Zum Inhalt springen
Helvetiarockt Residency

Ein sicherer Raum für Kreativität, Austausch und neue Songs

Ein sicherer Raum für Kreativität, Austausch und neue Songs
Das Helvetiarockt Residency-Powerplayteam: Gini Brown, Melicious (kniend), Ti, Rykka und Juli Lee (stehend).
Foto: Erika Weibel
Text von Erika Weibel
Sechseinhalb Tage lebten und arbeiteten fünf Künstlerinnen und Songwriterinnen während einer Helvetiarockt Residency in den Powerplay Studios in Maur zusammen. Sie schrieben, produzierten, hörten Musik, kochten, tauschten Erfahrungen aus und kreierten in dieser Woche rund 16 Songs.

Im Gespräch mit den Teilnehmenden wird schnell klar: In dieser Woche im Mai 2026 ging es nicht nur um Output. Es ging auch um Vertrauen, Gemeinschaft und um das Gefühl, in einem Raum zu sein, in dem Kreativität einfach entstehen darf.

«Wir haben vom Morgen bis spät in die Nacht gearbeitet, manchmal eigentlich von Morgen zu Morgen», erzählt eine der Teilnehmenden. Und trotzdem habe sich die Residency nicht nach Druck angefühlt. Im Gegenteil.

«Es war total offen», sagt Juli Lee (@itsjulilee). «Es gab keinen Druck, etwas produzieren zu müssen. Natürlich waren wir super produktiv, bei der Listening Session haben wir erst richtig gemerkt, wie viel entstanden ist. Aber es gab keinen Output-Druck.» Genau diese Offenheit scheint viel möglich gemacht zu haben.

Fünf Künstlerinnen, ein gemeinsamer Raum

Die von Helvetiarockt zusammengestellte Gruppe kannte sich zum Teil bereits, andere Begegnungen waren neu, die Verbindung untereinander entstand schnell.

Einige hatten schon vorher in ähnlichen Konstellationen gearbeitet, für andere war es das erste Mal. Am Anfang sei deshalb eine gewisse Unsicherheit dagewesen: Wie funktioniert Songwriting zu fünft? Wer bringt welche Ideen ein? Wie nah lässt man andere an das eigene künstlerische Schaffen heran?

«Vielleicht waren am Anfang alle ein bisschen schüchtern», erinnert sich Melicious (@melicious.mp3). «Aber ehrlich gesagt waren alle sehr professionell.»

Teil der Residency wurde man über eine Bewerbung. «Wir mussten eine E-Mail schreiben, unsere Motivation erklären und auch etwas von unserer Musik mitschicken», sagt Melicious. «Der Open Call war online.»

Ein gemeinsamer Song für Gini Brown

Insgesamt entstanden während der Woche rund 16 Songs. Einer davon wurde von allen gemeinsam geschrieben – bereits am zweiten Tag. Von der ersten Idee bis zu einer ersten Demo-Version dauerte es ungefähr drei Stunden.

Bei diesem gemeinsamen Song entschieden die Teilnehmenden schnell, dass sie etwas für Gini Brown (@ginibrownmusic) schreiben wollten. Ihr Sound ist klar definiert und das hat es der Gruppe erleichtert, einen klaren Rahmen zu haben und in ihre musikalische Welt einzutauchen.

Dabei wurde geschaut, wer welche Stärken einbringen kann: Produktion, Gitarre, Beat, Melodie, Text, Stimme. Der Prozess blieb offen, aber nicht beliebig. Immer wieder fragte sich die Gruppe: Wo stehen wir gerade? Was braucht der Song? Was fühlt sich richtig an?

Aus einer Diskussion über ungewöhnliche Songthemen entstand schliesslich die Idee, einen Song über «Hangry» zu schreiben, also über diesen sehr alltäglichen Zustand, wenn Hunger langsam in Gereiztheit kippt.

«Es ist etwas, womit sich alle identifizieren können», sagt Juli Lee. «Eine Alltagssituation, aber gleichzeitig kein Thema, das in Songs schon völlig überstrapaziert wurde.»

«Es fühlte sich sicher an»

Die Atmosphäre in den Powerplay Studios spielte eine wichtige Rolle. Rykka (@therykka) beschreibt, wie gut sich die Gruppe aufgehoben fühlte: «Es wurde sich die ganze Woche wirklich gut um uns gekümmert. Es gab gutes Essen, viel Hilfe beim Einrichten und richtig gutes Equipment: Mikrofone, Gitarren, Preamps, Räume. Es war grossartig. Ich liebe die Powerplay Studios, und die Leute hier waren fantastisch.»

Für verschiedene der Teilnehmenden war das gemeinsame Schreiben in dieser Form eine neue Erfahrung. Manche schreiben normalerweise allein oder nur mit einer Produzentin oder einem Produzenten. Andere sind es gewohnt, ihre Songs zuerst im eigenen Zimmer zu entwickeln, bevor sie damit in einen kollaborativen Prozess gehen.

Während der Residency sei ihr das gemeinsame Arbeiten leichter gefallen, weil es nicht zwingend um ihr eigenes Projekt ging. «Wenn das Ziel gewesen wäre: Lasst uns einen Melicious-Song schreiben, hätte ich wahrscheinlich anders reagiert. Aber hier ging es um die Zusammenarbeit – und das machte es sehr frei und schön.»

Für Gini Brown war die Situation anders, weil einer der Songs für ihr Projekt geschrieben wurde. «Normalerweise schreibe ich allein, mit meiner Band oder einem Produzenten», sagt sie. «Zu fünft war deshalb für mich eine sehr neue Art zu schreiben.»

Am Anfang sei sie etwas nervös gewesen. «Ich hänge sehr an meinen Songs und meinen Texten. Andere Menschen in diesen Prozess hineinzulassen, kann sich verletzlich anfühlen.» Dass der Song spielerisch und nicht zu emotional schwer war, habe geholfen. Vor allem aber habe die Haltung der Gruppe den Unterschied gemacht: «Niemand hat an der eigenen Idee festgeklammert. Es war ein sehr offener Raum. Alle haben etwas beigetragen, aber auf eine sehr respektvolle Art.»

Juli Lee fasst die Atmosphäre mit einem Wort zusammen: «wohlwollend». Alle seien respektvoll und fürsorglich miteinander umgegangen. «Es fühlte sich sicher an. Ich arbeite normalerweise nur mit einer Person auf einmal, deshalb war das neu für mich. Aber es war eine gute Erfahrung. Es hat mich neugierig gemacht, das wieder zu tun.»

Mehr als Songwriting

Die Residency war nicht nur wegen der Songs wichtig. Mindestens genauso bedeutend waren die Gespräche zwischen den Sessions: über Gagen, Shows, Fördermöglichkeiten, Bands, schwierige Situationen und darüber, wie man sich in der Musikbranche zurechtfindet.

«Die Gespräche zwischen den Sessions waren unglaublich wichtig», sagt Melicious. «Viele Probleme in der Musikbranche entstehen, weil Menschen einfach hineingeworfen werden und nicht wissen, wie sie sich zurechtfinden sollen.»

Gerade der Austausch mit anderen Künstlerinnen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder andere Teile der Branche kennen, sei wertvoll. Man merke plötzlich: Das ist nicht nur mir passiert. Andere kennen diese Fragen auch. Wie viel verlangt man für einen Gig? Wie geht man mit Konflikten in einer Band um? Wo bekommt man Unterstützung?

Eine Woche, die weiterwirkt

Die Teilnehmenden nehmen aus der Residency nicht nur neue Songs mit, sondern auch neue Verbindungen. Einige Tracks werden weiterbearbeitet, und die Gruppe ist über einen gemeinsamen Chat weiterhin verbunden.

Ti (@thimea1111) hofft, dass aus der Woche weitere Zusammenarbeiten entstehen: «Ich habe das Gefühl, dass es diese Woche keinen einzigen Moment gab, in dem ich mich von den Menschen, mit denen ich zusammenarbeitete, nicht inspiriert fühlte.» Es fühle sich an, als seien neue Freundschaften entstanden. «Ich würde sehr gerne weitermachen. Wir haben jetzt einen Gruppenchat, und ich hoffe, dass wir weiterhin Dinge miteinander teilen. Einige Tracks sind noch in Arbeit – mal schauen, was daraus entsteht.»

Auch andere Förderprogramme und Netzwerke von Helvetiarockt wurden im Gespräch erwähnt. Die verschiedenen Formate verbinden Finta-Personen untereinander, bauen ein starkes Netzwerk, eine Gang auf, vertraute Personen, die unterstützend da sind.

Die Helvetiarockt Workshops, Netzwerkformate und Coaching-Angebote schaffen Orte, an denen ganz praktische Fragen gestellt werden können. Fragen zu Geld, Gagen, Förderungen oder zum Arbeiten in der Branche. Genau diese Themen seien im Alltag oft schwierig anzusprechen, aber enorm wichtig.

Gini Brown sieht darin eine wichtige Orientierungshilfe: «Solche Programme unterstützen einen schon früh. Sie helfen einem, sich durch den Dschungel der Musikbranche zu bewegen. Das alles kann man nicht einfach studieren. Man braucht Räume, in denen man Fragen stellen und lernen kann, wie die Dinge funktionieren.»

Juli Lee ergänzt, dass diese Arbeit auf vielen Ebenen wirke: «Helvetiarockt bietet Kurse und Workshops an, schafft aber auch Bewusstsein und baut Brücken, zwischen Künstlerinnen, Festivals, Szenen und der Branche.»

16 Songs – und ein Gefühl von Gemeinschaft

Von der Residency bleiben am Ende nicht nur 16 Songs sondern gleichzeitig auch Vertrauen, neue Kontakte, geteiltes Wissen und die Erfahrung, dass Kreativität besonders dann entstehen kann, wenn kein Druck im Raum steht.

Oder wie es eine Teilnehmenden zusammenfasst: «Wir haben viele Songs geschrieben, aber wir haben auch Vertrauen aufgebaut. Es war produktiv – aber nicht, weil Druck da war. Es war produktiv, weil sich der Raum sicher, offen und warm angefühlt hat.» Dadurch konnte die Kreativität ganz natürlich Einzug halten.

Helvetiarockt setzt sich seit 2009 für mehr Gleichstellung, Sichtbarkeit und Vernetzung in der Schweizer Musikbranche ein. Der Verein unterstützt Frauen, intergeschlechtliche, non-binäre, trans und agender Personen mit Workshops, Kursen, Netzwerkformaten und Förderangeboten und schafft Räume für Austausch, Empowerment und neue Kollaborationen. Die SUISA ist Sponsorin des Vereins Helvetiarockt.

Schreibe einen Kommentar

Alle Kommentare werden moderiert. Bis zur Freischaltung kann es etwas dauern. Es besteht kein Anspruch auf Veröffentlichung eines verfassten Kommentars. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, die den Nutzungsbedingungen widersprechen, nicht zu veröffentlichen.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.