«Man kennt das Lied irgendwie, aber es kommt in einem ganz anderen Kleid daher» | mit Video

Alfred Schweizer erzählt, wie er an seiner Komposition für das Projekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» gearbeitet hat. Er habe sowohl bei Beethovens Variationen wie auch beim Grenchnerlied charakteristischen Elemente analysiert, aneinandergefügt und weitergesponnen. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Alfred Schweizer: «Man kennt das Lied irgendwie, aber es kommt in einem ganz anderen Kleid daher»

Alfred Schweizer im Gespräch über seine Komposition «Beethoven und ein Schweizer Lied» im März 2020. (Foto: Manu Leuenberger)

«Ich hatte sofort eine Idee», erklärt Alfred Schweizer auf die Frage, wie er nach der Anfrage für die «Schweizer Beethoven-Reflexionen» zu einem kompositorischen Ansatz kam. «Zu den ersten Werken von Beethoven gehörten Klaviertrios für Klavier, Klarinette und Cello.» Und als Kaspar Zehnder, der Initiant des Projekts und Flötist, gefragt habe, ob er noch eine Flöte dazu wolle, habe er geantwortet: «Ja, noch so gern!»

Für den Komponisten aus Twann war auch bald klar, dass er mit seinem Stück an die Beethoven-Variationen anknüpfen will. Er habe sich dieses Werk angehört und eine klassische Form der Melodie festgestellt, die er nun jedoch in C-Dur und nicht in F-Dur verwende. «Es ist eine kleine dreiteilige Liedform, die sehr typisch ist für Beethoven, auch für Mozart, für die damalige Zeit.» Dann hat er auch noch die Volkslieder-Sammlung «Im Röseligarte» von Otto von Greyerz konsultiert, in der das originale Lied jedoch «Das alte Grenchnerlied» heisst. «Dieses tönt leicht anders, nicht nur rhythmisch: Vermutlich ist dies die ursprüngliche Melodie, denn sie hat nicht die klare, kalibrierte klassische Form, sondern eher eine fortspinnende, erzählende Form.»

Dazu passend hat sich Alfred Schweizer auch vom Liedtext inspirieren lassen, in dem Dursli um die Hand von Babeli anhält, von deren Eltern aber abgewiesen wird. «Mir hat am Schluss gefallen, dass Dursli seinem Babeli vom Kriegsdienst in Flandern schreiben will: ‹U wenn der Himmel papierig wär, u jede Stern e Schriber wär, u jeder Schriber hätt siebe, siebe Händ, sie schribe doch miner Liebi kes End›.» Angesichts dieses schönen Schlusses habe er sich dazu entschlossen, sich in seiner Komposition zuerst auf Beethovens Variationen und dann auf die originale Liedversion zu beziehen: «zu Beginn recht rasant, danach eher lyrisch und schliesslich stimmungsvoll ausklingen lassen, im Sinne von ‹Der Liebe kein End›».

Nach eigener Aussage konnte Alfred Schweizer nicht anders, als auch noch Beethoven im allgemeineren Sinn in seine Komposition einzubringen, wenn auch nur in ganz kurzen Ausschnitten. «Für mich ist Beethoven einfach der c-Moll-Akkord! Aber auch strahlendes Es-Dur.» Entscheidend ist die Art der Integration solcher Bezüge. «Man soll es (beim Hören) merken, aber immer erst, wenn es schon vorbei ist.» Dies gilt auch für die anderen Bezüge. «Ich schaue sowohl bei Beethovens Variationen wie auch beim Grenchnerlied, was die charakteristischen Elemente sind. Dann füge ich diese aneinander und spinne sie weiter. Ich schaue zudem, ob ich diese melodischen Elemente harmonisch verwenden kann.»

Alfred Schweizer hat bis zu diesem Zeitpunkt vor allem auf melodischer Ebene gearbeitet. Derart, dass er plötzlich gemerkt habe, dass er wieder ins kontrapunktische Schaffen geraten sei. Das töne fast schon wie in einer Fuge, fügt er lachend an. «Ich setze auch das Klavier sehr häufig melodisch ein, damit diese Melodien ineinandergreifen. Und wenn ich wieder mal einen harmonischen Schwerpunkt oder Akzent setzen will, dann gibt es einen Akkord.» Beim Piano sei die Gefahr aber gross, dass daraus eine Oom-Pah-Pah-Begleitung entstehe.

Zur Zeit des Gesprächs Anfang März 2020 hat Alfred Schweizer etwa zwei Drittel seines voraussichtlich sechs- bis siebenminütigen Stückes komponiert. Er komme nun zur Stelle, von der an er es ruhig ausklingen lassen möchte. «Ich muss nun aufpassen, dass es nicht zu leiern beginnt. Aber ich bin mir solcher Gefahren bewusst. Und ich arbeite hart daran, dass es eine Klangatmosphäre gibt, bei der man sagt ‹man kennt das Lied irgendwie, aber es kommt doch in einem ganz anderen Kleid daher›. Das ist eigentlich mein Ziel.»

Alfred Schweizer geht beim Komponieren chronologisch vor. Dies bedeute aber nicht, dass er etwa eine zunehmende Verschiebung zum Legato hin vorgesehen habe. «Was die Artikulationsgestaltung betrifft, da sage ich in vielen meiner Stücke nichts dazu. Johann Sebastian Bach komponierte grossartige Musik, schrieb aber nicht, man müsse hier binden, da leise, dort laut spielen!» Alfred Schweizer ist davon überzeugt, dass die interpretierenden Musiker «gescheit genug sind» zu wissen, wie sie etwas spielen müssen.

In der Umsetzung könnten die Musiker das hineinbringen, was ihre Qualitäten ausmacht. Dies setzt laut Alfred Schweizer jedoch voraus, dass die Musiker das Werk einige Mal proben und so ins Stück hineinwachsen können, wie dies beim Projekt der «Schweizer Beethoven-Reflexionen» der Fall ist. Trotzdem bleibe eine gewisse Spannung, wie es dann bei der Uraufführung tönt. Das hat auch damit zu tun, dass er beim Komponieren einige Instrumente von einem Synthesizer ertönen lässt, um das Zusammenspiel der Klangfarben zu überprüfen. Er arbeite eben stark mit den Klangfarben der Instrumente und wolle, dass sie sich in ihrer optimalen Klangwirkung zeigen könnten. Umso mehr freue er sich darauf, das Stück dann von Menschen und mit richtigen Instrumenten gespielt zu hören.

Alfred Schweizer wurde 1941 in Sevelen SG geboren. Er studierte Musik- und Sprachwissenschaft an der Universität Bern und liess sich am Konservatorium Bern sowie an der Musikakademie Basel ausbilden. Er wirkte in mehreren Improvisationsgruppen und am Schweizerischen Zentrum für Computermusik. Von 1970-2003 war er Dozent für Musiktheorie und Komposition am Konservatorium und an der Hochschule für Musik und Theater in Biel. www.classic2000.ch
Schweizer Beethoven-Reflexionen: Ein Projekt von Murten Classics und der SUISA zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven hatte nur wenig mit der Schweiz zu tun. Aber er hat «Sechs Variationen über ein Schweizerlied» geschrieben, bei dem es sich um das Volkslied «Es hätt e Bur es Töchterli» handelt. Dies ist der Ausgangspunkt für Kompositionsaufträge, die die Sommerfestspiele Murten Classics zusammen mit der SUISA an acht Schweizer Komponistinnen und Komponisten verschiedener Generationen, Ästhetik und Herkunft vergeben haben.

Oscar Bianchi, Xavier Dayer, Fortunat Frölich, Aglaja Graf, Christian Henking, Alfred Schweizer, Marina Sobyanina und Katharina Weber konnten sich auf die Variationen, auf das von Beethoven verwendete Volkslied selbst oder auf Beethoven im Allgemeinen beziehen. Die Kompositionen wurden für das Ensemble Paul Klee geschrieben, das folgende Maximalbesetzung erlaubt: Flöte (auch Piccolo, G- oder Bassflöte), Klarinette (in B oder A), Violine, Viola, Cello, Kontrabass und Klavier.

Initiant dieses 2019 begonnenen Projekts war Kaspar Zehnder, der während 22 Jahren künstlerischer Leiter von Murten Classics gewesen war. Wegen der Corona-Krise und den von den Behörden verordneten Massnahmen war die Durchführung sowohl der 32. Ausgabe im August 2020 als auch des vorgesehenen Ersatzfestivals in den anschliessenden Wintermonaten nicht möglich. Der «SUISA-Tag» mit den acht Kompositionen dieses Projekts wurde – ohne Publikum – am 28. Januar 2021 im KiB Murten dennoch aufgeführt und aufgezeichnet. Die Aufnahmen waren bei Radio SRF 2 Kultur in der Sendung «Neue Musik im Konzert» zu hören und sind auf der Plattform Neo.mx3 erschienen. Im SUISAblog und auf den Social Media-Kanälen der SUISA ist das Projekt mit multimedialen Beiträge online dokumentiert.

www.murtenclassics.ch

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Alfred Schweizer erzählt, wie er an seiner Komposition für das Projekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» gearbeitet hat. Er habe sowohl bei Beethovens Variationen wie auch beim Grenchnerlied charakteristischen Elemente analysiert, aneinandergefügt und weitergesponnen. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Alfred Schweizer: «Man kennt das Lied irgendwie, aber es kommt in einem ganz anderen Kleid daher»

Alfred Schweizer im Gespräch über seine Komposition «Beethoven und ein Schweizer Lied» im März 2020. (Foto: Manu Leuenberger)

«Ich hatte sofort eine Idee», erklärt Alfred Schweizer auf die Frage, wie er nach der Anfrage für die «Schweizer Beethoven-Reflexionen» zu einem kompositorischen Ansatz kam. «Zu den ersten Werken von Beethoven gehörten Klaviertrios für Klavier, Klarinette und Cello.» Und als Kaspar Zehnder, der Initiant des Projekts und Flötist, gefragt habe, ob er noch eine Flöte dazu wolle, habe er geantwortet: «Ja, noch so gern!»

Für den Komponisten aus Twann war auch bald klar, dass er mit…Weiterlesen

«Der Funke ist eigentlich das Interessante an der grossen Explosion» | mit Video

Fortunat Frölich hat für das Kompositionsprojekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» mit Gegensätzen gearbeitet. Er bezieht sich auch auf den Inhalt des originalen Volksliedes «Es hätt en Bur es Töchterli». Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Fortunat Frölich: «Der Funke ist eigentlich das Interessante an der grossen Explosion»

Fortunat Frölich erläutert im Mai 2020 seine Komposition «Lövschtori». (Foto: Manu Leuenberger)

Fortunat Frölich wohnt und arbeitet im Haus der Grosseltern in Zürich, wo die klassische Musik stets eine grosse Rolle spielte. «Trotzdem würde ich sagen, dass ich nicht speziell gefördert worden bin», erklärt der in Chur geborene und aufgewachsene Komponist zur Frage der Berufswahl. «Letztlich war es meine Entscheidung.» Schon als Bub sei er von einer Aufführung der «Matthäus-Passion» in der Martinskirche in Chur so ergriffen gewesen, dass dies vermutlich den Weg für seine Laufbahn gelegt habe. «Aber einen Weg mit langen Umwegen, Krisen auch, als ich nicht mit klassischer Musik weitermachen wollte.» So wechselte er zur Popmusik, integrierte dann aber wieder das als Kind gelernte Cello, weil er «etwas Anderes» machen wollte. Seit er als 17-Jähriger begann, die Welt zu bereisen, beeinflussen ihn auch andere Musikkulturen.

«Aus all dem hat sich ein Komponieren ergeben, das sich nie wirklich einer Richtung verschrieben hat.» Dies sei damals noch ein Problem gewesen, weil man zwischen Stuhl und Bank gefallen sei, was sowohl das Publikum als auch die Unterstützung betroffen habe. «Ich habe es aber unehrlich gefunden, einen einheitlichen Stil zu pflegen und mir gleichzeitig Pink Floyd, Bach und romantische Kompositionen anzuhören, Jazz zu machen und freie Improvisation zu lieben, Pop natürlich auch. Das musste für mich irgendwie alles aufgefangen werden, wenn ich kreativ wurde.»

Fortunat Frölich hat schon vor dem Auftrag für die «Schweizer Beethoven-Reflexionen» drei Werke komponiert, die sich auf Beethoven beziehen. Er betrachte sich aber weder als Beethoven-Spezialisten noch als Musikwissenschaftler. Trotzdem finde er, dass Beethoven zwar grandiose Werke komponiert habe, diese Variationen über ein Schweizerlied aber eher «eine Fingerübung» seien. «Ich verstehe nicht, wieso er dieses Volkslied abänderte, sich daraus aber beispielsweise keine andere Harmonie ergeben hat.» Variationen könne man durchaus als Übung der Kreativität betrachten: Wie viel Fantasie habe ich, dasselbe auf zehn verschiedene Arten zu sagen? «Das war für mich aber ein etwas langweiliger, allzu klassischer Ansatz.»

Da spiele etwas Biederes mit, fährt Fortunat Frölich nachdenklich fort. «Und da ist dieses Volksliedlein und das Geschichtlein, das ja auch voll banal ist: Mäitli und Bueb, die sich nicht kriegen, und er zieht in den Krieg und so.» Er habe lange nicht verstanden, was an der Biederkeit interessant sein soll. Die Epoche des Biedermeiers verstehe man erst richtig, wenn man verstehe, «dass der Funke eigentlich das Interessante an der grossen Explosion ist. «Im Grunde trägt alles dieses Paradox in sich – gleichzeitig belanglos und grossartig zu sein. Die Kunst befasst sich mit der Tiefe der Dinge, mit ihrer Bedeutsamkeit.» Die Aufmerksamkeit, die Beethoven der kleinen Melodie aus der Schweiz schenke, sei doch beachtlich und gehe in diese Richtung der Vertiefung eines unbedeutend scheinenden Details. Frölich findet es toll, dass Beethoven «sich doch bestimmt einen ganzen Morgen lang mit diesem Liedlein befasst und daraus etwas macht.» Man merke, dass er das Lied ernst nehme, denn es sei sorgfältig ausgearbeitet. «Und auch andere nehmen es ernst, es wird gespielt und weitergetragen – das ist ganz grossartig.»

Auch diese kleine Liebesgeschichte sei grandios, obwohl es unzählige dieser Art gebe. «Denn wenn es wirklich geschieht, dann ist das, was passiert: grenzenlos.» Das ergebe einen grossen Kontrast zum einfachen Lied, weshalb er dessen einfache Melodie in seine Komposition integriert habe. «Und ich wollte auch die ganze Brisanz, die eben doch in diesem einfachen Lied drin ist, zum Klingen bringen.» Welche Brisanz? Fortunat Frölich antwortet mit gravitätischer Betonung: «Ein Mädchen mit schönen Zöpfen. – Er hat sich verliebt. – Der Vater sagt: Sie ist noch zu jung. – Die Vernunft, die einfährt und alles zunichte macht.»

Zum musikalischen Ansatz meint Fortunat Frölich, er habe es reizvoll gefunden, die sehr gefasste und intellektualisierte Vorgehensweise von Beethoven aufzubrechen, in Beziehung zum Emotionsgehalt zu setzen. Denn es sei doch typisch, dass Beethoven in seinen Variationen die Geschichte nicht erzähle. «Er verwendet einfach die Melodie, aber der Inhalt ist ihm egal. Deshalb erzähle ich die Geschichte, und zwar so ernst, dass die Musiker nicht nur als Instrumentalisten, sondern auch als Performer gefordert sind. Sie müssen quasi mit einem Rap anfangen: Es-hät-en-Pur-es-Töch-ter-li… Den Rest der Geschichte erzähle ich dann mit der Musik – Dursli und Bäbeli verlieben sich ineinander, Dursli hält um Bäbelis Hand an, ‹nein!› sagt der Vater, die Jungen sind verzweifelt, die Kriegstrommeln, die schon die ganze Zeit latent im Hintergrund vorhanden sind, werden lauter, verschlucken schliesslich alles. Dann – als Abspann – die verklärte Nostalgie, mit der ganzen Verzweiflung, dass Liebe immer so weh tut.»

Besonders fasziniert hat Fortunat Frölich die Metrik des Volksliedes: «Auf zwei 3er-Takte folgt ein 4er, zum Abschluss wieder ein 3er». Diese für ein Volkslied doch recht ungewohnte Form werde erst ersichtlich, «wenn man die durchgängig im 2/4-Takt notierte Melodie in ihre Phrasen aufteilt: tagetege ta-te ta , tagetege ta-te ta , tagetege tagetege tagetege ta-te ta. Deshalb war mir klar, dass das Stück zu Beginn am Klavier in diesen Rhythmus hineinkommen muss, denn das ist bereits das Kriegsmotiv, auch das Motiv des Weggehens.» Dann komme die Passage des Verliebens mit einer delikaten Stelle der künstlerischen Umsetzung: «ein ziemlich deftiges Duett von Flöte und Cello». Er fordere die Musiker mit seinem Stück heraus, das leicht szenisch, fast schon eine Oper sei. «Es reizt mich, am Stil des klassischen Konzertes zu kratzen.»

Ein Ausschnitt seiner in Indien geschriebenen Komposition deutet an, dass Fortunat Frölich wiederum mit einer gewissen Widersprüchlichkeit arbeitet. «Es geht ins Chaos, klingt aber auch süss und brav», bestätigt er. «Ich arbeite mit Polaritäten, um Spannung zu erzeugen. Mich interessieren die Kontraste und die Übergänge dazwischen. Die Übergänge sind vielleicht das Interessanteste an meiner Musik. In diesem Bereich, wo ich selber nicht weiss, wie ich von A nach B komme, weil die Positionen so weit von einander entfernt sind, weil A vielleicht die Vernunft des Vaters ist und B die Verzweiflung und Wut der Jungen – in dieser Polarität errege ich mich und werde kreativ.» Er langweile sich schnell, wenn er eine musikalische Entwicklung voraussagen könne. Entsprechend wollte er sich auch stilistisch nicht festlegen. «Den Anspruch, in einem bestimmten Stil zu schreiben, habe ich immer abwegig gefunden. Ich liebe stilistische Verkrallungen.»

Wie in einigen seiner neueren Werke setzt Fortunat Frölich auch hier rhythmisierte Stimmgeräusche der Musiker ein. «Ich mache das, um die Musiker noch persönlicher mit dem Inhalt meiner Kompositionen zu verbinden und damit die Musiker das Publikum noch direkter ansprechen» Er verstehe dies auch ein wenig als Provokation, um das «Klassische» aufzubrechen, «wo alles so geordnet ist und der Inhalt manchmal in der Form untergeht». Er wünscht sich denn auch, dass die Musiker auf der Bühne vor allem dies ausstrahlen: «Wir haben Spass daran – und ihr hoffentlich auch». Nachdenklich fügt er hinzu: «Das ist alles. Und das ist viel».

Fortunat Frölich wurde 1954 in Chur geboren. Er studierte in Zürich, Neapel und Leipzig Gesang, Violoncello und Orchesterleitung. Er hat mehrere interkulturelle Projekte realisiert und mit Linard Bardill auch Werke für ein junges Publikum geschaffen. Für die offiziellen Feierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen des Bundestaates erhielt Frölich einen Kompositionsauftrag vom Bundesamt für Kultur. Er hat auch Werke mit den Schriftstellern Urs Widmer («Föhn») und Beat Brechbühl («missaverde») geschaffen. www.fortunatfroelich.com
Schweizer Beethoven-Reflexionen: Ein Projekt von Murten Classics und der SUISA zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven hatte nur wenig mit der Schweiz zu tun. Aber er hat «Sechs Variationen über ein Schweizerlied» geschrieben, bei dem es sich um das Volkslied «Es hätt e Bur es Töchterli» handelt. Dies ist der Ausgangspunkt für Kompositionsaufträge, die die Sommerfestspiele Murten Classics zusammen mit der SUISA an acht Schweizer Komponistinnen und Komponisten verschiedener Generationen, Ästhetik und Herkunft vergeben haben.

Oscar Bianchi, Xavier Dayer, Fortunat Frölich, Aglaja Graf, Christian Henking, Alfred Schweizer, Marina Sobyanina und Katharina Weber konnten sich auf die Variationen, auf das von Beethoven verwendete Volkslied selbst oder auf Beethoven im Allgemeinen beziehen. Die Kompositionen wurden für das Ensemble Paul Klee geschrieben, das folgende Maximalbesetzung erlaubt: Flöte (auch Piccolo, G- oder Bassflöte), Klarinette (in B oder A), Violine, Viola, Cello, Kontrabass und Klavier.

Initiant dieses 2019 begonnenen Projekts war Kaspar Zehnder, der während 22 Jahren künstlerischer Leiter von Murten Classics gewesen war. Wegen der Corona-Krise und den von den Behörden verordneten Massnahmen war die Durchführung sowohl der 32. Ausgabe im August 2020 als auch des vorgesehenen Ersatzfestivals in den anschliessenden Wintermonaten nicht möglich. Der «SUISA-Tag» mit den acht Kompositionen dieses Projekts wurde – ohne Publikum – am 28. Januar 2021 im KiB Murten dennoch aufgeführt und aufgezeichnet. Die Aufnahmen waren bei Radio SRF 2 Kultur in der Sendung «Neue Musik im Konzert» zu hören und sind auf der Plattform Neo.mx3 erschienen. Im SUISAblog und auf den Social Media-Kanälen der SUISA ist das Projekt mit multimedialen Beiträge online dokumentiert.

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Fortunat Frölich hat für das Kompositionsprojekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» mit Gegensätzen gearbeitet. Er bezieht sich auch auf den Inhalt des originalen Volksliedes «Es hätt en Bur es Töchterli». Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Fortunat Frölich: «Der Funke ist eigentlich das Interessante an der grossen Explosion»

Fortunat Frölich erläutert im Mai 2020 seine Komposition «Lövschtori». (Foto: Manu Leuenberger)

Fortunat Frölich wohnt und arbeitet im Haus der Grosseltern in Zürich, wo die klassische Musik stets eine grosse Rolle spielte. «Trotzdem würde ich sagen, dass ich nicht speziell gefördert worden bin», erklärt der in Chur geborene und aufgewachsene Komponist zur Frage der Berufswahl. «Letztlich war es meine Entscheidung.» Schon als Bub sei er von einer Aufführung der «Matthäus-Passion» in der Martinskirche in Chur so ergriffen gewesen, dass dies vermutlich den Weg für seine Laufbahn gelegt habe. «Aber einen Weg mit langen Umwegen, Krisen auch, als…Weiterlesen

«Eine Melodie wie eine Erinnerung von weit weg» | mit Video

Xavier Dayer liess sich für das Projekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» nicht nur von der Melodie des von Beethoven verwendeten Schweizer Lieds inspirieren. Er bezog auch die Situation mit ein, in der sich der damals noch junge Komponist befand. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Xavier Dayer: Eine Melodie wie eine Erinnerung von weit weg

Xavier Dayer im Interview über sein Werk «Cantus VII» Ende Januar 2020. (Foto: Manu Leuenberger)

Xavier Dayer ist überzeugt davon, dass die zentrale Bedeutung von Ludwig van Beethoven weit über den Kreis der Komponistinnen und Komponisten wie auch der Musikerinnen und Musiker hinausgeht. «Ich würde sogar sagen, dass er am Anfang des Bildes steht, das man in der breiten Öffentlichkeit von der Romantik und der klischierten Figur des Komponisten hat.» Bei aller Bewunderung für Beethoven stuft er dessen Variationen über ein Schweizer Volkslied nüchtern ein. «Ich denke nicht, dass es sein eindrücklichstes Stück ist», erklärt der in Genf geborene und in Bern wohnende Komponist im Gespräch von Ende Januar 2020 knapp.

Die Variationen liessen Xavier Dayer jedoch über den Zeitpunkt der Entstehung nachdenken: Im Jahr 1792 war Beethoven 22 Jahre alt und stand kurz davor, nach Wien zu ziehen. Entsprechend versteht Xavier Dayer die Variationen als eine Art Übung zu einer Zeit, als Beethoven im Enthusiasmus seiner eigenen Musik gestanden sei. Dies müsse man vor einem breiteren Hintergrund verstehen. «Man glaubte damals an die Modernität, den Fortschritt; auch die Komponisten. Und diese Vorliebe für die Modernität wurde mit einer für die Heimat assoziiert – hier traf sich die Vorliebe für die Romantik mit der für die Nation, womit ich immer ein Problem hatte.»

Xavier Dayer befasste sich bei der Entwicklung seiner Komposition zunächst mit der Melodie dieses Lieds, «noch mehr als mit den Variationen von Beethoven und dessen Harmonisierung». Diese Melodie sei derart einfach, dass sie etwas habe, dem er sich von seinem eigenen Schaffen annähern könne. Er habe sie wie einen Cantus firmus verwendet, eine Melodie, die von aussen gegeben ist und die er in seiner eigenen Musik eher verstecke. «Sie ist wie eine Erinnerung von weit weg, als ob man sich diesen verlorenen Enthusiasmus wieder ins Gedächtnis rufen würde, der verdeckt ist in meiner Musik, die unruhig und beunruhigend sein möchte.»

Konkret hat Xavier Dayer die Melodie des Liedanfangs verwendet. «Wir haben vom Enthusiasmus gesprochen, und diesbezüglich liegt etwas rein Positives in dieser Melodie, die auch harmonisch sehr klar ist, ohne jeglichen Zweifel darin. (…) Sie wird bei meiner Komposition aber in eine Art von Nebel getaucht sein.» Für die Instrumentierung hat Xavier Dayer ein Quartett für Flöte, Klarinette, Geige und Cello gewählt, «eine Besetzung, für die es noch nicht allzu viele Referenzen gibt». Dies habe ihn interessiert, weil dies weniger Druck der Tradition bedeute und dadurch mehr Freiheiten ermögliche. Man mag sich wundern, dass trotz des Beethoven-Bezugs das Piano nicht zum Zug kommt. Doch Xavier Dayer betont, dass er nicht als Pianist, sondern als Gitarrist ausgebildet wurde und deshalb eine Art Komplex in Bezug auf Komponisten-Pianisten empfindet. Gleichwohl benutzt er das Klavier häufig als Werkzeug für seine Arbeit, vor allem um die harmonischen Progressionen kontrollieren zu können.

Wie die Komposition dereinst tönen wird, bleibt in diesem Entwicklungsstadium offen. Aber auch wenn das Stück fertig geschrieben sei, bleibe immer noch enorm viel Raum für die Interpreten. «In der Abfolge der kreativen Schritte bin ich derjenige, der Zeichen vorschlägt, die andere dann mit ihrer Sensibilität und Erfahrung interpretieren werden. Ich verehre die Kunst der Interpretation über alles.» Xavier Dayer betont, dass er es besonders als Zuhörer liebe, zu entdecken, wie sich die Interpreten eine Komposition aneignen. «In diesem Sinn ist auch dieser Teil der Kreation ein essentieller Moment, weil sie erstmals in einem Raum erscheint.» Hinzu kommt die Bedeutung des Publikums. Eine Komposition sei wie ein Liebesbrief, der an sich nicht viel bedeute – vor allem, wenn ihn niemand lese, und insbesondere, wenn ihn niemand beantworte (lacht).

Die Rolle des Komponisten ist zudem in Frage gestellt, spätestens seit Beethovens nur skizzenhaft komponierte 10. Sinfonie zum Jubiläumsjahr mit einem speziell trainierten Algorithmus vollendet wurde. Xavier Dayer betrachtet dies nicht etwa als Gefahr, sondern als «äusserst stimulierende Herausforderung». Er sehe, dass sich auch seine Studierenden mit der Frage befassen, was die Kreation eines Individuums heute noch bedeute. «Ich bewundere Künstler, die den Akt der Kreation hinterfragen. (…) Vielleicht sind wir am Ende eines Zyklus’, in der das kreierende Individuum als eine Art von Genie gesehen und ein Kult darum gemacht wurde.» Dies hat nach seiner Meinung auch komplexe Folgen gezeitigt. «Jede Note von Beethoven, jeder Satz von Goethe vermittelte uns den Eindruck, im Vergleich ganz klein zu sein.» Er denke, dass man nicht einfach weitermachen könne mit dieser Einordnung des Künstlers, der «alles» zu sagen habe. «Heute wird der Künstler wohl anders betrachtet: als jemand, der weder darüber noch darunter, sondern einfach im Kontinuum der sozialen Bindungen steht.»

Xavier Dayer wurde 1972 in Genf geboren. Dort studierte er Komposition mit Eric Gaudibert und in Paris mit Tristan Murail und Brian Ferneyhough (IRCAM – Forschungsinstitut für Akustik/Musik). Er ist Professor für Komposition an der Hochschule der Künste Bern und seit 2009 Beauftragter vom «Master of arts in Composition/Theory». Seit 2011 ist er Präsident der SUISA. Der Kanton Bern zeichnete ihn mit dem Musikpreis 2020 aus. www.xavierdayer.com
Schweizer Beethoven-Reflexionen: Ein Projekt von Murten Classics und der SUISA zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven hatte nur wenig mit der Schweiz zu tun. Aber er hat «Sechs Variationen über ein Schweizerlied» geschrieben, bei dem es sich um das Volkslied «Es hätt e Bur es Töchterli» handelt. Dies ist der Ausgangspunkt für Kompositionsaufträge, die die Sommerfestspiele Murten Classics zusammen mit der SUISA an acht Schweizer Komponistinnen und Komponisten verschiedener Generationen, Ästhetik und Herkunft vergeben haben.

Oscar Bianchi, Xavier Dayer, Fortunat Frölich, Aglaja Graf, Christian Henking, Alfred Schweizer, Marina Sobyanina und Katharina Weber konnten sich auf die Variationen, auf das von Beethoven verwendete Volkslied selbst oder auf Beethoven im Allgemeinen beziehen. Die Kompositionen wurden für das Ensemble Paul Klee geschrieben, das folgende Maximalbesetzung erlaubt: Flöte (auch Piccolo, G- oder Bassflöte), Klarinette (in B oder A), Violine, Viola, Cello, Kontrabass und Klavier.

Initiant dieses 2019 begonnenen Projekts war Kaspar Zehnder, der während 22 Jahren künstlerischer Leiter von Murten Classics gewesen war. Wegen der Corona-Krise und den von den Behörden verordneten Massnahmen war die Durchführung sowohl der 32. Ausgabe im August 2020 als auch des vorgesehenen Ersatzfestivals in den anschliessenden Wintermonaten nicht möglich. Der «SUISA-Tag» mit den acht Kompositionen dieses Projekts wurde – ohne Publikum – am 28. Januar 2021 im KiB Murten dennoch aufgeführt und aufgezeichnet. Die Aufnahmen waren bei Radio SRF 2 Kultur in der Sendung «Neue Musik im Konzert» zu hören und sind auf der Plattform Neo.mx3 erschienen. Im SUISAblog und auf den Social Media-Kanälen der SUISA ist das Projekt mit multimedialen Beiträge online dokumentiert.

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Xavier Dayer liess sich für das Projekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» nicht nur von der Melodie des von Beethoven verwendeten Schweizer Lieds inspirieren. Er bezog auch die Situation mit ein, in der sich der damals noch junge Komponist befand. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Xavier Dayer: Eine Melodie wie eine Erinnerung von weit weg

Xavier Dayer im Interview über sein Werk «Cantus VII» Ende Januar 2020. (Foto: Manu Leuenberger)

Xavier Dayer ist überzeugt davon, dass die zentrale Bedeutung von Ludwig van Beethoven weit über den Kreis der Komponistinnen und Komponisten wie auch der Musikerinnen und Musiker hinausgeht. «Ich würde sogar sagen, dass er am Anfang des Bildes steht, das man in der breiten Öffentlichkeit von der Romantik und der klischierten Figur des Komponisten hat.» Bei aller Bewunderung für Beethoven stuft er dessen Variationen über ein Schweizer Volkslied nüchtern ein. «Ich denke…Weiterlesen

«Beethovens Musik ist sehr groovy. Ich denke, wenn er heute leben würde, wäre er wohl der Modern-Jazzrock-Freak.» | mit Video

Marina Sobyanina bezieht sich in ihrer Komposition für das Projekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» auf viele Aspekte des grossen Komponisten. Sie setzte aber auch viele moderne Methoden ein und stellte sich musikalische Passagen auch als grafische Figuren vor. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Marina Sobyanina: Beethovens Musik ist sehr groovy

Marina Sobyanina beim Interview über ihre Komposition «Quasi una Fantasia» im Februar 2020. (Foto: Manu Leuenberger)

Ludwig van Beethoven hat eine spezielle Bedeutung für Marina Sobyanina. «Die ersten richtigen Stücke, die ich als Kind im Klavierunterricht spielen konnte, waren Pianosonaten von Beethoven», erklärt die in Russland geborene und in Bern lebende Komponistin. «Meine Schwester hatte einen grossen Einfluss auf mich, weil sie zwölf Jahre älter ist als ich und damals – neben meiner Klavierlehrerin – die wichtigste musikalische Bezugsperson für mich war. Sie ist klassische Pianistin und denkt noch immer, dass man wie Beethoven komponieren sollte.»

Dieser Ansicht ist Marina Sobyanina bestimmt nicht. Und trotzdem darf man vermuten, dass sie sich in einer aktuellen Komposition auf ihn bezog. Denn 2018 benannte sie ein Stück «Taub’N» und liess damit an Beethovens Ertauben denken: Wie wäre es, Musik zu komponieren, ohne etwas hören zu können? Dies sei tatsächlich ihre erste Idee für die «Schweizer Beethoven-Reflexionen» gewesen, bestätigt sie. «Aber damit würde ich mich ja wiederholen, da ich diese Vorstellung bereits ausgedrückt habe.» Kurz hatte die Komponistin auch die Idee, «Micro Variations» zu kreieren. «Ich wollte ein kleines Motiv nehmen und es dann zu Hunderten von Variationen entwickeln. Aber ich gab die Idee auf, weil man dazu ein Computer sein müsste – und das wollte ich nicht, weil ich es nicht bin.»

Als weiteren Ansatz wählte Marina Sobyanina dann Beethovens Methode mit kurzen Motiven: Wie er diese überarbeitete, Teile wegschnitt und dies dann wiederholte. Es sei eine Art von zyklischer Arbeit mit Motiven, was wiederum zum Text des Schweizer Volkslieds passe. Dort verspricht Dursli ja, jedes Jahr in die Heimat zurückzukommen und bei den Eltern des geliebten Babeli erneut um deren Hand anzuhalten. Dann begann sie nach Motiven zu suchen, die sich in Beethovens Werk oft wiederholen, «aber nicht so leicht erkennbar sind, da es meine Komposition bleiben sollte». Marina Sobyanina gab jedoch auch diese Idee bald auf. «Auch dies wäre limitierend gewesen, eine Art von Puzzle, bei dem man nur die Teile zusammenfügen muss.»

Sie konzentrierte sich stattdessen auf Beethovens Variationen über ein Schweizerlied, vor allem auf die erste und zweite. «Ich behielt zudem einige Motive, die sehr charakteristisch für Beethoven sind. Und Arbeitsmethoden wie das Spiel mit der Oktavierung, Modulationen mit Arpeggi, die in den tieferen Lagen folgen, grosse Akkorde, die unterschiedliche und auch gegensätzliche Register kombinieren sowie Aspekte, die seinen Pianostil erkennbar machen.»

Schliesslich befasste sich Marina Sobyanina mit der ersten Variation, die sie während des Gesprächs Ende Februar 2020 gleich vorspielt. Sie stellte sich vor, dass die melodischen Linien für die rechte und die linke Hand keine Noten mit bestimmten Parametern wie Tonhöhe usw. sind, sondern Konturen einer Silhouette. Wenn man den Raum zwischen diesen Rändern visuell ausfülle, entstehe eine Art Bild. Und in diesem sah die Komponistin verschiedene Gestalten ineinanderfliessen (siehe Bild), was «eigenartige musikalische Assoziationen entstehen liess».

Quasi una Fantasia

Auszug aus der Partitur. (Foto: Marina Sobyanina)

Sie erklärt dies so: «Wenn ich meine Augen schloss und mir meine Musik vorzustellen versuchte, dann waren da immer humoristische Passagen von Arpeggi, Tremoli oder (spielt etwa vor). Als ich dann versuchte, diese musikalischen Passagen nur als grafische Figuren zu sehen, fand ich, dass dieser Teil wie ein Typ auf einem Pony aussieht, der auf die andere Seite zeigt.» So habe sie eine Einleitung geschaffen, welche von einer C-Variation ausgehe (singt gleich vor).

In diesen bildhaften Vorstellungen von Marina Sobyanina tauchen Cartoon-Figuren auf, die zu fliegen versuchen, und Schwäne, die sie in den Rücken treten. «Ich versuche mir einfach vorzustellen, welche Art von Musik dies sein sollte. Deshalb habe ich auch einen Teil namens ‹The Train› komponiert, der mit sehr tiefen Arpeggi beginnt, etwas in der Art zwischen Beethoven und Strawinski, sich dann beschleunigt und in die höheren Tonlagen aufsteigt.»

In den folgenden zwei Teilen wollte Marina Sobyanina einfach ihre Vorstellungskraft fliessen zu lassen und sich nicht zu fest an die grafische Partitur zu klammern. Dabei habe sie immer wieder die oben erwähnten Methoden aus Beethovens Werk eingesetzt, auch die massiven Akkorde, die er so geliebt habe. «Ich verwendete auch einige Zitate, etwa eines aus ‹Fidelio›. Ein weiteres Zitat ist die Harmonie vom Beginn der neunten Sinfonie (spielt vor). Und ich verwende auch ein Motiv aus einer Sonate, das die exakt gleiche Melodielinie hat wie in der C-Dur-Messe (spielt und singt vor). Fragmente dieser Melodie tauchen durch das ganze Stück immer wieder auf, jedoch moduliert.»

Marina Sobyanina ist der Ansicht, dass Beethovens Musik etwas sehr Körperliches habe. «Sie ist auch sehr groovy. Ich denke, wenn er heute leben würde, wäre er wohl der Modern-Jazzrock-Freak.» Entsprechend hat sie eine Passage mit präpariertem Piano komponiert, die sehr groovy sei. «Der Pianist spielt da wie ein Schlagzeuger, anderswo kratzt er mit einem Ring auf den Saiten.» Und dann gebe es auch eine kurze Öffnung in ein anderes musikalisches Universum – wie ein Bebop-Fragment. Dies habe sie aber noch nicht ausgeschrieben, weil der entsprechende Musiker dies eventuell besser improvisieren als sie es komponieren könne.

Die Idee der Improvisation hat sich auch in der von Marina Sobyanina verwendeten Methode des «Micro Loopings» niedergeschlagen. «Ich wollte reflektieren, dass auch Beethoven viel über den ausgeschriebenen Kadenzen improvisierte.» In einem Teil ihrer Komposition spiele nun jedes Instrument einen Loop mit einem eigenen Tempo und ungefähr den selben Akzenten zu jedem Ton, deshalb erschienen alle Töne an einer anderen Stelle. «Die Loops verschieben sich so horizontal, kommen dann aber beim Einsatz eines Instrumentes wieder zusammen, wie dies der nächste Teil erfordert.»

Marina Sobyanina wurde 1986 in Russland geboren und studierte bis 2010 in Russland Kunstgeschichte. 2014 machte sie an der Hochschule der Künste in Bern den Bachelor of Arts in «Jazz & Vocal Performance» und 2017 den Master of Arts in «Composition & Theory». Seither verfolgt sie ein breites Feld von Projekten zwischen zeitgenössischer Musik, experimentellem Jazz, Theater und Film. www.marinasobyanina.com
Schweizer Beethoven-Reflexionen: Ein Projekt von Murten Classics und der SUISA zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven hatte nur wenig mit der Schweiz zu tun. Aber er hat «Sechs Variationen über ein Schweizerlied» geschrieben, bei dem es sich um das Volkslied «Es hätt e Bur es Töchterli» handelt. Dies ist der Ausgangspunkt für Kompositionsaufträge, die die Sommerfestspiele Murten Classics zusammen mit der SUISA an acht Schweizer Komponistinnen und Komponisten verschiedener Generationen, Ästhetik und Herkunft vergeben haben.

Oscar Bianchi, Xavier Dayer, Fortunat Frölich, Aglaja Graf, Christian Henking, Alfred Schweizer, Marina Sobyanina und Katharina Weber konnten sich auf die Variationen, auf das von Beethoven verwendete Volkslied selbst oder auf Beethoven im Allgemeinen beziehen. Die Kompositionen wurden für das Ensemble Paul Klee geschrieben, das folgende Maximalbesetzung erlaubt: Flöte (auch Piccolo, G- oder Bassflöte), Klarinette (in B oder A), Violine, Viola, Cello, Kontrabass und Klavier.

Initiant dieses 2019 begonnenen Projekts war Kaspar Zehnder, der während 22 Jahren künstlerischer Leiter von Murten Classics gewesen war. Wegen der Corona-Krise und den von den Behörden verordneten Massnahmen war die Durchführung sowohl der 32. Ausgabe im August 2020 als auch des vorgesehenen Ersatzfestivals in den anschliessenden Wintermonaten nicht möglich. Der «SUISA-Tag» mit den acht Kompositionen dieses Projekts wurde – ohne Publikum – am 28. Januar 2021 im KiB Murten dennoch aufgeführt und aufgezeichnet. Die Aufnahmen waren bei Radio SRF 2 Kultur in der Sendung «Neue Musik im Konzert» zu hören und sind auf der Plattform Neo.mx3 erschienen. Im SUISAblog und auf den Social Media-Kanälen der SUISA ist das Projekt mit multimedialen Beiträge online dokumentiert.

www.murtenclassics.ch

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Marina Sobyanina bezieht sich in ihrer Komposition für das Projekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» auf viele Aspekte des grossen Komponisten. Sie setzte aber auch viele moderne Methoden ein und stellte sich musikalische Passagen auch als grafische Figuren vor. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Marina Sobyanina: Beethovens Musik ist sehr groovy

Marina Sobyanina beim Interview über ihre Komposition «Quasi una Fantasia» im Februar 2020. (Foto: Manu Leuenberger)

Ludwig van Beethoven hat eine spezielle Bedeutung für Marina Sobyanina. «Die ersten richtigen Stücke, die ich als Kind im Klavierunterricht spielen konnte, waren Pianosonaten von Beethoven», erklärt die in Russland geborene und in Bern lebende Komponistin. «Meine Schwester hatte einen grossen Einfluss auf mich, weil sie zwölf Jahre älter ist als ich und damals – neben meiner Klavierlehrerin – die wichtigste musikalische Bezugsperson für mich war. Sie ist klassische Pianistin und denkt…Weiterlesen

«Die Klarinette soll als Individuum wirken, das kämpft und den Weg sucht» | mit Video

Katharina Weber bezieht sich in ihrer Kompositionsarbeit für das Projekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» nicht nur auf Beethovens Variationen über ein Schweizer Lied und dessen Text. Sie lässt auch die Klangwelt von John Cage einfliessen. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Katharina Weber: «Die Klarinette soll als Individuum wirken, das kämpft und den Weg sucht»

Katharina Weber im Gespräch über ihr Werk «Badurbelisli», das sich zum Zeitpunkt des Interviews im Februar 2020 noch in Entstehung befand. (Foto: Manu Leuenberger)

Ludwig van Beethoven und seine «Variationen über ein Schweizerlied» haben eine spezielle Bedeutung für Katharina Weber. «Diese Variationen gehören zu den ersten Stücken eines grossen Komponisten, die ich als Kind spielen durfte.» Die Berner Pianistin und Komponistin erklärt im Gespräch von Anfang Februar 2020 auch, dass Musik im Leben der Familie stets wichtig gewesen sei, da die Grossmutter als Geigerin wirkte und der Grossvater fast Pianist geworden war.

Katharina Weber findet Beethovens Variationen noch heute spannend, weil jede auf ihre Weise sehr charakteristisch sei. «Und ich habe mich gefragt, ob Beethoven sich auch auf den Text bezogen hat, etwa mit den mal marschartigen, dann wieder ganz weichen, lyrischen Teilen.» Die Geschichte des Originalliedes stand denn auch am Anfang der Überlegungen, wie sie den Kompositionsauftrag umsetzen könnte. Der Text handelt vom Dursli, der Babeli zur Frau haben will, von deren Eltern aber abgewiesen wird, weil Babeli noch zu klein sei, und deshalb in fremde Kriegsdienste nach Flandern geht.

Diese Geschichte hat Katharina Weber sogleich berührt, weshalb der Gedanke nahelag, darauf Bezug zu nehmen. «Es ist eine tragische Liebesgeschichte, gerade wenn man bedenkt, dass auch heute noch viele Leute ihre Heimat verlassen müssen.» Sie versteht die Geschichte persönlich auch als Metapher für die Liebe als Ideal: «Er verspricht, dass er sein Leben lang an ihr festhalten werde». Es gehe letztlich um die Polarität zwischen realistischen Zwängen und idealistischen Wünschen.

In den Weihnachtsferien 2019 entwarf Katharina Weber nicht nur das Grundkonzept des Stücks und begann improvisierend, Töne zu notieren. «Ich habe damals beschlossen, die Klarinette als Individuum gegenüber den Streichern einzusetzen, die gewissermassen als Familie von Babeli oder auch als die Gesellschaft wirken. Der Klavier-Teil wird sich auf die Variationen von Beethoven beziehen, jedoch nicht harmonisch, sondern mehr mit den rhythmischen Varianten, so dass man den Bezug zu Beethoven erkennen kann.» Es soll aber «eine ganz andere Klangwelt» vorherrschen, und damit kommen wir zu John Cage.

Katharina Weber erzählt, dass einst der Komponist Urs Peter Schneider im Unterricht viel von Cage geredet habe. «Er sagte mir, dass Cage Beethoven und dessen Streben nach Höherem und die Suche nach fernem Geliebtem gar nicht mochte, dass Mozart viel mehr im Leben gestanden habe. Er stellte eine Polarität zwischen Beethoven und Mozart her, die mich damals sehr beschäftigt hat.» Von Cage stammten zudem die ersten modernen Stücke, die Katharina Weber im Alter von etwa 13 Jahren mit der Klavierlehrerin Janka Wyttenbach, der Frau des Komponisten Jürg Wyttenbach, gespielt hat. «Wir spielten die Klavierstücke von Cage, die ich zuerst auf dem normalen Flügel zuhause geübt hatte, im Konservatorium dann auf dem präparierten Flügel – und es klang so anders, das war ein wirklich besonderes Erlebnis.»

Nun nimmt Katharina Weber in ihrer Komposition Bezug auf John Cage, indem sie den Klavierklang mit Magneten an den Saiten verfremdet, wie Cage dies in den «Sonatas and Interludes» entwickelt hatte. Cage sei ihr auch wichtig, «weil er lehrte, den Zufall anzunehmen». Sie wolle aber keineswegs das Monument der Moderne gegen die beiden der Vergangenheit, Beethoven und Mozart, ausspielen. Sie versuche vielmehr, diese drei zusammenzubringen.

Gut einen Monat nach den Weihnachtsferien hat Katharina Weber einiges festgelegt. Die Streicherklänge, die die Familie repräsentieren, sollen harmonische Strukturen ergeben. Die Klarinette als Soloinstrument soll hingegen melodisch wirken und Bewegung hineinbringen – «als Individuum, das kämpft und den Weg sucht». Sie setze aber auch den Kontrabass als Gegensatz zur «Familie» von Geige, Bratsche und Cello ein, entsprechend zum Hauptmann, der Dursli als Söldner anheuert. Dass der Vater sein Töchterchen partout nicht hergeben will und Dursli trotzdem das erstrebte Ziel nicht aufgibt, will die Komponistin im gesamten Stück «mit Flageolett-Tönen der Geige andeuten, die sehr fern wirken, einer Ebene des Himmelweiten».

Katharina Weber versucht sich nun vorzustellen, wie die einzelnen Instrumente tönen sollen und kontrolliert dann am Klavier nach; auch die Töne, die sie bereits notiert hat. So lange, bis die verwendeten Töne und Rhythmen «verhäbe», wie sie lachend erklärt. «Der Tonraum der ‘Familie’ etwa ist zunächst recht eng und weitet sich dann durch den Kontrabass, der tief hinab geht.» Von der letzten Strophe, die derart aus dem Rahmen eines Volklieds hinausgehe, dass Katharina Weber sie gleich vorsingt, möchte sie den ganzen Text verwenden, gesprochen oder gesungen oder gar als Sprechgesang:’U wenn der Himmel papierge wär/u jede Stern ä Schriber wär/u jede Schriber hätt siebe, siebe Händ,/si schribe doch all meiner Liebi kes End‘. «Von den anderen zehn Strophen möchte ich nur wenige Worte verwenden, so dass man die Geschichte gerade noch erraten kann.»

Zur Zeit des Gesprächs ist vieles erst skizziert, es kann sich also noch einiges ändern. Trotzdem erwartet Katharina Weber, dass etwas ihr Stück auf eine Weise prägen werde, die typisch für Kompositionen von ihr ist: «Der harmonische Raum, den ich mit den Streichern schaffen möchte, ähnelt demjenigen eines anderen Stücks von mir, in dem jedoch eine Flöte die solistische Rolle spielt». Katharina Weber ist sich zudem sicher, dass es eine bis ins Detail festgelegte Komposition werden wird, obwohl sie sich auch mit improvisierter Musik einen Namen geschaffen hat. «Es wäre schwierig, Freiraum zu lassen; auch weil es ein relativ grosses Ensemble ist und nur kurze Zeit (für die Probe) besteht.» Sie habe eine klare Vorstellung, wie ihre Komposition tönen müsse. «Und doch bin ich jedes Mal erfreut, wenn ich dann die wirklichen Klänge der Instrumente, ihre Sinnlichkeit, höre.»

Katharina Weber wurde 1958 in Bern geboren. Sie studierte in Basel und Bern Klavier mit Jürg Wyttenbach, Urs Peter Schneider, Erika Radermacher und Jörg Ewald Dähler. Zudem besuchte sie Meisterkurse mit Yehudi Menuhin, György Kurtág, Pauline Oliveros, Fred Frith, Alex von Schlippenbach, Barre Phillips u.a. Katharina Weber unterrichtet Klavier und Improvisation an der Musikschule Konservatorium Bern sowie an der Hochschule der Künste Bern. www.katharinaweber.ch
Schweizer Beethoven-Reflexionen: Ein Projekt von Murten Classics und der SUISA zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven hatte nur wenig mit der Schweiz zu tun. Aber er hat «Sechs Variationen über ein Schweizerlied» geschrieben, bei dem es sich um das Volkslied «Es hätt e Bur es Töchterli» handelt. Dies ist der Ausgangspunkt für Kompositionsaufträge, die die Sommerfestspiele Murten Classics zusammen mit der SUISA an acht Schweizer Komponistinnen und Komponisten verschiedener Generationen, Ästhetik und Herkunft vergeben haben.

Oscar Bianchi, Xavier Dayer, Fortunat Frölich, Aglaja Graf, Christian Henking, Alfred Schweizer, Marina Sobyanina und Katharina Weber konnten sich auf die Variationen, auf das von Beethoven verwendete Volkslied selbst oder auf Beethoven im Allgemeinen beziehen. Die Kompositionen wurden für das Ensemble Paul Klee geschrieben, das folgende Maximalbesetzung erlaubt: Flöte (auch Piccolo, G- oder Bassflöte), Klarinette (in B oder A), Violine, Viola, Cello, Kontrabass und Klavier.

Initiant dieses 2019 begonnenen Projekts war Kaspar Zehnder, der während 22 Jahren künstlerischer Leiter von Murten Classics gewesen war. Wegen der Corona-Krise und den von den Behörden verordneten Massnahmen war die Durchführung sowohl der 32. Ausgabe im August 2020 als auch des vorgesehenen Ersatzfestivals in den anschliessenden Wintermonaten nicht möglich. Der «SUISA-Tag» mit den acht Kompositionen dieses Projekts wurde – ohne Publikum – am 28. Januar 2021 im KiB Murten dennoch aufgeführt und aufgezeichnet. Die Aufnahmen waren bei Radio SRF 2 Kultur in der Sendung «Neue Musik im Konzert» zu hören und sind auf der Plattform Neo.mx3 erschienen. Im SUISAblog und auf den Social Media-Kanälen der SUISA ist das Projekt mit multimedialen Beiträge online dokumentiert.

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Katharina Weber bezieht sich in ihrer Kompositionsarbeit für das Projekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» nicht nur auf Beethovens Variationen über ein Schweizer Lied und dessen Text. Sie lässt auch die Klangwelt von John Cage einfliessen. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Katharina Weber: «Die Klarinette soll als Individuum wirken, das kämpft und den Weg sucht»

Katharina Weber im Gespräch über ihr Werk «Badurbelisli», das sich zum Zeitpunkt des Interviews im Februar 2020 noch in Entstehung befand. (Foto: Manu Leuenberger)

Ludwig van Beethoven und seine «Variationen über ein Schweizerlied» haben eine spezielle Bedeutung für Katharina Weber. «Diese Variationen gehören zu den ersten Stücken eines grossen Komponisten, die ich als Kind spielen durfte.» Die Berner Pianistin und Komponistin erklärt im Gespräch von Anfang Februar 2020 auch, dass Musik im Leben der Familie stets wichtig gewesen sei, da die Grossmutter als Geigerin wirkte und der Grossvater fast Pianist geworden…Weiterlesen

«Wir Komponisten sind wie Chirurgen an den Seelen der Menschen»

Der rumänische Komponist Sebastian Androne-Nakanishi hat schon in jungen Jahren internationales Aufsehen erregt. 2019 zog er in die Schweiz und ist vor Kurzem der SUISA beigetreten. Text von Gastautor Markus Ganz

Sebastian Androne-Nakanishi: «Wir Komponisten sind wie Chirurgen an den Seelen der Menschen»

Neu bei der SUISA: Sebastian Androne-Nakanishi. (Foto: Markus Ganz)

Die Musik von Sebastian Androne-Nakanishi ist schwer fassbar: Der 1989 geborene Rumäne komponiert sowohl Orchesterwerke, Kammermusik und Chorwerke wie auch Soundtracks für Film, Theater und Games. Er sei «ein wahres Talent, das Kreativität und Vielseitigkeit vereint», steht in der Begründung zur Auszeichnung als «Composer Of The Year 2022» der International Classical Music Awards. Zu seinen vielen Preisen gehört auch das «Golden Eye» des Internationalen Filmmusikwettbewerbs für den Soundtrack zum Animations-Kurzfilm «Happiness» – 304 Komponistinnen und Komponisten aus 44 Ländern hatten sich beworben.

Und doch gibt sich Sebastian Androne-Nakanishi im Interview bescheiden, ja demütig. «Manchmal fühle ich mich richtig klein mit all den Giganten von Komponisten hinter mir, deren Werke wir in der Ausbildung ja auch analysieren. Eingeschüchtert fühle er sich manchmal auch an Festivals für zeitgenössische Musik, aber nur zu Beginn. «Da präsentieren mir unbekannte Komponisten derart schlaue Theorien und Algorithmen, dass ich es kaum erwarten kann, diese selbst anzuwenden. Doch dann höre ich ihre Musik und denke mir, dass sie alles vermeiden, was mit Begriffen wie ‹Seele›, ‹Inspiration› oder ‹Gefühle› zu tun hat. Deshalb entsteht oft keine Kommunikation. Und darum sollte es in der Musik doch eigentlich gehen.»

Suche nach Authentizität

Dazu passt das Credo von Sebastian Androne-Nakanishi, wonach er nicht auf einer Reise der Originalität, sondern auf einer der Authentizität sei. «Es ist keine Suche nach klanglicher Neuartigkeit, sondern eine nach der aufrichtigsten, eloquentesten und aussagekräftigsten musikalischen Manifestation.» Strawinsky habe einmal bezüglich musikalischer Poesie gesagt, dass komplette Originalität ein Monster sei. Für Sebastian Androne-Nakanishi hat Originalität etwas Unredliches an sich, da sie immer nur ein Mittel zum Zweck sei, ein Werkzeug, um Erfolg zu haben. «Authentizität hingegen beinhaltet Ehrlichkeit, Ehrlichkeit im Sinne einer Reise der Selbstentdeckung, die Fragen aufwirft. Wer bin ich? Wer bin ich in der Beziehung zu anderen Menschen. Warum komponiere ich Musik, während andere Leute Leben retten?»

Es sind solche Fragen, die Sebastian Androne-Nakanishi erklärtermassen die ganze Zeit durch den Kopf gehen, seit er im ersten Jahr seines Studiums in Rumänien war. «Einer meiner Lehrer, Dan Voiculescu, sagte,wir Komponisten seien wie Chirurgen an den Herzen der Menschen, an den Seelen der Menschen. Das war mir zwar ein bisschen zu poetisch. Aber es gibt es immer wieder Leute, die nach einer Aufführung eines meiner Werke zu mir kommen und gestehen, die Musik habe sie bewegt, manche mit Tränen in den Augen. Diese Art von Reaktion ist für mich einer der Hauptgründe, weshalb ich weiterhin Musik schreibe, und vielleicht ist es genau das, was Authentizität ausmacht.» Er verhehlt aber nicht, dass das Komponieren für ihn auch eine hedonistische Seite habe. «Natürlich liebe ich den Nervenkitzel des Entdeckens, für mich ist Komponieren wie das Schreiben einer Geschichte Komponieren ist für mich wie das Schreiben einer Geschichte, die sich für mich entfaltet.»

Lohn für Komposition

Komponieren ist für Sebastian Androne-Nakanishi auch ein Kampf, «einen Sinn in etwas zu finden, das sich finanziell nicht lohnt. Der Bohème-Ansatz hat nur funktioniert, bis ich geheiratet habe, Vater eines Kinds wurde – und in das teuerste Land der Welt zog.» Umso wichtiger war ihm, eine solide Lösung für die Urheberrechte zu finden. «Als Komponist sind die Einkünfte aus Tantiemen, die man durch die Aufführung seiner Musik erhält, unverzichtbar. Nach mehreren Projekten in der Schweiz und Gesprächen mit Kollegen, die Mitglied bei der SUISA sind, wurde mir klar, dass auch ich der SUISA beitreten will.»

Angesichts der hohen Lebenskosten in der Schweiz sei aber auch der Druck gross, Auftragskompositionen anzunehmen, erklärt der Rumäne in seinem kleinen Studio, in das manchmal die durchdringenden Geräusche der darunterliegenden Zahnklinik dringen. «Manchmal arbeite ich wie jetzt an fünf oder sechs Projekten gleichzeitig – das ist der Wahnsinn.» Zudem bestehe dann die Gefahr, dass die Authentizität darunter leide, was er hasse. «Umso wichtiger ist es mir, eine Verbindung zu der Person aufzubauen, mit der ich zusammenarbeite. Wenn es sich um einen Film-Soundtrack oder Musik für ein Theaterstück handelt, ergibt sich daraus eine Art von Pingpong mit dem Regisseur. Wenn es ein reines Konzertstück ist, dann ist es ein bisschen schwieriger, weil ich mit mir selbst Pingpong spielen muss.»

Ein Albtraum für Sebastian Androne-Nakanishi ist erklärtermassen, mit seiner Musik zu langweilen oder mit kompositorischen Effekten etwas zu kompensieren, das nicht da ist. «Nach so viel Ausbildung beherrsche ich so viele Kompositionstechniken, dass es für mich einfach ist, etwas komplex klingen zu lassen.» Tatsächlich hat er nicht nur in Rumänien, Grossbritannien und Frankreich Komposition studiert, sondern schliesst zurzeit an der Zürcher Hochschule der Künste einen zweiten Master («Komposition für Film, Theater und Medien») ab und hat unzählige Masterclasses bekannter Komponisten besucht. «Die grösste Freude aber habe ich, Komplexität mit Einfachheit zu kombinieren, ohne einer Simplifizierung zu verfallen. Wenn man also die Kraft der Einfachheit mit dem kombiniert, was wir in einem Jahrhundert zeitgenössischer Musik angesammelt haben.»

Vielfalt der zeitgenössischen Musik

Grundlegend bleibt für Sebastian Androne-Nakanishi, mit seiner Musik eine Reaktion der Zuhörerinnen und Zuhörer zu erreichen, dass sie nicht gleichgültig bleiben. «Es ist unter bestimmten Umständen auch in Ordnung, wenn sie ein bisschen wütend werden. Aber wütend, weil sie etwas fühlen, etwas, das sie im Innersten ihres Wesens berührt.» Der Rumäne ist bestimmt kein radikaler Neutöner, aber er hat in seinem Orchesterstück «Tektonum» den Sound einer Kettensäge eingesetzt. «Ich habe das nicht gemacht, um die Leute zu verblüffen oder zu provozieren. Nein, in dem betreffenden Moment ging es mir um die musikalische Darstellung des Weltuntergangs, das ganze Stück ist von den Vorstellungen zur Entstehung und der Entwicklung der Welt inspiriert. Und schliesslich musste ich die menschliche Natur darstellen. Da fand ich in meiner Instrumentenbibliothek zufälligerweise diesen Sound einer Kettensäge. Da dachte ich mir: ja, das ist ein gutes Symbol für das, was wir tun.»

Sebastian Androne-Nakanishi scheint die vielen Ausdrucksmöglichkeiten zeitgenössischer Musik geradezu aufgesogen zu haben. Bei all der Vielfalt fragt sich, was typisch an seinen Kompositionen ist, ob es charakteristische Merkmale, etwas Unverwechselbares gibt. Der Komponist zögert kurz und meint dann: «Sie fragen nach meinem Stil. Dies war für mich schon in Rumänien ein beängstigendes Wort, denn ich spürte daraus einen akademischen Druck, ‹meine eigene Stimme› zu finden. Ich hasste den Ausdruck schon damals, weil er mir auferlegte, in eine Schublade gesteckt werden zu können, meiner Musik ein Etikett umzuhängen, etwa sie sei ‹post-strukturalistisch›, ‹von Boulez beeinflusst› oder was auch immer. Ich bekam das Gefühl, dass ich etwas auswählen und mich damit einschränken sollte. Das aber ist nicht mein Ding. Ich möchte alles machen können, frei sein. Wenn die Verwendung mehrerer Stile automatisch dazu führt, dass man als ‹eklektisch› oder ‹unbeständig› wahrgenommen wird, dann wird nur die Zeit zeigen, ob der abwertende Charakter dieser Bezeichnungen berechtigt war.»

Die Musik von Sebastian Androne-Nakanishi sei wie eine Achterbahn, soll ihm sein Dozent Joe Cutler einmal gesagt haben. «Das hat bis vor etwa zwei Jahren gestimmt. Bei meinem Masterprojekt in Zürich brachten mich aber einige Dozenten dazu, vieles zu hinterfragen, was ich machte. Eine sagte mir: ‹Sebastian, einige deiner Musikstücke sind beeindruckend. Aber sie bewegen mich nicht.› Das war schockierend und hat mich dazu gebracht, vieles zu hinterfragen.» Er habe realisiert, dass er manchmal einfach seine Dozenten habe zufriedenstellen wollen. «Stephan Teuwissen, der mich in Zürich in Musikdramaturgie unterrichtete, hat mir gesagt: ‹Hör auf, Papas zu suchen. Ich will keine Jünger, ich will einen Widerpart.› Ich muss also auf meine Art meine eigene Musik suchen und die Freiheit finden, mich immer wieder neu zu erfinden. Wenn das bedeutet, sich von einem Stil zum anderen zu entwickeln, dann soll es so sein. Aber wenn mich jemand fragt, was mein Stil ist, dann ist meine Antwort, dass es für jedes Stück das ist, was dieses erfordert.»

www.sebastianandrone.com, offizielle Website von Sebastian Androne-Nakanishi

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Neu bei der SUISA: Sebastian Androne-Nakanishi. (Foto: Markus Ganz)

Die Musik von Sebastian Androne-Nakanishi ist schwer fassbar: Der 1989 geborene Rumäne komponiert sowohl Orchesterwerke, Kammermusik und Chorwerke wie auch Soundtracks für Film, Theater und Games. Er sei «ein wahres Talent, das Kreativität und Vielseitigkeit vereint», steht in der Begründung zur Auszeichnung als «Composer Of The Year 2022» der International Classical Music Awards. Zu seinen vielen Preisen gehört auch das «Golden Eye» des Internationalen Filmmusikwettbewerbs für den Soundtrack zum Animations-Kurzfilm «Happiness» – 304 Komponistinnen und Komponisten aus 44 Ländern hatten sich beworben.

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Endo Anaconda forever!

Am 1. Februar 2022 verstarb der Poet, Komponist und Musiker Endo Anaconda. Der Sänger der Berner Mundart-Band Stiller Has war SUISA-Mitglied seit 1990. Nachruf von Gastautor Jürg Halter

Endo Anaconda forever!

Der Schriftsteller, Lyriker und Spoken Word Artist Jürg Halter gedenkt im Gastbeitrag seinem Freund Endo Anaconda. (Foto: Nina Rieben)

Da Endo gestorben, aber längst nicht tot ist, kann ich vom grössten Schweizer Mundartpoeten nur in Gegenwartsform schreiben – Endo Anaconda bleibt für immer so jung wie alterswild. Das Leben gestaltet sich zuweilen als Geisterbahn und Endo wirkt als beeindruckender Geisterwellenreiter – ebenso swingt er als hasenselig singender Dandy, Zigarette im Mundwinkel, unterwegs in seinem roten Cabriolet auf Never-Ending-Tour irgendwo zwischen Bern, Trub, Venedig, den Alabama Hills, Olten, Wien und Wallisellen.

Endo wirkt als tröstender Herzensalpinist wider das widrige Leben und das böse Alter. Er ist ein tänzelnder Störenfried, Endo stört den Betrieb leidenschaftlich, er rockt die Szene als genuin postpubertäre Betriebsstörung auf Stelzen. Endo ist ein höchst sensibler und aufmerksamer Mensch, der sich klug einmischt. Er merkt nicht nur, dass in unserer Gesellschaft vieles nicht stimmt, er kann es in Songtexten, Kolumnen und Gesprächen auch eigensinnig präzise und schmerzlich wahr benennen und poetisieren. Aber nie mit herablassenden, selbstherrlichen Gesten, denn er weiss, dass er, wie wir alle, Teil des Problems Menschheit ist. Endo hat ein historisches Bewusstsein für unsere Abgründe. Endo glänzt als Unangepasster inmitten von Angepassten. Er ist als Künstler unvergleichlich. Tom Waits, Jim Morrison, Neil Young, Bob Dylan, Biggie oder Leonard Cohen würden ihn um manch einen Songtext beneiden. Aber die Mundart ist auch ein Gefängnis – Bern ist überall? – Nein, danke.

Endos Poesie ist welthaltig reich, er lebt sie und sie lebt ihn. Bis zum Letzten. Seine Kunst, seine Poesie ist existenziell, im schönsten wie im selbstzerstörerischsten Sinne. Endos schwarzer Humor leuchtet in der Dunkelheit auf. Wie die Aare im Mondschein. Siehe da! Erzengel Endo, Erzendo. Immer zu wenig oder zu viel, aber nie genug.

Endo ist masslos. Liebend. Liebesbedürftig. Er liebt seine drei Kinder, er liebt die Frauen, er liebt die Menschen. Endo ist eine grosszügige, zärtliche, herzliche Umarmung. Hemmungslos. Endo lässt Verletzung zu, zeigt seine Wunden, ungefragt – schön verdorben. Endo ist ein humaner Einzelgänger. Ein Gewerkschafter. Ein crazy spottendes Chicken im Wolfsfell. Ein Widerspruch. Ein grantiger Kater. Ein Pfadfinder auf heissen Kohlen sitzend. Ein Landjäger. Ein lonely Cowboy gegen die Sonne reitend. Flüchtig wie ein Schmetterling. Flüchtig wie das Leben … bitte nicht!
Vielleicht würde Endo an dieser Stelle rufen: «Lacht doch mal! Lacht doch endlich! Ich will euch endlich lachen sehen!» Dann würde er höchstselbst in sein herzhaftes, rauchiges, fein ratterndes Lachen ausbrechen.

Ja! Seien wir dankbar verstört, poetisch beseelt, dass wir ihn unter uns wussten und wissen. Und weil einer wie Endo mehr als Applaus und Gedenkminuten verdient, sollten wir jetzt für ihn lachen, über uns lachen, für uns. Dem Tod zum Trotz, für das Leben lachen. Möge Endo nun irgendwo da draussen federleicht, neue und alte Melodien pfeifend, durchs Weltall fliegen. Das Weltall, indem wir Lebenden und Toten uns alle befinden und Suchende bleiben. Es gibt keinen Ausweg, weil das verdammte All ist überall. Mein Herz blutet – Endo Anaconda forever!

Der Poet, Komponist und Musiker Endo Anaconda wurde 1955 in Burgdorf als Andreas Flückiger geboren. Bekanntheit erlangte er vor allem als Sänger der Berner Band Stiller Has – nicht nur in der Schweiz sondern auch im nahen Ausland. Er wurde im Laufe seiner Karriere mit verschiedenen Schweizer und internationalen Auszeichnungen geehrt, wie dem Salzburger Stier (1995), dem Deutschen Kleinkunstpreis (1995) und dem Schweizer Musikpreis (2017).
Endo Anaconda hat zwölf Studio- und drei Live-Alben veröffentlicht und über 250 000 Tonträger verkauft.
Jürg Halter, geboren 1980 in Bern, Schriftsteller, Lyriker und Spoken Word Artist. Regelmäßig Auftritte in ganz Europa, in den U.S.A., in Afrika, Russland, Südamerika und Japan. Zahlreiche Buch- und CD-Veröffentlichungen. Zuletzt erschien der Gedichtband «Gemeinsame Sprache» (Dörlemann, 2021), indem auch das Endo Anaconda gewidmete Gedicht «Schwarze Tauben fliegen auf» zu finden ist.
www.juerghalter.com
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  1. Renate sagt:

    Ach Jürg… Du fehlst – mir – die Schweiz ist so leer ohne Dich.

  2. mark sagt:

    ach ist das schön, diesen nachruf zu lesen. so richtig wortgewandte sprachkünstler, die mit ihren volltreffern das herz des schreibgegenstandes wie auch das des lesenden frei legen, als sei es das einfachste der welt, sind leider selten heute. danke jürg halter.

  3. Daniel Blatter sagt:

    Dieses eigenartige Gefühl, wenn sich Lachen und Weinen hin und her wechseln, kurz innehalten, und nicht wissen, ob man erfreut oder traurig ist; Dieses endlich sich wieder spüren, widerfährt mir, beim Lesen dieses Textes, bei Auftritten von Jürg Halter und bei Liedern von Stiller Has. Zum Beispiel bei „Merci“ wo zu diesem beschriebenen Gefühl, noch Ekel und Wut auf den schweizerischen Zeitgeist hinzukommt. Danke den Poeten für die (liebevolle) Treffsicherheit auf unsere Herzen.

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Endo Anaconda forever!

Der Schriftsteller, Lyriker und Spoken Word Artist Jürg Halter gedenkt im Gastbeitrag seinem Freund Endo Anaconda. (Foto: Nina Rieben)

Da Endo gestorben, aber längst nicht tot ist, kann ich vom grössten Schweizer Mundartpoeten nur in Gegenwartsform schreiben – Endo Anaconda bleibt für immer so jung wie alterswild. Das Leben gestaltet sich zuweilen als Geisterbahn und Endo wirkt als beeindruckender Geisterwellenreiter – ebenso swingt er als hasenselig singender Dandy, Zigarette im Mundwinkel, unterwegs in seinem roten Cabriolet auf Never-Ending-Tour irgendwo zwischen Bern, Trub, Venedig, den Alabama Hills, Olten, Wien und Wallisellen.

Endo wirkt als tröstender Herzensalpinist wider das widrige Leben und das böse Alter. Er ist ein…Weiterlesen

Cla Nett: Leidenschaftlicher Bluesmusiker, engagierter Jurist

Nach langer, schwerer Krankheit verstarb am 27. September 2021 Cla Felice Nett, Jurist, Musiker und SUISA-Mitglied seit 1981. Nachruf von Gastautor Marco Piazzalonga

Cla Nett: Leidenschaftlicher Bluesmusiker, engagierter Jurist

Cla Nett war regelmässiger Besucher der SUISA-Generalversammlung; im Bild an der 90. GV der Genossenschaft im Jahr 2013 im Hotel Schweizerhof in Luzern. (Foto: Beat Felber)

Seine ersten Lebensjahre verbrachte Cla im Engadin. Kurz vor seiner Schulzeit zog seine Familie nach Basel, wo der Vater eine Stelle als Lehrer antrat. Cla durchlief nach der Primarschule zuerst das Humanistische Gymnasium, welches er mit der Matura Typ A beendete, anschliessend absolvierte er ein Jurastudium an der Universität Basel, das er mit dem Lizenziat «cum laude» abschloss.

Schon als Teenager begeisterte sich Cla für den Blues, brachte sich grösstenteils autodidaktisch das Gitarrenspiel bei und trat mit ersten Bands auf. 1975 gründete er mit ein paar Gleichgesinnten die Lazy Poker Blues Band, welche vor allem in den 1980er und 1990er Jahren im In- und Ausland Erfolge feiern konnte.

Cla und seine Formation standen als Schweizer Vertreter beim «Concert for Europe» im Berliner Olympiastadion vor 45 000 Zuschauerinnen und Zuschauern auf der Bühne, begleiteten Joe Cocker als Support für einen Monat durch Deutschland, tourten in der damaligen DDR, nahmen Platten in Chicago auf, bespielten Clubs und Open Airs quer durch unser Land.

Cla Nett gelang es, die Musik mit seiner juristischen Ausbildung zu verknüpfen. Im Vorstandsausschuss und als Präsident der Fachgruppe Phonoausübende bei der Swissperform sowie als Managing Director bei der Schweizerischen Interpretengenossenschaft SIG konnte er sein Wissen und seine Erfahrung einbringen. Zudem arbeitete Cla als nebenamtlicher Richter beim Appellationsgericht Basel.

Aus gesundheitlichen Gründen musste Cla seit einigen Jahren musikalisch und beruflich kürzertreten. Noch diesen Juli kämpfte er sich praktisch aus dem Spitalbett auf die Bühne des Magic Blues Festivals im Valle Maggia, um ein letztes Mal mit seiner Lazy Poker Blues Band aufzutreten. Cla Nett hinterlässt seine Frau, zwei erwachsene Kinder und einen Enkel.

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Nach langer, schwerer Krankheit verstarb am 27. September 2021 Cla Felice Nett, Jurist, Musiker und SUISA-Mitglied seit 1981. Nachruf von Gastautor Marco Piazzalonga

Cla Nett: Leidenschaftlicher Bluesmusiker, engagierter Jurist

Cla Nett war regelmässiger Besucher der SUISA-Generalversammlung; im Bild an der 90. GV der Genossenschaft im Jahr 2013 im Hotel Schweizerhof in Luzern. (Foto: Beat Felber)

Seine ersten Lebensjahre verbrachte Cla im Engadin. Kurz vor seiner Schulzeit zog seine Familie nach Basel, wo der Vater eine Stelle als Lehrer antrat. Cla durchlief nach der Primarschule zuerst das Humanistische Gymnasium, welches er mit der Matura Typ A beendete, anschliessend absolvierte er ein Jurastudium an der Universität Basel, das er mit dem Lizenziat «cum laude» abschloss.

Schon als Teenager begeisterte sich Cla für den Blues, brachte sich grösstenteils autodidaktisch das Gitarrenspiel bei und trat mit ersten Bands auf. 1975 gründete er mit ein…Weiterlesen

«Komponistinnen und Komponisten sind eigentlich immer wieder Anfänger» | mit Video

Christian Henking bezieht sich in seiner Komposition für das Projekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» auf die Melodie des von Beethoven verwendeten Schweizer Liedes. In seinen sechs Variationen setzt er jeweils unterschiedliche Prinzipien ein. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Manu Leuenberger

Christian Henking hat durchaus Respekt vor Ludwig van Beethoven, «diesem Monument, diesem Granitfels in der Musikgeschichte». «Er ist mir immer wieder ein Lehrmeister, unabhängig von der Ästhetik; fantastisch, was er formal geleistet hat.» Umso mehr haben ihn Beethovens «Variationen über ein Schweizerlied» irritiert, wie er im Gespräch von Ende Januar 2020 erklärt. «Ich begreife sie ehrlich gesagt nicht, dachte, sie könnten nicht von Beethoven sein.»

Da der Komponist aus Biel und Bern keinen Zugang zu diesen Variationen fand, befasste er sich genauer mit dem ursprünglichen Lied, «Es hätt e Bur es Töchterli». Aber auch das sei an sich merkwürdig, er finde die Melodie komisch für ein Volkslied, es fehle ihm auch die Eleganz des «Guggisbergliedes». «Zugleich hat es aber die unglaubliche Spannung des grossen tonalen Umfangs. Auch das Geradlinige, Pulsartige ist interessant; es gibt nicht wirklich einen Rhythmus, nur diese Viertel, die ‹herumhängen›. Das Lied hat deshalb eine gewisse Leere und bietet damit auch eine Offenheit.» Deshalb entschloss sich Christian Henking dazu, sich für seine Komposition auf die Melodie des Volksliedes zu beziehen. Dann hat er «wie Beethoven, aber eher zufällig» ebenfalls sechs Variationen geschrieben.

Christian Henking erklärt, dass er diese Melodie zunächst analysiert und dann in einzelne Abschnitte zerschnitten habe. «In meinen ersten vier Variationen betrachte ich gewissermassen einzelne Abschnitte des Lieds. Die letzten zwei beziehen sich auf das ganze Lied.» Er sei also ganz beim Material – oder ganz nicht beim Material geblieben: «In der zweiten Variation vermeide ich bei der Suche nach dieser Variation gerade alle Töne, die im Originalstück vorkommen.»

Der Grundansatz war, bei jeder Variation eine andere Arbeitsweise beziehungsweise unterschiedliche Prinzipien anzuwenden. Das Konzept hat sich mit dem Komponieren konkretisiert und weiterentwickelt. «Ich wusste, dass ich Miniaturen komponieren will, kurze Variationen-Sätze. Zuerst habe ich die 5. Variation geschrieben. Dann wurde mir klar, dass ich nicht so maschinell anfangen will, also machte ich vorher etwas sehr Freies als Gegenstück. So hat sich das eine auf das andere ausgewirkt. Und aus solchen Bedingtheiten haben sich viele Zusammenhänge ergeben.»

Christian Henking arbeitet sehr häufig am Schreibtisch, komponiert im Kopf. Um die Phantasie anzuregen, spielt er aber oft Klavier oder Cello. «Übers Improvisieren kommen mir oft Ideen, ganz naiv. Das ist meine altmodische Ader; ich bin beim Komponieren wirklich weit weg vom Computer, ich schreibe ja von Hand ins Notenblatt.» Dazu gehört auch, dass er sämtliche Instrumente seiner Partituren auch einmal selbst spielt. «Ich mag es, wenn ich das Instrument in den Fingern habe. Nicht um es zu hören – ich bin ja Pianist, nicht Streicher –, sondern um als Laie die Griffe, Klänge und Bogenstellungen selber zu spielen. Das Haptische hilft mir komischerweise beim Komponieren, auch wenn es nicht nötig wäre; es gibt mir eine Art von Boden.»

Die Kombination von Streichtrio mit Flöte wählte Christian Henking zum einen, weil er eine kleine Besetzung wollte, damit nicht jemand dirigieren müsse. Vor allem findet er aber diese Besetzung faszinierend. «Ich habe einen nahen Bezug zum Streichtrio an sich. Und dann kommt noch die Flöte als eine Art Aussenseiterin, die sich mit dem Klang des Trios verschmelzt.»

Man darf nicht eine «typische Henking-Komposition» erwarten. Er versteht es als «die Aufgabe von Komponistinnen und Komponisten, dass wir jedes Stück als neu betrachten, wir sind eigentlich immer wieder Anfänger». Christian Henking hat sogar bei jeder seiner Variationen innerhalb des Stücks bei null angefangen und bewusst mit unterschiedlichen Ansätzen und Techniken gearbeitet: «Das macht die Vielfalt des Komponierens aus». Bei null anzufangen, bedeute aber auch, vor einem Berg mit Möglichkeiten zu stehen. Angesichts der vielen Freiheiten müsse man reflektieren. Er sieht denn auch die Gefahr, dass man ein Mittel oder eine Methode zu schnell einsetzt, weil es an einer Stelle funktioniert und sich sonst schon bewährt hat. «Die Routine ist eine Gefahr, und dagegen kämpfe ich bei jeder Note an.»

Beim Gespräch von Ende Januar 2020 war der Kompositionsprozess weitgehend abgeschlossen. «Alles liegt nun da», erklärt Christian Henking und zeigt auf unzählige Notenblätter. «Ich denke nun nochmals über alles nach, so dass es noch zu Korrekturen und anderen Veränderungen kommen kann.» Dann aber steht die Komposition bis ins Detail fest. Im Unterschied zu anderen Werken gewährt Christian Henking den Interpreten hier keine Freiheiten.

Christian Henking wurde 1961 in Basel geboren. Am Konservatorium Bern studierte er Musiktheorie bei Theo Hirsbrunner und liess sich von Ewald Körner zum Kapellmeister ausbilden. Danach studierte er Komposition bei Cristobal Halffter und Edison Denisov, in Meisterkursen bei Wolfgang Rihm und Heinz Holliger. Diverse Auszeichnungen, u.a. Kulturpreis der Bürgi-Willert-Stiftung (2000), Anerkennungspreis des Kantons Bern (2002) und Musikpreis des Kantons Bern (2016). Er ist Dozent an der Hochschule der Künste Bern für Komposition, theoretische Fächer und Kammermusik. www.christianhenking.ch
Schweizer Beethoven-Reflexionen: Ein Projekt von Murten Classics und der SUISA zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven hatte nur wenig mit der Schweiz zu tun. Aber er hat «Sechs Variationen über ein Schweizerlied» geschrieben, bei dem es sich um das Volkslied «Es hätt e Bur es Töchterli» handelt. Dies ist der Ausgangspunkt für Kompositionsaufträge, die die Sommerfestspiele Murten Classics zusammen mit der SUISA an acht Schweizer Komponistinnen und Komponisten verschiedener Generationen, Ästhetik und Herkunft vergeben haben.

Oscar Bianchi, Xavier Dayer, Fortunat Frölich, Aglaja Graf, Christian Henking, Alfred Schweizer, Marina Sobyanina und Katharina Weber konnten sich auf die Variationen, auf das von Beethoven verwendete Volkslied selbst oder auf Beethoven im Allgemeinen beziehen. Die Kompositionen wurden für das Ensemble Paul Klee geschrieben, das folgende Maximalbesetzung erlaubt: Flöte (auch Piccolo, G- oder Bassflöte), Klarinette (in B oder A), Violine, Viola, Cello, Kontrabass und Klavier.

Initiant dieses 2019 begonnenen Projekts ist Kaspar Zehnder, der während 22 Jahren künstlerischer Leiter von Murten Classics war. Wegen der Corona-Krise und den von den Behörden verordneten Massnahmen war die Durchführung sowohl der 32. Ausgabe im August 2020 als auch des vorgesehenen Ersatzfestivals in den anschliessenden Wintermonaten nicht möglich. Der «SUISA-Tag» mit den acht Kompositionen dieses Projekts wurde – ohne Publikum – am 28. Januar 2021 im KiB Murten dennoch aufgeführt und aufgezeichnet. Die Aufnahmen sind bei Radio SRF 2 Kultur in der Sendung «Neue Musik im Konzert» (5. Mai 2021, 21 Uhr) zu hören und werden auf der Plattform Neo.mx3 erscheinen. Im SUISAblog und auf den Social Media-Kanälen der SUISA wird das Projekt mit multimedialen Beiträge online dokumentiert.

www.murtenclassics.ch

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Positives Echo auf den «SUISA-Tag» am Festival Murten ClassicsPositives Echo auf den «SUISA-Tag» am Festival Murten Classics Ein ganzer Tag lang zeitgenössische Musik stand am 25. August 2018 auf dem Programm des Festivals Murten Classics in der Konzertreihe «Offen für Neues». Der von der SUISA unterstützte Konzerttag wurde von Radio SRF 2 Kultur aufgezeichnet und stiess rundum auf positive Resonanz. Weiterlesen
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Christian Henking bezieht sich in seiner Komposition für das Projekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» auf die Melodie des von Beethoven verwendeten Schweizer Liedes. In seinen sechs Variationen setzt er jeweils unterschiedliche Prinzipien ein. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Manu Leuenberger

Christian Henking hat durchaus Respekt vor Ludwig van Beethoven, «diesem Monument, diesem Granitfels in der Musikgeschichte». «Er ist mir immer wieder ein Lehrmeister, unabhängig von der Ästhetik; fantastisch, was er formal geleistet hat.» Umso mehr haben ihn Beethovens «Variationen über ein Schweizerlied» irritiert, wie er im Gespräch von Ende Januar 2020 erklärt. «Ich begreife sie ehrlich gesagt nicht, dachte, sie könnten nicht von Beethoven sein.»

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Julien-François Zbinden: eine aussergewöhnliche Persönlichkeit

Am 8. März 2021 verstarb der Schweizer Komponist und Jazzpianist Julien-François Zbinden im Alter von 103 Jahren. Julien-François Zbinden war von 1987 bis 1991 Präsident der SUISA. Nachruf von Xavier Dayer, Präsident der SUISA

Nachruf Julien-François Zbinden: eine aussergewöhnliche Persönlichkeit

Julien-François Zbinden in einer Aufnahme aus dem Jahr 2000. (Foto: Jean-Pierre Mathez)

Mit grosser Trauer haben wir vom Tod von Julien-François Zbinden erfahren. Unser Ehrenmitglied und ehemaliger Präsident (von 1987 bis 1991) hat uns im Alter von 103 Jahren verlassen. Wir alle werden seine funkelnden Blicke nie vergessen. Und auch sein 100. Geburtstag, den er mit seinen nächsten Freunden oberhalb von Lausanne feierte, ist noch in frischer Erinnerung. Welche Energie, welch aussergewöhnliche Persönlichkeit. Vor allen Gästen erhob er sich und hielt eine immer noch sehr präsidiale und geistreiche Rede.

Ja, Julien-François Zbinden hat die Schweizer Musik über viele Jahre mit Charme und grosser Überzeugung geprägt. Seine stilistische Offenheit zwischen Klassik und Jazz, die er so wunderbar verkörperte, und die intensive Schaffenskraft dieses Mannes, der ganz für die Musik lebte, sind legendär. Er kam mit vielen Grössen in Kontakt, unter anderem mit Francis Poulenc, Igor Strawinsky, Clara Haskil, Django Reinhardt & Stéphane Grappelli, Fernandel und Juliette Gréco.

Seine Präsidentschaft und seine Verlässlichkeit prägten die SUISA positiv. Wann immer er konnte, nahm er an unseren Generalversammlungen teil, und wenn er aus gesundheitlichen Gründen verhindert war, schrieb er uns eine Notiz voller Wertschätzung und Anerkennung. Denn er stammte aus einer Zeit, in der die Umgangsformen anderen Codes folgten als heute. Eine Zeit, die weit entfernt ist vom permanenten Informationsfluss und den multiplen Anforderungen, wie wir sie heute kennen.

Sich mit Julien-François Zbinden zu unterhalten bedeutete, das Rad der Zeit zurückzudrehen und in eine verlorene Dimension einzutauchen. Doch nie hörte man aus seinen Worten Nostalgie oder Verbitterung, ganz im Gegenteil: Der Flieger (mit Mitte fünfzig hatte er die Pilotenlizenz erworben!) liebte das Neue: neue Entdeckungen und neue Erfahrungen. Sein beispielloses Interesse faszinierte auch seine Gesprächspartner. So verstand er es, während seiner langen und glanzvollen Karriere bei Radio RSR, den Hörerinnen und Hörern die verschiedensten Musikgenres näherzubringen. Denn jegliche Abschottung lag ihm fern.

Diese Offenheit und seine Fähigkeit, Dialoge zu führen und Brücken zu schlagen ermöglichten es ihm, seine verschiedenen Präsidentschaften mit Bravour zu erfüllen (neben der SUISA war er von 1973 bis 1979 Präsident des Schweizerischen Tonkünstlervereins). Heute gibt es zahllose Hommagen an ihn, die höchst berechtigt sind, denn seine Präsenz, die ihm eigene Aufmerksamkeit und seine stimulierende Lebendigkeit werden der Schweizer Musiklandschaft fehlen.

Dank der Erinnerungen an den bereichernden Austausch mit ihm wird unser Ehrenmitglied uns noch lange erhalten bleiben.

Xavier Dayer

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  1. greg sagt:

    henry hubert accordeoniste et moi meme greg lewis pianiste rendont hommage a monsieur Zbinden en faisant aujourd hui notre adhesion a la suisa sincere amitiés a sa famille

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