Tagarchiv: Mundart

«Die Musik setzt den Text in einen Kontext»

Am 25. Mai 2022 wird an den Swiss Music Awards per Publikumsvoting auch der «Best Hit» für die beste Komposition ermittelt. Nominiert für die von der SUISA präsentierte Auszeichnung sind Lo & Leduc, Zian und Joya Marleen. Wir haben bei Lo & Leduc nachgefragt, welche Rolle der Text für den Song «Tribut» spielt. Interview von Gastautor Markus Ganz

Lo und Leduc: «Die Musik setzt den Text in einen Kontext»

Lo und Leduc. (Foto: Maximilian Lederer)

Wie wichtig sind eurer Meinung nach die Lyrics für einen Song?

Lo: Darüber kann man sich streiten. In unserem Fall sind sie aber wichtig; ich habe sicher ein grösseres Talent für Texte als für Gesang. Aus unserer Sicht ist Musikmachen mit schweizerdeutschen Texten grundsätzlich anspruchsvoller als mit englischen Texten, weil diese automatisch eine grössere Distanz zum Inhalt schaffen. Und mit Mundarttexten macht man Musik für ein vergleichsweise sehr kleines Publikum.
Leduc: Die Texte sind für uns das primäre Handwerk.

Habt ihr eine typische Vorgehensweise beim Schreiben der Songtexte?

Lo: Sehr unterschiedlich, es ist alles möglich. Meistens hat einer von uns eine Idee – das kann auch schon ein Refrain oder eine Melodie sein. Danach arbeiten wir teilweise einzeln, manchmal auch bereits zusammen. Spätestens gegen Schluss finalisieren wir alle Texte gemeinsam. Manchmal heisst das Feinschliff, manchmal aber auch: Wir schreiben die zweite Strophe und müssen dann die erste neu schreiben. Es gibt kein fixes Vorgehen, das Einzige, was sich eingebürgert hat, ist, dass ich ein Textarchiv führe und Luc ein Fotoarchiv.
Leduc: Es ist fast schon krankhaft, wie ich versuche, unsere Momente zu kategorisieren, weil ich Struktur benötige, um innerhalb der Ordner denken und arbeiten zu können. Es ist oft sehr spannend, wenn man derart eine neue Idee beim anderen platzieren kann. Wichtig ist auch, dass wir eigene Perspektiven einbringen. Mit einem neuen Ansatz sammelt man nicht nur Einfälle, man filtert unbewusst auch die Einfälle heraus, die für das Lied in Frage kommen könnten. Dann lassen wir der Songidee jeweils Zeit, zu gären, und köcheln die Idee später zusammen ein.

Die Musik des Songs «Tribut» stammt vom Produzenten-Team Jugglerz. Wie lief die Zusammenarbeit ab, gerade auch die Abstimmung von Text und Musik?

Lo: Dieses Lied ist ein Spezialfall. Die Idee zum Text ist etwa zehn Jahre alt, blieb aber unvollendet und deshalb liegen. Als wir 2020/21 mit den Jugglerz zu arbeiten begannen, haben wir sehr viele Beats und Songskizzen von ihnen durchgehört und sind dabei auf ein Gitarrenriff gestossen, das uns gepackt hat: Das passt zu diesem uralten Text! Also haben wir ihn wieder hervorgenommen, umgeschrieben und an die Musik angepasst.

War diese alte Textfassung ohne Musik?

Lo: Nein, es gab bereits Musik dazu, und wir haben in den letzten zehn Jahren einige Male versucht, einen Song daraus zu machen, sind aber immer stecken geblieben.
Leduc: Es ist ein schönes Beispiel dafür, dass die Zeit für einen Song manchmal noch nicht reif ist. «Tribut» enthält nun die älteste Zeile des aktuellen Albums «Mercato», aber auch die neuste: Der Schluss des Refrains war der letzte Teil, den wir für das Album geschrieben haben, ein grosser Spagat also.

Wie klar war die Zusammenarbeit mit den Jugglerz definiert?

Leduc: Manchmal verwischt die Arbeitsteilung zwischen Musik und Text, hier aber haben wir klar vorgängige Versionen gezeigt und festgestellt, dass ihre Skizzen zu unseren passen. Und dann haben wir unseren Text an den neuen Beat von ihnen angepasst.

«Tribut» hat einen vielschichtigen Text darüber, was Songs ausdrücken können und was nicht. Was war der Ausgangspunkt der ursprünglichen Version?

Lo: Die Grundidee ist am Anfang der ersten Strophe zu finden: das Gefühl, ein Liebeslied zu schreiben im Wissen, dass man der Liebe damit nicht gerecht werden kann, dieser Widerspruch. Da heisst es «aber Liebi isch kes Lied»; dies öffnet die Welt für dieses Lied und endet, dass Musik eben doch ein Vehikel ist, um solche Gefühle einzufangen, aber nicht so direkt.
Leduc: Textlich war wirklich schon alles vorhanden in der sehr frühen Version. Mir haben dann den Aspekt der Musik noch verstärkt, dass sie eine Art Datenspeicher von Erinnerungen ist, sogar wenn keine Musik ertönt: Bei Vinyl oder Kassetten kann man sogar die Pausen zwischen den Songs erkennen und in das Gesamte einordnen.

Wie weit haben sich in der Entwicklung des Songs dann euer Text und die Musik der Jugglerz gegenseitig beeinflusst?

Lo: Zuerst haben wir die Tonart ihrer Beat-Skizze angepasst, die ein rund 30-sekündiger Loop ohne Arrangement war. Dann haben wir den Text angepasst und zusammen mit Jonas Lang im Studio das Arrangement festgelegt: die Längen von Strophe, Pre-Chorus etc. Danach mussten wir den Refraintext praktisch neu schreiben, weil der nicht mehr funktionierte. Den Text an die Musik anpassen mussten wir auch am Schluss nochmals, wo die Ursprungsversion der Beat-Skizze zu hören ist.
Leduc: Darin zeigt sich schön, dass die Erinnerung an diesen ursprünglichen Beat zum Song geführt hat.

Oft entwickelt ein Songtext erst mit der Musik seine Wirkung, seinen Sinn. Was trägt die Musik zur Wirkung des eigentlich selbsterklärenden Textes von «Tribut» bei?

Leduc: Sie setzt den Text in einen Kontext; ein schönes Beispiel ist der Moment, wo sie am Schluss bricht und zur Moll-Paralleltonart wechselt: Das Bekannte wechselt in eine Art Parallelwelt.
Lo: Ich glaube schon vorher. Die Stimmung ist nicht traurig, aber es liegt eine gewisse Wehmut in der Musik.
Leduc: Ja, ich habe das Gefühl, dass die sehr konsequente Trap-Ästhetik hilft, eine Art Gegenpol zu schaffen, eine Balance zu finden, damit daraus nicht ein nostalgisches Lied wird, was im Mundartpop viel zu häufig passiert.

«Tribut»
Komposition: Jonas Lang (DJ Jopez), Joachim Piehl (Sir Jai), Martin Willumeit (DJ Meska) (Produzenten-Team bekannt als Jugglerz).
Text: Lorenz Häberli (Lo), Luc Oggier (Leduc).

www.lo-leduc.ch

Swiss Music Awards: SUISA ehrt die Songwriter/innen des «Best Hit»
In der Kategorie «Best Hit» werden an den Swiss Music Awards jeweils die erfolgreichsten nationalen Songs der Schweizer Hitparade des Vorjahres nominiert und das Siegerlied wird während der TV-Show per Publikumsvoting ermittelt. Die SUISA ist dieses Jahr zum ersten Mal Presenting Partner des «Best Hit»-Award und stellt die Arbeit der Songwriterinnen, Songwriter, Textautorinnen und Textautoren des Siegersongs in den Vordergrund. 2022 sind in der Kategorie «Best Hit» die Songs «Tribut», «Show You» und «Nightmare» nominiert. (Text: Giorgio Tebaldi)
www.swissmusicawards.ch
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Lo und Leduc: «Die Musik setzt den Text in einen Kontext»

Lo und Leduc. (Foto: Maximilian Lederer)

Wie wichtig sind eurer Meinung nach die Lyrics für einen Song?

Lo: Darüber kann man sich streiten. In unserem Fall sind sie aber wichtig; ich habe sicher ein grösseres Talent für Texte als für Gesang. Aus unserer Sicht ist Musikmachen mit schweizerdeutschen Texten grundsätzlich anspruchsvoller als mit englischen Texten, weil diese automatisch eine grössere Distanz zum Inhalt schaffen. Und mit Mundarttexten macht man Musik für ein vergleichsweise sehr kleines Publikum.
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Endo Anaconda forever!

Am 1. Februar 2022 verstarb der Poet, Komponist und Musiker Endo Anaconda. Der Sänger der Berner Mundart-Band Stiller Has war SUISA-Mitglied seit 1990. Nachruf von Gastautor Jürg Halter

Endo Anaconda forever!

Der Schriftsteller, Lyriker und Spoken Word Artist Jürg Halter gedenkt im Gastbeitrag seinem Freund Endo Anaconda. (Foto: Nina Rieben)

Da Endo gestorben, aber längst nicht tot ist, kann ich vom grössten Schweizer Mundartpoeten nur in Gegenwartsform schreiben – Endo Anaconda bleibt für immer so jung wie alterswild. Das Leben gestaltet sich zuweilen als Geisterbahn und Endo wirkt als beeindruckender Geisterwellenreiter – ebenso swingt er als hasenselig singender Dandy, Zigarette im Mundwinkel, unterwegs in seinem roten Cabriolet auf Never-Ending-Tour irgendwo zwischen Bern, Trub, Venedig, den Alabama Hills, Olten, Wien und Wallisellen.

Endo wirkt als tröstender Herzensalpinist wider das widrige Leben und das böse Alter. Er ist ein tänzelnder Störenfried, Endo stört den Betrieb leidenschaftlich, er rockt die Szene als genuin postpubertäre Betriebsstörung auf Stelzen. Endo ist ein höchst sensibler und aufmerksamer Mensch, der sich klug einmischt. Er merkt nicht nur, dass in unserer Gesellschaft vieles nicht stimmt, er kann es in Songtexten, Kolumnen und Gesprächen auch eigensinnig präzise und schmerzlich wahr benennen und poetisieren. Aber nie mit herablassenden, selbstherrlichen Gesten, denn er weiss, dass er, wie wir alle, Teil des Problems Menschheit ist. Endo hat ein historisches Bewusstsein für unsere Abgründe. Endo glänzt als Unangepasster inmitten von Angepassten. Er ist als Künstler unvergleichlich. Tom Waits, Jim Morrison, Neil Young, Bob Dylan, Biggie oder Leonard Cohen würden ihn um manch einen Songtext beneiden. Aber die Mundart ist auch ein Gefängnis – Bern ist überall? – Nein, danke.

Endos Poesie ist welthaltig reich, er lebt sie und sie lebt ihn. Bis zum Letzten. Seine Kunst, seine Poesie ist existenziell, im schönsten wie im selbstzerstörerischsten Sinne. Endos schwarzer Humor leuchtet in der Dunkelheit auf. Wie die Aare im Mondschein. Siehe da! Erzengel Endo, Erzendo. Immer zu wenig oder zu viel, aber nie genug.

Endo ist masslos. Liebend. Liebesbedürftig. Er liebt seine drei Kinder, er liebt die Frauen, er liebt die Menschen. Endo ist eine grosszügige, zärtliche, herzliche Umarmung. Hemmungslos. Endo lässt Verletzung zu, zeigt seine Wunden, ungefragt – schön verdorben. Endo ist ein humaner Einzelgänger. Ein Gewerkschafter. Ein crazy spottendes Chicken im Wolfsfell. Ein Widerspruch. Ein grantiger Kater. Ein Pfadfinder auf heissen Kohlen sitzend. Ein Landjäger. Ein lonely Cowboy gegen die Sonne reitend. Flüchtig wie ein Schmetterling. Flüchtig wie das Leben … bitte nicht!
Vielleicht würde Endo an dieser Stelle rufen: «Lacht doch mal! Lacht doch endlich! Ich will euch endlich lachen sehen!» Dann würde er höchstselbst in sein herzhaftes, rauchiges, fein ratterndes Lachen ausbrechen.

Ja! Seien wir dankbar verstört, poetisch beseelt, dass wir ihn unter uns wussten und wissen. Und weil einer wie Endo mehr als Applaus und Gedenkminuten verdient, sollten wir jetzt für ihn lachen, über uns lachen, für uns. Dem Tod zum Trotz, für das Leben lachen. Möge Endo nun irgendwo da draussen federleicht, neue und alte Melodien pfeifend, durchs Weltall fliegen. Das Weltall, indem wir Lebenden und Toten uns alle befinden und Suchende bleiben. Es gibt keinen Ausweg, weil das verdammte All ist überall. Mein Herz blutet – Endo Anaconda forever!

Der Poet, Komponist und Musiker Endo Anaconda wurde 1955 in Burgdorf als Andreas Flückiger geboren. Bekanntheit erlangte er vor allem als Sänger der Berner Band Stiller Has – nicht nur in der Schweiz sondern auch im nahen Ausland. Er wurde im Laufe seiner Karriere mit verschiedenen Schweizer und internationalen Auszeichnungen geehrt, wie dem Salzburger Stier (1995), dem Deutschen Kleinkunstpreis (1995) und dem Schweizer Musikpreis (2017).
Endo Anaconda hat zwölf Studio- und drei Live-Alben veröffentlicht und über 250 000 Tonträger verkauft.
Jürg Halter, geboren 1980 in Bern, Schriftsteller, Lyriker und Spoken Word Artist. Regelmäßig Auftritte in ganz Europa, in den U.S.A., in Afrika, Russland, Südamerika und Japan. Zahlreiche Buch- und CD-Veröffentlichungen. Zuletzt erschien der Gedichtband «Gemeinsame Sprache» (Dörlemann, 2021), indem auch das Endo Anaconda gewidmete Gedicht «Schwarze Tauben fliegen auf» zu finden ist.
www.juerghalter.com
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  1. Renate sagt:

    Ach Jürg… Du fehlst – mir – die Schweiz ist so leer ohne Dich.

  2. mark sagt:

    ach ist das schön, diesen nachruf zu lesen. so richtig wortgewandte sprachkünstler, die mit ihren volltreffern das herz des schreibgegenstandes wie auch das des lesenden frei legen, als sei es das einfachste der welt, sind leider selten heute. danke jürg halter.

  3. Daniel Blatter sagt:

    Dieses eigenartige Gefühl, wenn sich Lachen und Weinen hin und her wechseln, kurz innehalten, und nicht wissen, ob man erfreut oder traurig ist; Dieses endlich sich wieder spüren, widerfährt mir, beim Lesen dieses Textes, bei Auftritten von Jürg Halter und bei Liedern von Stiller Has. Zum Beispiel bei „Merci“ wo zu diesem beschriebenen Gefühl, noch Ekel und Wut auf den schweizerischen Zeitgeist hinzukommt. Danke den Poeten für die (liebevolle) Treffsicherheit auf unsere Herzen.

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Anna Gosteli: «Ich weiss nie, wo mich was hinführt»

Trotz herausragender Ausbildung und kommerziellen Erfolgen in zahlreichen Bands: Zu oft brillierte Anna Gosteli im Hintergrund. Nun emanzipiert sich die 35-jährige Solothurnerin und findet in der Summe ihrer zahlreichen Erfahrungen zu lang ersehnter musikalischer Identität. Der Get Going!-Beitrag 2019 sorgt dabei für die nötige finanzielle Unabhängigkeit. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Anna Gosteli: «Ich weiss nie, wo mich was hinführt»

Anna Gosteli (Foto: Manuel Vescoli)

Puzzleteile wie Mosaiksteine – lose verteilt schimmern sie in allen möglichen Farben und doch: Ein Gesamtbild fehlt. Für die Identität des fertigen Bildes fehlt die richtige Anordnung, der richtige Verlauf. «Von allem etwas und nichts richtig», umschreibt Anna Gosteli diesen Zustand, in dem sie sich Jahre befand. Und dies, obwohl sich diese einzelnen Puzzleteile sehen respektive hören lassen können: Mit sieben Jahren Klavierunterricht, danach Klarinette, später Schulchor. Zuhause im österreichischen Vorarlberg auch eine gitarrenspielende Mutter und ein Saxophon spielender Vater. «Ich kam schon als Kind mit allen möglichen Stilen in Kontakt, mit Evergreens und mit Schlager und immer war bei uns ein Instrument zur Hand, um zu musizieren.»

Mit 14 dann der Wechsel in die Schweiz. Wieder ein neuer Mosaikstein, auf den in regelmässigen Abständen immer neue Teile folgen. Mit 21 wird sie Mitglied des Basler ArtPop-Kollektivs The bianca Story. Einer steilen Karriere scheint nichts im Wege. Auftritte an der Deutschen Oper Berlin, Aufnahmen in den Abbey Road Studios in London, und doch: «Ich war zu Beginn das Mäuschen in der Band», sagt die 35jährige heute und fügt rasch an: «Dieses Empfinden hatte ich ganz persönlich, das lag nicht an meinen männlichen Kollegen. Die behandelten mich stets als gleichwertiges Mitglied.» Als äusserst talentierte Sängerin war Gosteli trotz internationalem Erfolg stets die zweite Stimme. Kombiniert mit ihrer zurückhaltenden Art hinterliess dieser Zustand in ihr ein Gefühl, dass da eigentlich mehr sein könnte.

Mit dem Besuch der Jazzschule in Basel begann die Emanzipation. Komposition bei Hans Feigenwinter, Gesang bei Lisette Spinnler und Harmonielehre bei Lester Menezes. Heute kann sie darüber lachen, aber «damals habe ich geweint, wenn Lester mich wieder genervt darauf aufmerksam gemacht hat, dass das, was ich mache, langweilig sei. Ich würde zu schön singen.» Letztlich entpuppte sich diese Hassliebe als wichtiger Motor, um aus den zugeordneten Rollen auszubrechen und auf die innere Stimme zu hören. Langsam aber sicher schienen sich die über Jahre gesammelten Puzzleteile zu ergänzen. Es wuchs die Gewissheit, dass sich dahinter womöglich ein grosses, in sich stimmiges Bild verbirgt.

Mit Fabian Chiquet von The bianca Story gründete sie Chiqanne. Gemeinsam kreieren sie wunderbare Popsongs mit Tiefgang. «Plötzlich schrieb ich Texte in deutscher Sprache und stand auf der Bühne ganz vorne.» Doch der entscheidende Schritt beim Zusammensetzen des Puzzles sollte sich erst mit «Dr Schnuu und sini Tierli» ergeben, mit einer Sammlung von Liedern für Kinder – und wichtig – auch für deren Eltern. Geplant war dies nicht, wie so Vieles in der abwechslungsreichen Karriere. «Ich weiss nie, wo mich was hinführt. Aber das ist ja auch irgendwie ein Konzept», lacht sie.

Es war an Weihnachten, als die Mutter eines heute sechsjährigen Sohnes, noch ein Geschenk für die Kinder ihrer Freunde brauchte. «Und weil ich damals arg in Geldnot war, habe ich halt ein Lied geschrieben und jedem Kind eine Strophe geschenkt.» Auf den Song übers «Federvieh» folgte der «Biber», den sie als Dank für den Berliner Wohnungsaufenthalt dem Filmkomponisten Biber Gullatz schenkte, mit dem sie für die Vertonung von Fernsehfilmen oft zusammenarbeitet. «Erst da kam mir der Gedanke, eine Sammlung von Kinderliedern zu schreiben.»

Es sind genau diese Lieder, hinter denen sich schon fast die Summe aller musikalischen Erfahrungen verbirgt, die Gosteli in ihrer Karriere gesammelt hat, und die darauf hindeuten, dass sich das Puzzle zu einem schillernden Werk fügen wird. Mit viel Schalk, aber auch mit ungemein psychologischem Tiefgang, zeigen diese Lieder Gostelis textliches Talent, während sich in der Musik – die sie gemeinsam mit Gitarristin Martina Stutz auf die Bühne bringt – die stilistische Reise vom Evergreen über den Schlager zum Popsong bis hin zum Jazz widerspiegelt.

«Ich sprudle zurzeit von Ideen», sagt Gosteli, die am Guggenheim in Liestal Gesang unterrichtet und für «Helvetiarockt» den «Female Bandworkshop» in Co-Leitung mit Evelinn Trouble führt. Und last but not least nimmt sie in der neu gegründeten Formation Kid Empress nun Anlauf, das Puzzle ganz nah an dessen Vervollständigung zu bringen. «Endlich», sagt Gosteli, «habe ich drei musikalisch Gleichgesinnte. Wir treffen die Entscheidungen gemeinsam, und dies, ohne dabei Kompromisse eingehen zu müssen.»

Der «Schnuu» und der stilübergreifende Sound von Kid Empress deuten bereits eindrücklich an, dass sich das anfängliche «Von allem etwas und nichts richtig» zu einer eigenständigen Identität verdichtet. «Der Get Going!-Beitrag gibt mir gerade zur richtigen Zeit die nötige finanzielle Luft, um mich in eben diese neuen kreativen Abenteuer stürzen zu können.» Und dann strahlt sie noch einmal über das ganze Gesicht.

Seit 2018 hat die FONDATION SUISA mit der Vergabe von neuen Werkbeiträgen begonnen. Unter dem Titel Get Going! werden kreative und künstlerische Prozesse finanziell angestossen, die sich ausserhalb der gängigen Kategorien befinden. In einer Porträtserie stellen wir jedes Jahr die Empfängerinnen und Empfänger dieser Get Going!-Beiträge vor. Die Ausschreibung für 2020 dauert noch bis Ende August.

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«Das Cello spricht wie ein Mensch»

Neben seiner Tätigkeit als Kinderarzt war Dr. Beat Richner zeit seines Lebens als Musiker aktiv. Ab 1972 trat er unter dem Künstlernamen «Beatocello» auf. Für seine poetisch-kabarettistischen Musikprogramme schrieb er Musik und Texte von mehreren Werken selbst. In der Nacht auf Sonntag, 9. September 2018, ist das langjährige SUISA-Mitglied im Alter von 71 Jahren gestorben. Text von Manu Leuenberger

Beat Richner: «Das Cello spricht wie ein Mensch»

Der musizierende Kinderarzt Dr. Beat Richner – hier in einem Szenenbild aus dem Film «LʼOmbrello di Beatocello» von Georges Gachot – war seit 1978 SUISA-Mitglied. (Foto: Gachot Films / www.lombrellodibeatocello.com)

Beat Richner wurde am 13. März 1947 geboren und wuchs in Zürich auf. Nach der Matura widmete er sich ein Jahr lang der Musik. Der 19-Jährige trat mit einem Programm namens «Träumerei eines Nachtwächters» öffentlich auf. Während seines anschliessenden Medizinstudiums entwickelte er die Figur des Musikclowns «Beatocello». Unter diesem Künstlernamen wurde Beat Richner in der Schweizer Kleinkunstszene bekannt. Im Zusammenhang mit seinem humanitären Engagement in Kambodscha fand der musizierende Kinderarzt auch im Ausland Beachtung.

1978 wurde Beat Richner Mitglied bei der SUISA. Er war Komponist und Textautor von Liedern, die er hauptsächlich für die Beatocello-Musikprogramme schrieb. Seine Kompositionen tragen Titel wie «Chatz und Muus», «SʼTröpfli», «Zirkus», «Doctor PC», «De Sprinti und de Läbi» oder «Dong und Deng» und sind auf verschiedenen CD-Aufnahmen verewigt. Auf anderen Aufnahmen ist der Cellist auch als Interpret von Werken von Bach, Vivaldi und Bruch zu hören.

Das Cello war für Dr. Beat Richner ein treuer Begleiter. Er spiele darauf täglich 30 bis 40 Minuten, erzählte er einmal in einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten», damit bleibe er fit für die Konzerte, die er jeden Samstag in Siem Reap für Besucher aus aller Welt spielte, um dabei über die von ihm gegründeten Spitäler zu informieren und dafür Spenden aufzubringen. «Das Cello spricht da wie ein Mensch», sagte Beat Richner im Interview. «Eine einfache, eine warme menschliche Sprache, die tröstet.»

www.beat-richner.ch

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  1. Dodo Leo sagt:

    An Beatocello erinnere ich mich oft, immer wieder gerne und, als wenn es gestern gewesen wäre, dass ich seine Lieder gehört habe.
    Das trifft es aber eigentlich nicht ganz, viel mehr war Hr. Richners Figur eine ständige und haltgebende Begleitung meiner Kindheit. Der Umstand, warum ich seiner Musik und Geschichten als Kind begegnete, kommt daher, dass ein erheblicher Teil dieser Kindheit – vor allem in der früheren Phase – im Kinderspital stattfand. Ich hatte ein kleines, silbergraues Kassettengerät, mit dem man nur vorwärt spulen konnte, und das ein bisschen schepperte. Das machte mir nichts aus, denn was ich hörte, war viel mehr als Musik. Es waren Gefühle des Trostes, Linderung der Angst.
    Wenn Hr. Richner in dem Interview mit der »Schweizer Illustrierten« davon sprach, das Cello würde „sprechen wie ein Mensch“, dann kann ich das nur bestätigen. Für mich war es ganz genau so, ich erinnere mich gut. Einmal, so meine ich mich jedenfalls ebenfalls erinnern zu können, war er sogar bei uns auf der Station. Aber, vielleicht ist das auch Wunschdenken eines Erwachsenen, der sich wünscht, es wäre damals so gewesen. Irgendwie war er sowieso immer da.
    Ich halte inne und senke mein Haupt, verbeuge mich in tiefer Annerkennung und Dankbarkeit an einen selbstlosen Mann, der mir und vielen anderen im Leben so viel gegeben hat und sage; Danke Hr. Richner.
    Dodo Leo

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Neben seiner Tätigkeit als Kinderarzt war Dr. Beat Richner zeit seines Lebens als Musiker aktiv. Ab 1972 trat er unter dem Künstlernamen «Beatocello» auf. Für seine poetisch-kabarettistischen Musikprogramme schrieb er Musik und Texte von mehreren Werken selbst. In der Nacht auf Sonntag, 9. September 2018, ist das langjährige SUISA-Mitglied im Alter von 71 Jahren gestorben. Text von Manu Leuenberger

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Der musizierende Kinderarzt Dr. Beat Richner – hier in einem Szenenbild aus dem Film «LʼOmbrello di Beatocello» von Georges Gachot – war seit 1978 SUISA-Mitglied. (Foto: Gachot Films / www.lombrellodibeatocello.com)

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Der Schattenmann des Mundartrock

Aus seiner Feder stammten die Schweizer Hits, die vor allem Polo Hofer berühmt machten. Nun ist Hanery Amman im Alter von 65 gestorben. Nachruf von Gastautor Ane Hebeisen

Der Schattenmann des Mundartrock

Hanery Amman, SUISA-Mitglied seit 1976, in einer Aufnahme vom 10. November 2009, fotografiert anlässlich eines SUISA-Mitgliedertreffens in Bern. (Foto: Wolfgang Rudigier)

Wurde Hanery Amman nach seinen Träumen befragt, dann antwortete er stets das Gleiche: Er hoffe, bis zum Ende seines Lebens Musik machen zu können. Und auch wenn dieses Leben nicht immer gerecht zu ihm war und immer wieder neue Katastrophen und Enttäuschungen für ihn bereit hielt, blieb ihm zumindest das vergönnt: Er machte bis zuletzt das, was ihm am liebsten war – er machte Musik.

Es wäre vermessen zu behaupten, dass er dabei eine überdurchschnittliche Produktivität an den Tag gelegt hätte. Dafür hatte er zu sehr mit anderem Ungemach zu kämpfen. Von seinem Output wurde in all den Jahren nur ein kleiner Bruchteil veröffentlicht, weshalb anzunehmen ist, dass da irgendwo in Interlaken noch ein berstend voller Archiv-Schatz an Hanery-Amman-Essays und -Etüden auf seine Entdeckung wartet.

Die Seele von Rumpelstilz

Angebahnt wurde seine Musikkarriere indes schon früh. Er spielte schon in der Schule Banjo und Ukulele. Doch im Singsaal des Schulhauses stand dieses Klavier, das den ganzen Werdegang des Hanspeter «Hanery» Amman in andere Bahnen lenken sollte. Er begann darauf zu spielen und spürte schnell, dass sich damit weit grössere Gefühlsregungen erzielen liessen, als mit nasal klingenden Zupfinstrumenten.

Nach einer Lehre als Feinmechaniker und nach einem Abstecher ins Schauspielfach (überliefert ist eine Rolle als General im Stück «Treffpunk Vietnam» am Zürcher Zimmer-Theater), traf er sich 1971 regelmässig mit seinem alten Nachbarn, einem gewissen Urs «Polo» Hofer, zum Musikmachen. Die beiden lebten mit ihren Eltern längere Zeit im selben Haus in Interlaken, Hofers waren Trauzeugen bei der Hochzeit der Ammans, und der sieben Jahre ältere Polo durfte Klein-Hanery zuweilen im Kinderwagen durch die Nachbarschaft schieben.

Damals ahnte noch niemand, dass die beiden bis an ihr Lebensende miteinander verbunden bleiben sollten – mal enger, mal etwas loser – und schon gar nicht, dass in Interlaken dereinst ein Platz nach den beiden benannt werden würde.

Die Aufgaben an ihrem ersten musikalischen Aufeinandertreffen waren klar verteilt. Hanery Amman schrieb die Musik, Polo Hofer die Texte. Hofer war Verkäufer, Sänger und Kühlerfigur, Amman war die Seele des Projekts und prägte den Sound des Mundartrock 1.0 massgeblich. Als musikalische Blaupause diente Udo Lindenberg, der es geschafft hatte, die deutsche Sprache mit der Musik der Zeit zu verquicken. Ziel war es, so etwas auch in Schweizer Mundart möglich zu machen.

Der erste Schweizer Reggae

Rumpelstilz war eine Band, in der diverseste unterschiedliche Kräfte wüteten. Das Tastenspiel des Hanery Amman war beispielsweise von so divergenten Vorbildern wie Elton John und Chick Corea beeinflusst, man bewunderte den Fusion-Jazz-Saxofonisten Jim Pepper ebenso wie Bob Dylan – und weil der Temporär-Perkussionist und spätere Weltmusik-Guru Res Hassenstein auch mit der karibischen Musik vertraut war, beschloss man, auch den Reggae ins Stilrepertoire aufzunehmen.

In dieser Zeit entstanden die ersten grossen Hits aus der Feder des Hanery Amman: «Teddybär» (offiziell der erste Mundart-Reggae) oder der Sechseinhalbminüter «D Rosmarie und i», dem Amman ein signifikant-perlendes Piano-Intro voranstellte, um im Solo in der Mitte des Stücks auf engstem Raum von Boogie über Blues zum Jazz zu schwenken. Er mochte das Fusionieren.

Hanery Amman bezeichnete die Jahre mit Rumpelstilz später als die prägendsten seiner Karriere. Sie seien eine Multikulti-Band gewesen, zu einer Zeit, in der es den Begriff noch gar nicht gab, erzählte er gerne. Er habe mit den Rumpelstilz seinen Stil und seine Eigenart sowohl als Musiker wie auch als Komponist entwickelt.

Auflösung von Rumpelstilz

Die Rumpelstilz waren zwar höchst erfolgreich, ein Nationalheiligtum waren sie damals beileibe nicht. Gerade in Hanery Ammans Heimatstadt Interlaken wurde der Mann mit den langen blonden Haaren noch nicht als guter Hirte des helvetischen Liedguts angesehen, sondern als einer, der besser einer anständigen Arbeit nachgehen solle.

1979 führten Spannungen zwischen Hanery und Polo zum Bruch und zur Auflösung der Band, wie es halt so geht, wenn zwei harte Berner-Oberländer-Gringe aufeinanderprallen. In einem Interview nach der Trennung erklärte Hanery den Streit folgendermassen: «Wir waren zwei Leithammel in einer Band. Polo Hofer ist der Publikumserfolg irgendwann in den Kopf gestiegen. Das hat der Band geschadet.»

Und auch ums Geld ging es: Trotz der grossen Erfolge sei man finanziell immer klamm gewesen, dafür habe niemand eine gute Erklärung gehabt. Mit ein bisschen Distanz beschrieb er das Verhältnis zu Hofer dann etwas nüchterner: «Wir haben uns gebraucht und ergänzt», im Alter bezeichneten sich die beiden als Freunde.

Ein Hit für die Ewigkeit

Polo Hofer gründete nach der Trennung Polos SchmetterDing, während es Hanery Amman unter eigenem Namen und auf eigene Faust versuchte. 1980 erschien sein in Deutschland produziertes Solo-Album «Burning Fire», die Amtssprache war Englisch, stilistisch frönte er einem munteren Americana-Rock, und in Interviews erklärte er, dass er mit seiner Musik auf Reisen gehen wolle und dass Berndeutsch ohnehin nur bedingt eine Rocksprache sei.

Im Oberland kam das nur bedingt gut an. Dafür spielte er einige Konzerte in Deutschland und Österreich. Daneben komponierte er Filmmusik oder schrieb Lieder für die italienische Schlager-Lady Rita Pavone. Seine Zusammenarbeit mit der deutschen Produktionsfirma kündigte er bald auf, richtete sich in Interlaken ein eigenes Studio ein, gab Konzerte und tat das, was er am liebsten tat: er schrieb Songs.

Einer davon hiess «Kentucky Rose» und wäre womöglich ebenfalls im hauseigenen Archiv verstaubt. Polo Hofer, mittlerweile mit der SchmetterBand unterwegs, stattete den bloss auf einem Demo-Tape festgehaltenen Song mit einem berndeutschen Text aus und landete damit einen der grössten Hits des schweizerischen Musikbinnenmarktes: «Alperose» machte Hofer und Amman unsterblich.

Unter dem bisweilen etwas sturen Oberländer Schädel von Hanery Amman schlug stets ein grosses Herz. Freunde sprechen von einem speziellen, aber höchst liebenswerten Charakter. Stets fallen Attribute wie: direkt, ehrlich, bockig und hochsensibel. Der Mann hatte Humor und liess selbst im grössten Zetern immer wieder seinen Schalk und seine Herzlichkeit aufblitzen.

Was ihm aber gar nicht gefiel, waren musikalische Unkonzentriertheiten: Im Mai 1984 ging er mit der Hanery Amman Band ins Studio, um ein Album einzuspielen. Doch Amman fand das Ergebnis derart schlecht, dass er es nicht veröffentlichen mochte. Der Grund war bald gefunden: Es soll an der Arbeitsweise der Mitmusiker gelegen haben, wie er in einem Interview schimpfte. Die Band habe zu wenig Motivation an den Tag gelegt. Das Ergebnis: Rückzug! Gruppenkonstellation überdenken!

«Chopin des Berner Oberlandes»

Es folgen schwierige Jahre. Hanery Amman erleidet aufgrund einer Operation nach einer Mittelohrenentzündung einen Tinnitus, der ihm das Musizieren lange Zeit fast verunmöglicht. Dennoch spielt er Konzerte, zettelt eine Rumpelstilz-Reunion an und schneidet im Anker Interlaken (er wohnt direkt über dem Konzertsaal) drei Konzerte mit. Das daraus resultierende Tonwerk «Live im Anker» arriviert zu einem der berühmtesten Konzertalben der Schweiz.

Erst im Jahr 2000 erscheint das nächste Solo-Album von Amman. Es heisst «Solitaire», erntet euphorische Kritiken, schafft es aber nicht über Platz 90 der Schweizer Hitparade hinaus. Die Welt hört Manu Chao, Red Hot Chili Peppers oder Britney Spears, Ammans lange zwischengelagerte und sorgfältig ausarrangierte Mundart-Nummern scheinen ein bisschen aus der Mode gefallen zu sein. Und auch die Mediziner haben keine guten Nachrichten für ihn. 2007 wird bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. Eine Krankheit, die ihm nun, zehn Jahre später – und fünf Monate nach Polo Hofer –, das Leben gekostet hat.

Sein Verhängnis hat er nie beklagt, auch wenn ihm sein Leben «einen Schicksalstätsch nach dem anderen» verpasst habe, wie er kürzlich sagte. Im Gegenteil: Er verspüre viel Dankbarkeit. Hanery Amman war nie einer, der sich gerne in den Vordergrund gedrängt hat. Berühmt gemacht haben seine Lieder Polo Hofer, nicht ihn. Das Showbusiness sei die Welt der Hochstapler und Blender, so seine Diagnose, er habe sich darin nie richtig wohl gefühlt.

Am wohlsten fühlte er sich, wenn er sich an einen Flügel setzen und seinen Fingern beim Spielen zuhören konnte. Er hat das meist in der Nacht getan (öfter auch nackt, wie er einmal verriet) – es war seine Meditation gegen die Launen der Welt. «Wenn dich alles ‹versecklet› , hast du am Schluss noch die Musik», lautete seine Devise.

Hätte man ihm jemanden zur Seite gestellt, der seine Arbeit ein bisschen geordnet, und ihm die immer wieder aufkommenden Selbstzweifel genommen hätte, der Mann, der von Polo Hofer als «Chopin des Berner Oberlandes» bezeichnet wurde, hätte ein weit grösseres Œuvre hinterlassen. Doch mit Beratern hatte es der Interlakner nicht so.

Trotzdem: Was er veröffentlicht hat, ist im Langzeitgedächtnis der Schweizer Mundartmusik abgespeichert. Bis zuletzt arbeitete er an einem Instrumental-Album, von dem er hoffte, dass er es vor seinem Tod noch vollenden könne. Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Hanery Amman starb in der Nacht auf Silvester im Alter von 65 im engsten Familienkreis.

Wie sang er auf seinem Solo-Album «Solitaire» so schön: «U we de meinsch, die Wält göng under, de si d Stärne geng no da». Nun leuchtet da ein Stern mehr am Firmament.

www.haneryamman.ch

Dieser Nachruf von Ane Hebeisen ist in ähnlicher Form Anfang Januar 2018 bei Der Bund und Tages-Anzeiger erschienen.

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Aus seiner Feder stammten die Schweizer Hits, die vor allem Polo Hofer berühmt machten. Nun ist Hanery Amman im Alter von 65 gestorben. Nachruf von Gastautor Ane Hebeisen

Der Schattenmann des Mundartrock

Hanery Amman, SUISA-Mitglied seit 1976, in einer Aufnahme vom 10. November 2009, fotografiert anlässlich eines SUISA-Mitgliedertreffens in Bern. (Foto: Wolfgang Rudigier)

Wurde Hanery Amman nach seinen Träumen befragt, dann antwortete er stets das Gleiche: Er hoffe, bis zum Ende seines Lebens Musik machen zu können. Und auch wenn dieses Leben nicht immer gerecht zu ihm war und immer wieder neue Katastrophen und Enttäuschungen für ihn bereit hielt, blieb ihm zumindest das vergönnt: Er machte bis zuletzt das, was ihm am liebsten war – er machte Musik.

Es wäre vermessen zu behaupten, dass er dabei eine überdurchschnittliche Produktivität an den Tag gelegt hätte. Dafür hatte er zu…Weiterlesen

Oh Yeah! Ein kleiner Tempel für Popmusik in der Schweiz

Die Ausstellung «Oh Yeah!» im Museum für Kommunikation in Bern widmet sich der Popmusik in der Schweiz von den 1950ern bis heute. Die Reise durch das Abenteuer von Schweizer Beats und Bands ist seit November bis am 19. Juli 2015 zu sehen.

Ausstellung Oh Yeah Besucher vor Videoscreen

Die Ausstellung «Oh Yeah!» im Museum für Kommunikation in Bern zeigt 60 Jahre Schweizer Popkultur als multimediales Erlebnis. (Foto: Hannes Saxer / Museum für Kommunikation)

Wer kennt sie nicht, die Songs, die sich für ewig in die Erinnerungen jedes Einzelnen eingebrannt haben: Der Soundtrack vom ersten Kuss, zum ersten Herzschmerz, das erste Konzert.

60 Jahre Popkultur zum Schwelgen

Kurt Stadelmann und Samuel Mumenthaler haben mit ihrem Team das letzte Jahr damit verbracht, persönliche und kollektive Musikmeilensteine der schweizerischen Popkultur zu sammeln, zu büscheln und in ein allgemein zugängliches Format zu komprimieren. Berücksichtigt wurden dabei die letzten 60 Jahre und unzählige Musikrichtungen, die der schweizerischen Popkultur ihren Stempel aufgesetzt haben. Dazu gehören zum Beispiel Beat, Rock, Punk, New Wave, Mundart, Techno und Rap.

Musik trifft auf Lebensgefühl

So entstand eine Ausstellung, die sowohl Musiknerds als auch allen anderen Interessierten spannende Einblicke darüber verschafft, was in den letzten 60 Jahren die Schweiz(er) bewegt hat. Denn es geht nicht ausschliesslich um Musik sondern auch um unterschiedliche Lebensentwürfe, die sich über die Musik definiert haben.

Wie SRF-Musikredaktor Claudio Landolt treffend in seinem Artikel sagt: «Diese Ausstellung verbindet die Anti-Baby-Pille mit dem Sound der 1960er-Jahre, zeigt eine Züri West-Setliste mit Blutflecken von Jungpunk Kuno Lauener und erklärt unter anderem, weshalb in den 1950er-Jahren hierzulande plötzlich Hawaii-Musik hip wurde.»

Ausstellung Oh Yeah Multimedia Installationen

400 Minuten Ton- und Filmaufnahmen laden zu einer Erinnerungsreise durch die Geschichte der Schweizer Popkultur ein. (Foto: Erika Weibel)

Videos, Plakate, Fotos, Filmausschnitte, Instrumente, Kleider und viele weitere Zeitzeugnisse lassen die vergangenen Tage wieder aufleben und befördern den Museumsbesucher zurück zu seinen ganz persönlichen privaten Erinnerungsschätzen.

Multimedial genial

Ganze 400 Minuten Ton- und Filmaufnahmen stehen zur Verfügung. Mit Kopfhörern ausgerüstet kann man dank den Aufnahmen in Vergangenes abtauchen, in der Gegenwart schwelgen und rätseln, wohin die Zukunft geht. Gezeigt wird nicht nur die helvetische Popmusik in allen Facetten, sondern auch wie die globale Popmusik in der Schweiz Niederschlag gefunden hat. Lass auch du dich entführen!

Wann und wo

Die Ausstellung «Oh Yeah! Pomusik in der Schweiz» ist bis am 19. Juli 2015 im Museum für Kommunikation in Bern zu sehen.

Die SUISA und die FONDATION SUISA haben die Ausstellung «Oh Yeah! Popmusik in der Schweiz» im Museum für Kommunikation finanziell unterstützt.

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Ausstellung Oh Yeah Besucher vor Videoscreen

Die Ausstellung «Oh Yeah!» im Museum für Kommunikation in Bern zeigt 60 Jahre Schweizer Popkultur als multimediales Erlebnis. (Foto: Hannes Saxer / Museum für Kommunikation)

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