Tagarchiv: Komponist

Klangraumvermesser und Raumklangforscher

Der Saxophonist Bertrand Denzler arbeitet im Spannungsfeld zwischen Improvisation und Komposition an immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Nun beabsichtigt der 55-jährige Genfer mit Wohnsitz Paris anhand einer «wandernden Residenz» die Grenzen seines künstlerischen Dialogs mit anderen weiter auszudehnen. Die FONDATION SUISA unterstützt dieses Vorhaben finanziell mit einem Get Going!-Beitrag. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Bertrand Denzler: Klangraumvermesser und Raumklangforscher

Bertrand Denzler (Foto: Dmitry Shubin)

Unermüdlich, vielseitig und umtriebig sind nur drei Umschreibungen, wie man das künstlerische Wirken von Bertrand Denzler charakterisieren könnte. Wer sich auf seiner Website umsieht, fühlt sich erstmal ob der schieren Menge seiner Projekte und Formationen erschlagen. Denzler lacht: «Ich habe mittlerweile das Ganze etwas übersichtlicher gebündelt». In der Tat: Auf den zweiten Blick macht alles Sinn. Und wer in der Folge in die online verfügbaren Sounds eintaucht, kann sich Denzlers künstlerischer Vision kaum mehr entziehen. Die fein austarierten Klangskulpturen scheinen im ersten Moment eine einladende Einfachheit zu offenbaren. Doch dahinter lauert eine fast hypnotische Komplexität mit ungeheurer Sogwirkung.

«In meinen Kompositionen geht es nicht primär um die narrative Form, sondern um die innere Struktur. Deshalb erscheinen die Stücke relativ einfach, obwohl sie nicht einfach zu spielen sind. Der Musiker soll nicht von allzu vielen Ideen abgelenkt werden, er soll sich voll und ganz auf den Klang und dessen Präzision konzentrieren können», erklärt Denzler seine Absicht.

Er bezeichnet seine prozessorientierten Kompositionen als Raum. Meist sind sie nicht traditionell notiert, sondern in ihrer Struktur vorgegeben. «Ich will, dass man als Musiker involviert ist, mitdenken muss», betont Denzler. Und fügt an: «Oft ist bloss die zeitliche Struktur festgelegt, nicht aber die rhythmische. Die vorgegebenen Regeln lassen immer sehr viele Möglichkeiten offen.»

Denzler praktiziert dieses Vermessen des Raumes mit der gleichzeitigen Erforschung des Raumklangs mit verschiedensten Formationen, darunter das Trio Sowari, Hubbub, Denzler-Gerbal-Dörner, The Seen, Onceim oder Denzler-Grip-Johansson. Gleichzeitig bricht er auch immer wieder aus, improvisiert als Gastmusiker in Formationen wie Jonas Kocher’s internationalem Šalter Ensemble, im Duo mit Hans Koch oder ganz einfach solo.

Sein Lebenslauf, meint Denzler, sei eigentlich ziemlich typisch für einen europäischen Musiker seiner Generation. Angefangen hat dies mit klassischer Musik und gleichzeitigem privaten Hören von Pop und Rock. Der pure Wissensdurst hat ihn aber auch relativ rasch mit den verschiedensten Arten, wie auf dieser Welt musiziert wird, bekannt gemacht. «Und irgendwann», so Denzler, «wurde der Jazz zu meiner Hauptbeschäftigung, weil mich die Improvisation, also die Umsetzung des Denkens in Echtzeit, fasziniert hat.»

Auf den Jazz folgte die freie Musik, auch wenn Denzler heute noch von der Philosophie und dem improvisatorischen Ansatz von Grössen wie Albert Ayler und John Coltrane beeindruckt und wohl auch weiterhin beeinflusst ist. Im Gegensatz zu vielen Improvisatoren, die – wenn sie sich mal vom kompositorischen Ansatz abgewandt haben – nie mehr zurückkehren, hat Denzler für sich jenen Raum gefunden, der sich architektonisch aus dem Spannungsfeld von Improvisation und Komposition immer wieder aufs Neue bilden kann. «In den letzten zehn Jahren kam in mir das Gefühl auf, dass ich im immer gleichen System improvisiere. Ich hatte plötzlich wieder das Bedürfnis, innerhalb meiner Musik Strukturen aufzubauen.»

Die künstlerische Vision Denzlers ist nicht nur im übertragenen Sinne eine Art Forschungsreise: Er möchte diesen «Raum» als «wandernde Residenz» an geographisch unterschiedliche Orte tragen, um dort andere Musikerinnen und Musiker zu treffen und gemeinsam mit ihnen neue Musik entstehen zu lassen. Das Vorhaben scheiterte bislang nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch weil ein solch offenes Projekt nicht den Rahmenbedingungen herkömmlicher Förderpolitik entspricht. Die Anstossfinanzierung durch den Get Going!-Beitrag der FONDATION SUISA macht die Umsetzung nun möglich, weil – so Denzler – «sie es mir erlaubt, der Kreativität zu folgen anstelle einer vordefinierten Bedingung.» Strahlend fügt er noch hinzu, es sei, als wäre der Werkbeitrag auf ihn zugeschnitten worden. Und in der Tat erinnert er in seiner Definition fast an eine Denzlersche Komposition, in der die vom Urheber definierten Strukturen noch ungeahnte Möglichkeiten offen lassen …

www.bertranddenzler.com

2018 hat die FONDATION SUISA mit der Vergabe von neuen Werkbeiträgen begonnen. Unter dem Titel Get Going! werden kreative und künstlerische Prozesse finanziell angestossen, die sich ausserhalb der gängigen Kategorien befinden. In einer Porträtserie stellen wir die Empfängerinnen und Empfänger dieser Get Going!-Beiträge vor.

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20 000 Franken und ein imaginäres Kompositionsprojekt20 000 Franken und ein imaginäres Kompositionsprojekt Über das kreative Schaffen zu diskutieren, ist alles andere als einfach. Der Verein Jazzy Jams und die SUISA haben sich deshalb anlässlich des Festivals Jazz in Bess in Lugano etwas Besonderes einfallen lassen. Die Tessiner Komponistin Maria Bonzanigo und die Komponisten Pietro Viviani und Damiano Merzari erarbeiteten vor Publikum ein imaginäres Kompositionsprojekt. Das Ergebnis war äusserst spannend und nahm die Zuschauer mit auf die Reise in die Gedankenwelt von Urhebern. Weiterlesen
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Der Saxophonist Bertrand Denzler arbeitet im Spannungsfeld zwischen Improvisation und Komposition an immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Nun beabsichtigt der 55-jährige Genfer mit Wohnsitz Paris anhand einer «wandernden Residenz» die Grenzen seines künstlerischen Dialogs mit anderen weiter auszudehnen. Die FONDATION SUISA unterstützt dieses Vorhaben finanziell mit einem Get Going!-Beitrag. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Bertrand Denzler: Klangraumvermesser und Raumklangforscher

Bertrand Denzler (Foto: Dmitry Shubin)

Unermüdlich, vielseitig und umtriebig sind nur drei Umschreibungen, wie man das künstlerische Wirken von Bertrand Denzler charakterisieren könnte. Wer sich auf seiner Website umsieht, fühlt sich erstmal ob der schieren Menge seiner Projekte und Formationen erschlagen. Denzler lacht: «Ich habe mittlerweile das Ganze etwas übersichtlicher gebündelt». In der Tat: Auf den zweiten Blick macht alles Sinn. Und wer in der Folge in die online verfügbaren Sounds eintaucht, kann sich Denzlers künstlerischer Vision kaum mehr entziehen. Die fein…Weiterlesen

SUISA-Mitglieder können sich für das SUISA Songwriting Camp 2019 bewerben | mit Video

Das dritte SUISA Songwriting Camp findet vom 24. bis 26. Juni 2019 in den Powerplay Studios in Maur bei Zürich statt. Ausschliesslich für SUISA-Mitglieder besteht die Möglichkeit, sich für eine Teilnahme zu bewerben. Die von der SUISA in Zusammenarbeit mit Pele Loriano Productions organisierte Veranstaltung brachte bereits mehrere international erfolgreiche Popsongs hervor. Mit «She Got Me», gesungen und mitkomponiert von Luca Hänni, wurde zuletzt zum zweiten Mal in Folge ein Song aus SUISA Songwriting Camp zum Schweizer ESC-Beitrag auserkoren. Text und Video von Manu Leuenberger

Mit dem SUISA Songwriting Camp bietet die SUISA einigen ihrer Mitglieder die Chance, Popsongs mit renommierten internationalen Produzenten und Songschreibern im Team zu komponieren. Das Schweizer Duo Aliose war am letzten SUISA Songwriting Camp mit dabei. Wie die beiden SUISA-Mitglieder ihre Teilnahme erlebt haben, schildern sie im Video.

Wer am Songwriting Camp teilnehmen will, muss über gefestigte musikalische Kenntnisse verfügen, unter Zeitdruck eine kreative Leistung von hohem Niveau abliefern können und für Kritik und Austausch mit den Mitkomponistinnen und Mitkomponisten offen sein.

Die anspruchsvolle Aufgabe ist: In einem Team bestehend aus drei bis fünf Personen innerhalb eines Tages nach Vorgabe einen Popsong zu schreiben – dabei wird am Morgen mit einem leeren weissen Blatt begonnen, bis am Abend muss ein vollständiger Demotrack fertig sein.

Popsongs mit Hitpotential

Der musikalische Stil der Songs kann alle Ausprägungen des zeitgemässen Pop umfassen, der auch in der Hitparade, auf Streamingplattformen oder in Radio/TV erfolgreich sein könnte. Denn die Songs sollen zum einen Verlagen und Interpreten angeboten werden oder zum anderen auch für den Eurovision Song Contest verwendbar sein.

Am SUISA Songwriting Camp 2018 hatten 36 Musikschaffende aus dem In- und Ausland teilgenommen. Von den 19 Songs, die bei der letztjährigen Durchführung entstanden, haben zwei Kompositionen mittlerweile internationale Bekanntheit erlangt: Die Stücke «She Got Meۛ» als auch «Sister» stehen für die Schweiz respektive für Deutschland in der Endrunde des Eurovision Song Contest 2019 in Tel Aviv.

Bewerbungen für das SUISA Songwriting Camp 2019

Das dritte SUISA Songwriting Camp findet statt vom 24. bis 26. Juni 2019 in den Powerplay Studios in Maur bei Zürich. Organisiert wird die Veranstaltung von der SUISA in Zusammenarbeit mit Pele Loriano Productions. Pele Loriano Productions ist im Auftrag der SUISA für die künstlerische Leitung des Songwriting Camps zuständig.

SUISA-Mitglieder können sich für eine Teilnahme am SUISA Songwriting Camp 2019 bewerben. Du bist Produzentin oder Produzent, Songwriterin oder Songwriter (Topliner), Textautorin oder Textautorin und du glaubst, die Anforderungen in Bezug auf musikalisches Handwerk und Fähigkeiten zu erfüllen? Dann schicke uns deine Bewerbung, die Folgendes enthalten sollte:

  • eine Kurzbiographie;
  • aussagekräftige Referenzsongs (mp3-Dateien oder Internet-Links);
  • Kontaktangaben.

Die Bewerbungen sind per Mail zu schicken an die Adresse: songwritingcamp (at) suisa (dot) ch
Einsendeschluss für Bewerbungen ist am: Montag, 22. April 2019

Wichtig: Über dieses Bewerbungsverfahren werden ausschliesslich Teilnahmeplätze an SUISA-Mitglieder vergeben. Wer sich bewirbt, sollte gewährleisten können, dass er an einem oder mehreren der Veranstaltungstage (24. – 26. Juni 2019) für eine Teilnahme zur Verfügung steht.

Termine und Auswahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Die Auswahl aller Künstlerinnen und Künstler, die zum Camp eingeladen werden, erfolgt durch die künstlerische Leitung. Eine geeignete Zusammensetzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist für den kreativen Erfolg der «Songwriting sessions» von entscheidender Bedeutung.

Zusagen respektive Einladungen und weitere Informationen zur Teilnahme am SUISA Songwriting Camp 2019 werden bis am 31. Mai 2019 persönlich durch den künstlerischen Leiter mitgeteilt.

Es werden keine Absagen verschickt. Wer bis zum 31. Mai 2019 keine Zusage erhalten hat, konnte für die Teilnahme am Songwriting Camp 2019 nicht berücksichtigt werden.

Voraussichtlich wird die Anzahl der Bewerbungen die Zahl der zur Verfügung Teilnahmeplätze um ein Vielfaches übersteigen. Zu beachten ist, dass durch die Bewerbung zu keiner Zeit ein Anspruch auf eine Teilnahme entsteht. Über die Platzvergabe wird ausserdem keine Korrespondenz geführt. Zur Durchführung von weiteren von der SUISA unterstützten Songwriting Camps können derzeit noch keine Angaben gemacht werden.

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Eurovision Song Contest: Song aus dem SUISA Songwriting Camp in der deutschen VorausscheidungEurovision Song Contest: Song aus dem SUISA Songwriting Camp in der deutschen Vorausscheidung | mit Video Erfolg für das SUISA Songwriting Camp: Der Song «Sister» aus dem letztjährigen Camp steht im deutschen ESC-Vorfinal. Das Stück wurde von einem internationalen Songwriting-Team bestehend aus Marine Kaltenbacher, Laurell Barker, Tom Oehler und Thomas Stengaard komponiert und produziert. Weiterlesen
Doppelmitgliedschaften: SUISA, and else?Doppelmitgliedschaften: SUISA, and else? Die SUISA nimmt die Rechte für ihre Mitglieder weltweit wahr. Den Aufwand und Ertrag einer Mitgliedschaft bei mehreren Urheberrechtsgesellschaften gilt es sorgfältig zu überprüfen und abzuwägen. Auch wer ausserhalb der Schweiz oder des Fürstentums Liechtenstein wohnt, kann Mitglied bei der SUISA sein. Ebenso ist es möglich, zusätzlich zur Mitgliedschaft bei der SUISA bei anderen Verwertungsgesellschaften Mitglied zu sein. Was es bei sogenannten Doppelmitgliedschaften zu beachten gibt, kann man in den folgenden Fragen und Antworten erfahren. Weiterlesen
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  1. Busseniers sagt:

    J ai eu la chance d avoir un feedback de Jeroen Swinnen, le belge, ce qui m a permis de bien evoluer
    C est egalement , a Jeroen Swinnen, que j ai achete le digidesign pro tools ,
    Merveilleux engin
    Bonne journee a Vous
    Christian Busseniers

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Michel Legrand: ein Leben für die Musik

Michel Legrand ist am 26. Januar 2019 im Alter von 86 Jahren gestorben. In seiner 60-jährigen Karriere erlangte der Komponist Weltruhm. Der Meister mit dem feurigen Temperament lebte in strengem Rhythmus. Nachruf von Bertrand Liechti, Mitglied des SUISA-Vorstands

Michel Legrand: ein Leben für die Musik

Michel Legrand, hier in einer Aufnahme vom 17. Mai 2017 vor der Eröffnungszeremonie der Filmfestspiele in Cannes, war SUISA-Mitglied seit 1998. (Foto: Regis Duvignau / Reuters)

Er wurde 1932 im Pariser Quartier Menilmontant in eine Musikerfamilie geboren: Sein Vater, Raymond Legrand, war Komponist und Orchesterleiter, und der Orchesterdirigent Jacques Hélian (Der Mikaëlian) war sein Onkel. Am Konservatorium studierte Legrand Klavier, Trompete und Komposition in der Klasse von Nadia Boulanger. Er entdeckte seine Leidenschaft für Jazz und nahm 1958 sogar ein Album in New York auf, was ihn mit den Jazzgrössen Chet Baker, Miles Davis und John Coltrane zusammenführte. Zu jener Zeit eroberte die Nouvelle Vague des französischen Films definitiv die Leinwände: Legrand arbeitete mit Jean Luc Godard, Claude Chabrol, Jean Paul Rappeneau.

In den 1960er-Jahren begegnete Michel Legrand auch Jacques Demy, mit dem er sich für neun Filme zusammentat, darunter «Les Parapluies de Cherbourg» (1964), der in Cannes eine Goldene Palme erhielt, «Les Demoiselles de Rochefort» (1967) und «Peau d’Âne» (1970). Übrigens entstanden Drehbuch, Text und Musik von «Les Parapluies de Cherbourg» und «Les Demoiselles de Rochefort» im Walliser Kurort Verbier.

«Ein Gigant der Musik und ein genialer Komponist, Jazzer und Dirigent!»

Michel Legrands Weg führte ihn anschliessend nach Hollywood, wo er in den folgenden Jahren drei Oscars erhielt: für die Originalmusik in «Thomas Crown ist nicht zu fassen» («The Thomas Crown Affair»,1969) von Norman Jewison, mit dem Hit «The Windmills of Your Mind»; 1972 für «Summer of ’42» von Robert Mulligan und 1984 für «Yentl» von Barbra Streisand. Ausserdem machte er Tonaufnahmen mit internationalen Stars wie Frank Sinatra, Charles Aznavour, Ella Fitzgerald, Claude Nougaro und später auch mit Nathalie Dessay.

Ich hatte das Privileg, im März 2018 für Netflix mit der Supervision seiner Komposition für den letzten – unveröffentlichten – Film von Orson Wells, «The Other Side of the Wind», betraut zu werden. Dazu eine kleine Anekdote: Die Erben des grossen amerikanischen Cineasten hatten in einem Notizbuch zum unvollendeten Film eine Randbemerkung entdeckt – einem Befehl aus dem Jenseits gleich: «Michel Legrand anrufen!»

Nach 20-jähriger Zusammenarbeit mit Michel Legrand wird er mir als Gigant der Musik und als genialer Komponist, Jazzer und Dirigent in Erinnerung bleiben!

www.michellegrandofficial.com

Michel Legrand trat 1998 der SUISA als Mitglied bei. Im Jahr 2002 wurde der französische Komponist im Rahmen des Filmfestivals Locarno von der FONDATION SUISA, der Musikförderstiftung der SUISA, für sein Lebenswerk geehrt.
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Michel Legrand, hier in einer Aufnahme vom 17. Mai 2017 vor der Eröffnungszeremonie der Filmfestspiele in Cannes, war SUISA-Mitglied seit 1998. (Foto: Regis Duvignau / Reuters)

Er wurde 1932 im Pariser Quartier Menilmontant in eine Musikerfamilie geboren: Sein Vater, Raymond Legrand, war Komponist und Orchesterleiter, und der Orchesterdirigent Jacques Hélian (Der Mikaëlian) war sein Onkel. Am Konservatorium studierte Legrand Klavier, Trompete und Komposition in der Klasse von Nadia Boulanger. Er entdeckte seine Leidenschaft für Jazz und nahm 1958 sogar ein Album in New York auf, was ihn mit den Jazzgrössen Chet Baker, Miles Davis und…Weiterlesen

«Get Going!»-Beiträge und «Carte Blanche» erstmals vergeben

Im Rahmen ihrer neuen Förderpolitik hat die FONDATION SUISA erstmals vier «Get Going!»-Beiträge sowie eine «Carte Blanche» vergeben. Eine «Get Going!»-Anstossfinanzierung von je 25 000 Franken erhalten Beat Gysin, Bertrand Denzler, Michael Künstle und das Duo Eclecta. Die alle zwei Jahre vergebene «Carte Blanche» von 80 000 Franken geht an Cécile Marti. Text von FONDATION SUISA

FONDATION SUISA: «Get Going!»-Beiträge und «Carte Blanche» erstmals vergeben

Die Komponistin Cécile Marti erhält die alle zwei Jahre vergebene «Carte Blanche» der FONDATION SUISA. (Foto: Ingo Höhn)

In der neuen Förderpolitik der FONDATION SUISA geht es darum, auf die sich rasch wandelnden Musikszenen zu reagieren. Im «Dazwischen», also abseits gängiger Genre-, Alters- oder Projektkategorien finden kreative und künstlerische Prozesse statt, die beim gängigen Gesuchswesen zwischen Stuhl und Bank zu fallen drohen.

Deshalb wurden im Juni erstmals vier «Get Going!»-Beiträge zu je 25 000 Franken ausgeschrieben. «Mit dieser jährlichen Ausschreibung versuchen wir, kreative Orte und künstlerische Visionen auszumachen, die es verdienen, gefördert zu werden», sagt Urs Schnell, Direktor der FONDATION SUISA. «Deshalb ist die Ausschreibung auch bewusst offen gehalten.»

Mit über 90 eingereichten Gesuchen sind die «Get Going!»-Beiträge bei den Musikschaffenden auf viel Resonanz gestossen. «Die Fachjury hat es sich nicht einfach gemacht, aus den vielen hoch interessanten Anfragen vier Empfängerinnen und Empfänger auszuwählen», so Schnell. In der Beschreibung der nun geförderten künstlerischen Absichten lässt sich sehr gut ablesen, um was es bei dieser Art der Anstossfinanzierung geht. «Letztlich geht es auch in der Musik immer wieder darum, neue Welten zu erforschen, Dinge hör- und sichtbar zu machen, neue Perspektiven auszuloten», meint Schnell.

«Get Going!»-Beiträge 2018

So kreiert etwa der Komponist Beat Gysin im Rahmen seiner «Leichtbautenreihe» architektonische Räume, in denen ungewohnte Hörsituationen eine neue Wahrnehmung von Musik ermöglichen. Gysin forscht so nach den dynamischen Möglichkeiten, die sich in der Beziehung zwischen Raum, Musik sowie Empfänger/Hörer ergeben.

Um «Raum» geht es auch Michael Künstle. Der Komponist von Film- und Konzertmusik paart orchestrale Tradition mit moderner kompositorischer sowie aufnahmetechnischer Innovation, um so eine Raum-Komposition zu schaffen, die als dreidimensionales Hörerlebnis zugänglich wird.

Saxophonist und Komponist Bertrand Denzler wiederum ortet neue kompositorische Möglichkeiten in der bewussten Nicht-Verortung seines Schaffens. Er versucht mit einer «wandernden Residenz» improvisatorisch und kompositorisch den Austausch mit fremden Kulturen. Der stete Dialog mit sich wandelnden Einflüssen soll jenen Weg aufzeigen, der am Ende in kompositorischen Resultaten mündet.

Und Andrina Bollinger und Marena Whitcher wandeln als Duo Eclecta durch interdisziplinäres Gelände. Als Sängerinnen, Performerinnen, Multiinstrumentalistinnen, Produzentinnen und Komponistinnen kollaborieren sie unentwegt mit anderen Künsten, um neue hör-, sicht- und fühlbare Erlebniswelten zu erschaffen.

«Carte Blanche» an Cécile Marti

Die «Carte Blanche» in der Höhe von 80 000 Franken, die nicht ausgeschrieben, sondern alle zwei Jahre direkt von einer Fachjury vergeben wird, soll es Musikschaffenden erlauben, sich ohne finanziellen Druck auf seine oder ihre künstlerische Weiterentwicklung zu konzentrieren.

Wer in den letzten Jahren den kreativen Weg von Cécile Marti verfolgt hat, weiss, dass die aus dem Kanton Zürich stammende Künstlerin eine würdige Empfängerin dieser «Carte Blanche» ist. Vor allem ihr Orchesterzyklus «Seven Towers», in 7 Teilen und für 120 Musiker, der 2016 durch das SOBS in Biel uraufgeführt wurde und seit seiner Entstehung auch durch das Berner Symphonieorchester, der Geneva Camerata und der Sinfonietta Basel gespielt wurde, sorgte für Aufsehen.

Parallel dazu doktorierte Marti mit einer Arbeit, die sich mit musikalischen Zeitverläufen befasst. Die «Carte Blanche» ermöglicht es ihr nun, die initiierte Forschung auf diesem Gebiet in einen künstlerischen Kontext zu stellen. Die erforschten Zeitverläufe sollen mit Hilfe eines Balletts und in skulpturaler Form (Marti ist auch Steinbildhauerin) sichtbar gemacht werden.

www.fondation-suisa.ch

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Positives Echo auf den «SUISA-Tag» am Festival Murten Classics

Ein ganzer Tag lang zeitgenössische Musik stand am 25. August 2018 auf dem Programm des Festivals Murten Classics in der Konzertreihe «Offen für Neues». Der von der SUISA unterstützte Konzerttag wurde von Radio SRF 2 Kultur aufgezeichnet und stiess rundum auf positive Resonanz. Text von Manu Leuenberger

Belenus Quartett: Positives Echo auf den «SUISA-Tag» am Festival Murten Classics

Das Belenus Quartett interpretierte im dritten und letzten Konzert des «Offen für Neues»-Tages am 25. August 2018 am Festival Murten Classics Werke von Daniel Schnyder, Cécile Marti, Iris Szeghy und Marco Antonio Perez-Ramirez. (Foto: Willi Piller)

Das Programm an diesem aussergewöhnlichen Konzerttag am Festival Murten Classic begann früh: Bereits vor 10 Uhr morgens, rechtzeitig zum Eröffnungsreferat der Musikwissenschafterin Dr. Irène Minder-Jeanneret, trafen die Gäste zahlreich im Konzertsaal des KiB – Kultur im Beaulieu in Murten ein. Die Serie von drei Konzerten mit Werken von 13 zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten habe über die Grenzen der Region hinaus Interesse geweckt, konstatierten die «Freiburger Nachrichten» in einer zwei Tage später erschienenen Besprechnung des Anlasses: «Die Stühle im Kulturzentrum waren fast bis auf den letzten Platz besetzt.»

Der Festivalführer hatte den von der SUISA unterstützten Konzerttag in der Reihe «Offen für Neues» als «einen Tag der Begegnungen» angekündigt. Das Versprechen erfüllte sich an diesem Samstag, 25. August 2018, in mehrerer Hinsicht: Das Publikum konnte in der grossen Palette der aufgeführten Werke die klangliche Vielfalt der zeitgenössischen Kompositionen entdecken. Viele der Komponistinnen und Komponisten, deren Stücke gespielt wurden, waren persönlich nach Murten gereist und gaben in kurzen Einführungsgesprächen einen Einblick in ihre musikalische Gedanken- welt. Unter den anwesenden Musikschaffenden ergab sich in den Pausen zwischen den drei Konzerten ebenfalls ein reger Austausch.

Gut programmiert, interpretiert und integriert

Eine Idee des Tages sei gewesen, erklärte Roman Brotbeck, der als Moderator durch das Programm führte, «nicht mit Uraufführungen zu bluffen, sondern ein breites musikalisches Spektrum zu zeigen». Dieses Vorhaben hielt Andreas Zurbriggen in seinem Rückblick in der «Schweizer Musikzeitung» (Ausgabe September/Oktober 2018) für erfreulich – denn von Uraufführungen gäbe es anderweitig genug, was von Zweit- und Drittaufführungen zeitgenössischer Werke nicht gesagt werden könne – und ausserdem für gelungen, denn der künstlerische Leiter, Kaspar Zehnder, habe beim Zusammenstellen des Programms ein glückliches Händchen bewiesen und «unterschiedliche Welten aufeinander prallen lassen». «Und: Die Interpretationen, etwa des Belenus-Quartetts, des Pianisten Gilles Grimaître und des ‹Ensembles mit vier›, erreichten ein sehr hohes Niveau», schrieb der Rezensent an gleicher Stelle.

Es sei schön, «dass solche Experimente neben den populären Konzerten Platz im Festivalprogramm finden», lautete das abschliessende Fazit in der Besprechung des Konzerttages in den «Freiburger Nachrichten». Das ambitionierte «Offen für Neues»-Tagesprojekt des Festivals Murten Classics und der SUISA stiess rundum auf positive Resonanz, wie auch aus den nachfolgenden Stimmen von Beteiligten hervorgeht.

Das Radio SRF 2 Kultur spielt Ausschnitte aus den drei Konzerten vom 25.8.2018 in der Sendung «Neue Musik im Konzert» am Mittwoch, 7. November 2018, ab 21 Uhr.

Katrin Frauchiger

Die Berner Komponistin Katrin Frauchiger erläuterte im Einführungsgespräch ihr Werk «Mare nostrum» für Flöte und Streichtrio, das in der Folge im Konzert gespielt wurde. (Foto: Willi Piller)

Katrin Frauchiger, Komponistin und Sängerin, Dozentin HSLU:

«Als Komponistin weiss ich das gemeinsame Engagement von Murten Classics und der SUISA in der Ausrichtung eines ganzen Tages der zeitgenössischen Musik sehr zu schätzen. Der Mut des Veranstalters hier einen bedeutenden Akzent innerhalb des Murten Festivals zu setzen, hat sich in jeder Beziehung ausgezahlt: das Publikum erschien zahlreich, war höchst interessiert und ‹offen für Neues›.
Präsentiert wurden drei frische, sorgfältig kuratierte, durch Vortrag und Einführung vermittelte Konzerte, welche jeweils unter einem für den Hörer inspirierenden Motto standen: Waves from another world / Immigration-Emigration / Roots and great places. Im spontanen Gespräch mit Roman Brotbeck hatte ich – sowie die anderen anwesenden Komponisten – die Gelegenheit mein Werk ‹Mare Nostrum› persönlich einzuführen und so der schönen Aufführung meiner Musik die Tür zu öffnen. Ebenso wertvoll war während des Tages der Austausch unter den anwesenden, teils von weit her angereisten KomponistInnen und dem Publikum.»

Irene Minder-Jeanneret

«Ein Architekt kann von seiner Komposition leben, eine Komponistin oder ein Komponist kaum», sagte die Musikwissenschafterin Dr. Irène Minder-Jeanneret im Eingangsreferat und führte aus, weshalb das Schweizer Musikschaffen mehr Wertschätzung verdient habe. (Foto: Willi Piller)

Dr. Irène Minder-Jeanneret, Musikwissenschaftlerin, Mitglied Steuerungsgruppe Musiklexikon der Schweiz:

«Der SUISA-Tag bot eine wertvolle, seltene tour d’horizon sowohl zum Musikschaffen als auch zum kulturpolitischen Stellenwert der Musik in der Schweiz. Er veranschaulichte bestens den Graben zwischen der lebendigen, qualitätsvollen musikalischen Realität in unserem Land und der mangelnden politischen Wertschätzung. Ein Drittel der Bevölkerung macht aktiv Musik; trotzdem wird die Schweiz nicht als musikalisches Land wahrgenommen. Musik schaffen, machen, unterrichten, verbreiten und dokumentieren stellen gleichwertige Facetten einer wichtigen Kultursparte dar, die es verdienen, auf allen politischen Ebenen anerkannt, gefördert und bekanntgemacht zu werden. Wie im Filmsektor gibt es auch im Bereich der Musik Tätigkeiten, die nicht allein von den Kantonen getragen werden können.
Für mich von der Steuerungsgruppe des Musiklexikons der Schweiz war der SUISA-Tag eine einzigartige Gelegenheit, mit Akteurinnen und Akteure aller Musikbereiche ins Gespräch zu kommen. Bestimmt hat der Anlass auch zur Stärkung der einzelnen Anliegen beigetragen.»

Kaspar Zehnder

Der künstlerische Leiter des Festivals Murten Classics, Kaspar Zehnder, war am «SUISA-Tages» auch als Flötist zu hören. (Foto: Willi Piller)

Kaspar Zehnder, Künstlerischer Leiter Murten Classics und Kurator des ersten «SUISA-Tages» vom 25.8.2018:

«In der Heterogenität und Vielfalt lag die Würze und die Spannung dieses Programms, bei dem sich unterschiedlichste Aesthetiken die Hand reichten, Publikum, Komponist/innen, Moderator/innen und Ausführende in angeregte Gespräche vertieft waren oder gemeinsam wortlos andächtig den Murtener Nidle-Kuchen oder ein Glas Roten vom Vully genossen.
Der SUISA-Tag muss unbedingt zur mindestens biennalen Tradition der Murten Classics werden.»

www.murtenclassics.ch

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Ein ganzer Tag lang zeitgenössische Musik stand am 25. August 2018 auf dem Programm des Festivals Murten Classics in der Konzertreihe «Offen für Neues». Der von der SUISA unterstützte Konzerttag wurde von Radio SRF 2 Kultur aufgezeichnet und stiess rundum auf positive Resonanz. Text von Manu Leuenberger

Belenus Quartett: Positives Echo auf den «SUISA-Tag» am Festival Murten Classics

Das Belenus Quartett interpretierte im dritten und letzten Konzert des «Offen für Neues»-Tages am 25. August 2018 am Festival Murten Classics Werke von Daniel Schnyder, Cécile Marti, Iris Szeghy und Marco Antonio Perez-Ramirez. (Foto: Willi Piller)

Das Programm an diesem aussergewöhnlichen Konzerttag am Festival Murten Classic begann früh: Bereits vor 10 Uhr morgens, rechtzeitig zum Eröffnungsreferat der Musikwissenschafterin Dr. Irène Minder-Jeanneret, trafen die Gäste zahlreich im Konzertsaal des KiB – Kultur im Beaulieu in Murten ein. Die Serie von drei Konzerten mit Werken von 13 zeitgenössischen…Weiterlesen

Die Chansons von Charles Aznavour sind Teil unserer kollektiven Identität

Charles Aznavour war seit 1976 Mitglied der SUISA und gehörte zu unseren berühmtesten Mitgliedern. Die unzähligen Würdigungen, die seit seinem Tod von Radio- und Fernsehsender weltweit und der internationalen Presse veröffentlicht wurden, führen uns nochmals das Ausmass seines Ruhmes vor Augen und wir können daraus auch einiges lernen. Nachruf von Xavier Dayer, Präsident der SUISA

Die Chansons von Charles Aznavour sind Teil unserer kollektiven Identität

Charles Aznavour, im Bild bei einem Auftritt im Teatro Regio di Parma am 30. Oktober 2009, schrieb im Verlaufe seiner Karriere Texte und Musik von unzähligen Liedern. (Foto: Fabio Diena / Shutterstock)

Charles Aznavour war ein genialer Sänger mit einer herausragenden Bühnenpräsenz, aber er war auch ein aussergewöhnlich guter Komponist und Textautor, der mehrfach selbst betont hat, wie wichtig auch diese Tätigkeit für ihn war.

In den öffentlichen SACEM-Archiven befindet sich noch seine Aufnahmeprüfung, mit der er sich im Jahr 1947 bei der französischen Verwertungsgesellschaft als Urheber registrierte. Ja, damals war es tatsächlich so, dass jedes Neumitglied eine Aufnahmeprüfung ablegen musste! Besonders bewegend ist, einen Text mit dem Titel «Si je voulais» zu lesen, der von den SACEM-Mitarbeitenden mit dem Rotstift korrigiert wurde.

Dies ruft eindrücklich die verschiedenen Etappen in Erinnerung, die Charles Aznavour vom unbekannten Künstler bis zum Weltstar durchlaufen musste. Dabei drängt sich der Gedanke auf, dass der Lebensweg dieses Sohnes armenischer Einwanderer eine Hymne auf die Öffnung unserer modernen Gesellschaft ist; eine Öffnung zur Akzeptanz und zum Bewusstsein, dass sich Kulturen durch ihre Verbindung gegenseitig bereichern. Vielleicht sitzt ja gerade in diesem Moment ein neuer «Charles Aznavour» in einem Boot und überquert das Mittelmeer.

Aznavours «Sandkornstimme» und die Lieder mit ihren markanten Texten und Melodien sind heute ein Teil von uns und unserer kollektiven Identität. Unsere Gegenwart wurde von seinem Werk beeinflusst, und sein Lebensweg gibt allen Urhebern Hoffnung.

Die Ausdruckskraft von Musik lässt sich kaum mit Worten beschreiben. Ebenso können Worte allein der Dankbarkeit nicht gerecht werden, die wir bei der SUISA dafür empfinden, dass Charles Aznavours unserer Verwertungsgesellschaft sein Vertrauen geschenkt hatte. Das ist eine grosse Ehre, und wir möchten der Familie von Charles Aznavour unser Beileid aussprechen.

www.aznavourfoundation.org

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«Das Cello spricht wie ein Mensch»

Neben seiner Tätigkeit als Kinderarzt war Dr. Beat Richner zeit seines Lebens als Musiker aktiv. Ab 1972 trat er unter dem Künstlernamen «Beatocello» auf. Für seine poetisch-kabarettistischen Musikprogramme schrieb er Musik und Texte von mehreren Werken selbst. In der Nacht auf Sonntag, 9. September 2018, ist das langjährige SUISA-Mitglied im Alter von 71 Jahren gestorben. Text von Manu Leuenberger

Beat Richner: «Das Cello spricht wie ein Mensch»

Der musizierende Kinderarzt Dr. Beat Richner – hier in einem Szenenbild aus dem Film «LʼOmbrello di Beatocello» von Georges Gachot – war seit 1978 SUISA-Mitglied. (Foto: Gachot Films / www.lombrellodibeatocello.com)

Beat Richner wurde am 13. März 1947 geboren und wuchs in Zürich auf. Nach der Matura widmete er sich ein Jahr lang der Musik. Der 19-Jährige trat mit einem Programm namens «Träumerei eines Nachtwächters» öffentlich auf. Während seines anschliessenden Medizinstudiums entwickelte er die Figur des Musikclowns «Beatocello». Unter diesem Künstlernamen wurde Beat Richner in der Schweizer Kleinkunstszene bekannt. Im Zusammenhang mit seinem humanitären Engagement in Kambodscha fand der musizierende Kinderarzt auch im Ausland Beachtung.

1978 wurde Beat Richner Mitglied bei der SUISA. Er war Komponist und Textautor von Liedern, die er hauptsächlich für die Beatocello-Musikprogramme schrieb. Seine Kompositionen tragen Titel wie «Chatz und Muus», «SʼTröpfli», «Zirkus», «Doctor PC», «De Sprinti und de Läbi» oder «Dong und Deng» und sind auf verschiedenen CD-Aufnahmen verewigt. Auf anderen Aufnahmen ist der Cellist auch als Interpret von Werken von Bach, Vivaldi und Bruch zu hören.

Das Cello war für Dr. Beat Richner ein treuer Begleiter. Er spiele darauf täglich 30 bis 40 Minuten, erzählte er einmal in einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten», damit bleibe er fit für die Konzerte, die er jeden Samstag in Siem Reap für Besucher aus aller Welt spielte, um dabei über die von ihm gegründeten Spitäler zu informieren und dafür Spenden aufzubringen. «Das Cello spricht da wie ein Mensch», sagte Beat Richner im Interview. «Eine einfache, eine warme menschliche Sprache, die tröstet.»

www.beat-richner.ch

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  1. Dodo Leo sagt:

    An Beatocello erinnere ich mich oft, immer wieder gerne und, als wenn es gestern gewesen wäre, dass ich seine Lieder gehört habe.
    Das trifft es aber eigentlich nicht ganz, viel mehr war Hr. Richners Figur eine ständige und haltgebende Begleitung meiner Kindheit. Der Umstand, warum ich seiner Musik und Geschichten als Kind begegnete, kommt daher, dass ein erheblicher Teil dieser Kindheit – vor allem in der früheren Phase – im Kinderspital stattfand. Ich hatte ein kleines, silbergraues Kassettengerät, mit dem man nur vorwärt spulen konnte, und das ein bisschen schepperte. Das machte mir nichts aus, denn was ich hörte, war viel mehr als Musik. Es waren Gefühle des Trostes, Linderung der Angst.
    Wenn Hr. Richner in dem Interview mit der »Schweizer Illustrierten« davon sprach, das Cello würde „sprechen wie ein Mensch“, dann kann ich das nur bestätigen. Für mich war es ganz genau so, ich erinnere mich gut. Einmal, so meine ich mich jedenfalls ebenfalls erinnern zu können, war er sogar bei uns auf der Station. Aber, vielleicht ist das auch Wunschdenken eines Erwachsenen, der sich wünscht, es wäre damals so gewesen. Irgendwie war er sowieso immer da.
    Ich halte inne und senke mein Haupt, verbeuge mich in tiefer Annerkennung und Dankbarkeit an einen selbstlosen Mann, der mir und vielen anderen im Leben so viel gegeben hat und sage; Danke Hr. Richner.
    Dodo Leo

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Neben seiner Tätigkeit als Kinderarzt war Dr. Beat Richner zeit seines Lebens als Musiker aktiv. Ab 1972 trat er unter dem Künstlernamen «Beatocello» auf. Für seine poetisch-kabarettistischen Musikprogramme schrieb er Musik und Texte von mehreren Werken selbst. In der Nacht auf Sonntag, 9. September 2018, ist das langjährige SUISA-Mitglied im Alter von 71 Jahren gestorben. Text von Manu Leuenberger

Beat Richner: «Das Cello spricht wie ein Mensch»

Der musizierende Kinderarzt Dr. Beat Richner – hier in einem Szenenbild aus dem Film «LʼOmbrello di Beatocello» von Georges Gachot – war seit 1978 SUISA-Mitglied. (Foto: Gachot Films / www.lombrellodibeatocello.com)

Beat Richner wurde am 13. März 1947 geboren und wuchs in Zürich auf. Nach der Matura widmete er sich ein Jahr lang der Musik. Der 19-Jährige trat mit einem Programm namens «Träumerei eines Nachtwächters» öffentlich auf. Während seines anschliessenden Medizinstudiums entwickelte er die Figur…Weiterlesen

Schweizer Kompositionen am Festival Archipel

Die zeitgenössischen Schweizer Komponistinnen und Komponisten haben viel zu bieten. Der Beweis dafür war am Festival Archipel am 21. März 2018 anlässlich eines Konzerts zu Ehren von vier einheimischen Komponisten zu hören. Gastbeitrag von Sébastien Cayet

Schweizer Kompositionen am Festival Archipel

Die in Zürich geborene und in den USA arbeitende Schweizer Komponistin Katharina Rosenberger und Festivaldirektor Marc Texier beim Einführungsgespräch zum «Schweizer Konzertabend» am Festival Archipel am 21. März 2018 in Genf. (Foto: Manu Leuenberger)

Das Festival Archipel lud – unterstützt von der SUISA, der Schweizer Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik – zu einem zweiteiligen Abend ein. Vor dem Konzert empfing der Festivalleiter Marc Texier die Komponistin Katharina Rosenberger und den Komponisten Michael Pelzel zu einem Gespräch. Eine willkommene Gelegenheit, mehr über ihren Arbeitsalltag, die verschiedenen Einflüsse, ihre Kompositionsmethoden und Projekte zu erfahren.

Als Erstes fiel auf, wie gegensätzlich die Einflüsse sind: Katharina Rosenbergers musikalische Referenzen gehen auf die Renaissance, insbesondere auf Willaert und De Rore zurück, während Michael Pelzel für sein Stück aus indischen und afrikanischen Quellen schöpft und dadurch einen Kontrast zwischen westlicher und aussereuropäischer Musik und zwischen Traditionellem und Neuem herstellt. Die Aktivitäten der beiden beschränken sich allerdings nicht auf die Komposition: Sie unterrichtet in den USA, er ist als Organist tätig.

Somit müssen sie ihren Lebensunterhalt nicht ausschliesslich mit Komponieren verdienen, zumal beide bestätigen, dass die Ausbreitung des Streamings auf Kosten der CD und der Live-Darbietung geht und ihnen eine Einkommensquelle raubt oder zumindest stark verkleinert. Glücklicherweise kümmert sich die SUISA um die Urheberrechte, zu denen auch die Vergütungen für Konzerte gehören, in denen ihre Werke gespielt werden.

Schweizer Premieren und Welturaufführungen

Nach dem Gespräch begann das Konzert. Auf dem Programm standen vier Kompositionen: die Schweizer Premieren von Katharina Rosenbergers «Tempi agitati» und Oscar Bianchis «Ante Litteram» sowie die Welturaufführungen des «Etüdenbuchs zu Diabelli» von Michael Pelzel und des «Präludien-Buchs 1-4» von Mischa Käser.

Die Neuen Vocalsolisten Stuttgart, ein Vokalensemble aus Deutschland, interpretierten ein massgeschneidertes Repertoire, war es doch für sie komponiert worden. 2012 führten sie Oscar Bianchis und 2016 Katharina Rosenbergers Werk erstmals auf.

In «Tempi agitati» – an diesem Abend war ein Werkausschnitt zu hören – schafft Katharina Rosenberger kontrastreiche Stimmungen dank wechselnder Ästhetiken und einer der Akustik und der Architektur des Saals angepassten Inszenierung. Zu Beginn herrscht Dunkelheit. Die Solisten sitzen im Publikum. Dann gibt jemand den Auftakt zu einem lautmalerischen Dialog. Die Neuen Vocalsolisten antworten sich, lösen sich ab und unterbrechen sich mit höchster Präzision. Anschliessend begeben sie sich auf die Bühne und stimmen einen polyphonen Gesang im Renaissance-Stil an mit Bezugnahme auf Adrian Willaert und Cipriano de Rore.

Mit ihren Anspielungen auf die Renaissancemusik wollte die Komponistin die «Natürlichkeit der Stimme» wiederfinden. Die Stimmen der Solistinnen und Solisten sind rein, gradlinig und ungekünstelt, jedoch nicht emotionslos. Der Beginn von «Tempi agitati» ist charakteristisch für das Stück; die Sänger bewegen sich im Saal, lösen sich ab oder verbinden die Ästhetiken, Tempi und Charaktere und enden so, wie sie begonnen haben: im Dunkeln, ausserhalb der Bühne und fürs Publikum unsichtbar.

Jeder musikalische Effekt hat Bedeutung

Für «Ante Litteram» liess sich Oscar Bianchi von David Foster Wallaces «Infinite Jest» und von Nietzsches «Der Antichrist» inspirieren, wo er «dieselbe Empathie und Klarsicht in der Erkundung dessen wiederfinde, was den Menschen am Erkennen/Bewusstsein seiner selbst hindere». Drei Themen durchwirken das Stück: das Schlechte, die Moral und das Heil, wobei jeder musikalische Effekt seine Bedeutung hat.

Nach einem homorhythmisch gesprochenen Beginn verschieben sich die Stimmen nach und nach, die Rhythmen und die Gesangsarten ändern. Wie ein klarer und zusammenhängender Gedanke, der sich in mäandernden Reflexionen verliert. Die Dissonanzen zwischen den Soprani evozieren den Schmerz, die Imitationen von Lachen scheinen die Absurdität des Gedankens zu spiegeln, während die Variationen der Tempi den Variationen unserer eigenen inneren Erregung entsprechen.

Das Diabelli in Michael Pelzels Werk spielt weder auf den Komponisten Anton Diabelli noch auf die «Variations Diabelli» von Beethoven an. Das «Etüdenbuch zu Diabelli pour six voix a cappella» basiert auf einer Erzählung von Hermann Burger. Ein Zauberer möchte sein Leben als Künstler beenden. Die Etüden, die in einer beliebigen Reihenfolge gesungen werden können, spielen mit den Rhythmen, die durch die synchronen und asynchronen Stimmen entstehen. Ausserdem bewirken die Frauen- und Männerstimmen mit unterschiedlicher Pulsierung eine Überlagerung der Tempi und stellen so die verschiedenen Stimmen in Opposition zueinander.

Neue Vocalsolisten Stuttgart erfüllten Erwartungen vollends

Die Uraufführung des «Präludien Buchs 1-4» von Mischa Käser rundete den Abend mit einer Fülle von musikalischen Effekten ab: Überlagerung von Elementen – Sprache, Lyrik, Rhythmus –, die die Stimmen voneinander abgrenzen, Dramatisierung mit perfekt synchronisierten Seufzern, Atmungen und Überraschungsmomenten. Der Komponist wollte exotische Gesangstechniken mit bekannten und dadurch verwirrenden Klängen verbinden. Überraschung und Originalität sowie die Dichotomie zwischen der westlichen Form des Präludiums und den «exotischen Techniken» kennzeichnen das Werk.

Die Neuen Vocalsolisten Stuttgart erfüllten die Erwartungen vollends und interpretierten das anspruchsvolle Repertoire mit bewunderswerter Leichtigkeit. Sie bewiesen ihre Vielseitigkeit und meisterten die Werke, Effekte und auch die Formensprache souverän. Ihre Darbietung vermittelte den Eindruck von tiefem Verständnis und perfektem Zusammenwirken zwischen den verschiedenen Ensemblemitgliedern, sodass sie diese facettenreichen Werke in allen Details erfassen und sie in ihrer Interpretation transzendieren konnten.

www.archipel.org

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Die in Zürich geborene und in den USA arbeitende Schweizer Komponistin Katharina Rosenberger und Festivaldirektor Marc Texier beim Einführungsgespräch zum «Schweizer Konzertabend» am Festival Archipel am 21. März 2018 in Genf. (Foto: Manu Leuenberger)

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Bewerbungen für das SUISA Songwriting Camp 2018

Die SUISA organisiert in Zusammenarbeit mit Pele Loriano Productions erneut ein Songwriting Camp. Das zweite SUISA Songwriting Camp wird vom 18. bis 20. Juni 2018 durchgeführt. SUISA-Mitglieder können sich für die Teilnahme bewerben. Text von Manu Leuenberger

Bewerbungen für das SUISA Songwriting Camp 2018

Das SUISA Songwriting Camp wird im Juni 2018 zum zweiten Mal durchgeführt. Das Bild zeigt eine Gruppenaufnahme von Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei der erfolgreichen Première des Songwriting Camps in den Powerplay Studios im August 2017. (Foto: Manu Leuenberger)

Das SUISA Songwriting Camp findet nach der erfolgreichen Première im Sommer 2017 (4 Songs aus dem Camp im Schweizer ESC-Final, darunter der Siegersong «Stones») zum zweiten Mal statt. Dieses Jahr wird das Songwriting Camp vom Montag, 18. bis Mittwoch, 20. Juni 2018 durchgeführt. Als Veranstaltungsort sind die Powerplay Studios in Maur bei Zürich eingeplant.

Das Ziel des Songwriting Camps ist, radiotaugliche Pop-Songs mit Hitparadenpotential zu komponieren, die stilistisch alle Facetten des zeitgemässen Pop – in der Bandbreite von «urban» bis Singer/Songwriter – umfassen können. Die Songs sollen zum einen Verlagen und Künstlern aus dem Pop-Bereich angeboten werden können oder auch für den Eurovision Song Contest verwendbar sein.

Teilnahmeplätze für SUISA-Mitglieder

Die genaue Anzahl an Teilnahmeplätzen beim Songwriting Camp wird erst durch die konkrete Zusammenstellung der teilnehmenden Songwriter bekannt. Mindestens die Hälfte der Teilnahmeplätze steht für Mitglieder der SUISA aus allen Landesteilen der Schweiz offen. Für die SUISA-Mitglieder ergibt sich die Möglichkeit, am Songwriting Camp gemeinsam mit internationalen Profi-Songwriter Stücke zu komponieren.

Für die Teilnahme am Songwriting sind sattelfeste musikalische Fertigkeiten, Teamgeist, Kreativität und effizientes Arbeiten gefragt. Bei den «Songwriting sessions» haben Teams bestehend aus 3 bis 5 Personen die Aufgabe, innerhalb eines Tages einen Song von Grund auf zu schreiben – am Abend steht jeweils eine Demoversion des fertigen Stücks.

Damit die Zusammenarbeit gelingt, muss man unter Zeitdruck sein kreatives Potential abrufen können und für den kritischen Austausch unter den Mitkomponisten offen sein. Über ihre Erfahrungen am letztjährigen SUISA Songwriting Camp erzählten in Video-Interviews die SUISA-Mitglieder Kate Northrop, Lars Christen, Chiara Dubey, Alejandro Reyes und die Geschwister Co & Stee Gfeller aka Zibbz.

Bewerbungen für das SUISA Songwriting Camp 2018

Für die Teilnahme am Songwriting Camp bewerben können sich SUISA-Mitglieder. Gesucht werden Produzentinnen/en, Textautorinnen/en, Komponistinnen/en und Songwriter/Singer, die an einem oder mehreren Tagen am SUISA Songwriting Camp teilnehmen möchten.

Die Bewerbung sollte enthalten:

  • eine Kurzbiographie;
  • aussagekräftige Referenzsongs (mp3-Dateien oder Internet-Links);
  • Kontaktangaben (inkl. gültiger E-Mail-Adresse und Telefonnummer).

Die Bewerbungen mitsamt Unterlagen bitte per Mail mit dem Betreff «Bewerbung – SUISA Songwriting Camp 2018» schicken an die Adresse:
songwritingcamp (at) suisa (dot) ch
Der Einsendeschluss für die Bewerbungen ist der 8. April 2018.

Auswahlverfahren und Termine

Die Auswahl sowohl der internationalen Künstlerinnen und Künstler als auch der teilnehmenden SUISA-Mitglieder erfolgt durch den künstlerischen Leiter des Songwriting Camps. Eine harmonische Zusammensetzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist für den kreativen Erfolg der «Songwriting sessions» von entscheidender Bedeutung. Die künstlerische Leitung wird von Pele Loriano Productions im Auftrag der SUISA wahrgenommen.

Zusagen respektive Einladungen und weitere Informationen zur Teilnahme am SUISA Songwriting Camp 2018 werden bis am 31. Mai 2018 persönlich durch den künstlerischen Leiter mitgeteilt.

Es werden keine Absagen verschickt. Wer bis zum 31. Mai 2018 keine Zusage erhalten hat, konnte für die Teilnahme am Songwriting Camp 2018 nicht berücksichtigt werden. Zu beachten ist, dass durch die Bewerbung zu keiner Zeit ein Anspruch auf eine Teilnahme entsteht. Über die Platzvergabe wird ausserdem keine Korrespondenz geführt. Es ist unbestimmt, ob die SUISA nach dem Juni 2018 weitere Songwriting Camps mitorganisiert.

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«Es war ein grosser Gewinn, am Songwriting Camp teilzunehmen» | mit Video«Es war ein grosser Gewinn, am Songwriting Camp teilzunehmen» | mit Video «Compass» ist einer der sechs Schweizer Finalsongs für den Eurovision Song Contest 2018. Interpretiert wird das Stück von Alejandro Reyes, der den Song zusammen mit der Kanadierin Laurell Barker und dem Schweizer Komponisten und Produzenten Lars Christen komponiert hat. Im Interview mit der SUISA schildert Lars Christen den Songwriting-Prozess. Zudem erzählt er, weshalb das Songwriting Camp für ihn eine wertvolle Erfahrung war. Weiterlesen
Eurovision Song Contest: Erfolgreiches Schweizer Songwriting Camp von Pele Loriano Productions und der SUISAEurovision Song Contest: Erfolgreiches Schweizer Songwriting Camp von Pele Loriano Productions und der SUISA Das Schweizer Fernsehen SRF hat heute die sechs Songs für das Rennen um den Schweizer Beitrag am Eurovision Song Contest (ESC) 2018 bekannt gegeben. Von den sechs Beiträgen sind vier im Schweizer Songwriting Camp entstanden, das im August 2017 von Pele Loriano Productions und der SUISA in den Powerplay Studios in Maur durchgeführt wurde. Weiterlesen
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Das SUISA Songwriting Camp wird im Juni 2018 zum zweiten Mal durchgeführt. Das Bild zeigt eine Gruppenaufnahme von Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei der erfolgreichen Première des Songwriting Camps in den Powerplay Studios im August 2017. (Foto: Manu Leuenberger)

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Das Ziel des Songwriting Camps ist,…Weiterlesen

Julien-François Zbinden: 100 Jahre alt!

Julien-François Zbinden ist Pianist, Komponist, Autor und … Hundertjähriger. Am 11. November 2017 kann das Ehrenmitglied der SUISA seinen 100. Geburtstag feiern. Zum Festtag lässt Gastautor Jean-Pierre Mathez das bisherige Leben und Schaffen des Jubilars Revue passieren.

Julien-François Zbinden: 100 Jahre alt!

Julien-François Zbinden, früherer Präsident und heute Ehrenmitglied der SUISA, kann am 11. November 2017 seinen 100. Geburtstag feiern. (Foto: Yvan Ischer)

Ford Model T Baujahr 1913 (Foto: Ryan Fletcher / Shutterstock.com)

Geboren am 11. November 1917, neun Jahre nach Beginn der Produktion des Ford T anno 1908, wird Julien-François Zbinden ein privilegierter, aufmerksamer Zeuge dieser fantastischen technischen, künstlerischen, moralischen und spirituellen Entwicklung, die das Leben der Menschen auf dieser Erde grundlegend verändert hat.

Sein musikalisches Abenteuer beginnt jedoch mit seinem heiss geliebten Klavier:

«Heute noch teilt es meine Leidenschaft der Jazzmusik und unsere schöne Komplizenschaft ist im Album ‹The Last Call…?› verewigt, in meinem 93. Lebensjahr aufgenommen. Dieses Etwas ist mein Instrument, der weit über hundertjährige Flügel Blüthner Nr. 89293, Modell 190, gebaut 1910 in Leipzig. Ihm widme ich dieses Opus 111 (die ‹Blüthner-Variationen›, verlegt bei Editions Bim PNO67, Anmerkung des Autors), das das letzte meiner Werke für Klavier sein wird.»

Selbstporträt, Linolschnitt, 1937.

Anfangs verdient Julien-François Zbinden sein Leben als Barpianist und macht sich vertraut mit seiner Leidenschaft: dem Jazz, dann mit dem Komponieren.

Im Alter von dreissig Jahren beginnt seine Karriere in der Abteilung Musik des Radio Suisse Romande, das er administrativ und mit seiner Offenheit bis zur seiner Pensionierung 1982 prägen wird. Ruhmreiche Jahre mit dem Orchestre de Chambre de Lausanne, der Fanfare Perce-Oreille, klassischen und volkstümlichen Chören der Romandie, mit Stars der chanson française, von Jazzorchestern; als Teilnehmer und Moderator von Debatten tritt er stets in mutigem Respekt der Meinungen auf. Unzählige Berühmtheiten aus der Welt der Musik werden nach Lausanne eingeladen: Die Archive sind voll von Direktsendungen und Aufnahmen mit diesen berühmten Künstlern. Er hat es verstanden, allen musikalischen Genres von Qualität Tür und Tor des RSR zu öffnen und so die Romandie wie auch die französischsprachigen Länder mit einer breiten musikalischen Kultur zu bereichern.

In seinen Mittfünfzigern macht er das Pilotenbrevet und berauscht sich mit den Emotionen, die ihm seine Arabesken und die verkleinerte Vision des prosaischen Erdenlebens verschaffen.

Julien-François Zbinden vor einer Piper L4, Einführung in den Landeanflug (Glacier des Diablerets, 11.12.1975). (Foto: ZvG)

Julien-François Zbinden am Klavier, Januar 2017. (Foto: ZvG)

Als Julien-François Zbinden das Pensionsalter erreicht, verlässt er das RSR und widmet sich mit Leib und Seele der Komposition (sein Schaffen wird über hundert Werke umfassen), seinen Freundschaften, dem Reisen, dem Schreiben (eine eindrückliche Biografie und zwei kürzlich erschienene Bücher), und nicht zu vergessen, die kürzlich vorgenommene Einspielung von zwei CDs mit Jazz-Standards am Klavier (TCB Montreux) …

Er war Präsident des Tonkünstlervereins (1973–1979) und von 1987 bis 1991 des Vorstands der SUISA.

Julien-François Zbinden ist auch ein wertvolles lebendiges Gedächtnis, ein hochgelehrter Mann, der seine Zeit mit grossem Scharfsinn analysiert hat. Seine musikalischen Werke werden weltweit gespielt und sind bei grossen europäischen Verlagshäusern verlegt (seit 1988 seine neuen Werke exklusiv in der Schweiz bei Editions Bim).

Es ist zu hoffen, dass die schweizerische Musikwelt diesen aussergewöhnlichen Künstler nicht vergisst und ihn den zukünftigen Generationen der Musiker und Musikliebhaber unsereres Landes weitervermittelt.

Über Julien-François Zbinden (viel) mehr erfahren kann man unter: www.jfzbinden.ch

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Julien-François Zbinden: 100 Jahre alt!

Julien-François Zbinden, früherer Präsident und heute Ehrenmitglied der SUISA, kann am 11. November 2017 seinen 100. Geburtstag feiern. (Foto: Yvan Ischer)

Ford Model T Baujahr 1913 (Foto: Ryan Fletcher / Shutterstock.com)

Geboren am 11. November 1917, neun Jahre nach Beginn der Produktion des Ford T anno 1908, wird Julien-François Zbinden ein privilegierter, aufmerksamer Zeuge dieser fantastischen technischen, künstlerischen, moralischen und spirituellen Entwicklung, die das Leben der Menschen auf dieser Erde grundlegend verändert hat.

Sein musikalisches Abenteuer beginnt jedoch mit seinem heiss geliebten Klavier:

«Heute noch teilt es meine Leidenschaft der Jazzmusik und unsere schöne Komplizenschaft ist im Album ‹The Last…Weiterlesen