In der Schweiz wird die Volljährigkeit mit dem vollendeten 18. Lebensjahr erreicht. Und obwohl es die FONDATION SUISA seit 1989 gibt, wurde sie in den letzten 18 Jahren von einem einzigen Direktor begleitet, der die Stiftung sozusagen zur vollen Reife entwickelt hat.
Es geht nicht darum, die Arbeit seines Vorgängers gering zu bewerten, aber die Veränderungen in der Welt des Musikschaffens und der Kultur waren von 2008 bis heute so zahlreich und tiefgreifend, dass nur aus der neugierigen und sorgfältigen Arbeit von Urs Schnell heute eine gesunde, erneuerte Organisation hervorgehen konnte, die bereit ist, ihren Stiftungszweck neu zu interpretieren. Mit der Verantwortung und dem Bewusstsein, die für die Volljährigkeit charakteristisch sind.
Bereits an der Generalversammlung vom vergangenen 23. Juni in Zürich konnten sich die SUISA-Mitglieder von Urs Schnell verabschieden und ihm danken, wenige Monate vor seiner bevorstehenden Pensionierung. Zugleich konnten sie den vom Stiftungsrat gewählten Nachfolger Fabio Baechtold kennenlernen. Ich möchte hier keine weiteren feierlichen Worte hinzufügen, sondern einen Gedankenaustausch mit Urs und Fabio wiedergeben, um einige Aspekte des von der FONDATION SUISA verfolgten Weges zu skizzieren.
Rückblick mit Urs Schnell
Worauf bist du besonders stolz bei deiner Arbeit für die FONDATION SUISA?
Urs Schnell: Einer der wichtigsten Erfolge war es, die FONDATION SUISA als verlässliche und glaubwürdige Partnerin sowohl in der Schweizer Musikszene als auch in der Schweizer Kulturpolitik zu etablieren. Dank solider und stabiler Strukturen konnten wir die Kontinuität für unsere Tätigkeit sicherstellen und konkrete Wirkung erzielen – heute sehen viele andere Institutionen unsere Arbeit als Referenz und setzen sich mit unseren Positionen auseinander. Besonders stolz bin ich auch auf «Get Going!», das Förderprogramm, das wir – bereits seit 2018 – jenseits der klassischen, normalerweise am Endprodukt orientierten Logik der Kulturfinanzierung durchführen konnten. Mit «Get Going!» haben wir uns dem Prozess des Musikschaffens zugewandt, sind damit ein grösseres Risiko eingegangen und offen mit den Resultaten umgegangen. So haben wir Wachstums- und Forschungswege gefördert, die sich im Rahmen eines konventionellen Projekts wahrscheinlich nie entwickelt hätten. Zu wissen, dass dieses Modell zumindest teilweise auch von anderen Institutionen übernommen wurde, ist für mich eine grosse Genugtuung.
Gibt es etwas, das du gerne realisieren wolltest und das du nicht zu Ende bringen konntest?
Generell hätte ich gern eine grundsätzliche Überlegung darüber angestellt, wie das System zur Förderung von Musik und Kultur überdacht werden sollte. Die Pandemie hat sowohl die Grenzen als auch die Schwächen der bestehenden Finanzierungsstrukturen sowie die mangelnde Koordination zwischen öffentlichen Stellen und privaten Organisationen, die im gleichen Bereich tätig sind, deutlich vor Augen geführt.
Leider ist man nach Überwindung der Notlage schnell wieder zur gleichen Logik wie zuvor zurückgekehrt, ohne dass eine echte Reform des Systems durchgeführt wurde. Aus diesen Lehren wurden keine strukturellen Veränderungen abgeleitet, und wir sehen heute immer deutlicher die negativen Auswirkungen bestimmter Mechanismen, auch aus wirtschaftlicher Sicht.
Inhaltlich hätte ich dem musikalischen Erbe der Schweiz mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Teilweise ist uns das gelungen, mit der Wiederentdeckung von Werken von Joseph Lauber, Robert Oboussier und anderen herausragenden Komponisten. Es ging nicht um eine rein archivmässige Wiederbelebung, sondern darum, diese Musik ins Konzertleben zurückzubringen und sie als lebendiges Kulturgut und als Inspirationsquelle für das zeitgenössische Musikschaffen anzuerkennen. Diese Ergebnisse sind jedoch mehr auf das Engagement und die Leidenschaft einzelner Personen als auf eine koordinierte Strategie zurückzuführen.

Was wünschst du dir für die Zukunft der FONDATION SUISA?
Ich glaube, dass die FONDATION SUISA ihre Prioritäten unweigerlich präziser festlegen muss. Paradoxerweise läuft das, was viele Jahre lang unsere wichtigste Kraft war – die Unterstützung des Musikschaffens in seiner ganzen Vielfalt, unabhängig von Genre oder Stil –, heute Gefahr, zu einem begrenzenden Faktor zu werden. Wir erhalten eine immer grössere Zahl von Gesuchen, und die Erwartungen an uns sind sehr unterschiedlich, teilweise sogar widersprüchlich. Unter diesen Umständen wird es immer schwieriger, strategische Prioritäten zu setzen und wirklich signifikante Auswirkungen zu erzielen. Vor etwa 15 Jahren haben wir beispielsweise eine Pionierrolle bei der Anerkennung der Filmmusik als strategisches Entwicklungsfeld gespielt. Heute wäre das nur eines von vielen Themen, mit denen wir uns beschäftigen müssten. Ich wünsche mir daher, dass es den Kulturförderungseinrichtungen, anstatt dass alle dieselben Ziele verfolgen, gelingen wird, stärkere Formen der Zusammenarbeit und Koordinierung zu entwickeln, indem sie einander ergänzende und nicht sich überschneidende Strategien entwickeln.
Ausblick mit Fabio Baechtold
Was ist das Schwierigste daran, von einer Tätigkeit, die sich auf ein bestimmtes Genre konzentriert – wie den Jazz in deiner früheren Arbeit für BeJazz und Suisse Diagonales –, zu einer Rolle zu wechseln, die alle Formen des Schweizer Musikschaffens umfassen soll?
Fabio Baechtold: Wenn man sich in einem Genre gut auskennt, erkennt man fast instinktiv die wirklich bedeutsamen Projekte, Künstlerinnen und Künstler. In den Bereichen, die ich weniger kenne, werde ich sicher noch etwas mehr Zeit brauchen. Die in der Musikkommission der Stadt Bern gesammelte Erfahrung hat mich jedoch gelehrt, dass man sich viel schneller in neuen Bereichen zurechtfinden kann, als man denkt. Meine Einschätzungen zur zeitgenössischen Musik oder zum Pop deckten sich oft mit jenen von Fachleuten, was mich zuversichtlich stimmt.
Bei der Beurteilung von Fördergesuchen kann ich zudem auf die Kompetenz der Künstlerischen Kommission der FONDATION SUISA zählen. Meine Aufgabe ist es vielmehr, den Überblick zu behalten, die strategischen Leitlinien zu definieren und neue Ansätze zu entwickeln. Dafür kann ein Blick von aussen auf eine Szene auch von Vorteil sein.
Wo siehst du mit Blick auf die Zukunft die grössten Herausforderungen für das schweizerische Musikschaffen?
Die Zahl der Fördergesuche nimmt in allen Einrichtungen, die sich mit Kulturfinanzierung befassen, weiter zu, ebenso wie die Zahl der Bewerbungen bei Konzertveranstaltern steigt. Gleichzeitig wird in einigen – bisher weniger strukturierten – Bereichen zu Recht eine angemessenere Vergütung gefordert. Das bedeutet, dass wir unsere Prioritäten und unser Interventionsprofil noch klarer definieren müssen, denn sonst besteht die Gefahr, dass das System nicht mehr tragfähig ist. Für die Schweizer Musikerinnen und Musiker bleibt ein strukturelles Problem: die geringe Grösse des inländischen Marktes. Seit der Krise des Schallplattenmarktes sind Konzerte zu einer noch wichtigeren Einnahmequelle geworden. Doch die Auftrittsmöglichkeiten in der Schweiz sind unweigerlich begrenzt, und aus einem kleinen und fragmentierten Land wie unserem heraus ist es eine besondere Herausforderung, sich im Ausland durchzusetzen.

Was macht dir am meisten Spass an der Arbeit mit Musik und im Kontakt mit Künstlerinnen und Künstlern?
Musikerinnen und Musiker sind zutiefst kreative Menschen, niemand macht diesen Beruf aus reiner Routine. In einem so leidenschaftlichen Umfeld zu arbeiten, motiviert mich immer wieder. Zudem ist das Feedback immer sehr direkt – man spürt sofort, was funktioniert und wo es Verbesserungsbedarf gibt.
Viele denken, dass die Kunstschaffenden – und vor allem die Musikschaffenden – keine «normalen» Menschen sind. Ist das wirklich so?
Viele Künstlerinnen und Künstler entscheiden sich, ohne besondere Sicherheitsnetze zu leben, weil sie ihre Kunst als ein tiefes Bedürfnis empfinden. Das ist sicherlich ein besonderes Merkmal ihrer Arbeit, aber ich würde es keineswegs als «unnormal» bezeichnen. Ich glaube vielmehr, die Realität ist viel reichhaltiger und vielschichtiger als die Klischees. Wenn es etwas gibt, was den Kulturschaffenden gemeinsam ist, dann ist es vielleicht diese aussergewöhnliche Vielfalt an Persönlichkeiten und Werdegängen. Und das macht es auch so spannend, mit ihnen zusammenzuarbeiten.



