Zwischen Melodie, Harmonie und Rhythmus vermitteln

Die FONDATION SUISA zeichnet Heiri Känzig mit ihrem Jazzpreis 2016 aus. Der Zürcher Musiker gilt als einer der herausragenden Kontrabassisten Europas. Weniger bekannt ist er als profilierter Komponist. Gastbeitrag von Markus Ganz

Heiri Kaenzig Jazzpreis 2016 FONDATION SUISA

«Sein Variantenreichtum und seine Fingerfertigkeit machen ihn zu einem Virtuosen auf seinem Instrument», schreibt die FONDATION SUISA in der Medienmitteilung zur Vergabe des Jazzpreises über den diesjährigen Gewinner Heiri Känzig. (Foto: Pablo Faccinetto)

In der internationalen Jazzszene ist Heiri Känzig wohl bekannter als in der Schweizer Öffentlichkeit. Der Kontrabassist hat eben nie die Aufmerksamkeit der breiten Masse gesucht, sondern immer mit schlichter Musikalität überzeugt. Der 1957 geborene Zürcher ging zudem der Musik wegen schon in jungen Jahren ins Ausland und lebte lange in Städten wie Wien, München und Paris. Schmunzelnd erinnert sich Heiri Känzig im Gespräch daran, dass ihn Mathias Rüegg dazu ermuntert hatte, das Gymnasium in Schiers abzubrechen und in Graz an der Musikhochschule zu studieren. Später folgte er dem Mitgründer des Vienna Art Orchestras nach Wien, das auch für ihn zum Sprungbrett in die internationale Jazzszene werden sollte.

Wien als Ausgangspunkt

Von 1977 an war Heiri Känzig 15 Jahre lang Mitglied des Vienna Art Orchestras und spielte schon auf deren Debüt, der Single (!) «Jessas na» (1978): «eine verrückte Platte». So wurde er Teil einer innovativen Szene und machte sich offensichtlich schnell eine guten Namen als Kontrabassist. Denn schon 1978 wurde er Begleitmusiker des Bebop-Trompeters Art Farmer. Seither hat Heiri Känzig mit zahlreichen Grössen des Jazz wie Art Lande, Kenny Wheeler, Lauren Newton, Billy Cobham und Ralph Towner gespielt; besonders nah stand ihm Charlie Mariano. Ungewöhnlich ist auch, dass er 1991 als erster Nicht-Franzose Mitglied des französischen «Orchestre National de Jazz» wurde.

Heiri Känzig betont aber, dass er sich nicht einfach als Jazzmusiker fühle: «Mir gefällt es, unterschiedliche Arten von Musik zu spielen». Dies zeigte er etwa mit dem «Tien Shan Schweiz Express» (mit Musikern aus Kirgistan, Chakassien, der Mongolei, der Schweiz und Österreich) oder einem Projekt mit dem algerischen Oud-Spieler Chaouk Smahi. Er hat zudem im Studio auch für Nena und Andreas Vollenweider gespielt. Tatsächlich erstaunt, dass Heiri Känzig, den man vor allem als Live-Musiker kennt, gemäss seiner Biografie auf rund 130 Alben gespielt hat. Mittlerweile seien es wohl deutlich mehr, meint er abwinkend, aber dazu zählten alleine rund dreissig mit dem Vienna Art Orchestra.

Unterschätzter Komponist

Als Konstante von Heiri Känzigs Karriere erweist sich die Zusammenarbeit mit Thierry Lang, die schon vor dessen Vertrag mit dem legendären Label Blue Note begonnen habe. Seit etwa 25 Jahren spiele er mit dem Westschweizer Pianisten zusammen, meistens im Trio, manchmal auch mit Gastmusikern, aktuell sogar mit einem Streichquartett. Und er trage zunehmend auch Kompositionen bei. Als Co-Leader wirkt Heiri Känzig zurzeit vor allem mit dem Jazz-Urgestein Chico Freeman im Duo und im «4-tet», mit dem «Cholet Kaenzig Papaux Trio» und mit Depart, dem 1985 mit Harry Sokal gegründeten Trio, in dem nun Martin Valihora Schlagzeug spielt.

Auf dem spannungsgeladenen letzten Depart-Album «Refire» (2014) stammen die meisten Stück von Heiri Känzig. Trotzdem wird er oft lediglich als «versierter Begleiter» oder ähnlich beschrieben. «Als Bassist ist man nun mal nicht der Frontman, wie es bei einem Trompeter oder Pianist eher der Fall ist», meint er gelassen. «Der Bass ist primär ein Begleitinstrument, ein tiefes zudem, das man auch rein akustisch weniger leicht wahrnimmt als andere Instrumente.» Heiri Känzig bestätigt auch, dass der Bass die Funktion hat, die verschiedenen Arten von Instrumenten zu verbinden. Und er fügt lachend an: «Wir Bassisten sind gewissermassen die Diplomaten unter den Musikern, die zwischen Melodie, Harmonie und Rhythmus vermitteln; deshalb sind wir wohl so konziliante Menschen …».

Virtuosität und Klang

Beim Komponieren mache er sich aber keine Gedanken über die Funktion des Basses, sondern spiele einfach, häufig zudem am Klavier. «Am Anfang einer Komposition stehen entweder Basslinien, die ich mir förmlich erspiele und die mich inspirieren. Dies sind aber eher rhythmische Ansätze, wogegen ich beim Klavier eher den harmonischen Aspekt auslote.» Das sind zwei grundsätzlich verschiedene Vorgehensweisen, und doch gibt es bei der weiteren Entwicklung der Stücke eine Gemeinsamkeit. «Das Komponieren ist ein sehr spannender Vorgang, weil man nicht weiss, wohin es einen führt. Man hat keinen Schimmer, und doch sagt einem immer etwas, wo man durchgehen muss.»

In Medienberichten wird immer wieder die Virtuosität von Heiri Känzig hervorgehoben. «Und natürlich kann man sich sagen», meint er achselzuckend, «dass dies beim Bass gar keinen Sinn macht, da die tiefen Töne ohnehin oft nicht recht zu hören sind. Aber ich füge der Musik damit Farbe hinzu, manchmal schon fast ein Klanggewitter.» Dies trägt stark dazu bei, dass sein Spiel sehr individuell, einzigartig wirkt. Heiri Känzig kann sich dies allerdings nicht recht erklären. «Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ich ganz selten kopiert habe.»

Heiri Känzig wurde 1957 geboren und wuchs in Zürich und Weiningen auf. In Graz, Wien und Zürich studierte er Musik. Seit 1990 lebt er in Meilen und ist seit 2002 Professor für Kontrabass an der Hochschule für Musik in Luzern. Die Singer-Songwriterin Anna Känzig ist seine Nichte; ein gemeinsamer Auftritt ist im Mai 2017 geplant. ‒ Der mit 15 000 Franken dotierte Jazzpreis 2016 ((2)) wird Heiri Känzig im Rahmen eines besonderen Matinée-Konzertes am Sonntag, 4. Dezember 2016 um 11 Uhr im Moods Zürich ((3)) verliehen. Heiri Känzig wird zusammen mit Chico Freeman und Thierry Lang auftreten, zuerst je im Duo, danach im Trio.
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