«Es wäre schön, wenn durch diese Krise eine Art Sensibilisierung stattfinden würde»

Während der Corona-Krise bietet die SUISA einigen Mitgliedern im Rahmen des Projekts «Music for Tomorrow» eine Plattform, auf der sie über ihr Schaffen und ihre Herausforderungen in dieser Zeit berichten. Dieses Mal erzählt die Zürcher Musikerin und Songwriterin Anna Känzig, wie es sich anfühlt, wenn eine Konzertabsage nach der anderen reinflattert und wieso sie trotzdem den Mut nicht verloren hat. Für «Music for Tomorrow» performte sie exklusiv ihren Song «House of Cards», welcher die momentanen Umstände schön umschreiben. Text von Nina Müller; Video von Anna Känzig, ergänzt von Nina Müller

Bereits in jungen Jahren war Anna Känzig (35) schon sehr musikalisch. Im Alter von fünf Jahren lernte sie, Gitarre zu spielen. Später folgten der Bass und das Klavier und auch ihre schulische Ausbildung fand im musikalischen Bereich statt. An der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) machte sie ihren Bachelor in der Jazz-Abteilung und seit 2009 ist Känzig aus der Schweizer Musikszene nicht mehr weg zu denken. Mit ihrer klaren Stimme begeisterte die Zürcherin bereits Zuschauer am Montreux Jazz Festival, Gurten Festival, Energy Air und am Finale des Elite Model Look 2016.

Seit 2014 ist sie bei Sony Music Switzerland unter Vertrag und hat bereits drei Alben produziert, ersteres noch beim Label Nation Music. Das Album «Sound and Fury», auf dem auch auf «House of Cards» drauf ist, hat sie zusammen mit dem Musikproduzenten Georg Schlunegger von Hitmill produziert, und Lars Norgren, der auch mit der schwedischen Popmusikerin Tove Lo zusammenarbeitet, hat das Album gemischt.

2016 war ihr Song «Lion’s Heart» die Hymne der Spendenaktion «Jeder Rappen zählt». Anna Känzig ist die erste Frau, die den offiziellen Song für die Spendenaktion von SRF und der Glückskette beisteuerte.

«House of Cards»

Für «Music for Tomorrow» hat Anna Känzig den Song «House of Cards» performt und aufgenommen. Zum Stück sagt sie: «Der Song beschreibt die momentane Situation eigentlich sehr schön. Es geht darum, dass sich Situationen von einem Tag auf den anderen ändern können und trotz minutiöser Planung plötzlich alles anders sein kann. Der Song ist vor ein paar Jahren entstanden und ist seither fester Bestandteil meines Live Programms.

Anna Känzig, wie sieht dein Arbeitsalltag als Komponistin und Textautorin während der Corona-Pandemie aus?
Ich versuche, die entstandene Zwangspause so kreativ wie möglich zu nutzen. Zu Beginn der Corona-Krise fiel mir das extrem schwer, da mich die ganze Situation lähmte. Täglich flatterten neue Konzertabsagen rein, und der geplante Single-Release schien auch plötzlich nicht mehr so viel Sinn zu machen. Irgendwann konnte ich mich dann von dieser Lethargie befreien und fand den kreativen Flow wieder. Ich kramte viele bis anhin brach gelegene Song-Ideen hervor und verschanzte mich damit in meinen Bandraum. Mittlerweile sind viele neue Songs entstanden, im besten Fall Material für ein neues Album!

Was bedeutet diese Krise für dich persönlich?
Durch die Krise musste ich mich plötzlich wieder viel intensiver mit mir und meinem Schaffen auseinandersetzen. Die kollektive Abschottung löste in mir einen kreativen Schub aus. Da keine Live-Konzerte mehr gespielt werden durften, brach der persönliche Kontakt zum Publikum abrupt ab. Viele Konzerte wurden ins Internet verlagert, was mir persönlich jedoch nicht wirklich zugesagt hat. Ich verstehe, dass alternative Formen gefunden werden müssen, doch gerade bei Streaming-Konzerten geht für mich ein wesentlicher Teil des Kulturgenusses verloren. Mittlerweile sind kleinere Konzerte wieder erlaubt, und ich merke mehr als je zuvor, dass dieser Energieaustausch zwischen Musiker und Publikum einfach nicht zu ersetzen ist.

Wie kann dich das Publikum im Moment unterstützen?
Ganz klassisch: Alben und Songs kaufen hilft immer. Das muss natürlich nicht immer bei großen Plattformen passieren. Am meisten hilft es uns, wenn die Musik direkt bei uns gekauft wird, via Webshop, oder persönlicher Anfrage. Streaming geht auch, aber hier sind die Einnahmen pro Stream halt sehr niedrig. Die sozialen Medien spielen sicher auch eine Rolle, wenn es darum geht, den Künstler zu unterstützen. Ein Like ist keine Bezahlung, aber die Aufmerksamkeit und das Teilen von Beiträgen in den sozialen Medien hilft uns, unsere Reichweite zu vergrössern und im besten Fall neue Fans zu gewinnen.

Hilft es dir, wenn Leute auf Spotify und Co deine Musik mehr streamen?
Streaming hilft zu einem kleinen Teil sicher. Viel besser wäre es jedoch, wenn die Leute die Musik auf Plattformen konsumieren würden, wo sie die einzelnen Tracks kaufen können. Es wäre schön, wenn durch diese Krise eine Art Sensibilisierung stattfinden würde und die Leute wieder mehr bereit sind, für den Kulturkonsum zu bezahlen.

Was könnte deiner Meinung nach die momentane Situation an Positives mit sich bringen?
Ich hoffe, das Manko an kulturellen Erfahrungen und Erlebnissen, das durch die Corona-Krise ausgelöst wurde, bei den Leuten neuen Hunger nach Live-Begegnungen erzeugen wird und somit so etwas wie ein Konzertbesuch wieder viel mehr wertgeschätzt wird.

Was möchtest du deinen Fans mit auf den Weg geben?
Ich freue mich, meine Fans schon bald wieder bei einem Live-Konzert begrüssen zu dürfen!

www.annakaenzig.com

«Music for Tomorrow»
Die Covid19-Krise trifft die Mitglieder der SUISA besonders hart. Die Haupteinnahmequelle vieler Komponistinnen, Komponisten, Verlegerinnen und Verleger fällt komplett weg: Auftritte jeglicher Art sind bis auf Weiteres vom Bund verboten worden. In den nächsten Wochen porträtieren wir auf dem SUISAblog einige unserer Mitglieder. Sie erzählen uns, was sie während der Covid19-Krise bewegt, was ihre Herausforderungen sind und wie ihr Arbeitsalltag derzeit aussieht. Die Musikerinnen und Musiker haben zudem für den SUISAblog zu Hause oder in ihrem Studio eine Eigenkomposition performt und gefilmt. Die SUISA bezahlt den Musikerinnen und Musikern für diese Aktion eine Gage.
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  1. Guten Tag Nina,
    danke für deinen Beitrag! Ein sehr wichtiges Thema was du da ansprichst. Es war und ist auch immer noch für uns alle eine schwere und ungewohnte Zeit.

    Liebe Grüße
    Christoph

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Willy Viteka, der erfolgreiche Musikverleger und Musikproduzent ist verstorben

Mit Willy Viteka ist am 19. Mai 2020 ein Unternehmer verstorben, der als klassischer Produzenten-Musikverleger einen wesentlichen Beitrag in der schweizerischen Musikbranche geleistet hat. Nachruf von Gastautor Stephan F. Peterer

Willy Viteka, der erfolgreiche Musikverleger und Musikproduzent ist verstorben

Willy Viteka war langjähriges Mitglied der SUISA sowohl als Urheber als auch als Verleger. (Foto: zVg)

Er wurde am 6. November 1949 in Madrid geboren und hat bereits früh eine grosse Begeisterung an den diversen Künsten entdeckt und entschlossen Kunst, Literatur und Musik studiert. Sein grosses Wissen und Netzwerk in der Musikbranche hat er sich aufgebaut, indem er an wichtigen Orten des westlichen Musikgeschehens Tätigkeiten ausübte und sich so umfangreiche Erfahrungen aneignen konnte. Insbesondere hat er einen Teil seiner «Gesellenjahre» in den für das Musikgeschehen besonders wichtigen 70er Jahren als Studiomusiker, Produzent, Autor und Redakteur in London genutzt, welche ihn besonders geprägt haben.

Produzent, Verleger und Unternehmer

Nach seinen Wanderjahren hat er sich 1976, zusammen mit seiner geliebten Frau Olivia, in der Schweiz niedergelassen, von wo aus das engagierte Paar ihr Unternehmen, die Viteka Musik AG, welche sowohl eigene Labels wie auch Musikverlage beinhaltete, aufbaute und führte. Aber auch seiner ursprünglichen Heimat blieb Willy weiterhin verbunden. So hat er insbesondere seine Produktionstätigkeit an seinem Lieblingsort Mallorca ausgeübt und zusammen mit Olivia ein zweites Domizil aufgebaut. Sie waren besonders dort stets im Musikstudio aufzufinden.

Im Rahmen seiner unternehmerischen Tätigkeit spezialisierte er sich, nebst der eigenen Musikproduktion, auch auf die klassische Tätigkeit eines Subverlags in der Schweiz und hatte viele wichtige Werke in seinem Katalog: unter anderem von Kylie Minogue, Milva, Rick Astley, Bananarama, Donna Summer, Cliff Richard, Aitken & Watermann und vielen mehr.

Grosses Engagement für die Schweizer Musikbranche

Willy Viteka hat früh erkannt, dass Musikverleger und Produzenten nicht nur schöpferisch und unternehmerisch tätig sein müssen, sondern dass sie insbesondere auch für ein wirtschaftlich nutzbares Umfeld zu kämpfen haben. Obwohl es zu dieser Zeit bereits eine Vielzahl an Verbänden in der Musikbranche der Schweiz gab, wurde er als «produktionsorientierter Verleger» nicht fündig und suchte sich alsbald gleichgesinnte Unternehmer, um mit diesen zusammen einen neuen Verband zu gründen. So darf man ihn durchaus als Schöpfer-Vater des SVMV, dem Schweizerischen Verband der Musikverleger benennen, welchem er während 27 Jahren vorstand. Im Jahr 2019 wurde er für seine grossen Verdienste zum Ehrenpräsidenten ernannt. Auch bei der Gründung des ASMP, der «Association of Swiss Music Producers» hat er intensiv mitgewirkt und diesen parallel zum SVMV präsidiert.

Mit der Gründung von Branchenverbänden war aber die Arbeit nicht getan, denn diese brauchten auch Aktivitäten, um die gewünschten Effekte zu erzielen. Dazu gehört die Einflussnahme in wichtigen Gremien der schweizerischen Musikbranche, in einer Vielzahl von Ad-hoc-Kommissionen und vor allem auch bei den gesetzgebenden Behörden. Auch die gegenseitige Ausbildung und der Austausch zwischen den Unternehmern und insbesondere auch die Ausbildung von Nachwuchs in der Branche wurde zu einer wichtigen Tätigkeit, da es in der Schweiz keine spezialisierten Schulen und Hochschulen für diese Berufsbilder gab. So hat Willy zusammen mit Vorstandsmitgliedern des von ihm initiierten Verbands und mit der steten Hilfe seiner Frau Olivia als Sekretärin über Jahre hinweg Schulungsanlässe organisiert. Diese fanden ihren Höhepunkt in dem jeweils zweitägigen Musiksymposium in Fürigen, welches zum wichtigsten jährlich stattfindenden Berufsanlass im Kalender der Musikbranche wurde.

Mit der Revision des Urheberrechts in den 80er Jahren und den damit etablierten Leistungsschutzrechten konnte in der Folge auch die Swissperform gegründet werden, in welcher Willy von Anbeginn als Delegierter mitgewirkt hat und auch über einige Jahre Mitglied der Fachgruppe Phono-Produzenten war. Auch bei den Urheberrechtsgesprächen des Instituts für Geistiges Eigentum (IGE) hat er über viele Jahre mitgewirkt, ebenso wie bei der Entwicklung der Standardverträge für Musikverleger, Subverleger und Produzenten.

Im Alter von 70 Jahren gestorben

Nach einer Hospitalisierung aufgrund eines Unfalls hat sich Willy Viteka auch noch mit Covid-19 infiziert und obwohl er vom Virus selbst noch geheilt wurde, war er durch die Erkrankung derart geschwächt, dass er an einer in der Rekonvaleszenz zugezogenen Lungenentzündung im Alter von 70 Jahren erlegen ist.

Wir werden Willy als einen ausserordentlich gutmütigen und herzlichen Menschen in Erinnerung behalten, der mit seiner zugänglichen Art und seinem grossen Einsatz viele Freundschaften in der schweizerischen Musikbranche und darüber hinaus geschmiedet hat.

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Mit Willy Viteka ist am 19. Mai 2020 ein Unternehmer verstorben, der als klassischer Produzenten-Musikverleger einen wesentlichen Beitrag in der schweizerischen Musikbranche geleistet hat. Nachruf von Gastautor Stephan F. Peterer

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Willy Viteka war langjähriges Mitglied der SUISA sowohl als Urheber als auch als Verleger. (Foto: zVg)

Er wurde am 6. November 1949 in Madrid geboren und hat bereits früh eine grosse Begeisterung an den diversen Künsten entdeckt und entschlossen Kunst, Literatur und Musik studiert. Sein grosses Wissen und Netzwerk in der Musikbranche hat er sich aufgebaut, indem er an wichtigen Orten des westlichen Musikgeschehens Tätigkeiten ausübte und sich so umfangreiche Erfahrungen aneignen konnte. Insbesondere hat er einen Teil seiner «Gesellenjahre» in den für das Musikgeschehen besonders wichtigen 70er Jahren als Studiomusiker, Produzent, Autor und Redakteur in London genutzt, welche ihn besonders geprägt haben.

Produzent,…Weiterlesen

«Die Krise fühlt sich für mich ein wenig wie ein Aufenthalt in einer Entzugsklinik an»

Während der Corona-Krise bietet die SUISA einigen Mitgliedern im Rahmen des Projekts «Music for Tomorrow» eine Plattform, auf der sie über ihr Schaffen und ihre Herausforderungen in dieser Zeit berichten. Dieses Mal erzählt die Walliser Musikerin und Songwriterin Tanya Barany, warum sie hofft, dass die Menschen in dieser Krise ihr Bewusstsein für Dinge wie Fürsorge, Wertschätzung, Solidarität oder Reflexion geschärft haben und performt exklusiv ihren Song «Cotton Clouds». Text von Giorgio Tebaldi; Video von Tanya Barany, ergänzt von Nina Müller

«Dunkel wie mein britischer Humor, aber mit einem Hauch frischer Bergluft», so beschreibt Tanya Barany ihren «Dark Pop». Geboren und aufgewachsen im Oberwallis, hat Tanja Zimmermann, wie sie bürgerlich heisst, schon früh zur Musik gefunden: «Ich singe, tanze und performe schon mein Leben lang. Die Bühnen sind einfach mit der Zeit etwas grösser geworden», sagt sie im schriftlichen Interview. «Was zu Beginn mein Bett war, ist zu einer Open-Air-Gampel-Bühne mutiert.» Ihre musikalische Karriere begann mit ihrem ersten Solo-Auftritt mit Gitarre an einer Kinderhitparade im Alter von 11 Jahren. Mit 14 gründete sie das Girl-Power-Trio Labyrinthzero, mit dem sie ihre erste EP mit Eigenkompositionen herausbrachte und über 150 Konzerte im In- und Ausland spielte.

Das musikalische Zuhause gefunden

Massgebend für ihre musikalische Karriere war die Begegnung mit Jonas Ruppen, der als Keyboarder in ihrer Band spielt und die Videos erstellt: «Er hat mir die Welt von Radiohead, James Blake usw. gezeigt – und plötzlich hatte ich mein musikalisches Zuhause gefunden!» Die beiden spielen seit nunmehr zehn Jahren zusammen Musik und und arbeiten gemeinsam am Gesamtkonzept von «Tanya Barany» – Tanya als Songwriterin und Jonas als Videoproduzent.

Ihre musikalische Ausbildung begann sie 2014 mit dem Musikstudium an der Zürcher Hochschule der Künste, wo sie von tollen Dozentinnen und Dozenten habe profitieren können. «Gleichzeitig erlernte ich auch den Umgang mit dem Aufnahmeprogramm LogicX, was mein Songwriting in eine ganz andere Richtung lenkte – mein ‹Dark Pop› erblickte das Licht der Welt!»

Das Debütalbum «Lights Disappear»

2019 erschien Tanya Baranys Debütalbum «Lights Disappear». Es folgten mehrere Auftritte auf Bühnen im In- und Ausland, z. B. Gampel Openair, Zermatt Unplugged, Swiss Live Talents oder am Blue Balls Festival.

Nebst ihrem Projekt Tanya Barany ist sie hauptberuflich als Studiosängerin und -musikerin, Songwriterin, Texterin und Vocal Coach tätig.

«Cotton Clouds»

Für «Music for Tomorrow» hat Tanya Barany den Song «Cotton Clouds» performt und aufgenommen. Zum Stück sagt sie: «‹Cotton Clouds› beschreibt das Gefühl des Eintauchens in Wasser, wo plötzlich alles herum stumm wird; wo plötzlich eine andere Welt zum Vorschein kommt. Die Wasserwände sind einerseits bedrückend (schon fast erdrückend), andererseits erinnern sie an die Geborgenheit einer Umarmung. ‹Cotton Clouds› ist mein unveröffentlichter ‹Hidden Track›. Wie meine Songs des Albums ‹Lights Disappear› ist ‹Cotton Clouds› aus meiner dunklen Herzensecke herausgewachsen, jedoch fand der Track keinen Platz auf dem Album. Ich hatte ‹Cotton Clouds› damals am Piano komponiert; Klavier spiele ich eigentlich am liebsten alleine für mich, ohne dass mir jemand zuhört. ‹Cotton Clouds› habe ich für ‹Music for Tomorrow› ausgewählt, weil ich die Zuhörer somit in meine kleine Stube einladen und euch auf eine kleine, persönliche Reise mitnehmen möchte … :-)»

Tanya Barany, wie sieht dein Arbeitsalltag als Komponistin und Textautorin während der Corona-Pandemie aus?
Tanya Barany: Momentan habe ich mehr Zeit, meine Liederideen zu fertigen Songs umzuwandeln. Deshalb versuche ich, so viel Output wie möglich zu generieren – nicht nur für mich als Tanya Barany, sondern auch als Ghostwriterin für andere Künstlerinnen und Künstler. Mein Partner, David Friedli – auch Musiker und Komponist –, und ich schreiben oft zusammen. Dabei bewegen wir uns in allen möglichen Stilrichtungen – von Folk zu Rock zu Schlager zu Electro Pop zu Soul usw. – das macht echt Spass!

Was bedeutet diese Krise für dich persönlich?
Die Krise fühlt sich für mich ein wenig wie ein Aufenthalt in einer Entzugsklinik an. Ich will eigentlich gar nicht dort sein – ich vermisse das Live-Performen, das Kulturleben und sogar das Vorausplanen – wer hätte das gedacht – und kann es kaum erwarten, wenn wieder Normalität eingekehrt.
Andererseits bringt diese Krise auch etwas Wertvolles mit sich: Zeit! Die Welt scheint sich einfach etwas langsamer zu drehen. Dabei darf ich mich plötzlich auf irgendwelche Dinge konzentrieren, die nicht unbedingt auf meiner Must-to-do-Liste sind sondern auf der Nice-to-do-Liste – das tut unglaublich gut! Diese geschenkte Zeit hat «Reboot» ermöglicht, nun fühle ich mich viel energievoller und kreativer als vor der Krise.

Wie kann dich das Publikum im Moment unterstützen?
Mein Publikum kann mich am besten unterstützen, indem es allen Freunden und Verwandten von meiner Musik erzählt und ihnen sagt, dass sie uuuunbedingt die «Lights Disappear»-CD kaufen sollen! 🙂 Dunkle Songs helfen durch dunkle Zeiten … 🙂

Hilft es dir, wenn Leute auf Spotify und Co deine Musik mehr streamen?
Bei der Auswahl von Live-Acts schauen die Veranstalterinnen und Veranstalter u. a. auf die Anzahl «Listens» auf Spotify, Youtube usw. Deshalb ist es sicher von Vorteil, wenn meine Musik auf diesen Plattformen regelmässig gestreamt wird. Es ist auch schön zu sehen, dass meine Songs sogar am anderen Ende der Welt gehört werden! Um mich als Künstlerin aber direkt zu unterstützen, bin ich immer sehr dankbar um gekaufte Musik auf iTunes usw. oder direkt an Konzerten.

Was könnte deiner Meinung nach die momentane Situation an Positives mit sich bringen?
Ich hoffe sehr, dass das Bewusstsein der Menschen etwas geschärft wird – und zwar auf allen Ebenen! Ein bisschen mehr Fürsorge, Wertschätzung, Solidarität, Reflexion – das würde uns allen gut tun!

Was möchtest du deinen Fans mit auf den Weg geben?
Liebe Fans, zwar scheint es momentan ruhiger um Tanya Barany zu sein, jedoch arbeite ich fleissig im Hintergrund an einem neuen Konzept, damit es danach umso mehr kracht – also geniesst die Ruhe vor dem Sturm! 🙂 Ich freue mich jetzt schon, euch neue Songs präsentieren zu können! Danke für eure bisherige Unterstützung! Take care <3

www.tanyabarany.ch

«Music for Tomorrow»
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«Diese Krise weist auf eine kranke Gesellschaft hin»

Im Rahmen des Projekts «Music for Tomorrow» stellen wir dieses Mal den Schweizer Jazz- und Improvisationsmusiker Cyril Bondi und sein Stück «We Need To Change» vor. Im schriftlichen Interview erzählt Cyril, warum aus seiner Sicht die Politik und nicht der Virus für die jetzige Krise verantwortlich ist. Text von Nina Müller; Video von Cyril Bondi, bearbeitet von Nina Müller

Der 40-jährige Cyril Bondi bezeichnet sich selbst als Experimentator, der es liebt, mit anderen zusammen zu arbeiten. Der gebürtige Genfer bewegt sich musikalisch im Bereich von Jazz und Free Jazz. Als Rückgrat seiner Musik bezeichnet er die Improvisation. «Sie hat es mir ermöglicht, in unterschiedlichen Kontexten zu spielen und mich in einem Jazz-Trio (Plaistow) ebenso wohl zu fühlen wie im experimental/traditional Genre (La Tène), in einem Pop-Rock-Duo (Cyril Cyril) oder bei einer punktuellen Zusammenarbeit für verschiedene Projekte», sagt er im schriftlichen Interview mit der SUISA. Mit seiner Musik überschreitet Cyril regelmässig musikalische Grenzen, die sich die Gesellschaft im Laufe der Jahre gesetzt hat. «Ich versuchte schon immer, Neues zu entwickeln, neue Konzepte, mein Instrument anders zu spielen, es zu dekonstruieren, neu zu erfinden und neue Klänge und Texturen zu suchen», sagt Cyril über seine musikalische Entwicklung.

Exklusiv für «Music for Tomorrow» hat Bondi das Stück «We Need To Change» komponiert. Vor dem Lockdown war Bondi damit beschäftigt, mehrere Stücke für sein kommendes Soloalbum zu schreiben. Wegen der Coronavirus-Pandemie musste er alle Projekte abbrechen. Als er die Einladung zu «Music for Tomorrow» erhielt, wurde ihm bewusst, wie gross sein Bedürfnis nach einer Veränderung ist. Die Erarbeitung des Stückes empfand Cyril als sehr intensiv. «Intensiv, weil ich darin die Chance sah, einem in der heutigen Situation verbreiteten Gefühl Ausdruck zu verleihen, dieser merkwürdigen Mischung zwischen der klaren Feststellung, dass unsere Gesellschaft zusammenbricht und der Verleugnung dieser Situation», erklärt Bondi. «Ich spüre diese Spannung zutiefst, und der kreative Raum, auf den ich mich einliess, hat mir erlaubt, dies auf meine eigene Art und Weise auszudrücken». Ausserdem sei es für ihn ungewohnt, alleine zu arbeiten, da er meist mit Bands oder Orchestren zusammenarbeitet.

Cyril Bondi, wie sieht dein Arbeitsalltag als Komponist während der Corona-Pandemie aus?
Cyril Bondi: Ich organisiere meine Arbeitstage rund um das Familienleben. Ich habe drei Kinder zu Hause, muss mich also immer wieder um sie kümmern, ihnen bei den Hausaufgaben helfen, sie beschäftigen. Damit ich mit meiner Arbeit vorankomme, stehe ich manchmal früh auf oder befasse mich am Abend mit meinen verschiedenen Projekten. Seien wir ehrlich: Diese Pandemie hat die Kulturkreise mit voller Wucht getroffen, und besonders auch die Musikerinnen und Musiker, deren langjährige prekäre Lage nun deutlich zu Tage tritt. Ich verbringe also sehr viel Zeit damit, Konzertabsagen und -verschiebungen zu organisieren und mich über die verschiedenen Unterstützungsbeiträge zu informieren. Ausserdem bin ich Mitglied der Genfer Föderation der Musikschaffenden, die die Berufsmusiker vom Hip-Hop bis zur zeitgenössischen Musik vereint und in der wir für dieses pandemiegebeutelte Umfeld gemeinsame Forderungen ausarbeiten. Es bleibt mir also wenig Zeit für die künstlerische Tätigkeit: Irgendwann musste ich aber zu meiner Kompositionsarbeit zurückkehren; ich schrieb neue Stücke, ohne zu wissen, für wen eigentlich und mit welchem Ziel vor Augen, ausser dass ich mich wieder kreativ betätigte. Zudem nutzte ich die Gelegenheit, die Aufnahmen für das Album Cyril Cyril (Pop, Rock) und für mein Soloalbum (experimental) voranzutreiben.

Was bedeutet diese Krise für dich persönlich?
Diese Krise weist auf eine kranke Gesellschaft hin. Wir befinden uns nämlich in dieser Situation nicht weil sich ein Virus ausgebreitet hat, sondern weil politische Entscheidungen uns in diese Lage geritten haben. Wir sparen bei den öffentlichen Diensten und Spitälern, wir holzen ab, beuten aus, plündern und verbrauchen. Ich versuche nun zu lesen, mich zu informieren, mit anderen zu diskutieren, Musik zu hören. Es ist eine düstere Zeit, die mir vor Augen führt, wie stark wir die Kultur, die Künste, die Künstlerinnen und Künstler brauchen, um uns zu inspirieren, zum Träumen zu bringen, zur Flucht zu bewegen und zum Nachdenken anzuregen. Noch nie brauchten wir sie so sehr.

Wie kann dich das Publikum im Moment unterstützen?
Die Menschen müssen merken, in welcher Notlage sich die Kulturschaffenden befinden, und sie dürfen hinter ihren Computern und Smartphones nicht denken, dass sie damit irgendwie helfen. Sie müssen CDs kaufen, ihre Lieblingskünstler unterstützen, die Musik jener hören, die in ihrem Umfeld leben, und vor allem dürfen sie die Konzertsäle, Theater und Festivals nicht fallenlassen, wenn diese wieder öffnen dürfen. Denn das ist eine meiner Befürchtungen für die Zukunft. Wenn die Leute dann immer noch Angst haben, sich zu treffen, zu berühren, zu umarmen oder zusammen zu tanzen: Wie werden wir dann wieder schöne Momente der Musik teilen können?

Hilft es dir, wenn Leute auf Spotify und Co. mehr deine Musik streamen?
Vermutlich sagen alle dasselbe. Spotify, Youtube, Facebook sind Unternehmen, die so viel Geld wie möglich machen wollen, indem sie die Ressourcen anderer auswerten. Und ich gehöre nun mal zu diesen «anderen». Ich werde nie etwas von dem erhalten, was konsumiert wird.

Was könnte deiner Meinung nach, die momentane Situation an Positives mit sich bringen?
Meine Hoffnung liegt in der kollektiven Erfahrung, die wir gerade durchleben. Sind wir intelligent genug, um zu merken, dass eine Welt mit weniger Flug- und Autoverkehr, mit mehr Natur, einem verlangsamten Rhythmus, mehr Zeit für die Familie und mehr Solidarität eine Welt ist, in der wieder Hoffnung aufkommen kann? Unsere kapitalistische Gesellschaft führt uns in den Untergang, packen wir doch die Gelegenheit, uns eine neue Welt vorzustellen, sie zu erfinden und zu schaffen. Das tönt naiv, doch ich habe das Gefühl, dass heute jeder und jede in der Lage ist, dies zu verstehen!

Was möchtest du deinen Fans mit auf den Weg geben?
Hört Musik, singt, tanzt, geht aus!

www.cyrilbondi.net

«Music for Tomorrow»
Die Covid19-Krise trifft die Mitglieder der SUISA besonders hart. Die Haupteinnahmequelle vieler Komponistinnen, Komponisten, Verlegerinnen und Verleger fällt komplett weg: Auftritte jeglicher Art sind bis auf Weiteres vom Bund verboten worden. In den nächsten Wochen porträtieren wir auf dem SUISAblog einige unserer Mitglieder. Sie erzählen uns, was sie während der Covid19-Krise bewegt, was ihre Herausforderungen sind und wie ihr Arbeitsalltag derzeit aussieht. Die Musikerinnen und Musiker haben zudem für den SUISAblog zu Hause oder in ihrem Studio eine Eigenkomposition performt und gefilmt. Die SUISA bezahlt den Musikerinnen und Musikern für diese Aktion eine Gage.
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Rappenspalten im digitalen MusikvertriebRappenspalten im digitalen Musikvertrieb Das Geschäft im Online-Bereich ist – nicht nur für Urheberrechtsgesellschaften – durch einen dauernden Wandel geprägt. Im zweiten Teil des Gesprächs macht SUISA-CEO Andreas Wegelin einen Ausblick, was der heutige Stand ist und über welche Szenarien diskutiert wird. Weiterlesen
«Répondez-Moi»: Dritter Schweizer ESC-Song aus dem SUISA Songwriting Camp«Répondez-Moi»: Dritter Schweizer ESC-Song aus dem SUISA Songwriting Camp Mit «Répondez-Moi» schickt die Schweiz zum ersten Mal seit 2010 wieder einen französischsprachigen Beitrag zum Eurovision Song Contest. Geschrieben wurde der Song von Gjon Muharremaj (Gjon’s Tears) und den SUISA-Mitgliedern Alizé Oswald und Xavier Michel vom Duo Aliose zusammen mit dem belgischen Produzenten Jeroen Swinnen am SUISA Songwriting Camp. Weiterlesen
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Der 40-jährige Cyril Bondi bezeichnet sich selbst als Experimentator, der es liebt, mit anderen zusammen zu arbeiten. Der gebürtige Genfer bewegt sich musikalisch im Bereich von Jazz und Free Jazz. Als Rückgrat seiner Musik bezeichnet er die Improvisation. «Sie hat es mir ermöglicht, in unterschiedlichen Kontexten zu spielen und mich in einem Jazz-Trio (Plaistow) ebenso wohl zu fühlen wie im experimental/traditional Genre (La Tène), in einem Pop-Rock-Duo (Cyril Cyril) oder bei einer punktuellen…Weiterlesen

Erinnerung an einen aussergewöhnlichen Menschen und begnadeten Musiker

Der Pianist Willy Bischof war eine feste Grösse in der Schweizer Jazzszene und prägte als Musikredaktor und Programmleiter die Programme von Radio DRS. Im Dezember 2019 ist das langjährige SUISA-Mitglied im Alter von 74 Jahren gestorben. Nachruf von Gastautor Pietro Schaller

Willy Bischof: Erinnerung an einen aussergewöhnlichen Menschen und begnadeten Musiker

Willy Bischof im Studio Mulinetti in Genua anlässlich der CD-Produktion zu «A Pianist In Paris» im September 2004. (Foto: Pietro Schaller)

Lieber, caro Willy

1968 sah und hörte und dich zum ersten Mal – als Pianist eines Quintetts in einem Tanzlokal. Als Gitarrist und Posaunist musizierte ich ebenfalls in einer Dancingband. Den Entschluss «auszusteigen» fällte ich Mitte Mai 1978. Auslöser war ein Kontakt zu Radio Bern, welches Juli 1974 eine Live-Aufnahme unserer Band im Kursaal Bern produzierte – Georges Pilloud war der Initiator.

Ende Mai 1978 kontaktierte ich dich im Radio Studio Bern: «Benötigt ihr einen Archivmitarbeiter?» «Nein! Ein Produzent wird dringend benötigt, komm nach Bern, Details werden später besprochen.» Das erste Treffen mit dir fand im Hörspiel-Studio statt. Du am Steinway Concert Grand. «Kennst du Cantaloupe Island?» fragte ich, du spieltest es sofort. Möglicherweise war dies der Auftakt zu unserer langjährigen Beziehung.

Montag, 3. Juli 1978, war mein erster Arbeitstag im Radiostudio Bern. Kein Willy war da, ich war auf mich allein gestellt, denn dein Arbeitsplatz war am Jazzfestival Montreux – zusammen mit Ruedi Kaspar. Mehrere Jahre wart ihr das «Radio Dreamteam» in Montreux – unvergessen sind eure mehrsprachigen Interviews mit Weltklasse-Musikern. Dass du Jahre zuvor einen brillanten Coup gelandet hast, indem du die Senderechte für alle Liveübertagungen auf Radio DRS2 erwarbst, war mir damals nicht bekannt.

Die folgenden 2 Monate waren ein Crashkurs «So funktioniert Radio DRS»: Abteilungsstrukturen, Lesen und Interpretieren von Sitzungsprotokollen, sowie Redeweise und Befindlichkeiten von Medienschaffenden. Bei Überschreitung der «ordentlichen» Arbeitszeit wurden diese Nachhilfestunden in den Garten einer nahegelegenen Wirtschaft verlegt.

Den Programmbereich Unterhaltungsmusik DRS1 zu leiten war dein Plan. Zusammen mit Ruedi Kaspar erfandst du «5 nach 4», die erste Radiosendung mit Pop-und Rockmusik. Polo Hofer war eine Entdeckung von euch beiden, die Präsenz in dieser Sendung war der Grundstein zu Polos Karriere und des Mundart-Rock.

Deine Vorgaben für ein ausgewogenes Musikprogramm DRS1 waren für mich mit Leichtigkeit einzuhalten. Wie du hatte ich keine Berührungsängste mit jeglicher Art von Musik: Es musste nach unserer Auffassung gut musiziert werden und gut klingen. Schallplatten fast jeglichen Genres waren zahlreich vorhanden, alle MusikredaktorInnen unterhielten umfangreiche eigene Archive. Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt, dass du mittels vorzüglicher Beziehungen zur Schallplattenindustrie schätzungsweise 5 Jahre zuvor eine unentgeltliche Bemusterung ins Leben riefst – eine klassische win-win Situation. Ohne dieses Husarenstück wären deine Vorstellungen von einem erfolgreichen DRS1 RadioMusikprogramm gescheitert – schlicht und ergreifend, weil das erwünschte Musikrepertoire nicht vorhanden war.

Die Berufung zum «Chef Unterhaltungsmusik Radio DRS1» erfolgte 1978. Im folgenden Jahr war dein neuer Arbeitsort das Studio Zürich, Ruedi Kaspar «dislozierte» ins Studio Basel. Dass dies der Auftakt zu DRS3 war mir unbekannt. Allerdings wurde Radio-intern vermutet, dass ein 3. Radioprogramm in der Projektierungsphase sein könnte. Im Herbst 1982 folgte ich deinem Ruf zum Wechsel ins Studio Zürich, um den «Zürcher»-Anteil der Musikredaktion aufzubauen. Mit dem Erfolg von Radio 24 (Sendestart 28.11.1979) erhöhte Radio DRS das Realisierungstempo.

Am 1. November 1983 betätigte SRG -Generaldirektor Leo Schürmann symbolisch den Startknopf: DRS3 sendete zu ersten Mal.

Die anschliessenden 5 Jahre waren die erfolgreichsten von DRS3, trotz teilweise gewichtiger Meinungsverschiedenheiten der drei Redaktionen in Basel, Bern und Zürich. Du als «Ressortleiter Musik» bewältigtest diese Schwierigkeiten mit grossem Sachverstand, mit Behutsamkeit und sanftem Druck.

1988 erfolgte der Weggang von DRS3 in Richtung DRS2. Möglicherweise hinterliessen immer wieder aufkeimende Grundsatzdiskussionen zum Thema «Musik» sowie überbordende Sitzungen und Bürokratie ihre Spuren. Mag auch sein, dass deine Liebe zu Jazz und Musizieren als Kadermitglied bei DRS3 zu kurz kam. Die Übernahme des Ressort «Jazz» war der Auftakt zur Etablierung der «CHJazzszene», welche mit Studiosessions für den Nachwuchs und weniger bekannten Formationen eine wertvolle Plattform wurden. Für Radio DRS2 ein wichtiges Unterfangen, das den Sender auch als Kulturförderungsinstitution etablierte.

1991 war das Geburtsjahr des «Apéro» die von dir konzipierte Radiosendung auf DRS2. Anlässlich einer jährlich stattfindenden Studioparty im Studio 2 in Zürich spieltest du am Konzertflügel ein Duke Ellington-Medley, bei dem allen Anwesenden – Radiodirektor Andreas Blum war auch dabei – bewusst wurde, dass du ein brillanter Pianist bist.

Schon seit jeher war ich ein grosser Hazy Osterwald-Fan. Meine Idee war, das Jazz-Repertoire des Osterwald-Sextets mit einer identischen Formation bestehend aus dir und ehemaligen DRS-Band Musikern neu zu produzieren. Gemeinsam entdeckten wir im Zürcher Radioarchiv mehr als 70 Aufnahmen von Hazys bester Formation aus den Jahren 1951-1964. Jazz von allerhöchstem Niveau in hervorragender Aufnahmequalität, produziert von Radio Beromünster im Studio in Basel mit Eddie Brunner als Tonmeister – ehemals Mitglied und später Bandleader der famosen Teddy Stauffer Band. Mit deiner Hilfe gelang 1994 ein bedeutsames Dokument des Schweizer Jazzʼ aus den Jahren 1951-1964, die CD-Box «50 Years of Music with a Touch of Swing» wurde ein grosser Erfolg.

Unser Vorhaben, eine Produktion mit den nachproduzierten «Hazy Osterwald Jazz Hits» zu realisieren wurde nach reiflicher Überlegung nicht verwirklicht: Sound, Charme, Groove dieser Epoche waren zu einmalig und konnten nicht reproduziert werden … Ein kluger Entscheid und ein Hinweis auf die grossartige Aufnahmetechnik von Radio Beromünster und dem Producing von Eddie.

Im November des gleichen Jahres fanden im «Bierhübeli» die «Berner Song-Tage» statt. Deine 1993 gegründete Formation, das Willy Bischof Jazztet mit Hazy Osterwald, Willy Schmid, Peter Schmidlin und Stefan Kurmann wurde als Ehrengast eingeladen. Radio DRS1 zeichnete das Konzert auf. Die anschliessende CD «Swiss Air» ist heute noch erhältlich.

1998 wurde dir für die Radiosendung «Apéro» der längst fällige «Prix Walo» überreicht.

Willy Bischof beim Warm-up im Studio. (Foto: Pietro Schaller)

2004 reifte bei mir die Idee, eine Aufnahme mit dir als Solopianist zu produzieren. Vorgesehen war das Studio Mulinetti in Genua. Zur Diskussion standen Versionen von italienischen Klassikern wie beispielsweise Roma Nun Faʼ Stupido Stasera oder Estaté. Keine Überzeugungsarbeit benötigte es meinerseits – du warst sofort begeistert von dem Vorhaben. Das Repertoire stellten wir gemeinsam zusammen. Victor Eugster von «Activ Records» finanzierte das Projekt. Produktionstermin war Ende September 2004. Jedoch kurz vor dem Aufnahmetermin wechseltest du die Meinung: «Ich möchte lieber französische Chansons in meinen eigenen Versionen aufnehmen – ein CD Titel ist schon vorhanden – ‹A Pianist In Paris›» … Passende Chansons waren schnell evaluiert. Ich reiste nach Camogli – 30 km östlich von Genua – damals meine zweite Heimat um die Produktion vorzubereiten.

Die Session war erfolgreich – alle Beteiligten verstanden sich ausgezeichnet, und du spieltest wie immer hervorragend. Mir bleibt die Erinnerung, dass dies eventuell einer deiner glücklisten musikalischen Momente war.

Deine Pensionierung 2005 ermutigte mich, ein Jahr später ebenfalls in den Ruhestand zu gehen. In den folgenden Jahren wurden unsere Treffen seltener – auf Umwegen erfuhr ich, dass deine Gesundheit instabil geworden sei. Letzter persönlicher Kontakt war anlässlich eines von mir organisierten Konzerts mit deinem Trio am 21. Januar 2011 im Hotel Palace Luzern.

Zurück bleibt die Erinnerung an einen aussergewöhnlichen Menschen und begnadeten Musiker. Als
Vorgesetzter erschienst du mir nicht, ein Freund warst Du.

Addio Willy

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Der Pianist Willy Bischof war eine feste Grösse in der Schweizer Jazzszene und prägte als Musikredaktor und Programmleiter die Programme von Radio DRS. Im Dezember 2019 ist das langjährige SUISA-Mitglied im Alter von 74 Jahren gestorben. Nachruf von Gastautor Pietro Schaller

Willy Bischof: Erinnerung an einen aussergewöhnlichen Menschen und begnadeten Musiker

Willy Bischof im Studio Mulinetti in Genua anlässlich der CD-Produktion zu «A Pianist In Paris» im September 2004. (Foto: Pietro Schaller)

Lieber, caro Willy

1968 sah und hörte und dich zum ersten Mal – als Pianist eines Quintetts in einem Tanzlokal. Als Gitarrist und Posaunist musizierte ich ebenfalls in einer Dancingband. Den Entschluss «auszusteigen» fällte ich Mitte Mai 1978. Auslöser war ein Kontakt zu Radio Bern, welches Juli 1974 eine Live-Aufnahme unserer Band im Kursaal Bern produzierte – Georges Pilloud war der Initiator.

Ende Mai 1978 kontaktierte ich dich im Radio Studio Bern: «Benötigt…Weiterlesen

«Wir sind da alle stark auch als Gemeinschaft gefordert»

Mit dem Projekt «Music for Tomorrow» möchte die SUISA ihre Mitglieder in dieser schwierigen Zeit unterstützen. Wir bieten den Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform, auf der sie über ihre aktuelle Situation im Lockdown erzählen und eines ihrer Werke vorstellen dürfen. Diese Woche stellen wir euch den Schweizer Pianisten, Komponisten und Musikproduzenten Nik Bärtsch und sein Stück «Modul 5» vor. Im Interview erzählt Nik von seinem Lockdown-Alltag mit seiner Familie und was er mit einem australischen Notarzt gemeinsam hat. Text von Nina Müller; Video von Nik Bärtsch, ergänzt von Nina Müller

Nik Bärtsch (48) ist ein erfolgreicher Jazz-Pianist, der mit seiner Familie in Zürich zuhause ist. Nebst Musik hat der gebürtige Zürcher auch Philosophie, Linguistik und Musikwissenschaften studiert. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass Musik für ihn eine tiefere Bedeutung hat. Auf seiner Website beschreibt er seine Musik folgendermassen: «Ein Stück kann wie ein Raum betreten, bewohnt werden. Durch obsessive Drehmomente, Überlagerungen verschiedener Metren und Mikrointerplay bewegt sich die Musik fort und verändert ihre Zustände. Die Aufmerksamkeit wird auf die minimen Variationen und Phrasierungen gelenkt. Die Band wird so zum Integralen Organismus – wie ein Tier, ein Biotop, ein urbaner Raum. Man soll mit Ohren und Händen denken.»

Mit seiner Band Ronin lebt er diese Philosophie und tourte bereits in Europa, Asien und den USA. Mit seinen Formationen Nik Bärtsch’s Ronin und Nik Bärtsch’s Mobile sowie auch solo hat der Musiker über dreizehn Tonträger veröffentlicht, die bei wöchentlichen Auftritten im Rahmen seiner Konzertreihe im Zürcher Club Exil performt werden. Seit 2006 hat er sein eigenes Label «Ronin Rhythm Records».

Für «Music for Tomorrow» hat Nik Bärtsch das Stück «Modul 5» performt. Er sagt zu dem Stück: «Das Stück besteht aus einem kleinen komplexen Pattern in 6/4, welches sich im Laufe des Stücks über das ganze Klavier ausbreitet. Ich bin auf dieses Pattern recht früh gestossen in meiner musikalischen Entwicklung und es hat mich ständig begleitet über die Jahre. So erlebt das an sich früh komponierte Stück eine ständige Evolution wie auch ich selber. Wir arbeiten quasi gemeinsam daran, dass unsere Beziehung immer einfacher, direkter und trotzdem tiefer und geheimnisvoller wird – so wie auch meine Frau und ich zusammen unser Leben gestalten.»

Nik Bärtsch, wie sieht dein Arbeitsalltag als Komponist während der Corona-Pandemie aus?
Nik Bärtsch: Ich bin ganz selbständig tätig als Komponist, Pianist, Bandleader, Produzent und Verleger. Im Moment ist daher der einzige Unterschied verglichen mit der Zeit vor dem Virus, dass ich viel weniger reise. Alle internationalen Konzerte, Produktionen und Workshops fallen ja aus. Ich habe also nun ständig den Alltag, den ich auch sonst zwischen den Reisen zu Hause habe: Ich komponiere, übe, probe, organisiere und kommuniziere abwechselnd. Dazu teile ich mit meiner beruflich ebenfalls sehr aktiven Frau das Familienleben mit unseren Kindern.
Wie auch sonst braucht es dafür viel Liebe zum Leben, Disziplin, Struktur aber auch Kreativität und Lust auf Überraschungen.
Da wir dies alles auch sonst auf hohem Niveau organisieren und pflegen wollen, war es für uns keine grosse Umstellung. Unsere Kinder sind auch sonst oft zu Hause und nicht im Hort oder sonst irgendwo versorgt. Wir machen alle Kampfkunst und daher haben wir auch die Möglichkeit, gemeinsam auf der Wiese vor dem Haus zu trainieren.
Unsere Montags-Konzert-Serie im EXIL Club führen wir vorläufig als reines Streaming weiter (www.yourstage.live). Der Montag bleibt also der ritualisierte lokale Konzerttag und die Community und die verschiedenen Teams bleiben so auch konstant in Kontakt.

Was bedeutet diese Krise für dich persönlich?
Sie zeigt mir wie alle heftigen Krisen genau, wo ich stehe als Künstler und Mensch und fordert wiedermal bedingungslos meine Kreativität, Integrität und Resilienz.
Als selbständiger Musiker ist dies aber ja oft sowieso der Normalzustand. Die grosse Frage ist aber: Wie überleben Gruppen, Ensembles, Bands und Konzertorte mittelfristig den momentanen Wandel? Wir sind da alle stark auch als Gemeinschaft gefordert. Die Fragen, die sich stellen, sind aber nützlich: Was bedeutet mir als Profi Musik? Was bedeutet sie uns allen? Wie zahlen wir für Musik und die Leistungen dahinter? Wie verbinden wir die Wertschätzungs- mit der Wertschöpfungskette sinnvoll?

Wie kann dich das Publikum im Moment unterstützen?
Indem es meine und unsere Leistungen honoriert: Also indem es unsere kostenpflichtigen Streams anschaut und unsere Musik auch auf allen anderen Medien konsumiert und weiterverbreitet. Und indem es sich genau informiert, wie Musikproduktion und -präsentation funktioniert: Wie viele Menschen und deren Leistungen stecken doch dahinter, wenn mir ein wunderbarer Song durch den Tag hilft.

Hilft es dir, wenn Leute auf Spotify und Co. mehr deine Musik streamen?
Die Anzahl Streams muss schon sehr hoch sein, damit diese Art von Bezahlung funktioniert. Es hilft aber trotzdem. Alles hängt zusammen und je mehr auch unabhängigere Artists gehört und geteilt werden, desto besser. Die lokale, authentische und spezielle Kunst und Initiative nährt letztlich die globale kommerzielle Entwicklung. Das haben wir auf unseren Tourneen um die Welt überall feststellen können.

Was könnte deiner Meinung nach die momentane Situation an Positivem mit sich bringen?
Ich versuche immer in jeder Situation das Positive herauszulesen und etwas zu lernen. Die momentane Situation prüft unseren Wohlstand, unsere Sicherheit und damit auch unsere Arbeitstechnik wieder Mal grundsätzlich. Das ist wertvoll. Nur wenn wir erkennen, wie überlebenswichtig die Musik, ihr inspirierendes Umfeld und ihre wunderbaren Möglichkeiten sind, können wir auch den professionellen Umgang damit wertschätzen. Die SUISA und zum Beispiel der Verband der Schweizer Musikschaffenden kommunizieren dies sehr gut. Jede und jeder Musikschaffende sollte dies ebenso lustvoll und professionell tun.

Was möchtest du deinen Fans mit auf den Weg geben?
Sei ehrlich in Deinem Umgang mit der Musik: Kein Mensch nimmt in der Bäckerei einfach ein Brot gratis mit.
Also geniesse die Musik mit dem Bewusstsein, dass Menschen liebevoll und mit bedingungsloser Hingabe daran gearbeitet haben.
Ich habe kürzlich ein E-Mail eines Notarztes aus Australien erhalten. Er hat sich bei mir bedankt für die Musik. Er gehe jede Herausforderung der letzten Jahre – das Hochwasser, das Buschfeuer und jetzt den Virus – an, indem er am Morgen einen meiner Tracks höre und einen Kaffee dazu trinke. Dann wisse er, warum er das alles tue und ertrage auch Tod, Schmerz und Gefahr. Die Musik gebe ihm Kraft, Menschen zu bergen, zu retten und ihnen zu helfen. Ich habe da begriffen, dass ich mich besser bedingungslos auf die Musik konzentriere als überall auch noch ein bisschen mitzuhelfen. Die Inspirationskette funktioniert in diesem Fall präzis: Wir konzentrieren uns beide auf das Wesentliche. Seine Integrität, sein Talent und seine Professionalität helfen mir und umgekehrt. So helfen wir beide wieder anderen. Die gesellschaftliche Wertschätzung- und Wertschöpfung funktioniert nur gemeinsam.

www.nikbaertsch.com

«Music for Tomorrow»
Die Covid19-Krise trifft die Mitglieder der SUISA besonders hart. Die Haupteinnahmequelle vieler Komponistinnen, Komponisten, Verlegerinnen und Verleger fällt komplett weg: Auftritte jeglicher Art sind bis auf Weiteres vom Bund verboten worden. In den nächsten Wochen porträtieren wir auf dem SUISAblog einige unserer Mitglieder. Sie erzählen uns, was sie während der Covid19-Krise bewegt, was ihre Herausforderungen sind und wie ihr Arbeitsalltag derzeit aussieht. Die Musikerinnen und Musiker haben zudem für den SUISAblog zu Hause oder in ihrem Studio eine Eigenkomposition performt und gefilmt. Die SUISA bezahlt den Musikerinnen und Musikern für diese Aktion eine Gage.
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Bertrand Denzler: Klangraumvermesser und RaumklangforscherKlangraumvermesser und Raumklangforscher Der Saxophonist Bertrand Denzler arbeitet im Spannungsfeld zwischen Improvisation und Komposition an immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Nun beabsichtigt der 55-jährige Genfer mit Wohnsitz Paris anhand einer «wandernden Residenz» die Grenzen seines künstlerischen Dialogs mit anderen weiter auszudehnen. Die FONDATION SUISA unterstützt dieses Vorhaben finanziell mit einem Get Going!-Beitrag. Weiterlesen
Rappenspalten im digitalen MusikvertriebRappenspalten im digitalen Musikvertrieb Das Geschäft im Online-Bereich ist – nicht nur für Urheberrechtsgesellschaften – durch einen dauernden Wandel geprägt. Im zweiten Teil des Gesprächs macht SUISA-CEO Andreas Wegelin einen Ausblick, was der heutige Stand ist und über welche Szenarien diskutiert wird. Weiterlesen
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Mit dem Projekt «Music for Tomorrow» möchte die SUISA ihre Mitglieder in dieser schwierigen Zeit unterstützen. Wir bieten den Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform, auf der sie über ihre aktuelle Situation im Lockdown erzählen und eines ihrer Werke vorstellen dürfen. Diese Woche stellen wir euch den Schweizer Pianisten, Komponisten und Musikproduzenten Nik Bärtsch und sein Stück «Modul 5» vor. Im Interview erzählt Nik von seinem Lockdown-Alltag mit seiner Familie und was er mit einem australischen Notarzt gemeinsam hat. Text von Nina Müller; Video von Nik Bärtsch, ergänzt von Nina Müller

Nik Bärtsch (48) ist ein erfolgreicher Jazz-Pianist, der mit seiner Familie in Zürich zuhause ist. Nebst Musik hat der gebürtige Zürcher auch Philosophie, Linguistik und Musikwissenschaften studiert. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass Musik für ihn eine tiefere Bedeutung hat. Auf seiner Website…Weiterlesen

«Diese Situation wird alle – Musiker, Techniker, Insider – auf die Probe stellen»

Mit dem Projekt «Music for Tomorrow» möchte die SUISA ihre Mitglieder in dieser schwierigen Zeit unterstützen. Wir bieten den Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform, auf der sie über ihre aktuelle Situation im Lockdown erzählen und eines ihrer Werke vorstellen dürfen. Den Auftakt macht die Tessiner Komponistin und Harfenistin Kety Fusco. Im schriftlichen Interview spricht sie über ihren Alltag im Lockdown und warum sich bei ihr eigentlich gar nicht so viel geändert hat. Text von Nina Müller; Video von Kety Fusco, bearbeitet von Nina Müller

Kety Fusco (27) spielt elektrische Harfe und komponiert ihre eigenen Songs. Sie begann bereits mit sechs Jahren Harfe zu spielen. Die klassische Harfe wurde ihr dann aber irgendwann zu langweilig und so entdeckte sie die elektronische Harfe für sich. Kety Fusco ist auch Teils des Kollektivs «Peter Kernel and their wicked orchestra» vom Duo Barbara Lehnhoff (Camilla Sparksss) und Aris Bassetti, welche ebenfalls SUISA-Mitglieder sind. 2018 durfte Kety Fusco am Locarno Film Festival vor Bundesrat Alain Berset auftreten. Am 8. Mai erscheint ihr Debutalbum «Dazed» beim Label Sugar Music. Kety Fusco ist in Arbedo (TI) zu Hause und ist seit 2018 Mitglied der SUISA.

Für «Music for Tomorrow» hat Kety Fusco den bisher unveröffentlichten Song «Saceba» performt. Sie sagt zu dem Song: «‹Saceba› wurde in einer ehemaligen Zementfabrik in der Talsohle des südlichsten Tals der Schweiz geboren. Ich war an diesem Ort, bezaubernd und düster zugleich, um einer Tanz- und Musik-Aufführung Leben einzuhauchen.

Schon am ersten Tag, als ich das Hauptgebäude betrat, wurde mir nach und nach klar, dass sich dort ein Klangschatz verbarg. Am nächsten Tag ging ich mit verschiedenen Gegenständen (Steinen, Werkzeugen, Instrumenten) und meinem Aufnahmegerät zurück, um vom ersten bis zum obersten Stockwerk das ganze Saceba (so hieß die Fabrik) aufzunehmen: das Reiben des Betons und den Klang der großen Echos dieser wunderbaren Industriearchäologie.

Zu Hause angekommen, lud ich alle Klänge auf meinen Computer herunter und baute das Stück auf, indem ich meine Schritte gedanklich nachvollzog und mir eine Geschichte vorstellte, die sich innerhalb der Mauern der Fabrik abspielte. Dann fügte ich mit meiner Harfe echte Musik hinzu und betrachtete sie als den Soundtrack, den ich gerne gehört hätte, als ich das Saceba zum ersten Mal betrat: den Soundtrack der Zementfabrik.»

Kety Fusco, wie sieht dein Arbeitsalltag als Komponistin/Textautorin während der Corona-Pandemie aus?
Kety Fusco: Ich spiele jeden Tag vier Stunden lang klassische Harfe, wobei ich zwei Stunden an der Technik des Instruments arbeite und die anderen zwei Stunden Stücke spiele, die ich aufnehmen möchte. Ich spiele noch etwa zwei Stunden oder so mit meiner elektrischen Harfe und bereite mein neues Live-Set vor.

Was bedeutet diese Krise für dich persönlich?
Ich halte nie mit der Welt Schritt, weil mir alles zu schnell geht. Wenn ich nicht auf Tournee bin, bleibe ich gerne zu Hause, nehme mir viel Zeit zum Spielen, Studieren und widme mich meinen Harfen. Mein Debütalbum «Dazed» wird am 8. Mai bei Sugar Music erscheinen, und ich arbeite an meinem neuen Live-Set. Ich bin sehr inspiriert, wenn um mich herum nichts passiert und ich alles in meinem Kopf lebe. Der Virus hat meine Art, die Dinge zu tun, nicht verändert – er hat meine Art zu sein, verbessert. Wenn ich auf der Straße herumlaufe und den Lärm der Autos nicht höre, fühle ich mich gut. Zu wissen, dass niemand außerhalb meines Hauses ist und das tägliche Leben lebt, aber eine «tägliche Überraschung» zu erleben, inspiriert mich dazu, mir Geschichten in meinem Kopf vorzustellen. Ich glaube, dass alle vergessen werden, was wir durchgemacht haben. Es muss für einige wie ein schlechter Traum gewesen sein und für andere wie eine schwierige Erinnerung.

Wie kann dich das Publikum im Moment unterstützen?
Ich würde mich wirklich freuen, wenn das Publikum mein Debütalbum hören würde und damit einen Beitrag zum Streaming-Musikmarkt leisten würde, von dem ein Teil meines Einkommens abhängt.

Hilft es dir, wenn Leute auf Spotify und Co. mehr deine Musik streamen?
Ja, absolut. Mit der Krise fielen die Streams um 33%, und für die gesamte Musikindustrie war das ein schwerer Schlag.

Was könnte deiner Meinung nach, die momentane Situation an Positives mit sich bringen?
Für Musiker gibt es meiner Meinung nach nichts Positives, auch wenn ich über Kreativität nachdenke: Für mich kommt sie nicht unbedingt dann, wenn ich aufhöre, wie es beim Covid-19 der Fall ist … in der Tat fühle ich mich meistens kreativer, wenn ich keine Zeit dafür habe. Diese Situation wird alle – Musiker, Techniker, Insider – auf die Probe stellen. Der Musikmarkt ist noch nie ganz verstanden worden, und ich glaube, es gibt nur sehr wenige Menschen, die verstehen, was es bedeutet, ein ganzes Jahr lang Konzerte verloren zu haben.

Was möchtest du deinen Fans mit auf den Weg geben?
Ich möchte alle meine Fans wissen lassen, dass ich sie alle umarmen möchte.

www.ketyfusco.com

«Music for Tomorrow»
Die Covid19-Krise trifft die Mitglieder der SUISA besonders hart. Die Haupteinnahmequelle vieler Komponistinnen, Komponisten, Verlegerinnen und Verleger fällt komplett weg: Auftritte jeglicher Art sind bis auf Weiteres vom Bund verboten worden. In den nächsten Wochen porträtieren wir auf dem SUISAblog einige unserer Mitglieder. Sie erzählen uns, was sie während der Covid19-Krise bewegt, was ihre Herausforderungen sind und wie ihr Arbeitsalltag derzeit aussieht. Die Musikerinnen und Musiker haben zudem für den SUISAblog zu Hause oder in ihrem Studio eine Eigenkomposition performt und gefilmt. Die SUISA bezahlt den Musikerinnen und Musikern für diese Aktion eine Gage.
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Eclecta: Von der unendlichen Lust am ExperimentVon der unendlichen Lust am Experiment Das Duo Eclecta, der in Zürich und Winterthur ansässigen Andrina Bollinger und Marena Whitcher, experimentiert mit Klängen jenseits gängiger Definitionen und sucht den interdisziplinären Austausch mit anderen Künsten. Die FONDATION SUISA unterstützt dieses Vorhaben finanziell mit einem Get Going!-Beitrag. Weiterlesen
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Mit dem Projekt «Music for Tomorrow» möchte die SUISA ihre Mitglieder in dieser schwierigen Zeit unterstützen. Wir bieten den Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform, auf der sie über ihre aktuelle Situation im Lockdown erzählen und eines ihrer Werke vorstellen dürfen. Den Auftakt macht die Tessiner Komponistin und Harfenistin Kety Fusco. Im schriftlichen Interview spricht sie über ihren Alltag im Lockdown und warum sich bei ihr eigentlich gar nicht so viel geändert hat. Text von Nina Müller; Video von Kety Fusco, bearbeitet von Nina Müller

Kety Fusco (27) spielt elektrische Harfe und komponiert ihre eigenen Songs. Sie begann bereits mit sechs Jahren Harfe zu spielen. Die klassische Harfe wurde ihr dann aber irgendwann zu langweilig und so entdeckte sie die elektronische Harfe für sich. Kety Fusco ist auch Teils des Kollektivs «Peter Kernel…Weiterlesen

Reto Parolari: Ein loderndes Feu sacré ist erloschen

Völlig unerwartet ist der Winterthurer Komponist, Dirigent, Arrangeur und Multi-Instrumentalist Reto Parolari am Sonntag, 15. Dezember 2019, im Alter von 67 Jahren gestorben. Reto Parolari war seit 2007 im Vorstand der SUISA. Zuvor war er seit 1990 in der Verteilungs- und Werkkommission, die er ab 1997 präsidierte. Nachruf von Xavier Dayer, Präsident der SUISA, und Urs Schnell, Direktor der FONDATION SUISA

Reto Parolari in einer Aufnahme aus dem Jahr 2014, fotografiert an der SUISA-Generalversammlung in Bern. (Foto: Juerg Isler, isler-fotografie.ch)

Vor wenigen Tagen erhielten wir die traurige Nachricht vom Tod von Reto Parolari; der SUISA-Vorstand ist bestürzt. Bis vor einer Woche zuvor war Reto Präsident der Kommission «Tarife und Verteilung» und nahm mit der immensen menschlichen Großzügigkeit, die ihn auszeichnet, an unseren Vorstandssitzungen teil. Niemand hätte sich vorstellen können, dass er uns so plötzlich verlassen könnte. Ich erinnere mich an unsere intensiven und herzlichen Diskussionen beim gemeinsamen Vorstandsessen.

Ich möchte mit diesen wenigen Zeilen seinen wertvollen Beitrag an den SUISA-Vorstand hervorheben: Als Komponist und Musiker brachte er eine wichtige Sicht ein. Er war immer konstruktiv und ein unentbehrlicher Partner.

Wir kennen uns seit 2007, als er nach zehn Jahren als Präsident der Verteilungs- und Werkkommission in unseren Vorstand eintrat. Es ist demnach eine wichtige Person im Leben des Vorstands, die uns am Sonntag verlassen hat – unersetzlich, und wir bedauern sein Ableben sehr.

Um uns seine Musik und seinen künstlerischen Werdegang vor Augen zu führen, scheint es mir das Beste, dem Direktor unserer Stiftung, Urs Schnell, das Wort zu erteilen. Erst kürzlich hat er anlässlich der Verleihung des Kulturpreises der Stadt Winterthur am 3. Dezember eine hervorragende Laudatio gehalten. Die Rede von Urs Schnell, die wir im Folgenden wiedergeben, nimmt heute eine besonders ergreifende Dimension an.

Im Namen des SUISA-Vorstandes möchte ich den Angehörigen von Reto Parolari in dieser schmerzlichen Zeit unser tiefstes Mitgefühl aussprechen.

Xavier Dayer

Laudatio anlässlich der Kulturpreisverleihung an Reto Parolari im Theater Winterthur, 3. Dezember 2019

Lieber Reto

Für mich schliesst sich heute Abend ein Kreis: auf der Bühne dieses Hauses hatte ich meine erste Begegnung mit Dir, Reto – wir schreiben ungefähr das Jahr 1990. Als Lehrdiplom-Student an der damaligen Musikhochschule hier in Winterthur musste ich beim jährlichen Konsi-Chorkonzert mitsingen. Angesagt war ein gemeinsames Konzert mit Deinem Orchester. Auf dem Programm: «Gehobene Unterhaltungsmusik»

Diese Ausgangslage war, Sie können sich das vielleicht vorstellen, geschätzte Damen und Herren – nun: nicht ganz einfach. Für die auf die hehre Klassik konditionierten Musik-Studentinnen und Studenten war es zunächst völlig abwegig, sich mit solchem Repertoire überhaupt auseinandersetzen zu müssen. Skepsis schlug dem Vorhaben entgegen. «Unterhaltungsmusik».. womöglich sogar noch ternär-swingend… Auszüge aus «My Fair Lady» und ähnliches… nun, dem damaligen Chorleiter und Konsidirektor, dem von mir hoch geschätzten Fritz Näff, stellte sich eine echte Herausforderung..

Aber, je näher das Konzert kam, umso deutlicher wurde: Unterhaltungsmusik ist nicht per se «leichte» Musik, die auf die «leichte» Schulter genommen werden kann. Da fordern einen härteste musikalische Knacknüsse.

Schlussendlich zum Fliegen gebracht hast es dann Du, Reto: Dank Deiner Begeisterung, Deinem Elan, Deinem Humor, – und ja, einer natürlichen Autorität, wie sie nur Könnern eigen ist, die über der Materie stehen, ging ein Ruck durch die versammelte Studentenschaft. Widerstände schmolzen, es wurde gemeinsam musiziert.

Was ich an jenem Abend von Dir als Lebensweisheit mitnehmen durfte: Um als Musiker sein Publikum wirklich abzuholen braucht es den Respekt gegenüber seinen MitMusikerinnen, die profunde Kenntnis dessen was man tut, eine tiefe Ehrfurcht vor der Musik, vor allem aber die eigene Begeisterung, das lodernde Feuer, – das Feu sacré.

Mit dieser kleinen Reminiszenz an die Vergangenheit darf auch ich Sie herzlich zu dieser KulturPreisübergabe an Reto Parolari begrüssen.

Es ist mir eine grosse Ehre und Freude, hier zu Ihnen sprechen zu dürfen. Und ich danke Dir, Reto, dass Du mich dafür angefragt hast…

Ihr Parolaris seid ja seit heute Abend die Winterthurer Familie mit der wohl umfangreichsten Kulturpreissammlung, schon Dein Vater, der Oboist Egon Parolari, hat den Preis vor genau 30 Jahren zugesprochen erhalten – was auch für die Kontinuität der Winterthurer Kulturpolitik spricht.
Seit Kindsbeinen hast Du in Winterthur gewirkt. Einmal hast Du gesagt: «Ich selber bin eigentlich auf dem Bühnenboden des Stadthauses aufgewachsen. Mein Vater hat mich so oft an Proben und Konzerte mitgenommen.»

Mit 24 Jahren hast Du an der hiesigen Musikhochschule Dein Studium als eidgenössisch diplomierter Musiker im Hauptfach Schlagzeug abgeschlossen, weitere Studien folgten in Hannover, Stuttgart und Wien.

Voilà – Und ab jetzt, geschätzte Damen und Herren, wird es schwierig, denn die grösste Herausforderung, wenn man sich dem Werken und Wirken von Reto nähern will, ist schlicht die unglaubliche Vielfalt seines Schaffens.

Kein einfaches Unterfangen für den armen Laudatoren, Dein Curriculum, Reto: es ist geprägt von Gleichzeitigem und Gegensätzlichem, Parallelem und sich Ergänzendem. Aber, und das zur Erleichterung des doch nicht ganz so armen Laudatoren: zusammengehalten vom unbedingten Feuer für die Musik, dem Feu sacré – und genau wegen der Ecken und Kanten ist es ein in sich logisches Curriculum.

Du bist Künstler – aber auch gewiefter Unternehmer. Du bist Komponist und Arrangeur, Du bist Autor und Herausgeber von Fachliteratur, Dirigent und Instrumentalist.

Multi-Instrumentalist: auf Marimba, der Continental-Schreibmaschine, dem Schlagzeug, Klavier, virtuos sogar auf Autohupen. Dein Hauptinstrument aber, das bist – Du selber. Deine Echtheit, Dein Glaube an Deine Mission, Deine Herzlichkeit und Humor, Deine Sturheit und Unbedingtheit, eben Dein Feu sacré…

Es ist unmöglich über Dich zu sprechen, ohne gleichzeitig die «Gehobene Unterhaltungsmusik» mitzumeinen.

Doch, Moment… was ist das?? Was unterscheidet den Parolari von anderen MusikerInnen, was ist, im MarketingSprech: Dein Alleinstellungsmerkmal?
Ich darf Cédric Dumont, den Gründer des Unterhaltungsorchesters von Radio Beromünster und Leiter des Radiostudio Zürichs zitieren: „Der Sündenfall der Musik geschah, als man zwischen E und U, zwischen Ernst und Unterhaltung zu unterscheiden begann.. Aber auch für U braucht es Durchhaltewillen, Handwerkliches Können und Begeisterungsfähigkeit“. Voilà, das Feu sacré.
Du brennst für ein Musikgenre, das es wahrlich «nicht leicht» hat. Ein Genre, das, wenn überhaupt wahrgenommen, oftmals mit süffisantem Lächeln bedacht wird…

Doch woher kommt das eingangs geschilderte Nasenrümpfen seitens der VertreterInnen des sogenannten «Ernsten» Fachs?

Die Anforderungen sind hoch, höher wohl als an manch andere, vermeintlich Ernste Musikgenres: Um die volle Wirkung der Unterhaltungs-Musik zu erzielen ist die Partitur genauestens umzusetzen, die Musik MUSS ernst genommen – aber – Achtung: Widerspruch – immer mit einem Augenzwinkern gespielt werden.

Doch: im Umkehrschluss: Darf ich mich nicht von einer Beethoven-Sinfonie, einem Bach-Konzert „unterhalten“ fühlen? Und falls ich mich doch „unterhalten“ fühlen sollte: hat da jemand etwas falsch gemacht??

Ich lass das mal so stehen…

Deine Kunst ist eng verknüpft mit der Geschichte des Schweizer Radios. Bis in die siebziger Jahre hatte jede Radiostation ihre eigenen Orchester unter Vertrag, die mit speziell komponiertem Repertoire die gesprochenen Sendungen live begleiteten. Um die gewünschten Stimmungs-Effekte beim Zuhörer zu erzielen, musste die Musik vielfältig, farbig und bildhaft komponiert und handwerklich perfekt umgesetzt sein. Was mich zur These veranlasst: die gehobene Unterhaltungs-Musik ist eine Filmmusik, – eine Filmmusik, die sich ihre Bilder selber schaffen muss – und das ist musikalisches Storytelling at its best.

Mit den massiven Verwerfungen in der Medienlandschaft anfangs der Siebzigerjahre war auch die Hochzeit der Radioorchester vorbei – Ein Klangkörper nach dem anderen wurde aufgelöst – das Repertoire wurde nicht mehr nachgefragt, höchstqualifizierte Musikerinnen und Musiker wurden entlassen, den Notenarchiven drohte die Altpapiersammlung…

Da war Reto zur richtigen Zeit am richtigen Ort:
Du hast die Notenbestände des Radiostudio Basels, die des Bayrischen Rundfunks und später jene des Radio-Orchesters Beromünster buchstäblich vor dem Shredder bewahrt.

Und so gedeiht Deine materiell wohl grösste Leistung nun eher im Verborgenen, hier fast unter unseren Füssen….

In einem grossen Luftschutzraum mitten in der Stadt Winterthur bist Du zum Hüter einer riesigen Notensammlung von über 110000 Titeln geworden.

Dieses grösste Musikarchiv Europas ist aber nicht einfach ein Mausoleum kreativer Momente, nein, Du vermittelst den Zugang für zahlreiche internationale Orchester, welche die Noten rege nutzen.
Dein Verdienst für den sowohl klingenden als auch archivarischen Fortbestand dieses musikhistorisch einmaligen Erbes, die Lebendigerhaltung von Kulturgut, kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Ich danke an dieser Stelle der Stadt Winterthur, dass sie mit ihrem Preis dieses einmalige Engagement anerkennt und damit auch dieser Musik die verdiente Referenz erweist.
Und natürlich kann man nicht über Dich sprechen, ohne Deine eigenen Orchester zu erwähnen.
Das erste hast Du bereits während des Studiums an der hiesigen Musik-Hochschule gegründet.
Es entstand das ORP in sinfonischer Besetzung, welches seit 1990 ausschliesslich mit rund 40 BerufsmusikerInnen besetzt ist. Ein solches Orchester – das sei am Rande vermerkt – ist eigentlich ein unternehmerischer Blödsinn. Es kann nie rentieren – und trotzdem: Du musstest es nie beim Konkursamt melden.

Über 40 Orchester aus der ganzen Welt hast Du dirigiert, darunter Exoten wie das Orchester Hermitage, St.Petersburg (Russland), das Orchester Flughafen Zürich (Schweiz), oder das Philharmonische Orchester Pyöngyang (Nord-Korea),

Um all diese Engagements hast Du Dich nie beworben – Du wurdest stets angefragt..
So auch – für die Zirkuswelt: mit zarten 28 Jahren hat man Dir die Dirigentenstelle beim Zirkus Nock angeboten, kurz darauf jene beim Zirkus Knie. Für Dein Wirken am Theater Carré in Amsterdam hat Dir die niederländischen Königin gar den Titel «Königlicher Kapellmeister» verliehen. Und auch als musikalischer Oberleiter des internationalen Circusfestivals in Monaco findest Du Dich ja auf Tuchfühlung mit Adligen und gekrönten Häuptern….

Nur in der Heimat schlug Dir der Glamour etwas weniger entgegen: mit Deinem Internationalen Festival der gehobenen Unterhaltungsmusik hast Du zwar ein einzigartiges Musikereignis von internationaler Ausstrahlung geschaffen – welche aber von der heimatlichen Öffentlichkeit eher weniger beachtet wurde..

Ich müsste jetzt noch auf Deine Arbeit als Komponist und Arrangeur von über 800 Werken eingehen, auch der Autor von Fachartikeln und mehreren Fachbüchern verdiente gebührend gewürdigt zu werden – indes, die Zeit rinnt..

Etwas ist mir aber noch wichtig: Du bist nicht nur in eigener Sache unterwegs, Reto: als Vorstandmitglied der Urheberrechtsgenossenschaft SUISA oder als aktives Mitglied des hiesigen RotaryClubs Winterthur-Mörsburg bist Du auch uneigennützig dem Dienst an Deiner Mitwelt verpflichtet.

Wie eingangs erwähnt: ein Curriculum mit Ecken und Kanten – denn all diese Facetten Deines Tuns: sei es als Musiker, Dirigent, Orchesterleiter, Unternehmer, Veranstalter, Verleger, Archivar, Komponist – sie ergänzen, bedingen und brauchen sich gegenseitig und ergeben das Gesamtbild eines Kulturschaffenden, eines Kulturschaffers. – eben ein logisches Curriculum.

Erst vor Kurzem durfte ich noch einmal unter Deinem Dirigat wirken: zwar nur in einem Stück, diesmal aber als ausgebildeter Flötist. Und innert Sekunden war es wieder da: dieses Gefühl, das Du einem so gekonnt vermittelst: dieses respektvolle «Das kommt gut, vertrau mir». Locker im Auftritt, ernsthaft in der Sache. Und tatsächlich: Du hast eingezählt, die BigBand swingt los, mein Einsatz… Dein Feu sacré loderte und alles war superbe – und ja, es kam gut!

Merci, Reto, für das alles!!

Urs Schnell

Die Abdankungsfeier findet am Montag, 30. Dezember 2019, um 15 Uhr in der Stadtkirche in Winterthur statt.

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  1. Samuel Zünd sagt:

    Bitte veranlassen Sie unbedingt die Sicherung Reto Parolaris einzigartiger Notenbibliothek als ein Ganzes der Nachwelt! Sie ist ein einzigartiger Schatz und gehört der Öffentlichkeit für alle Zeiten zugänglich gemacht. Auf dass die von Reto geretteten Werke nicht noch einmal vorm Schreddern bedroht werden!
    Herzlich Samuel Zünd

  2. Markus Niffenegger sagt:

    Lieber Reto
    Die Nachricht von deinem unerwarteten Abschied vom irdischen Leben hat mich zu tiefst schockiert, denn du warst mir stets ein guter Freund und ein grosses Vorbild. Die Zeit, in welcher ich vor über 40 Jahren als junger Amateurtrompeter in deinem Orchester mitmusizieren durfte, ist mir bis heute als meine beste musikalische Erfahrung in guter Erinnerung geblieben. Mit dir haben wir einen grossen Musiker und überaus edlen Menschen verloren.
    Vielen Dank für alles, ruhe in Frieden!
    Markus

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Völlig unerwartet ist der Winterthurer Komponist, Dirigent, Arrangeur und Multi-Instrumentalist Reto Parolari am Sonntag, 15. Dezember 2019, im Alter von 67 Jahren gestorben. Reto Parolari war seit 2007 im Vorstand der SUISA. Zuvor war er seit 1990 in der Verteilungs- und Werkkommission, die er ab 1997 präsidierte. Nachruf von Xavier Dayer, Präsident der SUISA, und Urs Schnell, Direktor der FONDATION SUISA

Reto Parolari in einer Aufnahme aus dem Jahr 2014, fotografiert an der SUISA-Generalversammlung in Bern. (Foto: Juerg Isler, isler-fotografie.ch)

Vor wenigen Tagen erhielten wir die traurige Nachricht vom Tod von Reto Parolari; der SUISA-Vorstand ist bestürzt. Bis vor einer Woche zuvor war Reto Präsident der Kommission «Tarife und Verteilung» und nahm mit der immensen menschlichen Großzügigkeit, die ihn auszeichnet, an unseren Vorstandssitzungen teil. Niemand hätte sich vorstellen können, dass er uns so…Weiterlesen

Wo keine Liebe ist, ist alles vergeblich

Am 26. Juni 2019 ist der Zürcher Komponist und Musikjournalist Rolf Urs Ringger im Alter von 84 Jahren gestorben. Nachruf von Gastautor Thomas Meyer

Rolf Urs Ringger: Wo keine Liebe ist, ist alles vergeblich

Rolf Urs Ringger war SUISA-Mitglied seit 1960. (Foto: Keystone / Gaëtan Bally)

In jungen Jahren habe er einen Roman mit dem Titel «Der Dandy» schreiben wollen: Die Hauptfigur nimmt ein Taxi und fährt zur Oper. Von dieser kurzen und doch ausgedehnten Fahrt sollte das Buch handeln – und dabei wohl ein wenig auch von ihm selber. Egal, ob das nun erfunden war oder ob sich im Nachlass tatsächlich ein Romanfragment finden wird: Rolf Urs Ringger wusste natürlich, was für ein Futter er mit einer solchen Anekdote dem Journalisten gegenüber gab. Schelmisch stellte er sich vor, wie das Bild des Dandys Ringger entstand, und freute sich, denn das war er ja auch: der Dandy unter den Schweizer Komponisten, unverstellt eitel, aber auch mit dieser Eitelkeit lustvoll spielend. Als Adrian Marthaler sein Orchesterwerk «Breaks and Takes» fürs Fernsehen visualisierte, spielte Ringger persönlich einen Delius-ähnlichen, melancholischen Komponisten an einem Swimming Pool.

«Ich liebe das Kokettieren. Das gibt ja doch auch meiner Produktion das leichte und spielerische Moment. Und es kommt ja beim Publikum auch sehr gut an. Und ich habe Freude daran.», sagte er mal im Gespräch. «Das Moment des Narzisstischen, jetzt wertfrei verstanden, ist doch sehr stark bei mir spürbar.» Ich mochte ihn für diese Selbstironie, die bei ihm ganz natürlich war. Er brachte eine ganz eigene und auffallende Farbe in die zur Bescheidenheit neigende Zürcher Musikszene, er war mondän, vielgewandt, urban, wenn er den Sommer auch immer auf Capri verbrachte, wo einige sinnliche Klangbilder entstanden. Zu diesem Image hat der Komponist selber reichlich beigetragen.

Ton- und Wortkünstler

Ringger war aber auch ein Zürcher. Hier wurde er am 6. April 1935 geboren, hier wuchs er auf, lebte und arbeitete hier, ein Wort- und Tonkünstler. In Küsnacht besuchte er das Seminar, bei Kurt von Fischer am Musikwissenschaftlichen Seminar Zürich dissertierte er über Weberns Klavierlieder. Als rur. gehörte er über Jahrzehnte zum Kritikerstab der «Neuen Zürcher Zeitung», lieferte pointierte und elegante, zuweilen bewusst nachlässige Texte, porträtierte aber auch schon früh jene Komponisten, die später erst weithin Beachtung erhielten wie zum Beispiel Edgard Varèse oder Charles Ives, Erik Satie und Othmar Schoeck. Neben den grossen Figuren finden sich da die Einzelgänger, und gern hat er der Nostalgiker gedacht, zu denen er sich selber wohl auch zählte. In Publikationen wie der Aufsatzsammlung «Von Debussy bis Henze» hat er diese Porträts gebündelt.

Kompositionsunterricht erhielt Ringger ganz früh privat bei Hermann Haller. In den Darmstädter Ferienkursen 1956 studierte er bei Theodor W. Adorno und Ernst Krenek, kurz darauf noch für ein halbes Jahr bei Hans Werner Henze in Rom. Es waren ästhetische Antipoden, denn da schon hatte sich Henze aus der Avantgardeszene zurückgezogen. Obwohl Ringger später mit einem süffisant erwartungsvollen Lächeln erzählte, mit Adorno habe er sich eigentlich besser verstanden als mit Henze, folgte er doch dessen Abwendung von den streng seriellen Techniken und der Hinwendung zu einer sinnlichen Klangsprache. Das hört man schon seinen Titeln an: «… vagheggi il mar e l’arenoso lido …» für Orchester (1978), «Souvenirs de Capri» für Sopran, Horn und Streichsextett (1976–77), «Ode ans Südlicht» für Chor und Orchester (1981) oder «Addio!» für Streicher und Röhrenglocken. Mit «Der Narziss» (1980), «Ikarus» (1991), und «Ippòlito» (1995) schuf er drei Ballettmusiken. Den grossen musikdramatischen Formen freilich hat er sich offenbar nie zu nähern versucht.

Sinnliche Klangsprache

Ringger war einer der ersten, der sich in den 70er-Jahren in Henzes Gefolge, aber durchaus frühzeitig im Trend, wieder neotonaler Elemente bediente. Derlei vermerkte ich damals in einer Kritik entsprechend bissig. Natürlich reagierte er bei aller Selbstironie entsprechend beleidigt. Und doch kam er ein paar Jahre später genussvoll darauf zurück und verkündete stolz, ich hätte ihn damals als den ersten Neotonalen hierzulande bezeichnet. Die postmoderne Wende hatte ihm recht gegeben.

So spielte seine Musik gern mit Zitaten (von Debussy etwa), schwelgte in impressionistischen Farben oder in hochromantischen Gesten, blieb aber dabei durchsichtig und leicht. Am höchsten freilich schätze ich ihn als urbanen Flaneur. Nicht dort, wo er Zeitungsausschnitte auf etwas kindische Weise zu einer Collage («Chari-Vari-Etudes», «Vermischtes») für Kammersprechchor montierte, sondern in seinen musikalischen Promenaden. Im «Manhattan Song Book» (2002) für Sopran, drei Sprechstimmen und fünf Instrumente ist er in New York unterwegs, beobachtet, notiert, kommentiert in elf Songs, frech, unbeschwert, auch da in koketter Selbstbespiegelung. Als ihn eine nicht sehr freundlich als «crazy witch» bezeichnete Dame fragt, ob er der «famous composer» sei, antwortet er kurz: «No, it’s my cousin.»

Nun ist er gestorben. «Licht!» steht zuoberst in der Todesanzeige, darunter die Sätze: «Er liebte die Sonne des Mittelmeers, die Musik und die Jugend. Er dankt allen, die ihm im Leben Gutes erwiesen und seine Musik gefördert haben.» Capri wird ihn vermissen. Sein «Notizario caprese» (2004) endet mit den Worten «(sehr ruhig, fast ohne Pathos) Se non c’è Amore, tutto è sprecato. (sehr nüchtern) Wo keine Liebe ist, ist alles vergeblich. Ein Grabspruch in Capri; ungefähr 2020.»

Der Nachruf von Thomas Meyer ist zuerst in der «Schweizer Musikzeitung», Nr. 9/10 vom September/Oktober 2019 erschienen.

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Am 26. Juni 2019 ist der Zürcher Komponist und Musikjournalist Rolf Urs Ringger im Alter von 84 Jahren gestorben. Nachruf von Gastautor Thomas Meyer

Rolf Urs Ringger: Wo keine Liebe ist, ist alles vergeblich

Rolf Urs Ringger war SUISA-Mitglied seit 1960. (Foto: Keystone / Gaëtan Bally)

In jungen Jahren habe er einen Roman mit dem Titel «Der Dandy» schreiben wollen: Die Hauptfigur nimmt ein Taxi und fährt zur Oper. Von dieser kurzen und doch ausgedehnten Fahrt sollte das Buch handeln – und dabei wohl ein wenig auch von ihm selber. Egal, ob das nun erfunden war oder ob sich im Nachlass tatsächlich ein Romanfragment finden wird: Rolf Urs Ringger wusste natürlich, was für ein Futter er mit einer solchen Anekdote dem Journalisten gegenüber gab. Schelmisch stellte er sich vor, wie das Bild des Dandys Ringger entstand, und freute sich, denn das war er…Weiterlesen

Hommage an Claudio Taddei

Am 9. August 2019 ist Claudio Taddei, Singer-Songwriter und Maler, im Alter von 52 Jahren gestorben. Nachruf von Rossana Taddei und Sara Ravarelli

Hommage an Claudio Taddei

Rossana und Claudio Taddei. (Foto: Alejandro Persichetti)

In Uruguay als Sohn einer Tessiner Familie geboren, war Claudios Kindheit geprägt von beiden Kulturen. Seine Musikkarriere beginnt in Südamerika, wo er alsbald die Höhen der südamerikanischen Charts erklimmt. 2002, in Uruguay als grosser Star gefeiert, zwingen ihn schwere gesundheitliche Probleme zur Rückkehr in die Schweiz. Phasen intensiver medizinischer Behandlungen und künstlerischer Aktivitäten und Musikabende wechseln sich hier ab, denn auch im Tessin schätzt man Claudio schon nach wenigen Jahren als eine bedeutende Persönlichkeit der Kunstszene – ein bekannter Musiker und beliebter Maler.

Gemeinsam mit seiner Schwester Rossana entdeckt und pflegt Claudio Taddei seine Passion bereits in der Kindheit. Auch Rossana Taddei blickt auf eine erfolgreiche Musikkarriere in Uruguay zurück. Bei der SUISA seit vielen Jahren als Mitglied angemeldet, möchte Rossana mit uns nun ihre liebevolle und persönliche Erinnerung an Claudio teilen: Claudio, als Bruder wie auch als unvergesslicher Künstler. (Sara Ravarelli)

Liebster Bruder, Freund und Gefährte auf dieser abenteuerlichen, traumhaften Reise

Wie die Sonne, ein gigantischer Stern voller Licht.
Dein Weg führte stets entlang der schicksalhaften Pfade der Sonne, und nun kehrst Du zu ihr zurück.
Einen Abschied von Dir kann es nicht geben, denn Du lebst in all Deinen Liedern, in jedem Deiner Pinselstriche, in Deinen Farben, in unseren Gedanken und unseren Herzen weiter.
Liebster Bruder, Freund und Gefährte auf dieser abenteuerlichen, traumhaften Reise – einem Zwillingsbruder gleich, ewiger Kompagnon.
Deine lebhaften, lachenden und neugierigen Augen widerspiegeln Dein freimütiges Herz und sind mir Kompass auf meinem Weg. In Deinen Liedern erzählst Du aus Deinem Leben und singst von Freude, Traurigkeit und Güte.
Dass Deine Hand uns nun auf unseren Wegen leitet, wir, die Dich lieben und nun wieder selber zu gehen bereit sind, um den Schmerz und die Leere, die Du hinterlässt, zu überwinden.
Du wirst mir fehlen, Du wirst uns allen fehlen. Ich werde den Kosmos mit unserer Geschichte erfüllen, unserem Sein als Bruder und Schwester.
Unser Werk rettet uns und hat uns immer wieder gerettet.
Unser Werk bringt uns zusammen und hat uns immer wieder zusammengebracht.
Es war unser roter Faden, der uns immer vereint hat und uns immer vereinen wird.
Jedes Bild, das mir meine Erinnerungen an Dich schenken, beginnt und endet mit einem Lächeln.

Sagenhaft ruhig
Lebhaft intensiv
Beschaulich geräuschvoll
Chaotisch geordnet
Leidenschaftlich ruhig
Leise emotional
Hartnäckig schüchtern
Ehrfürchtig überschwänglich
Mein liebster Bruder, mir vertraut wie meine eigene Hand und doch unbekannt in den Tiefen Deiner Unendlichkeit, in der Du gewesen bist und immer sein wirst.

Danke, dass Du ein Maestro warst; denn das Leben ist ein Geschenk: Man muss es nur zu leben verstehen, dann wird das Geschenk zum Licht.

«Te toca la pena, también la alegría y el amor. No dejes que nada espere, la vida hace siempre lo que quiere, más vale echarle picante y hacer que las cosas se vivan bien pa’delante.»

Rossana Taddei

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Am 9. August 2019 ist Claudio Taddei, Singer-Songwriter und Maler, im Alter von 52 Jahren gestorben. Nachruf von Rossana Taddei und Sara Ravarelli

Hommage an Claudio Taddei

Rossana und Claudio Taddei. (Foto: Alejandro Persichetti)

In Uruguay als Sohn einer Tessiner Familie geboren, war Claudios Kindheit geprägt von beiden Kulturen. Seine Musikkarriere beginnt in Südamerika, wo er alsbald die Höhen der südamerikanischen Charts erklimmt. 2002, in Uruguay als grosser Star gefeiert, zwingen ihn schwere gesundheitliche Probleme zur Rückkehr in die Schweiz. Phasen intensiver medizinischer Behandlungen und künstlerischer Aktivitäten und Musikabende wechseln sich hier ab, denn auch im Tessin schätzt man Claudio schon nach wenigen Jahren als eine bedeutende Persönlichkeit der Kunstszene – ein bekannter Musiker und beliebter Maler.

Gemeinsam mit seiner Schwester Rossana entdeckt und pflegt Claudio Taddei seine Passion bereits in der Kindheit. Auch Rossana Taddei blickt auf…Weiterlesen