlig neue sinnliche Erfahrung bietet, sondern Gysin immer wieder neue Erkenntnisse liefert, um in der Folge wiederum einen neuen Ansatz und ein nächstes Projekt zu gestalten. «Ich will Dinge finden. Und erfinden», umschreibt er fast lakonisch seinen künstlerischen Antrieb. Dabei steht er als Komponist nicht zwingend im Mittelpunkt, sondern oft auch «nur» als konzeptioneller Leiter. Um den Austausch zu fördern, hat er in Basel den Verein Studio-Klangraum sowie das Festival ZeitRäume Basel gegründet.

«Wenn man ein Stück von mir aus dem Raum herausnimmt, dann ist dies etwa so, als würde man von einem Orchesterwerk eine Klavierpartitur anfertigen. Man kennt zwar dann die Töne, aber man hört das Orchester nicht.»

Ob in Kirchen mit ihren unterschiedlichen Klangeigenschaften, in leeren Wasserwerken mit einem bis zu 30 Sekunden dauernden Echo oder in stillgelegten Bergwerken, in denen eine fast perfekte Stille herrscht: Gysin entdeckt immer wieder neue Räume, die sich klanglich kartographieren lassen. Und wo der natürliche Raum für ein Weiterkommen nicht vorhanden ist, werden sie architektonisch konzipiert. Die sechsteilige «Leichtbautenreihe» ist nicht nur des verbundenen Aufwands wegen eines der zentralen Werke in Gysins Schaffen. Es repräsentiert auch den logischen nächsten Schritt: Räume zu schaffen, die sich transportieren lassen. Es handelt sich um sechs abstrakte Raumkonzepte, umgesetzt als pavillonartige Architekturen, die ungewohnte Hörsituationen und damit eine neue Wahrnehmung von Musik ermöglichen. «Chronos» bestand aus einer Karussell-artigen Drehbühne, bei «Gitter» wurden die Musiker «sphärisch» rund um das Publikum angeordnet, bei «Haus» in bestehenden Häusern Klangraumwanderungen möglich gemacht und in «Rohre», das kurz vor der Umsetzung steht (Uraufführung im Rahmen von ZeitRäume Basel im September 2019 im Innenhof des Kunstmuseums Basel), treffen das Publikum und die Musiker im wahrsten Sinne des Wortes in begehbaren Rohren aufeinander.

«In den abschliessenden zwei Teilen ab 2023», so Gysin, «möchte ich der Frage mobiler Anordnungen und ihrem Einfluss auf das Hören nachgehen. Beim einen Projekt sitzen Musiker und Publikum auf sich ständig bewegenden Wägelchen. Alles bleibt in Bewegung und der Raum wird ständig neu definiert. Und beim letzten Teil handelt es sich um einen aufgehängten Raum, der einem Ballon ähnlich immer wieder implodiert und sich wieder aufblasen lässt.» Solch aufwendige Projekte sind für einen Künstler nicht leicht zu finanzieren. «Man ist schon bei der Konzeption auf Hilfe angewiesen, und die kostet», weiss er und fügt gleich an: «Der Get Going!-Beitrag der FONDATION SUISA ist die perfekte Antwort auf diese Herausforderung. Es handelt sich um eine Art Finanzierung von Vorprojekten. Das existierte bislang in dieser Form nicht.»

In Zeiten der Eventisierung der Kultur, in der die Marketing-Experten dem Formalen mehr Beachtung schenken als dem Inhaltlichen, symbolisiert die «Leichtbautenreihe» auch eine Form der künstlerischen Gegenbewegung. «Der Vorteil ist, dass ich als Künstler das Event als Ganzes konzipiere», sagt Gysin und ergänzt: «Als Musiker ist man heute verpflichtet, sich in einer Welt der Reizüberflutung wieder selbst darum zu kümmern, die Musik zu verorten, weil sie ausserhalb ihres Kontextes nicht mehr verstanden werden kann.»

www.beatgysin.ch

2018 hat die FONDATION SUISA mit der Vergabe von neuen Werkbeiträgen begonnen. Unter dem Titel Get Going! werden kreative und künstlerische Prozesse finanziell angestossen, die sich ausserhalb der gängigen Kategorien befinden. In einer Porträtserie stellen wir die Empfängerinnen und Empfänger dieser Get Going!-Beiträge vor.

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Ort, Zeit und Raum spielen in den Arbeiten des Komponisten Beat Gysin eine zentrale Rolle. In seiner sechsteiligen «Leichtbautenreihe» konzipiert er dafür speziell Räume, um das Publikum mit wechselnden Klang- und Raumerfahrungen zu konfrontieren. Ab 2021 soll der zweite Teil des aufwändigen Projekt realisiert werden. Die FONDATION SUISA unterstützt dieses Vorhaben finanziell mit einem Get Going!-Beitrag. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Beat Gysin: Unterwegs im und mit dem Raum

Der Basler Komponist Beat Gysin in einer Aufnahme aus dem Jahr 2010. (Foto: Anna Katharina Scheidegger)

Chemie und Musik: Geht das zusammen? Was anfänglich wie ein Widerspruch erscheint, macht in der Biografie von Beat Gysin durchaus Sinn. Aufgewachsen in einer Musikerfamilie, hat sich Gysin dafür entschieden, neben Komposition und Musiktheorie auch noch Chemie zu studieren. Der wissenschaftliche Ansatz und das empirische Auswerten eines experimentellen Ansatzes sind für ihn genauso wichtig wie das musische…Weiterlesen

«Orchestral Spaces» oder wenn Musik beim Hören räumlich fassbar wird

Der Komponist Michael Künstle setzt sich in seinem Werk mit dem Wechselspiel zwischen klanglicher Dramaturgie und dramaturgischen Klängen auseinander. Nun möchte der 27-jährige Basler in seiner Forschung noch einen Schritt weiter gehen und den Klang eines Orchesters für den Hörer räumlich erfahrbar werden lassen. Die FONDATION SUISA unterstützt dieses Vorhaben finanziell mit einem «Get Going!»-Beitrag. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Michael Kuenstle: «Orchestral Spaces» oder wenn Musik beim Hören räumlich fassbar wird

Der Basler Komponist Michael Künstle (links) bei der Arbeit im Tonstudio. (Foto: Oliver Hochstrasser)

Als Michael Künstle 2012 den 1. Internationalen Filmmusikwettbewerb des Zurich Film Festivals gewann, kam dies für den damals erst 21-Jährigen völlig überraschend. «Ich stand damals erst am Anfang meines Studiums», sagt er heute und fügt gleich hinzu: «Ich begreife erst jetzt die Bedeutung dieses Preises. Er war eine Art Initialzündung, auch weil er bis heute eine Kompetenzauszeichnung ist, die einem niemand wegnehmen kann.»

Künstle setzte sich damals gegen 144 Mitbewerberinnen und -bewerber aus 27 Ländern durch, die alle die exakt selbe Aufgabe erfüllen mussten: die Vertonung des Kurztrickfilms «Evermore» von Philip Hofmänner. Wer sich den Film heute ansieht, kann erahnen, was die Jury damals beeindruckt haben mag: Künstle verblüffte mit subtilen Klängen, die sich ganz in den Dienst der filmischen Erzählung stellten.

«Das Tolle an Filmmusik ist, dass sie das Resultat eines engen Austausches mit anderen ist. Ein Film ist ein Zusammenspiel von unzähligen Leuten und es gilt, sämtliche Aspekte zu berücksichtigen: Kameraführung, Farbsetzung oder Ausstattung», erklärt Künstle seine Faszination für das Genre. «Die grösste Herausforderung ist im Film, mit der Musik die Dinge zu sagen, die durch das Visuelle oder das Gesprochene noch nicht gesagt wurden, aber massgeblich wichtig sind, um die Geschichte richtig zu Ende zu erzählen.»

Ob in Gabriel Baurs «Glow», «Sohn meines Vaters» von Jeshua Dreyfus oder «Cadavre Exquis» von Viola von Scarpatetti: Die Liste der Filme, in denen Künstle für den Soundtrack verantwortlich zeichnet wird immer länger. Die Begeisterung mit der Künstle sein Fachwissen und seinen Wissensdurst vermittelt, wirkt im Gespräch ansteckend. Auch wenn er von den Grossen des Fachs erzählt: Über das kompositorische Wissen eines Bernard Herrmanns etwa oder von der einzigartigen Fähigkeit von John Williams, «dessen Werke ohne Film klar wie Orchesterwerke klingen, und dennoch sind sie perfekt auf den Film abgestimmt. Das ist unglaublich schwierig zu bewerkstelligen, weil die symphonische Musik traditionellerweise dichtere Erzählstrukturen erlaubt als ein Film.»

«In der zeitgenössischen Musik setzt man den Raum oft gleich mit anderen kompositorischen Elementen wie Motiv oder Rhythmus, nur geht dieser wesentliche Aspekt in der Aufnahme häufig verloren.»

Obwohl er in seiner eigenen Arbeit zwischen Konzertmusik und Filmscore klar unterscheidet, gibt er zu, «dass man das eine, wenn man das andere macht, nie gänzlich abstellen kann.» Elemente, die er in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Gabriel Baur für den Film «Glow» erarbeitet hatte, flossen ein in das Stück «Résonance», das 2016 vom Trio Eclipse aufgeführt wurde. «Aber in meiner Konzertmusik geht es hauptsächlich um kompositorische Formen und strukturelle Ideen, die sich im Film nicht umsetzen lassen.»

Aus einem anderen wichtigen Aspekt in Künstles Schaffen ist letztlich auch die Idee für das Projekt entstanden, das nun von der FONDATION SUISA im Rahmen von «Get Going!» mitfinanziert wird. Künstle verfolgt – wie er betont – eine Philosophie des «Echten» und dazu gehört auch eine möglichst genaue Abbildung einer Aufführung durch modernste Aufnahmemöglichkeiten. Gemeinsam mit seinem Arbeitspartner Daniel Dettwiler, der in Basel das «Idee und Klang»-Studio besitzt und seit Jahren an neuen Aufnahmemöglichkeiten forscht, möchte Künstle versuchen, eine Raum-Komposition zu schaffen, und zwar so, dass sie auf eine noch nie dagewesene Weise auditiv erlebbar wird.

«In der zeitgenössischen Musik setzt man den Raum oft gleich mit anderen kompositorischen Elementen wie Motiv oder Rhythmus, nur geht dieser wesentliche Aspekt in der Aufnahme häufig verloren», erläutert er den Ausgangspunkt. «Ich will erreichen, dass man den dreidimensionalen Raum, der vom Orchester während der Aufnahme ausgefüllt wurde, sich unter Kopfhörer so anhört, als könne man die Musik förmlich anfassen.» Lange Jahre war diese Erforschung und in gewisser Weise auch die Eroberung dieser «Orchestral Spaces» für Künstle nur eine Idee, weil – wie er betont – «man dies nur umsetzen kann in einem Studio mit dem bestmöglichen Klang und mit den besten Mikrophonen, die es gibt».

Dank «Get Going!» wird nun dieser nächste Schritt in dieser audiophilen Revolution Realität, und zwar in den altehrwürdigen Abbey Road Studios in London mit einem 80-köpfigen Orchester. Dafür wird Künstle eine Komposition schreiben, in dem der Raum, in dem aufgenommen wird, eine zentrale Rolle spielt. «Ich möchte den Kompositionsprozess umdrehen», unterstreicht er das Anliegen seines Projektes. Das sei wie bei der Filmmusik, fügt er noch an. Auch dort gehe man zuallererst vom Gehörten aus. Womit der Kreis wieder geschlossen wäre.

www.michaelkuenstle.ch

2018 hat die FONDATION SUISA mit der Vergabe von neuen Werkbeiträgen begonnen. Unter dem Titel Get Going! werden kreative und künstlerische Prozesse finanziell angestossen, die sich ausserhalb der gängigen Kategorien befinden. In einer Porträtserie stellen wir die Empfängerinnen und Empfänger dieser Get Going!-Beiträge vor.

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Klangraumvermesser und Raumklangforscher

Der Saxophonist Bertrand Denzler arbeitet im Spannungsfeld zwischen Improvisation und Komposition an immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Nun beabsichtigt der 55-jährige Genfer mit Wohnsitz Paris anhand einer «wandernden Residenz» die Grenzen seines künstlerischen Dialogs mit anderen weiter auszudehnen. Die FONDATION SUISA unterstützt dieses Vorhaben finanziell mit einem Get Going!-Beitrag. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Bertrand Denzler: Klangraumvermesser und Raumklangforscher

Bertrand Denzler (Foto: Dmitry Shubin)

Unermüdlich, vielseitig und umtriebig sind nur drei Umschreibungen, wie man das künstlerische Wirken von Bertrand Denzler charakterisieren könnte. Wer sich auf seiner Website umsieht, fühlt sich erstmal ob der schieren Menge seiner Projekte und Formationen erschlagen. Denzler lacht: «Ich habe mittlerweile das Ganze etwas übersichtlicher gebündelt». In der Tat: Auf den zweiten Blick macht alles Sinn. Und wer in der Folge in die online verfügbaren Sounds eintaucht, kann sich Denzlers künstlerischer Vision kaum mehr entziehen. Die fein austarierten Klangskulpturen scheinen im ersten Moment eine einladende Einfachheit zu offenbaren. Doch dahinter lauert eine fast hypnotische Komplexität mit ungeheurer Sogwirkung.

«In meinen Kompositionen geht es nicht primär um die narrative Form, sondern um die innere Struktur. Deshalb erscheinen die Stücke relativ einfach, obwohl sie nicht einfach zu spielen sind. Der Musiker soll nicht von allzu vielen Ideen abgelenkt werden, er soll sich voll und ganz auf den Klang und dessen Präzision konzentrieren können», erklärt Denzler seine Absicht.

Er bezeichnet seine prozessorientierten Kompositionen als Raum. Meist sind sie nicht traditionell notiert, sondern in ihrer Struktur vorgegeben. «Ich will, dass man als Musiker involviert ist, mitdenken muss», betont Denzler. Und fügt an: «Oft ist bloss die zeitliche Struktur festgelegt, nicht aber die rhythmische. Die vorgegebenen Regeln lassen immer sehr viele Möglichkeiten offen.»

Denzler praktiziert dieses Vermessen des Raumes mit der gleichzeitigen Erforschung des Raumklangs mit verschiedensten Formationen, darunter das Trio Sowari, Hubbub, Denzler-Gerbal-Dörner, The Seen, Onceim oder Denzler-Grip-Johansson. Gleichzeitig bricht er auch immer wieder aus, improvisiert als Gastmusiker in Formationen wie Jonas Kocher’s internationalem Šalter Ensemble, im Duo mit Hans Koch oder ganz einfach solo.

Sein Lebenslauf, meint Denzler, sei eigentlich ziemlich typisch für einen europäischen Musiker seiner Generation. Angefangen hat dies mit klassischer Musik und gleichzeitigem privaten Hören von Pop und Rock. Der pure Wissensdurst hat ihn aber auch relativ rasch mit den verschiedensten Arten, wie auf dieser Welt musiziert wird, bekannt gemacht. «Und irgendwann», so Denzler, «wurde der Jazz zu meiner Hauptbeschäftigung, weil mich die Improvisation, also die Umsetzung des Denkens in Echtzeit, fasziniert hat.»

Auf den Jazz folgte die freie Musik, auch wenn Denzler heute noch von der Philosophie und dem improvisatorischen Ansatz von Grössen wie Albert Ayler und John Coltrane beeindruckt und wohl auch weiterhin beeinflusst ist. Im Gegensatz zu vielen Improvisatoren, die – wenn sie sich mal vom kompositorischen Ansatz abgewandt haben – nie mehr zurückkehren, hat Denzler für sich jenen Raum gefunden, der sich architektonisch aus dem Spannungsfeld von Improvisation und Komposition immer wieder aufs Neue bilden kann. «In den letzten zehn Jahren kam in mir das Gefühl auf, dass ich im immer gleichen System improvisiere. Ich hatte plötzlich wieder das Bedürfnis, innerhalb meiner Musik Strukturen aufzubauen.»

Die künstlerische Vision Denzlers ist nicht nur im übertragenen Sinne eine Art Forschungsreise: Er möchte diesen «Raum» als «wandernde Residenz» an geographisch unterschiedliche Orte tragen, um dort andere Musikerinnen und Musiker zu treffen und gemeinsam mit ihnen neue Musik entstehen zu lassen. Das Vorhaben scheiterte bislang nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch weil ein solch offenes Projekt nicht den Rahmenbedingungen herkömmlicher Förderpolitik entspricht. Die Anstossfinanzierung durch den Get Going!-Beitrag der FONDATION SUISA macht die Umsetzung nun möglich, weil – so Denzler – «sie es mir erlaubt, der Kreativität zu folgen anstelle einer vordefinierten Bedingung.» Strahlend fügt er noch hinzu, es sei, als wäre der Werkbeitrag auf ihn zugeschnitten worden. Und in der Tat erinnert er in seiner Definition fast an eine Denzlersche Komposition, in der die vom Urheber definierten Strukturen noch ungeahnte Möglichkeiten offen lassen …

www.bertranddenzler.com

2018 hat die FONDATION SUISA mit der Vergabe von neuen Werkbeiträgen begonnen. Unter dem Titel Get Going! werden kreative und künstlerische Prozesse finanziell angestossen, die sich ausserhalb der gängigen Kategorien befinden. In einer Porträtserie stellen wir die Empfängerinnen und Empfänger dieser Get Going!-Beiträge vor.

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SUISA-Mitglieder können sich für das SUISA Songwriting Camp 2019 bewerben | mit Video

Das dritte SUISA Songwriting Camp findet vom 24. bis 26. Juni 2019 in den Powerplay Studios in Maur bei Zürich statt. Ausschliesslich für SUISA-Mitglieder besteht die Möglichkeit, sich für eine Teilnahme zu bewerben. Die von der SUISA in Zusammenarbeit mit Pele Loriano Productions organisierte Veranstaltung brachte bereits mehrere international erfolgreiche Popsongs hervor. Mit «She Got Me», gesungen und mitkomponiert von Luca Hänni, wurde zuletzt zum zweiten Mal in Folge ein Song aus SUISA Songwriting Camp zum Schweizer ESC-Beitrag auserkoren. Text und Video von Manu Leuenberger

Mit dem SUISA Songwriting Camp bietet die SUISA einigen ihrer Mitglieder die Chance, Popsongs mit renommierten internationalen Produzenten und Songschreibern im Team zu komponieren. Das Schweizer Duo Aliose war am letzten SUISA Songwriting Camp mit dabei. Wie die beiden SUISA-Mitglieder ihre Teilnahme erlebt haben, schildern sie im Video.

Wer am Songwriting Camp teilnehmen will, muss über gefestigte musikalische Kenntnisse verfügen, unter Zeitdruck eine kreative Leistung von hohem Niveau abliefern können und für Kritik und Austausch mit den Mitkomponistinnen und Mitkomponisten offen sein.

Die anspruchsvolle Aufgabe ist: In einem Team bestehend aus drei bis fünf Personen innerhalb eines Tages nach Vorgabe einen Popsong zu schreiben – dabei wird am Morgen mit einem leeren weissen Blatt begonnen, bis am Abend muss ein vollständiger Demotrack fertig sein.

Popsongs mit Hitpotential

Der musikalische Stil der Songs kann alle Ausprägungen des zeitgemässen Pop umfassen, der auch in der Hitparade, auf Streamingplattformen oder in Radio/TV erfolgreich sein könnte. Denn die Songs sollen zum einen Verlagen und Interpreten angeboten werden oder zum anderen auch für den Eurovision Song Contest verwendbar sein.

Am SUISA Songwriting Camp 2018 hatten 36 Musikschaffende aus dem In- und Ausland teilgenommen. Von den 19 Songs, die bei der letztjährigen Durchführung entstanden, haben zwei Kompositionen mittlerweile internationale Bekanntheit erlangt: Die Stücke «She Got Meۛ» als auch «Sister» stehen für die Schweiz respektive für Deutschland in der Endrunde des Eurovision Song Contest 2019 in Tel Aviv.

Bewerbungen für das SUISA Songwriting Camp 2019

Das dritte SUISA Songwriting Camp findet statt vom 24. bis 26. Juni 2019 in den Powerplay Studios in Maur bei Zürich. Organisiert wird die Veranstaltung von der SUISA in Zusammenarbeit mit Pele Loriano Productions. Pele Loriano Productions ist im Auftrag der SUISA für die künstlerische Leitung des Songwriting Camps zuständig.

SUISA-Mitglieder können sich für eine Teilnahme am SUISA Songwriting Camp 2019 bewerben. Du bist Produzentin oder Produzent, Songwriterin oder Songwriter (Topliner), Textautorin oder Textautorin und du glaubst, die Anforderungen in Bezug auf musikalisches Handwerk und Fähigkeiten zu erfüllen? Dann schicke uns deine Bewerbung, die Folgendes enthalten sollte:

  • eine Kurzbiographie;
  • aussagekräftige Referenzsongs (mp3-Dateien oder Internet-Links);
  • Kontaktangaben.

Die Bewerbungen sind per Mail zu schicken an die Adresse: songwritingcamp (at) suisa (dot) ch
Einsendeschluss für Bewerbungen ist am: Montag, 22. April 2019

Wichtig: Über dieses Bewerbungsverfahren werden ausschliesslich Teilnahmeplätze an SUISA-Mitglieder vergeben. Wer sich bewirbt, sollte gewährleisten können, dass er an einem oder mehreren der Veranstaltungstage (24. – 26. Juni 2019) für eine Teilnahme zur Verfügung steht.

Termine und Auswahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Die Auswahl aller Künstlerinnen und Künstler, die zum Camp eingeladen werden, erfolgt durch die künstlerische Leitung. Eine geeignete Zusammensetzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist für den kreativen Erfolg der «Songwriting sessions» von entscheidender Bedeutung.

Zusagen respektive Einladungen und weitere Informationen zur Teilnahme am SUISA Songwriting Camp 2019 werden bis am 31. Mai 2019 persönlich durch den künstlerischen Leiter mitgeteilt.

Es werden keine Absagen verschickt. Wer bis zum 31. Mai 2019 keine Zusage erhalten hat, konnte für die Teilnahme am Songwriting Camp 2019 nicht berücksichtigt werden.

Voraussichtlich wird die Anzahl der Bewerbungen die Zahl der zur Verfügung Teilnahmeplätze um ein Vielfaches übersteigen. Zu beachten ist, dass durch die Bewerbung zu keiner Zeit ein Anspruch auf eine Teilnahme entsteht. Über die Platzvergabe wird ausserdem keine Korrespondenz geführt. Zur Durchführung von weiteren von der SUISA unterstützten Songwriting Camps können derzeit noch keine Angaben gemacht werden.

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Eurovision Song Contest: Song aus dem SUISA Songwriting Camp in der deutschen VorausscheidungEurovision Song Contest: Song aus dem SUISA Songwriting Camp in der deutschen Vorausscheidung | mit Video Erfolg für das SUISA Songwriting Camp: Der Song «Sister» aus dem letztjährigen Camp steht im deutschen ESC-Vorfinal. Das Stück wurde von einem internationalen Songwriting-Team bestehend aus Marine Kaltenbacher, Laurell Barker, Tom Oehler und Thomas Stengaard komponiert und produziert. Weiterlesen
Doppelmitgliedschaften: SUISA, and else?Doppelmitgliedschaften: SUISA, and else? Die SUISA nimmt die Rechte für ihre Mitglieder weltweit wahr. Den Aufwand und Ertrag einer Mitgliedschaft bei mehreren Urheberrechtsgesellschaften gilt es sorgfältig zu überprüfen und abzuwägen. Auch wer ausserhalb der Schweiz oder des Fürstentums Liechtenstein wohnt, kann Mitglied bei der SUISA sein. Ebenso ist es möglich, zusätzlich zur Mitgliedschaft bei der SUISA bei anderen Verwertungsgesellschaften Mitglied zu sein. Was es bei sogenannten Doppelmitgliedschaften zu beachten gibt, kann man in den folgenden Fragen und Antworten erfahren. Weiterlesen
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  1. Busseniers sagt:

    J ai eu la chance d avoir un feedback de Jeroen Swinnen, le belge, ce qui m a permis de bien evoluer
    C est egalement , a Jeroen Swinnen, que j ai achete le digidesign pro tools ,
    Merveilleux engin
    Bonne journee a Vous
    Christian Busseniers

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Das dritte SUISA Songwriting Camp findet vom 24. bis 26. Juni 2019 in den Powerplay Studios in Maur bei Zürich statt. Ausschliesslich für SUISA-Mitglieder besteht die Möglichkeit, sich für eine Teilnahme zu bewerben. Die von der SUISA in Zusammenarbeit mit Pele Loriano Productions organisierte Veranstaltung brachte bereits mehrere international erfolgreiche Popsongs hervor. Mit «She Got Me», gesungen und mitkomponiert von Luca Hänni, wurde zuletzt zum zweiten Mal in Folge ein Song aus SUISA Songwriting Camp zum Schweizer ESC-Beitrag auserkoren. Text und Video von Manu Leuenberger

Mit dem SUISA Songwriting Camp bietet die SUISA einigen ihrer Mitglieder die Chance, Popsongs mit renommierten internationalen Produzenten und Songschreibern im Team zu komponieren. Das Schweizer Duo Aliose war am letzten SUISA Songwriting Camp mit dabei. Wie die beiden SUISA-Mitglieder ihre Teilnahme erlebt haben, schildern sie im…Weiterlesen

Michel Legrand: ein Leben für die Musik

Michel Legrand ist am 26. Januar 2019 im Alter von 86 Jahren gestorben. In seiner 60-jährigen Karriere erlangte der Komponist Weltruhm. Der Meister mit dem feurigen Temperament lebte in strengem Rhythmus. Nachruf von Bertrand Liechti, Mitglied des SUISA-Vorstands

Michel Legrand: ein Leben für die Musik

Michel Legrand, hier in einer Aufnahme vom 17. Mai 2017 vor der Eröffnungszeremonie der Filmfestspiele in Cannes, war SUISA-Mitglied seit 1998. (Foto: Regis Duvignau / Reuters)

Er wurde 1932 im Pariser Quartier Menilmontant in eine Musikerfamilie geboren: Sein Vater, Raymond Legrand, war Komponist und Orchesterleiter, und der Orchesterdirigent Jacques Hélian (Der Mikaëlian) war sein Onkel. Am Konservatorium studierte Legrand Klavier, Trompete und Komposition in der Klasse von Nadia Boulanger. Er entdeckte seine Leidenschaft für Jazz und nahm 1958 sogar ein Album in New York auf, was ihn mit den Jazzgrössen Chet Baker, Miles Davis und John Coltrane zusammenführte. Zu jener Zeit eroberte die Nouvelle Vague des französischen Films definitiv die Leinwände: Legrand arbeitete mit Jean Luc Godard, Claude Chabrol, Jean Paul Rappeneau.

In den 1960er-Jahren begegnete Michel Legrand auch Jacques Demy, mit dem er sich für neun Filme zusammentat, darunter «Les Parapluies de Cherbourg» (1964), der in Cannes eine Goldene Palme erhielt, «Les Demoiselles de Rochefort» (1967) und «Peau d’Âne» (1970). Übrigens entstanden Drehbuch, Text und Musik von «Les Parapluies de Cherbourg» und «Les Demoiselles de Rochefort» im Walliser Kurort Verbier.

«Ein Gigant der Musik und ein genialer Komponist, Jazzer und Dirigent!»

Michel Legrands Weg führte ihn anschliessend nach Hollywood, wo er in den folgenden Jahren drei Oscars erhielt: für die Originalmusik in «Thomas Crown ist nicht zu fassen» («The Thomas Crown Affair»,1969) von Norman Jewison, mit dem Hit «The Windmills of Your Mind»; 1972 für «Summer of ’42» von Robert Mulligan und 1984 für «Yentl» von Barbra Streisand. Ausserdem machte er Tonaufnahmen mit internationalen Stars wie Frank Sinatra, Charles Aznavour, Ella Fitzgerald, Claude Nougaro und später auch mit Nathalie Dessay.

Ich hatte das Privileg, im März 2018 für Netflix mit der Supervision seiner Komposition für den letzten – unveröffentlichten – Film von Orson Wells, «The Other Side of the Wind», betraut zu werden. Dazu eine kleine Anekdote: Die Erben des grossen amerikanischen Cineasten hatten in einem Notizbuch zum unvollendeten Film eine Randbemerkung entdeckt – einem Befehl aus dem Jenseits gleich: «Michel Legrand anrufen!»

Nach 20-jähriger Zusammenarbeit mit Michel Legrand wird er mir als Gigant der Musik und als genialer Komponist, Jazzer und Dirigent in Erinnerung bleiben!

www.michellegrandofficial.com

Michel Legrand trat 1998 der SUISA als Mitglied bei. Im Jahr 2002 wurde der französische Komponist im Rahmen des Filmfestivals Locarno von der FONDATION SUISA, der Musikförderstiftung der SUISA, für sein Lebenswerk geehrt.
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Michel Legrand ist am 26. Januar 2019 im Alter von 86 Jahren gestorben. In seiner 60-jährigen Karriere erlangte der Komponist Weltruhm. Der Meister mit dem feurigen Temperament lebte in strengem Rhythmus. Nachruf von Bertrand Liechti, Mitglied des SUISA-Vorstands

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Michel Legrand, hier in einer Aufnahme vom 17. Mai 2017 vor der Eröffnungszeremonie der Filmfestspiele in Cannes, war SUISA-Mitglied seit 1998. (Foto: Regis Duvignau / Reuters)

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«Get Going!»-Beiträge und «Carte Blanche» erstmals vergeben

Im Rahmen ihrer neuen Förderpolitik hat die FONDATION SUISA erstmals vier «Get Going!»-Beiträge sowie eine «Carte Blanche» vergeben. Eine «Get Going!»-Anstossfinanzierung von je 25 000 Franken erhalten Beat Gysin, Bertrand Denzler, Michael Künstle und das Duo Eclecta. Die alle zwei Jahre vergebene «Carte Blanche» von 80 000 Franken geht an Cécile Marti. Text von FONDATION SUISA

FONDATION SUISA: «Get Going!»-Beiträge und «Carte Blanche» erstmals vergeben

Die Komponistin Cécile Marti erhält die alle zwei Jahre vergebene «Carte Blanche» der FONDATION SUISA. (Foto: Ingo Höhn)

In der neuen Förderpolitik der FONDATION SUISA geht es darum, auf die sich rasch wandelnden Musikszenen zu reagieren. Im «Dazwischen», also abseits gängiger Genre-, Alters- oder Projektkategorien finden kreative und künstlerische Prozesse statt, die beim gängigen Gesuchswesen zwischen Stuhl und Bank zu fallen drohen.

Deshalb wurden im Juni erstmals vier «Get Going!»-Beiträge zu je 25 000 Franken ausgeschrieben. «Mit dieser jährlichen Ausschreibung versuchen wir, kreative Orte und künstlerische Visionen auszumachen, die es verdienen, gefördert zu werden», sagt Urs Schnell, Direktor der FONDATION SUISA. «Deshalb ist die Ausschreibung auch bewusst offen gehalten.»

Mit über 90 eingereichten Gesuchen sind die «Get Going!»-Beiträge bei den Musikschaffenden auf viel Resonanz gestossen. «Die Fachjury hat es sich nicht einfach gemacht, aus den vielen hoch interessanten Anfragen vier Empfängerinnen und Empfänger auszuwählen», so Schnell. In der Beschreibung der nun geförderten künstlerischen Absichten lässt sich sehr gut ablesen, um was es bei dieser Art der Anstossfinanzierung geht. «Letztlich geht es auch in der Musik immer wieder darum, neue Welten zu erforschen, Dinge hör- und sichtbar zu machen, neue Perspektiven auszuloten», meint Schnell.

«Get Going!»-Beiträge 2018

So kreiert etwa der Komponist Beat Gysin im Rahmen seiner «Leichtbautenreihe» architektonische Räume, in denen ungewohnte Hörsituationen eine neue Wahrnehmung von Musik ermöglichen. Gysin forscht so nach den dynamischen Möglichkeiten, die sich in der Beziehung zwischen Raum, Musik sowie Empfänger/Hörer ergeben.

Um «Raum» geht es auch Michael Künstle. Der Komponist von Film- und Konzertmusik paart orchestrale Tradition mit moderner kompositorischer sowie aufnahmetechnischer Innovation, um so eine Raum-Komposition zu schaffen, die als dreidimensionales Hörerlebnis zugänglich wird.

Saxophonist und Komponist Bertrand Denzler wiederum ortet neue kompositorische Möglichkeiten in der bewussten Nicht-Verortung seines Schaffens. Er versucht mit einer «wandernden Residenz» improvisatorisch und kompositorisch den Austausch mit fremden Kulturen. Der stete Dialog mit sich wandelnden Einflüssen soll jenen Weg aufzeigen, der am Ende in kompositorischen Resultaten mündet.

Und Andrina Bollinger und Marena Whitcher wandeln als Duo Eclecta durch interdisziplinäres Gelände. Als Sängerinnen, Performerinnen, Multiinstrumentalistinnen, Produzentinnen und Komponistinnen kollaborieren sie unentwegt mit anderen Künsten, um neue hör-, sicht- und fühlbare Erlebniswelten zu erschaffen.

«Carte Blanche» an Cécile Marti

Die «Carte Blanche» in der Höhe von 80 000 Franken, die nicht ausgeschrieben, sondern alle zwei Jahre direkt von einer Fachjury vergeben wird, soll es Musikschaffenden erlauben, sich ohne finanziellen Druck auf seine oder ihre künstlerische Weiterentwicklung zu konzentrieren.

Wer in den letzten Jahren den kreativen Weg von Cécile Marti verfolgt hat, weiss, dass die aus dem Kanton Zürich stammende Künstlerin eine würdige Empfängerin dieser «Carte Blanche» ist. Vor allem ihr Orchesterzyklus «Seven Towers», in 7 Teilen und für 120 Musiker, der 2016 durch das SOBS in Biel uraufgeführt wurde und seit seiner Entstehung auch durch das Berner Symphonieorchester, der Geneva Camerata und der Sinfonietta Basel gespielt wurde, sorgte für Aufsehen.

Parallel dazu doktorierte Marti mit einer Arbeit, die sich mit musikalischen Zeitverläufen befasst. Die «Carte Blanche» ermöglicht es ihr nun, die initiierte Forschung auf diesem Gebiet in einen künstlerischen Kontext zu stellen. Die erforschten Zeitverläufe sollen mit Hilfe eines Balletts und in skulpturaler Form (Marti ist auch Steinbildhauerin) sichtbar gemacht werden.

www.fondation-suisa.ch

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