Fredy Reichmuth wuchs – wie so oft in der Volksmusikszene – in einer äusserst musikalischen Familie auf. «Schon als Kleinkind hörte ich zuhause, wie mein Vater Sigi Schwyzerörgeli spielte», erklärt er im Gespräch bei ihm zuhause im urnerischen Erstfeld, wo rundum die Berge hochragen. «Und mein 15 Jahre älterer Bruder, Sigi junior, spielte Handorgel und Klavier, oft kamen Kollegen von den beiden zu Besuch, die dann mitspielten.»
Das Aufwachsen in einer musikalischen Familie war nicht selbstverständlich, denn sein Vater hatte noch gegen den Willen seiner Eltern zu musizieren begonnen. «Das galt in den 1930er-Jahren als anrüchig, weil es mit Alkohol in Verbindung gebracht wurde. Mein Vater musste deshalb autodidaktisch musizieren lernen und heimlich im Stall üben. Sein erstes Instrument konnte er sich nur leisten, weil vom Geld der Versicherung für einen erlittenen Velounfall etwas übriggeblieben war.»
Der Heirassa-Moment
Der Vater war noch in einem Bergheimet im schwyzerischen Oberiberg aufgewachsen, auf etwa 1100 Meter über Meer, Fredy Reichmuth hingegen in Rüti im Zürcher Oberland, wo er eine schöne und unbeschwerte Jugend verbracht habe. Dort hatte er auch ein Schlüsselerlebnis hinsichtlich der Musik, die er bis heute voller Begeisterung ausübt.
Zusammen mit seinen Brüdern half er jeweils dem Vater beim Putzen im Warenhaus Oscar Weber, wo dieser als Abwart angestellt war. In der Musikabteilung gab es eine Abhörstation für Tonträger, und da durften die Brüder zur Arbeit jeweils Kassetten abspielen. So konnten sie sich Musik anhören, die sie zuhause nicht hatten. «Und da hörte ich eines Tages eine äussert gekonnt gespielte Aufnahme von der Kapelle Heirassa, den «Rugeli-Schottisch» von Willy Valotti. Diese Aufnahme hat mich derart beeindruckt, dass ich mir vorgestellt habe, wie das wäre, wenn ich das selber so darbieten könnte und den Leuten eine Freude machen könnte: das wäre schon toll.»
Er sei damals etwa zehn Jahre alt gewesen und habe bereits mit seinem Vater und Bruder Sigi auswärts musiziert, habe neben Handorgel auch «ein bisschen» Klavier gespielt, ab und an Blockflöte. «Aber ich habe nicht daran gedacht, dass ich das beruflich machen könnte. Ich stellte mir einfach vor, dass das sicher eine ganz schöne Sache sein muss, wenn man das so gut kann – so hat das mich geprägt.» Tatsächlich hatte er bald darauf seinen ersten grossen Auftritt beim Reichmuth-Treffen in Schwyz mit rund tausend Gästen.
Auftritte vor illustren Gästen
Im Gegensatz zu seinem Vater und seinem Bruder Sigi konnte Fredy Reichmuth in die Musikschule gehen. Als Zweitklässler lernte er Blockflöte spielen, was er bis heute sehr gerne mache. Bald kam das Klavierspiel hinzu, zu dem ihm sein Bruder Sigi bereits die ersten Begleitgriffe gezeigt hatte, auch auf der Handorgel. «Er hat mich musikalisch stark geprägt, er hat in mir die Freude für die Musik geweckt und mich neugierig gemacht.» So entstand eine Familienformation, in der der Vater Schwyzerörgeli spielte und die beiden Söhne Handorgel, von aussen kam ein Bassgeiger hinzu.
Bald spielte diese Familienkapelle auch öffentlich in Restaurants, etwa im «Biberegg» in Rothenthurm, das bis heute eine Hochburg für Ländler-Konzerte sei. «An Spontan-Auftritten in Ländler-Lokalen gab es immer Besucher und oft auch der Wirt, die irgendwann mitgespielt haben. So haben wir viele Erfahrungen sammeln können und andere Musikanten kennengelernt.» Unvergesslich waren auch Auftritte in der noblen «Chesa Veglia» in St. Moritz, wie Fredy Reichmuth mit einem Leuchten in den Augen erzählt. «Es wurden jeweils für eine Woche Musiker für Konzerte gesucht, wofür es kaum eine Gage, dafür aber die Unterkunft im Hotel Palace mitsamt einer Begleitperson gab – wenn auch nur im Mitarbeiterbereich. Wir spielten am Abend jeweils zwei, drei Stündchen, dort, wo die noblen Gäste das Nachtessen einnahmen. Jackie Kennedy Onassis war einmal da, als ich gespielt habe, da war ich so 12, 13 Jahre alt.»
Das musikalische Erbe weiterreichen
Solche Auftritte in Restaurants waren auch für die musikalische Entwicklung von Fredy Reichmuth bedeutsam, weil er so andere Musiker beim Spiel beobachten konnte. «Ich habe immer wieder etwas Spezielles heraushören, auch neue rhythmische Betonungen spüren können, denn jeder Musiker hat seine eigene Art zu spielen.» Er habe aus diesen Beobachtungen viel lernen können, teilweise habe er versucht, solche Besonderheiten in sein Spiel aufzunehmen. «Es geht in der Volksmusik eben auch darum, immer wieder zu lernen, und sicher auch, das Erbe der Vorgängergeneration an die nächste Generation weiterzugeben. Dazu gehört aber auch ganz einfach, mit anderen Leuten zusammenkommen, was auch ungezwungen sein darf.»
Fredy Reichmuth betont, dass Perfektion nicht im Vordergrund stehe. «Wenn man in Restaurants zusammenspielt, ist es sicher nie perfekt. Es ist ja meist auch ein unkomplizierter Anlass, und da hat man nicht das Arrangement vor sich, entsprechend muss man viel übers Gehör spielen und flexibel sein.» Denn trotz einer Art von Repertoire aus bekannten Stücken würden immer auch solche gespielt, die man nicht kenne, wie das bei ihm vor allem in seiner Anfangszeit als Musiker gewesen sei.
Gut zuhören!
Das habe er einmal auf einschneidende Weise erfahren müssen, als er etwa elfjährig war. Sein Bruder Sigi sollte das aus Josef «Sebi» und Meiri Reichmuth bestehende Handorgelduo Gebrüder Reichmuth – andere Reichmuths aus Rothenthurm – bei einem Auftritt am Güdelmontag am Klavier begleiten. Das konnte Sigi aber nicht, weil man bei seinem Arbeitgeber im Kanton Zürich am Fasnachtsmontag arbeiten musste. «Ich hingegen hatte schulfrei wegen der Sportwoche, so dass es plötzlich hiess, der ‹Fredely› könne das Duo doch begleiten.»
«Mein Vater hat noch lange erzählt, dass ich ihn ängstlich gefragt habe, wie ich bei einem mir unbekannten Stück erkennen könne, wann welche Harmoniestufe komme, denn üben konnte ich nicht mehr.» Der Vater habe nur gesagt, ich müsse einfach gut zuhören, denn die Gebrüder Reichmuth spielten sehr sicher, das komme schon gut. Und so kam es. «Wir haben den ganzen Nachmittag im Saal des Restaurants Rössli in Rothenthurm gespielt, etwa vier Stunden, bis am Abend mein Bruder kam und mich ablöste.»
Beruf und Berufung
Bereits im Alter von zwölf Jahren war Fredy Reichmuth zum ersten Mal in einem Tonstudio, um mit der Familienformation eine Langspielplatte aufzunehmen. «Es war in einem alten Kinosaal in Basel, und ich war noch nie so weit von zu Hause weg gewesen. Aufgefallen ist mir vor allem, dass es dort kein Publikum hatte und alles ein bisschen steril wirkte. Da hatte es rote Lampen, die vor der Aufnahme aufgeleuchtet sind, und auch am Schluss durfte man einige Sekunden kein Geräusch machen.»
Dieses aufregende Erlebnis brachte ihn nicht auf die Idee, die Musik zum Beruf zu machen, wie man meinen könnte. «Nein, gar nicht. Ich hatte nie so etwas wie einen Wunschberuf. Der Berufsberater meinte, ich habe eine handwerkliche und eine künstlerische Seite, dazu passe Zahntechniker. Das habe ich dann vier Jahre gelernt und ein paar Jahre auch im Beruf gearbeitet. Das war im feinmotorischen Bereich anspruchsvoll und auch ein bisschen künstlerisch, weil man damals mit Wachs modellierte; ich habe es gerne gemacht. Aber klar, mein Herzblut galt immer der Musik.»
Das zeigt sich auch in der langen Liste von Musikantinnen und Musikanten, mit denen Fredy Reichmuth schon zusammengespielt hat. Er sei selber erstaunt gewesen, als er diese Liste zusammengestellt habe. Zusammen mit seiner Vielseitigkeit hat ihm dies den Ruf eingetragen, ein «Musikant für alle Fälle» zu sein, wie das Magazin «Alpenrosen» einen grossen Artikel über ihn betitelte. Darin erklärte er auch, dass neue Konstellationen auf der Bühne Flexibilität erforderten. «Einstudierte Strukturen sind wichtig, Volksmusik muss aber leben und darf nicht in Statik erstarren.» Spontaneität gehört denn auch zu den Stärken von Fredy Reichmuth auf der Bühne.
Abenteuer Fernsehen
Zentral für die Karriere von Fredy Reichmuth war die Ländlerkapelle Knobel-Reichmuth, die er als 18-Jähriger mit Mathias Knobel gegründet hatte. Fast 30 Jahre spielte er mit dieser Formation an unzähligen Auftritten – bis zum überraschenden Tod von Mathias Knobel 2013. Sogar seit bald fünf Jahrzehnten aktiv ist das Akkordeonduo mit seinem Bruder Sigi. Seit einigen Jahren tritt Fredy Reichmuth hauptsächlich mit der Ländlerkapelle Bühler-Fischer auf, sporadisch spielt er auch mit der sinnig benannten Kapelle Heirassa-Revival, zusammen mit Dani Häusler, Ueli Stump und Sepp Huber.
Aussergewöhnlich für Fredy Reichmuth waren die Auftritte im Rahmen der TV-Sommerserie «SRF bi de Lüt». Er spielte dort ab 2009 während fünf Jahren als Akkordeonist in der Formation «SRF Huusmusig» populäre Volksmusik, die vor Rock, Pop und Schlager nicht haltmachte; zu den Gästen zählten prominente Musikerinnen und Musiker wie Sina, Michael von der Heide, Polo Hofer, Toni Vescoli und Florian Ast. «Diese Auftritte waren für mich auch interessant, weil es in der Besetzung auch einen E-Bass, E-Gitarre und Schlagzeug gab; Dani Häusler schrieb die Arrangements.»
Die Rolle des Klaviers
Dass Fredy Reichmuth schon früh auch Klavier spielte, hat auch damit zu tun, dass ihn dessen Klang faszinierte. «Im Alter von 10 bis 14 ging ich zu einem klassisch orientierten Klavierlehrer in die Stunde und lernte so Chopin, Mozarts ‹Türkischer Marsch›, Walzer und so fort spielen. Da ich schon vorher den Zugang zu Musik ohne Noten gefunden hatte, sind diese aber nie meine grosse Liebe gewesen, auch wegen meiner wachsenden Kurzsichtigkeit.» Er habe sich deshalb angewöhnt, die Stücke auswendig zu lernen, bis er keine Noten mehr benötigte. Ein Vorteil des Klaviers sei für ihn auch dessen Übersichtlichkeit; man habe jeden Ton nur einmal, anders als etwa beim Akkordeon.
Wenn man Fredy Reichmuth Klavier spielen sieht, fällt auf, dass er oft nicht nur begleitet, sondern äusserst flink mit der rechten Hand auch Melodielinien spielt. Dies fällt auf, weil das Klavier in der Schweizer Volksmusik bis heute meist eine nebensächliche Rolle spielt, nämlich die der Akkordbegleitung. Und dies erklärt auch, weshalb Fredy Reichmuth den Volksmusikpianisten Hans Frey (1913–1973) aus Lachen SZ als Vorbild bezeichnet. Denn dieser hatte dem Klavier mit improvisierten Einschüben und Zwischenläufen auch in der Volksmusik einen Platz als Soloinstrument verschafft.
Ein grosses Vorbild
Fredy Reichmuth findet Hans Freys Klavierspiel auch heute noch beeindruckend, und dessen Kompositionen verlangten einem als Pianisten alles ab. Diese seien wohl lieblich, süffig und eigentlich gar nicht so kompliziert anzuhören. «Aber auch rasant schnelle Läufe müssen manchmal nicht nur einstimmig, sondern auch zweistimmig oder sogar dreistimmig gespielt werden.» Beeindruckt habe ihn auch, dass Hans Frey die Bass- und Akkordbegleitung einzig mit der linken Hand so präzis und souverän gespielt habe. «Das geht in Richtung Ragtime und , aber auch Marsch und Walzer ist herauszuhören.» Da kann es nicht verwundern, dass Fredy Reichmuth erklärt, auch er sei auf der Bühne risikofreudig.
Sein langjähriger Musikpartner Mathias Knobel hat 2013 ein Noten-Buch über Hans Frey geschaffen, der Autodidakt war und keine Noten lesen konnte. «Ich habe dazu die Noten der 43 von Frey eingespielten Stücke für Klavier solo transkribiert, dazu wurden auch zwei CDs mit Originalaufnahmen veröffentlicht («Erinnerungen an Hans Frey»). Freys Polka «Mit em Rex is Tessin» soll auf Radio Beromünster zeitweise der am meisten gespielte Titel gewesen sein, seine Musik zur Fernseh-Turnsendung «Fit mit Jack» war ebenfalls ein Gassenhauer.
«Gäbige Sachen»
Bezüglich Komponieren, erklärt Fredy Reichmuth trocken, sei er «eher zurückhaltend», auch wenn er schon als Kind beim Spielen der Handorgel so etwas wie eigene Stücke ausprobiert habe. «Danach habe ich lange bei anderen Musikern immer wieder etwas Interessantes gehört, das ich zuerst lernen wollte, bevor ich selbst etwas komponiere.» Als er in den letzten Jahrzehnten ab und zu wieder komponierte, habe er gemerkt, dass er beim Komponieren vielleicht etwas stark um einige Ecken herum studiere. «Aber ich habe mittlerweile doch einige ‹gäbige Sachen› komponiert, die beim Publikum gut ankommen, mit denen auch ich selbst zufrieden bin und sagen kann, dass da etwas dahintersteckt. Aber es gibt natürlich schon Regeln in dieser Musik, die man einhalten muss, die Volksmusik ist ja nicht Free Jazz.»
Die Inspiration für ein neues Stück könne beispielsweise von einem Melodiefetzen ausgehen. «Als meine Tochter Silja etwa fünf Jahre alt war und noch nicht Klavier spielen konnte, hat sie eines Tages mit zwei Fingern rhythmisch einige Tasten gedrückt. Und ich dachte, was hat sie da gespielt? Dann habe ich dies in eine Harmonie eingepasst und einen Walzer daraus gemacht, der «Siljas Inspiration» heisst. Lustig ist, dass sie die Melodie vermutlich einen Tag davor in einer Kindersendung gehört hat. Was also ist Inspiration, was Kreation?»
Ein andermal habe er im Traum eine Melodie gehört, die beim ersten Aufwachen ansatzweise noch im Kopf war, beim Aufstehen aber verschwunden war. «Einige Tage später hatte ich noch einmal einen solchen Traum und habe die Melodie dann gleich gepfiffen und mit dem Handy aufgenommen. Daraus habe ich das Stück ‹Audio-Traum› geschaffen.»
Die Kraft der Musik
Seit 2009 unterrichtet Fredy Reichmuth an der Musikschule Uri Schwyzerörgeli und musikalische Grundlagen, und zwar an zehn verschiedenen Orten des Kantons; Erstfeld, wo er mit seiner Familie seit zehn Jahren wohnt, sei dafür optimal gelegen. Von den zurzeit 35 Schülerinnen und Schüler gehen die meisten in die vierte bis neunte Klasse. «Mein Ansporn ist, dass die Kinder in die Musik eintauchen und ein bisschen mehr davon verstehen. Auch dass Volksmusik mit Wurzeln und Verbundenheit, mit Gefühlen zusammenhängt, die die Leute gemeinsam haben – und deshalb wieder das Gleiche hören wollen, wenn sie damit einmal ein schönes Erlebnis hatten.»
Letztlich wolle er zeigen, dass Musizieren den Menschen unschätzbar viel bringen könne. «Wenn man merkt, dass Herzblut dahintersteckt und die Musik Freude macht, ist sie bereichernd und verbindet die Menschen, was gerade in der heutigen Welt wichtig ist. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie eine Welt ohne Musik wäre.»
Die SUISA unterstützt den Verein «Goldener Violinschlüssel». Dieser verleiht seit 1979 diese Auszeichnung im Bereich der Schweizer Volksmusik.



