Tagarchiv: Schweizer Musik

Label Suisse und SUISA machen Schweizer Musik möglich | mit Video

Vom 18. bis 20. September 2020 findet in Lausanne die neunte Ausgabe des Label Suisse Festivals statt. Die Programmierung dieses biennalen Festivals widmet sich der Schweizer Musikszene in ihrer ganzen Vielfalt. Ein besonderes Highlight: Künstlerinnen und Künstler aus allen Genres haben eigens für das Label Suisse Werke komponiert. Diese Werke werden am Festival zum ersten Mal live aufgeführt. Die SUISA beteiligt sich auch dieses Jahr wieder als einer der Hauptpartner am Festival. Text von Erika Weibel

Label Suisse ist in der Schweiz einzigartig: Alle zwei Jahre bietet das Festival in Lausanne dem Publikum einen Einblick in das Schweizer Musikschaffen – über geografische und Genre-Grenzen hinweg – und weist damit auf den aktuellen Horizont eidgenössischer Musikerinnen und Musiker der zeitgenössischen Musik des Pop, Rock, Jazz, der Klassik und Neuen Volksmusik in ihren unterschiedlichsten Ausdrucksformen hin. Über 60 etablierte wie auch aufstrebende Künstlerinnen und Künstler treten im Rahmen des vielseitigen Programms während drei Tagen in verschiedenen Locations in Lausanne auf.

Spannende Kompositionsprojekte vervollständigen das abwechslungsreiche Konzertangebot. So haben Komponistinnen und Komponisten aus unterschiedlichen Musiksparten für das Festival Werke geschaffen, die dort uraufgeführt werden.

Das Festival richtet sich nicht nur an ein musikbegeistertes Publikum, sondern ist auch ein Stelldichein der Schweizer und ausländischen Musik- und Veranstaltungsszene. Die SUISA, als Genossenschaft der Komponisten, Textautoren und Verleger von Musik, ist auch dieses Jahr wieder als einer der Hauptpartner des Festivals dabei und macht damit zusammen mit dem Label Suisse Musik in der Schweiz möglich.

Kompositionsprojekte

Folgende Kompositionen wurden eigens für das Label Suisse 2020 geschaffen:

Jazz
Nik Bärtsch, Komposition und Klavier.
Projekt im Partenariat mit der Zürcher Hochschule der Künste und des Jazzcampus Basel mit der Beteiligung von jungen Musikern.
Aufführung: Samstag, 19. September 2020, Salle Paderewski
Weitere Konzerte in den Partnerstädten am Festival Klangbasel (Basel) und im Moods (Zürich)

Klassische Musik
Antoine Chessex, Kompositionsauftrag für Grosse Orgel, Truhenorgel und Hammond
Interpreten: Simone Keller und Dominik Blum
Projekt von der Dauer von 35 Minuten, mit dem Titel «Technosphère & Fragmentation».
Aufführung: Sonntag, 20. September 2020, Eglise St Francois

Isabel Mundry, Komposition
Collegium Novum Zürich (CNZ) ; Brian Archinal, Perkussion solo
Titel des Werks: Noli me tangere (2020)
Aufführung: Samstag, 19. September 2020, Salle Paderewski

Cod.act – André et Michel Décosterd
«Von Roll Twist 4» – Installation für 6 Lautsprecher und einen Performer (Francesco Biamonte)
André et Michel Décosterd kombinieren ihre Fähigkeiten, wobei der erste Musiker, Komponist und Klangkünstler und der zweite Architekt und bildender Künstler ist. Gemeinsam entwickeln sie eine künstlerische Arbeit in Form von Performances und interaktiven Installationen. Am Anfang ihres Ansatzes steht eine Reflexion über Klang und Bewegung und deren mögliche Interaktion.
Aufführung: Samstag, 19. September 2020, D! Club

Neue Volksmusik
Michel Godard
Eigens für diesen Anlass komponierte Werke von Michel Godard, dirigiert von Pascal Emonet. Gespielte von Fanfarenspielern des Walliser Blasmusik und Jazz Konservatoriums in einem wenig bekannten Klangansatz: der italienischen Banda. Dieses Orchester wird von begleitet von Michel Godard, Pierre Favre, Isa Wiss und Matthieu Michel.

Kommen auch Sie und erleben sie, wie die Klänge von ganz neuen Werken zum allerersten Mal an ein Publikum getragen werden.

www.labelsuisse.ch

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Das Duo Zwahlen/Bergeron will bislang Ungehörtes hör- und sichtbar machen

Auf der einen Seite die Jahrhunderte alte Tradition der Chormusik – auf der anderen die schier unendlichen Möglichkeiten elektronischer Musik. Jérémie Zwahlen und Félix Bergeron experimentieren im Spannungsfeld dieser zwei Pole, um etwas völlig Neues zu erschaffen. Der Get Going!-Beitrag unterstützt sie bei diesem Vorhaben. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Das Duo Zwahlen/Bergeron will bislang Ungehörtes hör- und sichtbar machen

Félix Bergeron und Jérémie Zwahlen (Fotos: Stephane Winter & Laura Morier-Genoud; Alain Kissling)

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Jérémie Zwahlen und Félix Bergeron, beide 33-jährig, sitzen in einem Café in Lausanne und diskutieren über ihr Vorhaben, die lange Tradition der Chormusik mit Hilfe des elektronischen Experimentes neu zu definieren. Bergeron nutzt das Gespräch zu diesem Porträt gleich für ein Brainstorming. Präzise wie es sich für einen Schlagzeuger gehört, zählt er mit zunehmend komplexer werdender Rhythmik immer neue Möglichkeiten auf, wie die Verbindung von Alt und Neu, von Tradition und Avantgarde, umgesetzt werden könnte. Zwahlen hört mit stoischer Ruhe zu und ergänzt ab und zu mit pointierten Sätzen. Diese Art von Dialog scheint für ihn nichts Neues. «Félix ist wie eine ungemein starke Zigarette und ich bin der Superfilter, den man benutzt, um sie zu rauchen», meint Zwahlen und beide lachen.

Eigentlich besuchten die beiden bereits als Jugendliche die gleiche Schule in der Nähe von Lausanne, doch dann trennten sich die Wege. Bergeron trommelte bereits als Sechsjähriger, fand aber nie die endgültige Befriedigung bis er am Jazzfestival Willisau einen Soloauftritt von Lucas Niggli hörte. «Er benutzte neben den Drums auch Elektronik. Ich war völlig baff und wusste, das will ich auch!», erzählt Bergeron. Zwahlen dagegen wuchs in der Tradition der Blasmusik auf, in der er als Trompeter Mitglied einer Kapelle war, genau so wie sein Vater und Grossvater vor ihm. Die Mutter ihrerseits sang im Chor. «Im Gymnasium», so Zwahlen, «erzählten sie mir, ich wäre ein guter Musiklehrer und so begann ich dann meine Ausbildung.»

Chor und Elektronik

Beide besuchten sie die Haute Ecole de Musique Lausanne (HEMU), «aber ich studierte Jazz und Jérémie klassische Musik», erzählt Bergeron, «das waren zwei verschiedene Gebäude.» Was die beiden nicht wussten: Ihre Lebenspartnerinnen waren befreundet und so kam es, dass sie sich nach Jahren an einer Party wieder trafen. Als dann Zwahlen Bergeron bat, die Arbeit des von ihm geführten Chœur Auguste elektronisch zu unterstützen, kam ihnen die Idee einer Zusammenarbeit, die weit über das bislang Gewohnte und Gehörte hinausgehen sollte. «Natürlich gab es das schon, dass man Chor und Elektronik zusammenbrachte», sagt Bergeron, «aber da ersetzte man einfach die Orgel oder das Piano durch einen Synthesizer. So etwas interessiert uns nicht.»

Prädestiniert, um Neuland zu betreten sind beide, kratzen sie doch bereits in ihren individuellen Projekten stets an den stilistischen Grenzen und versuchen die musikalische Landschaft neu zu kartographieren. Zwahlen definiert mit seinen pointierten und konzeptionell ungewohnten Arrangements der Musik von Elvis Presley, Johnny Cash, Camille oder Queen nicht nur die choralen Gesetze neu, sondern betrachtet den Chor in seiner Summe als Körper: «Der Chor ist wie eine Skulptur, die atmet und die man bearbeiten kann. Und auch Félix arbeitet mit physisch erfahrbaren Vibrationen. Am Ende sollte man die Musik förmlich anfassen können.»

Musik als Skulptur

In der Tat ist Bergeron stark vom Skulpturalen beeinflusst. Neben seinen zahlreichen Projekten zwischen abstrakter Improvisation, Folk, Punk und Jazz, arbeitet er auch für das Theater und für Tanzcompagnien. In seinen «Brush Paintings» sorgt der Zufall für bildende Kunst, in dem er die Schlagzeugbesen mit Farbe versieht und die Becken mit Leinwänden. «In der spontanen Arbeit mit Elektronik lässt sich auch mit Willkürlichkeit arbeiten. Das interessiert mich. Ich sehe da unzählige Möglichkeiten, damit die traditionellen Formen der Chormusik aufzubrechen.»

Musik als Skulptur, die dem Publikum auch die Geheimnisse hinter deren Entstehung offenbaren soll. «Wir wollen, dass das Publikum sieht, was geschieht. Wie Komposition, Zufall, Arrangements und Improvisation sich gegenseitig beeinflussen. Unser Projekt soll über alle Sinne, die dem Publikum zur Verfügung stehen, erfahrbar werden», schildert Zwahlen den Ausgangspunkt und betont: «Meine Obsession besteht darin, dass ich sämtliche Arten von Musik so aufarbeiten möchte, dass sie allen Menschen Freude bereitet. Egal, ob es sich dabei um klassische Musik, Volksmusik, Jazz oder experimentelle Musik handelt.»

Es gäbe so viele musikalische, inhaltliche und visuelle Möglichkeiten, mit denen man bei einem solchen Projekt experimentieren könne, meinen beide und betonen, wie wichtig bei einem solchen Vorhaben die Faktoren Zeit und Geld seien. «Dank dem Beitrag von Get Going! ist es uns überhaupt erst möglich, Neuland in dieser Fülle zu betreten», strahlt Bergeron.

Jérémie Zwahlen und Félix Bergeron: Zwei von Musik Besessene, die ihre Begeisterung auch als Lehrer an der HEMU sowie der Ecole de jazz et musique actuelle (EJMA) in Lausanne und – im Falle Bergerons – zusätzlich an der Ecole Jeunesse & Musique in Blonay an nachkommende Generationen weitergeben. Gemeinsam formen sie die einzige Zigarette der Welt, die der Gesundheit nicht schadet. Im Gegenteil.

www.felixbergeronmusic.ch
www.choeurauguste.ch

Seit 2018 hat die FONDATION SUISA mit der Vergabe von neuen Werkbeiträgen begonnen. Unter dem Titel Get Going! werden kreative und künstlerische Prozesse finanziell angestossen, die sich ausserhalb der gängigen Kategorien befinden. In einer Porträtserie stellen wir jedes Jahr die Empfängerinnen und Empfänger dieser Get Going!-Beiträge vor. Die Ausschreibung für 2020 dauert noch bis Ende August.

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Félix Bergeron und Jérémie Zwahlen (Fotos: Stephane Winter & Laura Morier-Genoud; Alain Kissling)

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Jessiquoi: Von der Freiheit, sich selber zu erfinden

Die Identitätssuche ist ihre treibende kreative Kraft. Damit kreiert Jessica Plattner alias Jessiquoi ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk. Sie sei «proppenvoll» mit Ideen, sagt die 31-jährige Bernerin. Dank dem Get Going!-Beitrag steht der Verfolgung ihrer Ziele nichts mehr im Wege. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Jessiquoi: Von der Freiheit, sich selber zu erfinden

Jessiquoi (Foto: Manuel Lopez)

«Wenn ich einmal gross bin, dann möchte ich einen Konzertflügel auf der Bühne haben», sagt Jessica Plattner und lacht ob dem gewählten Ausdruck. Natürlich ist die 31-Jährige längst erwachsen, doch die Aussage deutet eben auch darauf hin, dass sie sich als Künstlerin auf einem Pfad der Weiterentwicklung sieht, der noch längst nicht abgeschlossen ist. Und dies obwohl sie mit ihrem Alter Ego Jessiquoi zu den beeindruckendsten Schweizer Acts gehört. Sie komponiert und produziert sich selber. Sie ist zuständig für das Visuelle und kreiert laufend phantastische Welten, in denen sich Jessiquoi mit Hilfe von mal brachialen, mal zärtlichen Electro-Klangwelten stets neu erfindet, neu definiert.

«Für mich ist Identität etwas Flüssiges», sagt Jessica und zitiert Drag Queen Ru Paul: «You’re born naked. The rest is drag.» Und fügt dann an: «Ich denke, jeder Mensch hat die Freiheit, sich neu zu erfinden. Es bedarf auch keiner Rechtfertigung, wenn ein Mensch sein Leben in eine völlig neue Richtung lenkt. Es ist wie in einem Video Game, wo jede und jeder für sich seinen eigenen Avatar bestimmen kann.»

Die Identitätssuche als treibende kreative Kraft: Bei Jessica liegt dies auch in ihrer aussergewöhnlichen Biographie begründet. Sie wurde in Bern geboren. Kurz darauf wanderte die Familie nach Australien aus. Als sie im Teenager-Alter war, wurde ihrem Vater ein Job am Konservatorium in Bern angeboten und die Familie zog zurück in die Schweiz. Damit wurde auch der noch junge Lebenslauf in andere Bahnen gelenkt. Jessica wollte professionelle Tänzerin werden und besuchte dafür in Sidney bereits die notwendige Ausbildung. Zudem sprachen die Plattners zuhause ausschliesslich Englisch. «Wenn ich meine tänzerische Karriere hätte fortsetzen wollen, dann hätte ich nach Rotterdam oder Berlin gehen müssen. Aber ich wollte bei meiner Familie sein», sagt sie. «Ich hatte in Bern anfänglich das Gefühl Ausländerin zu sein und fühlte mich ausgegrenzt. Erst als ich Berndeutsch zu sprechen begann, waren plötzlich alle nett.» Die Sprache fiel ihr leicht, ihr Deutschlehrer gab ihr gar den Übernamen «Tape Recorder», «weil ich alles so perfekt wiedergeben konnte», lacht sie.

Alternative Existenz

Die Suche nach der eigenen Identität in dieser fremden Heimat mündete dann – dem Tanz beraubt – in der Musik. «Wir hatten immer schon ein Klavier zuhause, aber das hatte ich früher nie angerührt. Ich hatte zwar mal kurz Unterricht, aber ich fand dies furchtbar. Doch plötzlich begann ich jeden Tag an eigenen Songs zu basteln», schildert sie ihre musikalischen Anfänge.

Aber als wäre der Verlust der gewohnten Umgebung nicht bitter genug, erlitt Jessica vor sieben Jahren den wohl schmerzlichsten Schicksalsschlag, den man sich vorstellen kann. Ihr um zwei Jahre jüngerer Bruder starb. «Wir teilten uns alles und wurden von aussen oft gar als Zwillinge wahrgenommen», sagt sie und erzählt dann, wie der Bruder es war, der sie für die Welt der Video Games und Filmsoundtracks begeistern konnte.

Und genau dort, in jenen Welten, wo sich jeder neu erfinden kann, fand Jessica als Jessiquoi ihre neue Heimat. «Man könnte sagen, dass Jessiquoi eine Kunstfigur ist, aber in Wahrheit ist sie eigentlich eine andere Version von mir», sagt sie und ergänzt: «Die Figur kann auch Angst machen, weil Jessiquoi sich nicht in unserem fixen System der klaren Geschlechterrollen und nationalen Identitäten bewegt.»

Jetzt erzählt sie auf ihren Alben von eben diesen fremden Welten, in denen die Täler verseucht sind und die Menschen sich auf die Gipfel der Berge flüchten und wo Piloten in der Lage sind, Richtung einer besseren Existenz zu fliegen. Auf der Bühne setzt sie diese alternative Existenz ganz alleine um. Auf einem Holzwagen hat sie die elektronischen Instrumente und die Kommandozentrale für die visuellen Effekte und so betanzt und bespielt Jessiquoi als Alleinherrscherin die Bühne, die ein Ort der Selbstbestimmung und der ständigen Neupositionierung ist. Jessiqoui erschafft ein in seiner Kompromisslosigkeit beeindruckendes Gesamtkunstwerk, mit dem sie auch schon in Sevilla oder New York für Begeisterung sorgte.

Der Holzwagen – oder wie sie ihn nennt – das «Wägeli» ist wie auch die chinesische Harfe, die sie live spielt, eine Reminiszenz an die chinesische Kultur, zu der sie eine grosse Affinität besitzt. «In der Sprachschule konnte mich eine chinesische Freundin für ihre Kultur begeistern. Und einmal als ich in China war – es war drei Uhr morgens in Shanghai – wollte ich noch was essen und da war diese alte Frau mit ihrem Holzwagen, die darauf das Essen kochte. Dieser alte Wagen inmitten dieser Metropole: Das war ein Bild, das mich nie mehr los liess. Ich wollte diese Frau sein», erzählt sie und schmunzelt.

Neue Songs basteln

Selbstbestimmung ohne Wenn und Aber und die Freiheit, das eigene Ich im flüssigen Zustand zu erhalten, sieht Jessica als Notwendigkeit für ihre Kunst an. «Für mich ist die Hauptaufgabe von Künstlerinnen und Künstlern, die Zukunft unserer Zivilisation neu zu träumen oder sichtbar zu machen, weil diese die Welt und die Menschen um sich herum aufnehmen, analysieren, kritisieren und neu formulieren.»

Dank dem Get Going!-Beitrag steht dieser spannenden Entwicklung nichts im Wege. «Ich habe mich über Konzerte finanzieren müssen, darunter litt die Zeit, um an neuen Songs zu basteln. Jetzt habe ich auf einen Schlag mein Jahresbudget zur Verfügung», strahlt sie. Wohin die Reise sie letztlich führen wird, ist völlig offen: «Ich weiss nicht, was ich morgen für Musik machen werde. Sie kommt einfach. Aber ich werde mir aus marktstrategischen Gründen nie vorschreiben lassen, wie ich zu klingen habe. Ich arbeite an meiner Identität. Ich. Nur ich allein.»

www.jessiquoi.com

Seit 2018 hat die FONDATION SUISA mit der Vergabe von neuen Werkbeiträgen begonnen. Unter dem Titel Get Going! werden kreative und künstlerische Prozesse finanziell angestossen, die sich ausserhalb der gängigen Kategorien befinden. In einer Porträtserie stellen wir jedes Jahr die Empfängerinnen und Empfänger dieser Get Going!-Beiträge vor. Die Ausschreibung für 2020 dauert noch bis Ende August.

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Michel Barengo: Soundsammler und Klangtüftler jenseits der Komfortzone

Möglichst vieles aufsaugen und dann verarbeiten. Das ist das Credo von Michel Barengo. Der 37-jährige Zürcher verweigert sich jeglicher Komfortzonen und kann nun dank dem Get Going!-Beitrag seinem kreativen Drang in der japanischen Underground-Szene nachgehen. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Michel Barengo: Soundsammler und Klangtüftler jenseits der Komfortzone

Michel Barengo (Foto: Michel Barengo)

Kuhglocken, das Meckern von Ziegen, quietschende Türen, gackernde Hennen, das sanfte Rauschen des Windes in den Bäumen, Polizeisirenen oder das Plätschern von Wasser: Es gibt nichts an Klingendem, das Michel Barengo nicht interessieren würde. Er ist ein unermüdlicher Sammler von Sounds, der sich im heimischen Studio eine beachtliche Audiothek an Klängen aller Schattierungen angelegt hat. «Sitze einfach mal zehn Minuten mit geschlossenen Augen an einer Busstation. Unglaublich, was da alles abgeht», strahlt er und die Lust des Klangarchitekten ist unmissverständlich im Leuchten seiner Augen zu sehen.

Nun ist der 37jährige Zürcher nicht einfach ein Bastler mit einem Hang zum Do-it-Yourself-Musizieren, sondern gehört zu den gefragtesten Protagonisten, wenn es um die Vertonung von Video Games oder Klangkulissen fürs Theater geht. 2016 gewann er den Preis der FONDATION SUISA für die beste Musik in einem Video Game. Doch solche Auftragsarbeiten sind nur der eine Teil der Arbeit dieses Tausendsassas, der mit klaren Vorstellungen seine eigene musikalische Identität vorantreibt.

Das Rüstzeug, das er sich angelegt hat, um die kreativen Ideen professionell umsetzen zu können, ist beeindruckend. Mit fünf begann er Geige und Schlagzeug zu spielen, danach hatte er mit seinen Brüdern diverse Garagenbands. Sie spielten Punk, Metal und Alternative Rock. Beeinflusst von Mr. Bungle und Fantômas, den Projekten des kalifornischen Sängers Mike Patton, folgte Barengo dessen Pfad und landete unweigerlich bei der Musik des experimentellen New Yorker Saxophonisten John Zorn. «Grand Guignol», das Album von Zorns Band Naked City, war im Leben des noch jungen Michel Barengo die wohl einschneidenste Erfahrung. Brachial und subtil zugleich dekonstruiert und rekonstruiert Zorn in atemberaubender Geschwindigkeit die Musik und schöpft aus unzähligen kleinsten Fragmenten eine zuvor ungehörte, explosive Klangwolke.

«Zorns Affinität für den japanischen Underground hat dazu geführt, dass ich mich mehr und mehr für die dortige Grindcore- und Experimental-Szene zu interessieren begann. Bands wie Ground Zero, Korekyojinn oder Ruins mit Tatsuya Yoshida am Schlagzeug, aber auch Otomo Yoshihide an den Turntables und Gitarre. Das war entscheidend für meine eigenen experimentellen Sachen», erklärt Barengo. Die Einflüsse sind in seinen beiden Bandprojekten, dem Jazzcore Trio Platypus und der Grind Noise Band Five Pound Pocket Universe (5PPU) nicht zu überhören.

Professionelle Ausbildung

Dass sich Barengo mit einer Leichtigkeit durch seinen Klangkosmos bewegen kann und zwischen dem eigenen künstlerischen Weg und den Auftragsarbeiten immer wieder Brücken bauen kann über die er sich leichtfüssig tänzelnd hin und her bewegt, hat mit der professionellen Ausbildung zu tun. An der Winterthur Academy for Modern Music (WIAM) hat er sich zum Jazzschlagzeuger ausbilden lassen und an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) erwarb er sich den Master in Komposition für Film, Theater und Medien.

Ob opulente, an Hollywood erinnernde Klänge für ein Video Game, brachial geschliffene Miniaturen seiner Band 5PPU oder pointierte Sample-Collagen bei Platypus: Barengos Eklektik nährt sich immer aus dem Drang eine ganz eigene Ästhetik zu schaffen. Eine, die sich der Vorhersage verweigert und die Hörerschaft nicht zur Ruhe kommen lässt, weil hinter jedem einzelnen Ton ein anderer lauern könnte, der überrascht, hinterfragt oder den zuvor gelegten Pfad in Windeseile völlig neu kartographiert.

Ein rastloser Typ

Die Art der Arbeit liegt auch im Charakter ihres Schöpfers begründet. «Ich bin ein rastloser Typ», sagt Barengo über sich selbst. «Es gibt so vieles, das mich interessiert. Mir wird auch schnell langweilig. Ich muss einfach Dinge ausprobieren. Das ist doch, was einen letztlich antreibt: Möglichst vieles aufsaugen und dann verarbeiten. Ich mag Extreme und viel Abwechslung», sagt er und fügt dann lachend hinzu: «Das liegt wohl daran, dass ich mit 13 ‹Grand Guignol› gehört habe. Das hab ich nun davon.»

Erst abseits der Komfortzone fühlt sich Barengo wohl. Und im Spannungsfeld zweier Extreme liegt auch sein Get Going!-Projekt begründet. Es soll ihn dorthin führen, wo seit Jahrhunderten in der Diskrepanz zwischen Tradition und Moderne eine ungeheure kreative Spannung herrscht. Barengos Liebe zum japanischen Underground hat ihn schon rund ein Dutzend Mal in dieses Land geführt, nun will er dort ein dreiteiliges Unterfangen initiieren. «Konkret schwebt mir ein Projekt mit drei Phasen bestehend aus zwei Japanaufenthalten und deren Reflexion und Weiterverarbeitung in der Schweiz vor», erklärt er. «Zuerst möchte ich mich anhand von Impro-Sessions mit der Tokioer Underground Szene mit traditioneller japanischer Musik und deren Adaption in die zeitgenössische Musik auseinandersetzen. Danach werde ich mich in 12 Hotels mit ebenso vielen japanischen Musikern treffen, mit denen ich jeweils in einem Zimmer einen Track aufnehmen werde, der aus Geräuschen besteht, die ich im jeweiligen Hotel aufgenommen habe. Und last but not least, werde ich in der Schweiz alles aufgenommene Material sichten und für künftige Kompositionsprojekte archivieren und zu meiner persönlichen Sound Library verarbeiten.» Die Vorfreude darüber ist gross das alles dank der finanziellen Unterstützung durch den Get Going!-Beitrag realisieren zu können. «Mein Projekt passt in keine existierende Sparte. Es ist weder eine Album Produktion noch eine Tournee. Und es ist auch kein Atelieraufenthalt. Get Going! befreit mich auf meinem kreativen Weg von jeglichen Zwängen und Kompromissen. Einfach genial!», strahlt er. Und wenn jetzt auch die Reise wegen des Coronavirus ein Jahr verschoben werden musste: Dem Soundsammler und Klangtüftler werden auch in heimischen Gefilden die Ideen nicht so schnell ausgehen.

www.michelbarengo.com

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Michel Barengo: Soundsammler und Klangtüftler jenseits der Komfortzone

Michel Barengo (Foto: Michel Barengo)

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Nun ist der 37jährige…Weiterlesen

Anna Gosteli: «Ich weiss nie, wo mich was hinführt»

Trotz herausragender Ausbildung und kommerziellen Erfolgen in zahlreichen Bands: Zu oft brillierte Anna Gosteli im Hintergrund. Nun emanzipiert sich die 35-jährige Solothurnerin und findet in der Summe ihrer zahlreichen Erfahrungen zu lang ersehnter musikalischer Identität. Der Get Going!-Beitrag 2019 sorgt dabei für die nötige finanzielle Unabhängigkeit. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Anna Gosteli: «Ich weiss nie, wo mich was hinführt»

Anna Gosteli (Foto: Manuel Vescoli)

Puzzleteile wie Mosaiksteine – lose verteilt schimmern sie in allen möglichen Farben und doch: Ein Gesamtbild fehlt. Für die Identität des fertigen Bildes fehlt die richtige Anordnung, der richtige Verlauf. «Von allem etwas und nichts richtig», umschreibt Anna Gosteli diesen Zustand, in dem sie sich Jahre befand. Und dies, obwohl sich diese einzelnen Puzzleteile sehen respektive hören lassen können: Mit sieben Jahren Klavierunterricht, danach Klarinette, später Schulchor. Zuhause im österreichischen Vorarlberg auch eine gitarrenspielende Mutter und ein Saxophon spielender Vater. «Ich kam schon als Kind mit allen möglichen Stilen in Kontakt, mit Evergreens und mit Schlager und immer war bei uns ein Instrument zur Hand, um zu musizieren.»

Mit 14 dann der Wechsel in die Schweiz. Wieder ein neuer Mosaikstein, auf den in regelmässigen Abständen immer neue Teile folgen. Mit 21 wird sie Mitglied des Basler ArtPop-Kollektivs The bianca Story. Einer steilen Karriere scheint nichts im Wege. Auftritte an der Deutschen Oper Berlin, Aufnahmen in den Abbey Road Studios in London, und doch: «Ich war zu Beginn das Mäuschen in der Band», sagt die 35jährige heute und fügt rasch an: «Dieses Empfinden hatte ich ganz persönlich, das lag nicht an meinen männlichen Kollegen. Die behandelten mich stets als gleichwertiges Mitglied.» Als äusserst talentierte Sängerin war Gosteli trotz internationalem Erfolg stets die zweite Stimme. Kombiniert mit ihrer zurückhaltenden Art hinterliess dieser Zustand in ihr ein Gefühl, dass da eigentlich mehr sein könnte.

Mit dem Besuch der Jazzschule in Basel begann die Emanzipation. Komposition bei Hans Feigenwinter, Gesang bei Lisette Spinnler und Harmonielehre bei Lester Menezes. Heute kann sie darüber lachen, aber «damals habe ich geweint, wenn Lester mich wieder genervt darauf aufmerksam gemacht hat, dass das, was ich mache, langweilig sei. Ich würde zu schön singen.» Letztlich entpuppte sich diese Hassliebe als wichtiger Motor, um aus den zugeordneten Rollen auszubrechen und auf die innere Stimme zu hören. Langsam aber sicher schienen sich die über Jahre gesammelten Puzzleteile zu ergänzen. Es wuchs die Gewissheit, dass sich dahinter womöglich ein grosses, in sich stimmiges Bild verbirgt.

Mit Fabian Chiquet von The bianca Story gründete sie Chiqanne. Gemeinsam kreieren sie wunderbare Popsongs mit Tiefgang. «Plötzlich schrieb ich Texte in deutscher Sprache und stand auf der Bühne ganz vorne.» Doch der entscheidende Schritt beim Zusammensetzen des Puzzles sollte sich erst mit «Dr Schnuu und sini Tierli» ergeben, mit einer Sammlung von Liedern für Kinder – und wichtig – auch für deren Eltern. Geplant war dies nicht, wie so Vieles in der abwechslungsreichen Karriere. «Ich weiss nie, wo mich was hinführt. Aber das ist ja auch irgendwie ein Konzept», lacht sie.

Es war an Weihnachten, als die Mutter eines heute sechsjährigen Sohnes, noch ein Geschenk für die Kinder ihrer Freunde brauchte. «Und weil ich damals arg in Geldnot war, habe ich halt ein Lied geschrieben und jedem Kind eine Strophe geschenkt.» Auf den Song übers «Federvieh» folgte der «Biber», den sie als Dank für den Berliner Wohnungsaufenthalt dem Filmkomponisten Biber Gullatz schenkte, mit dem sie für die Vertonung von Fernsehfilmen oft zusammenarbeitet. «Erst da kam mir der Gedanke, eine Sammlung von Kinderliedern zu schreiben.»

Es sind genau diese Lieder, hinter denen sich schon fast die Summe aller musikalischen Erfahrungen verbirgt, die Gosteli in ihrer Karriere gesammelt hat, und die darauf hindeuten, dass sich das Puzzle zu einem schillernden Werk fügen wird. Mit viel Schalk, aber auch mit ungemein psychologischem Tiefgang, zeigen diese Lieder Gostelis textliches Talent, während sich in der Musik – die sie gemeinsam mit Gitarristin Martina Stutz auf die Bühne bringt – die stilistische Reise vom Evergreen über den Schlager zum Popsong bis hin zum Jazz widerspiegelt.

«Ich sprudle zurzeit von Ideen», sagt Gosteli, die am Guggenheim in Liestal Gesang unterrichtet und für «Helvetiarockt» den «Female Bandworkshop» in Co-Leitung mit Evelinn Trouble führt. Und last but not least nimmt sie in der neu gegründeten Formation Kid Empress nun Anlauf, das Puzzle ganz nah an dessen Vervollständigung zu bringen. «Endlich», sagt Gosteli, «habe ich drei musikalisch Gleichgesinnte. Wir treffen die Entscheidungen gemeinsam, und dies, ohne dabei Kompromisse eingehen zu müssen.»

Der «Schnuu» und der stilübergreifende Sound von Kid Empress deuten bereits eindrücklich an, dass sich das anfängliche «Von allem etwas und nichts richtig» zu einer eigenständigen Identität verdichtet. «Der Get Going!-Beitrag gibt mir gerade zur richtigen Zeit die nötige finanzielle Luft, um mich in eben diese neuen kreativen Abenteuer stürzen zu können.» Und dann strahlt sie noch einmal über das ganze Gesicht.

Seit 2018 hat die FONDATION SUISA mit der Vergabe von neuen Werkbeiträgen begonnen. Unter dem Titel Get Going! werden kreative und künstlerische Prozesse finanziell angestossen, die sich ausserhalb der gängigen Kategorien befinden. In einer Porträtserie stellen wir jedes Jahr die Empfängerinnen und Empfänger dieser Get Going!-Beiträge vor. Die Ausschreibung für 2020 dauert noch bis Ende August.

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Trotz herausragender Ausbildung und kommerziellen Erfolgen in zahlreichen Bands: Zu oft brillierte Anna Gosteli im Hintergrund. Nun emanzipiert sich die 35-jährige Solothurnerin und findet in der Summe ihrer zahlreichen Erfahrungen zu lang ersehnter musikalischer Identität. Der Get Going!-Beitrag 2019 sorgt dabei für die nötige finanzielle Unabhängigkeit. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Anna Gosteli: «Ich weiss nie, wo mich was hinführt»

Anna Gosteli (Foto: Manuel Vescoli)

Puzzleteile wie Mosaiksteine – lose verteilt schimmern sie in allen möglichen Farben und doch: Ein Gesamtbild fehlt. Für die Identität des fertigen Bildes fehlt die richtige Anordnung, der richtige Verlauf. «Von allem etwas und nichts richtig», umschreibt Anna Gosteli diesen Zustand, in dem sie sich Jahre befand. Und dies, obwohl sich diese einzelnen Puzzleteile sehen respektive hören lassen können: Mit sieben Jahren Klavierunterricht, danach Klarinette, später Schulchor. Zuhause im österreichischen Vorarlberg auch eine gitarrenspielende Mutter und ein Saxophon…Weiterlesen

«Get Going!» geht in die dritte Runde

«Get Going!» ermöglicht neue Perspektiven: Dem Gedanken von «Get Going!» liegt die Philosophie des «Möglichmachens» zugrunde. Bei «Get Going!» handelt es sich um eine Anstossfinanzierung. Es werden vier solcher Beiträge à 25 000 Franken pro Jahr ausgeschrieben. Text von FONDATION SUISA

«Get Going!» geht in die dritte Runde

Die Empfängerinnen und Empfänger der «Get Going»-Beiträge 2019 (von oben links nach unten rechts): Anna Gosteli, Michel Barengo, Jessiquoi, Félix Bergeron (Iynnu) und Jérémie Zwahlen. (Fotos: zVg)

«Get Going!» soll für möglichst viele musikalisch-kreative Menschen zugänglich sein. Die Musikschaffenden sollten in ihren kreativen Vorstellungen möglichst wenig eingeengt werden.

«Get Going!» 2020: Ausschreibung

Anmeldeschluss: 31.08.2020

Die Ausschreibung ist bewusst offen gehalten und verzichtet auf gängige Genre-, Alters- oder Projektkategorien.

Bewerben können sich Urheberinnen und Urheber, Autorinnen und Autoren sowie Musikerinnen und Musiker, die einen deutlichen Bezug zum aktuellen schweizerischen oder liechtensteinischen Musikschaffen nachweisen können.

Bitte beachten Sie:

  • Wir nehmen keine zusätzlichen Dokumente, weder elektronisch noch in anderer Form, entgegen.
  • Über das Auswahlverfahren können wir keine Korrespondenz führen oder telefonische Auskünfte geben.
  • Bei Bedarf kann die Jury Rückfragen stellen.
  • Die Jury, bestehend aus vier Personen des Stiftungsrates, beurteilt die Bewerbungen und trifft die Wahl. Ein entscheidendes Auswahlkriterium ist dabei die Substanz und Originalität der eingereichten Begründung.

Zur Bewerbung:

Für eine gültige Bewerbung füllen Sie bitte das folgende Online-Formular bis zum 31.08.2020 vollständig aus:

«Get Going!» 2020 Online-Formular

Im Verlauf des Herbstes 2020 wird sich die Jury mit den eingereichten Dossiers auseinandersetzen. Sie erhalten dann eine Rückmeldung zu Ihrer Bewerbung.

www.fondation-suisa.ch/de/werkbeitraege

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«Get Going!» ermöglicht neue Perspektiven: Dem Gedanken von «Get Going!» liegt die Philosophie des «Möglichmachens» zugrunde. Bei «Get Going!» handelt es sich um eine Anstossfinanzierung. Es werden vier solcher Beiträge à 25 000 Franken pro Jahr ausgeschrieben. Text von FONDATION SUISA

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Die Empfängerinnen und Empfänger der «Get Going»-Beiträge 2019 (von oben links nach unten rechts): Anna Gosteli, Michel Barengo, Jessiquoi, Félix Bergeron (Iynnu) und Jérémie Zwahlen. (Fotos: zVg)

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«Get Going!» 2020: Ausschreibung

Anmeldeschluss: 31.08.2020

Die Ausschreibung ist bewusst offen gehalten und verzichtet auf gängige Genre-, Alters- oder Projektkategorien.

Bewerben können sich Urheberinnen und Urheber, Autorinnen und Autoren sowie Musikerinnen und Musiker, die einen deutlichen Bezug zum aktuellen schweizerischen oder liechtensteinischen Musikschaffen nachweisen können.

Bitte beachten Sie:

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«Diese Krise weist auf eine kranke Gesellschaft hin»

Im Rahmen des Projekts «Music for Tomorrow» stellen wir dieses Mal den Schweizer Jazz- und Improvisationsmusiker Cyril Bondi und sein Stück «We Need To Change» vor. Im schriftlichen Interview erzählt Cyril, warum aus seiner Sicht die Politik und nicht der Virus für die jetzige Krise verantwortlich ist. Text von Nina Müller; Video von Cyril Bondi, bearbeitet von Nina Müller

Der 40-jährige Cyril Bondi bezeichnet sich selbst als Experimentator, der es liebt, mit anderen zusammen zu arbeiten. Der gebürtige Genfer bewegt sich musikalisch im Bereich von Jazz und Free Jazz. Als Rückgrat seiner Musik bezeichnet er die Improvisation. «Sie hat es mir ermöglicht, in unterschiedlichen Kontexten zu spielen und mich in einem Jazz-Trio (Plaistow) ebenso wohl zu fühlen wie im experimental/traditional Genre (La Tène), in einem Pop-Rock-Duo (Cyril Cyril) oder bei einer punktuellen Zusammenarbeit für verschiedene Projekte», sagt er im schriftlichen Interview mit der SUISA. Mit seiner Musik überschreitet Cyril regelmässig musikalische Grenzen, die sich die Gesellschaft im Laufe der Jahre gesetzt hat. «Ich versuchte schon immer, Neues zu entwickeln, neue Konzepte, mein Instrument anders zu spielen, es zu dekonstruieren, neu zu erfinden und neue Klänge und Texturen zu suchen», sagt Cyril über seine musikalische Entwicklung.

Exklusiv für «Music for Tomorrow» hat Bondi das Stück «We Need To Change» komponiert. Vor dem Lockdown war Bondi damit beschäftigt, mehrere Stücke für sein kommendes Soloalbum zu schreiben. Wegen der Coronavirus-Pandemie musste er alle Projekte abbrechen. Als er die Einladung zu «Music for Tomorrow» erhielt, wurde ihm bewusst, wie gross sein Bedürfnis nach einer Veränderung ist. Die Erarbeitung des Stückes empfand Cyril als sehr intensiv. «Intensiv, weil ich darin die Chance sah, einem in der heutigen Situation verbreiteten Gefühl Ausdruck zu verleihen, dieser merkwürdigen Mischung zwischen der klaren Feststellung, dass unsere Gesellschaft zusammenbricht und der Verleugnung dieser Situation», erklärt Bondi. «Ich spüre diese Spannung zutiefst, und der kreative Raum, auf den ich mich einliess, hat mir erlaubt, dies auf meine eigene Art und Weise auszudrücken». Ausserdem sei es für ihn ungewohnt, alleine zu arbeiten, da er meist mit Bands oder Orchestren zusammenarbeitet.

Cyril Bondi, wie sieht dein Arbeitsalltag als Komponist während der Corona-Pandemie aus?
Cyril Bondi: Ich organisiere meine Arbeitstage rund um das Familienleben. Ich habe drei Kinder zu Hause, muss mich also immer wieder um sie kümmern, ihnen bei den Hausaufgaben helfen, sie beschäftigen. Damit ich mit meiner Arbeit vorankomme, stehe ich manchmal früh auf oder befasse mich am Abend mit meinen verschiedenen Projekten. Seien wir ehrlich: Diese Pandemie hat die Kulturkreise mit voller Wucht getroffen, und besonders auch die Musikerinnen und Musiker, deren langjährige prekäre Lage nun deutlich zu Tage tritt. Ich verbringe also sehr viel Zeit damit, Konzertabsagen und -verschiebungen zu organisieren und mich über die verschiedenen Unterstützungsbeiträge zu informieren. Ausserdem bin ich Mitglied der Genfer Föderation der Musikschaffenden, die die Berufsmusiker vom Hip-Hop bis zur zeitgenössischen Musik vereint und in der wir für dieses pandemiegebeutelte Umfeld gemeinsame Forderungen ausarbeiten. Es bleibt mir also wenig Zeit für die künstlerische Tätigkeit: Irgendwann musste ich aber zu meiner Kompositionsarbeit zurückkehren; ich schrieb neue Stücke, ohne zu wissen, für wen eigentlich und mit welchem Ziel vor Augen, ausser dass ich mich wieder kreativ betätigte. Zudem nutzte ich die Gelegenheit, die Aufnahmen für das Album Cyril Cyril (Pop, Rock) und für mein Soloalbum (experimental) voranzutreiben.

Was bedeutet diese Krise für dich persönlich?
Diese Krise weist auf eine kranke Gesellschaft hin. Wir befinden uns nämlich in dieser Situation nicht weil sich ein Virus ausgebreitet hat, sondern weil politische Entscheidungen uns in diese Lage geritten haben. Wir sparen bei den öffentlichen Diensten und Spitälern, wir holzen ab, beuten aus, plündern und verbrauchen. Ich versuche nun zu lesen, mich zu informieren, mit anderen zu diskutieren, Musik zu hören. Es ist eine düstere Zeit, die mir vor Augen führt, wie stark wir die Kultur, die Künste, die Künstlerinnen und Künstler brauchen, um uns zu inspirieren, zum Träumen zu bringen, zur Flucht zu bewegen und zum Nachdenken anzuregen. Noch nie brauchten wir sie so sehr.

Wie kann dich das Publikum im Moment unterstützen?
Die Menschen müssen merken, in welcher Notlage sich die Kulturschaffenden befinden, und sie dürfen hinter ihren Computern und Smartphones nicht denken, dass sie damit irgendwie helfen. Sie müssen CDs kaufen, ihre Lieblingskünstler unterstützen, die Musik jener hören, die in ihrem Umfeld leben, und vor allem dürfen sie die Konzertsäle, Theater und Festivals nicht fallenlassen, wenn diese wieder öffnen dürfen. Denn das ist eine meiner Befürchtungen für die Zukunft. Wenn die Leute dann immer noch Angst haben, sich zu treffen, zu berühren, zu umarmen oder zusammen zu tanzen: Wie werden wir dann wieder schöne Momente der Musik teilen können?

Hilft es dir, wenn Leute auf Spotify und Co. mehr deine Musik streamen?
Vermutlich sagen alle dasselbe. Spotify, Youtube, Facebook sind Unternehmen, die so viel Geld wie möglich machen wollen, indem sie die Ressourcen anderer auswerten. Und ich gehöre nun mal zu diesen «anderen». Ich werde nie etwas von dem erhalten, was konsumiert wird.

Was könnte deiner Meinung nach, die momentane Situation an Positives mit sich bringen?
Meine Hoffnung liegt in der kollektiven Erfahrung, die wir gerade durchleben. Sind wir intelligent genug, um zu merken, dass eine Welt mit weniger Flug- und Autoverkehr, mit mehr Natur, einem verlangsamten Rhythmus, mehr Zeit für die Familie und mehr Solidarität eine Welt ist, in der wieder Hoffnung aufkommen kann? Unsere kapitalistische Gesellschaft führt uns in den Untergang, packen wir doch die Gelegenheit, uns eine neue Welt vorzustellen, sie zu erfinden und zu schaffen. Das tönt naiv, doch ich habe das Gefühl, dass heute jeder und jede in der Lage ist, dies zu verstehen!

Was möchtest du deinen Fans mit auf den Weg geben?
Hört Musik, singt, tanzt, geht aus!

www.cyrilbondi.net

«Music for Tomorrow»
Die Covid19-Krise trifft die Mitglieder der SUISA besonders hart. Die Haupteinnahmequelle vieler Komponistinnen, Komponisten, Verlegerinnen und Verleger fällt komplett weg: Auftritte jeglicher Art sind bis auf Weiteres vom Bund verboten worden. In den nächsten Wochen porträtieren wir auf dem SUISAblog einige unserer Mitglieder. Sie erzählen uns, was sie während der Covid19-Krise bewegt, was ihre Herausforderungen sind und wie ihr Arbeitsalltag derzeit aussieht. Die Musikerinnen und Musiker haben zudem für den SUISAblog zu Hause oder in ihrem Studio eine Eigenkomposition performt und gefilmt. Die SUISA bezahlt den Musikerinnen und Musikern für diese Aktion eine Gage.
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Rappenspalten im digitalen MusikvertriebRappenspalten im digitalen Musikvertrieb Das Geschäft im Online-Bereich ist – nicht nur für Urheberrechtsgesellschaften – durch einen dauernden Wandel geprägt. Im zweiten Teil des Gesprächs macht SUISA-CEO Andreas Wegelin einen Ausblick, was der heutige Stand ist und über welche Szenarien diskutiert wird. Weiterlesen
«Répondez-Moi»: Dritter Schweizer ESC-Song aus dem SUISA Songwriting Camp«Répondez-Moi»: Dritter Schweizer ESC-Song aus dem SUISA Songwriting Camp Mit «Répondez-Moi» schickt die Schweiz zum ersten Mal seit 2010 wieder einen französischsprachigen Beitrag zum Eurovision Song Contest. Geschrieben wurde der Song von Gjon Muharremaj (Gjon’s Tears) und den SUISA-Mitgliedern Alizé Oswald und Xavier Michel vom Duo Aliose zusammen mit dem belgischen Produzenten Jeroen Swinnen am SUISA Songwriting Camp. Weiterlesen
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Im Rahmen des Projekts «Music for Tomorrow» stellen wir dieses Mal den Schweizer Jazz- und Improvisationsmusiker Cyril Bondi und sein Stück «We Need To Change» vor. Im schriftlichen Interview erzählt Cyril, warum aus seiner Sicht die Politik und nicht der Virus für die jetzige Krise verantwortlich ist. Text von Nina Müller; Video von Cyril Bondi, bearbeitet von Nina Müller

Der 40-jährige Cyril Bondi bezeichnet sich selbst als Experimentator, der es liebt, mit anderen zusammen zu arbeiten. Der gebürtige Genfer bewegt sich musikalisch im Bereich von Jazz und Free Jazz. Als Rückgrat seiner Musik bezeichnet er die Improvisation. «Sie hat es mir ermöglicht, in unterschiedlichen Kontexten zu spielen und mich in einem Jazz-Trio (Plaistow) ebenso wohl zu fühlen wie im experimental/traditional Genre (La Tène), in einem Pop-Rock-Duo (Cyril Cyril) oder bei einer punktuellen…Weiterlesen

Erinnerung an einen aussergewöhnlichen Menschen und begnadeten Musiker

Der Pianist Willy Bischof war eine feste Grösse in der Schweizer Jazzszene und prägte als Musikredaktor und Programmleiter die Programme von Radio DRS. Im Dezember 2019 ist das langjährige SUISA-Mitglied im Alter von 74 Jahren gestorben. Nachruf von Gastautor Pietro Schaller

Willy Bischof: Erinnerung an einen aussergewöhnlichen Menschen und begnadeten Musiker

Willy Bischof im Studio Mulinetti in Genua anlässlich der CD-Produktion zu «A Pianist In Paris» im September 2004. (Foto: Pietro Schaller)

Lieber, caro Willy

1968 sah und hörte und dich zum ersten Mal – als Pianist eines Quintetts in einem Tanzlokal. Als Gitarrist und Posaunist musizierte ich ebenfalls in einer Dancingband. Den Entschluss «auszusteigen» fällte ich Mitte Mai 1978. Auslöser war ein Kontakt zu Radio Bern, welches Juli 1974 eine Live-Aufnahme unserer Band im Kursaal Bern produzierte – Georges Pilloud war der Initiator.

Ende Mai 1978 kontaktierte ich dich im Radio Studio Bern: «Benötigt ihr einen Archivmitarbeiter?» «Nein! Ein Produzent wird dringend benötigt, komm nach Bern, Details werden später besprochen.» Das erste Treffen mit dir fand im Hörspiel-Studio statt. Du am Steinway Concert Grand. «Kennst du Cantaloupe Island?» fragte ich, du spieltest es sofort. Möglicherweise war dies der Auftakt zu unserer langjährigen Beziehung.

Montag, 3. Juli 1978, war mein erster Arbeitstag im Radiostudio Bern. Kein Willy war da, ich war auf mich allein gestellt, denn dein Arbeitsplatz war am Jazzfestival Montreux – zusammen mit Ruedi Kaspar. Mehrere Jahre wart ihr das «Radio Dreamteam» in Montreux – unvergessen sind eure mehrsprachigen Interviews mit Weltklasse-Musikern. Dass du Jahre zuvor einen brillanten Coup gelandet hast, indem du die Senderechte für alle Liveübertagungen auf Radio DRS2 erwarbst, war mir damals nicht bekannt.

Die folgenden 2 Monate waren ein Crashkurs «So funktioniert Radio DRS»: Abteilungsstrukturen, Lesen und Interpretieren von Sitzungsprotokollen, sowie Redeweise und Befindlichkeiten von Medienschaffenden. Bei Überschreitung der «ordentlichen» Arbeitszeit wurden diese Nachhilfestunden in den Garten einer nahegelegenen Wirtschaft verlegt.

Den Programmbereich Unterhaltungsmusik DRS1 zu leiten war dein Plan. Zusammen mit Ruedi Kaspar erfandst du «5 nach 4», die erste Radiosendung mit Pop-und Rockmusik. Polo Hofer war eine Entdeckung von euch beiden, die Präsenz in dieser Sendung war der Grundstein zu Polos Karriere und des Mundart-Rock.

Deine Vorgaben für ein ausgewogenes Musikprogramm DRS1 waren für mich mit Leichtigkeit einzuhalten. Wie du hatte ich keine Berührungsängste mit jeglicher Art von Musik: Es musste nach unserer Auffassung gut musiziert werden und gut klingen. Schallplatten fast jeglichen Genres waren zahlreich vorhanden, alle MusikredaktorInnen unterhielten umfangreiche eigene Archive. Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt, dass du mittels vorzüglicher Beziehungen zur Schallplattenindustrie schätzungsweise 5 Jahre zuvor eine unentgeltliche Bemusterung ins Leben riefst – eine klassische win-win Situation. Ohne dieses Husarenstück wären deine Vorstellungen von einem erfolgreichen DRS1 RadioMusikprogramm gescheitert – schlicht und ergreifend, weil das erwünschte Musikrepertoire nicht vorhanden war.

Die Berufung zum «Chef Unterhaltungsmusik Radio DRS1» erfolgte 1978. Im folgenden Jahr war dein neuer Arbeitsort das Studio Zürich, Ruedi Kaspar «dislozierte» ins Studio Basel. Dass dies der Auftakt zu DRS3 war mir unbekannt. Allerdings wurde Radio-intern vermutet, dass ein 3. Radioprogramm in der Projektierungsphase sein könnte. Im Herbst 1982 folgte ich deinem Ruf zum Wechsel ins Studio Zürich, um den «Zürcher»-Anteil der Musikredaktion aufzubauen. Mit dem Erfolg von Radio 24 (Sendestart 28.11.1979) erhöhte Radio DRS das Realisierungstempo.

Am 1. November 1983 betätigte SRG -Generaldirektor Leo Schürmann symbolisch den Startknopf: DRS3 sendete zu ersten Mal.

Die anschliessenden 5 Jahre waren die erfolgreichsten von DRS3, trotz teilweise gewichtiger Meinungsverschiedenheiten der drei Redaktionen in Basel, Bern und Zürich. Du als «Ressortleiter Musik» bewältigtest diese Schwierigkeiten mit grossem Sachverstand, mit Behutsamkeit und sanftem Druck.

1988 erfolgte der Weggang von DRS3 in Richtung DRS2. Möglicherweise hinterliessen immer wieder aufkeimende Grundsatzdiskussionen zum Thema «Musik» sowie überbordende Sitzungen und Bürokratie ihre Spuren. Mag auch sein, dass deine Liebe zu Jazz und Musizieren als Kadermitglied bei DRS3 zu kurz kam. Die Übernahme des Ressort «Jazz» war der Auftakt zur Etablierung der «CHJazzszene», welche mit Studiosessions für den Nachwuchs und weniger bekannten Formationen eine wertvolle Plattform wurden. Für Radio DRS2 ein wichtiges Unterfangen, das den Sender auch als Kulturförderungsinstitution etablierte.

1991 war das Geburtsjahr des «Apéro» die von dir konzipierte Radiosendung auf DRS2. Anlässlich einer jährlich stattfindenden Studioparty im Studio 2 in Zürich spieltest du am Konzertflügel ein Duke Ellington-Medley, bei dem allen Anwesenden – Radiodirektor Andreas Blum war auch dabei – bewusst wurde, dass du ein brillanter Pianist bist.

Schon seit jeher war ich ein grosser Hazy Osterwald-Fan. Meine Idee war, das Jazz-Repertoire des Osterwald-Sextets mit einer identischen Formation bestehend aus dir und ehemaligen DRS-Band Musikern neu zu produzieren. Gemeinsam entdeckten wir im Zürcher Radioarchiv mehr als 70 Aufnahmen von Hazys bester Formation aus den Jahren 1951-1964. Jazz von allerhöchstem Niveau in hervorragender Aufnahmequalität, produziert von Radio Beromünster im Studio in Basel mit Eddie Brunner als Tonmeister – ehemals Mitglied und später Bandleader der famosen Teddy Stauffer Band. Mit deiner Hilfe gelang 1994 ein bedeutsames Dokument des Schweizer Jazzʼ aus den Jahren 1951-1964, die CD-Box «50 Years of Music with a Touch of Swing» wurde ein grosser Erfolg.

Unser Vorhaben, eine Produktion mit den nachproduzierten «Hazy Osterwald Jazz Hits» zu realisieren wurde nach reiflicher Überlegung nicht verwirklicht: Sound, Charme, Groove dieser Epoche waren zu einmalig und konnten nicht reproduziert werden … Ein kluger Entscheid und ein Hinweis auf die grossartige Aufnahmetechnik von Radio Beromünster und dem Producing von Eddie.

Im November des gleichen Jahres fanden im «Bierhübeli» die «Berner Song-Tage» statt. Deine 1993 gegründete Formation, das Willy Bischof Jazztet mit Hazy Osterwald, Willy Schmid, Peter Schmidlin und Stefan Kurmann wurde als Ehrengast eingeladen. Radio DRS1 zeichnete das Konzert auf. Die anschliessende CD «Swiss Air» ist heute noch erhältlich.

1998 wurde dir für die Radiosendung «Apéro» der längst fällige «Prix Walo» überreicht.

Willy Bischof beim Warm-up im Studio. (Foto: Pietro Schaller)

2004 reifte bei mir die Idee, eine Aufnahme mit dir als Solopianist zu produzieren. Vorgesehen war das Studio Mulinetti in Genua. Zur Diskussion standen Versionen von italienischen Klassikern wie beispielsweise Roma Nun Faʼ Stupido Stasera oder Estaté. Keine Überzeugungsarbeit benötigte es meinerseits – du warst sofort begeistert von dem Vorhaben. Das Repertoire stellten wir gemeinsam zusammen. Victor Eugster von «Activ Records» finanzierte das Projekt. Produktionstermin war Ende September 2004. Jedoch kurz vor dem Aufnahmetermin wechseltest du die Meinung: «Ich möchte lieber französische Chansons in meinen eigenen Versionen aufnehmen – ein CD Titel ist schon vorhanden – ‹A Pianist In Paris›» … Passende Chansons waren schnell evaluiert. Ich reiste nach Camogli – 30 km östlich von Genua – damals meine zweite Heimat um die Produktion vorzubereiten.

Die Session war erfolgreich – alle Beteiligten verstanden sich ausgezeichnet, und du spieltest wie immer hervorragend. Mir bleibt die Erinnerung, dass dies eventuell einer deiner glücklisten musikalischen Momente war.

Deine Pensionierung 2005 ermutigte mich, ein Jahr später ebenfalls in den Ruhestand zu gehen. In den folgenden Jahren wurden unsere Treffen seltener – auf Umwegen erfuhr ich, dass deine Gesundheit instabil geworden sei. Letzter persönlicher Kontakt war anlässlich eines von mir organisierten Konzerts mit deinem Trio am 21. Januar 2011 im Hotel Palace Luzern.

Zurück bleibt die Erinnerung an einen aussergewöhnlichen Menschen und begnadeten Musiker. Als
Vorgesetzter erschienst du mir nicht, ein Freund warst Du.

Addio Willy

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Der Pianist Willy Bischof war eine feste Grösse in der Schweizer Jazzszene und prägte als Musikredaktor und Programmleiter die Programme von Radio DRS. Im Dezember 2019 ist das langjährige SUISA-Mitglied im Alter von 74 Jahren gestorben. Nachruf von Gastautor Pietro Schaller

Willy Bischof: Erinnerung an einen aussergewöhnlichen Menschen und begnadeten Musiker

Willy Bischof im Studio Mulinetti in Genua anlässlich der CD-Produktion zu «A Pianist In Paris» im September 2004. (Foto: Pietro Schaller)

Lieber, caro Willy

1968 sah und hörte und dich zum ersten Mal – als Pianist eines Quintetts in einem Tanzlokal. Als Gitarrist und Posaunist musizierte ich ebenfalls in einer Dancingband. Den Entschluss «auszusteigen» fällte ich Mitte Mai 1978. Auslöser war ein Kontakt zu Radio Bern, welches Juli 1974 eine Live-Aufnahme unserer Band im Kursaal Bern produzierte – Georges Pilloud war der Initiator.

Ende Mai 1978 kontaktierte ich dich im Radio Studio Bern: «Benötigt…Weiterlesen

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Nik Bärtsch (48) ist ein erfolgreicher Jazz-Pianist, der mit seiner Familie in Zürich zuhause ist. Nebst Musik hat der gebürtige Zürcher auch Philosophie, Linguistik und Musikwissenschaften studiert. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass Musik für ihn eine tiefere Bedeutung hat. Auf seiner Website beschreibt er seine Musik folgendermassen: «Ein Stück kann wie ein Raum betreten, bewohnt werden. Durch obsessive Drehmomente, Überlagerungen verschiedener Metren und Mikrointerplay bewegt sich die Musik fort und verändert ihre Zustände. Die Aufmerksamkeit wird auf die minimen Variationen und Phrasierungen gelenkt. Die Band wird so zum Integralen Organismus – wie ein Tier, ein Biotop, ein urbaner Raum. Man soll mit Ohren und Händen denken.»

Mit seiner Band Ronin lebt er diese Philosophie und tourte bereits in Europa, Asien und den USA. Mit seinen Formationen Nik Bärtsch’s Ronin und Nik Bärtsch’s Mobile sowie auch solo hat der Musiker über dreizehn Tonträger veröffentlicht, die bei wöchentlichen Auftritten im Rahmen seiner Konzertreihe im Zürcher Club Exil performt werden. Seit 2006 hat er sein eigenes Label «Ronin Rhythm Records».

Für «Music for Tomorrow» hat Nik Bärtsch das Stück «Modul 5» performt. Er sagt zu dem Stück: «Das Stück besteht aus einem kleinen komplexen Pattern in 6/4, welches sich im Laufe des Stücks über das ganze Klavier ausbreitet. Ich bin auf dieses Pattern recht früh gestossen in meiner musikalischen Entwicklung und es hat mich ständig begleitet über die Jahre. So erlebt das an sich früh komponierte Stück eine ständige Evolution wie auch ich selber. Wir arbeiten quasi gemeinsam daran, dass unsere Beziehung immer einfacher, direkter und trotzdem tiefer und geheimnisvoller wird – so wie auch meine Frau und ich zusammen unser Leben gestalten.»

Nik Bärtsch, wie sieht dein Arbeitsalltag als Komponist während der Corona-Pandemie aus?
Nik Bärtsch: Ich bin ganz selbständig tätig als Komponist, Pianist, Bandleader, Produzent und Verleger. Im Moment ist daher der einzige Unterschied verglichen mit der Zeit vor dem Virus, dass ich viel weniger reise. Alle internationalen Konzerte, Produktionen und Workshops fallen ja aus. Ich habe also nun ständig den Alltag, den ich auch sonst zwischen den Reisen zu Hause habe: Ich komponiere, übe, probe, organisiere und kommuniziere abwechselnd. Dazu teile ich mit meiner beruflich ebenfalls sehr aktiven Frau das Familienleben mit unseren Kindern.
Wie auch sonst braucht es dafür viel Liebe zum Leben, Disziplin, Struktur aber auch Kreativität und Lust auf Überraschungen.
Da wir dies alles auch sonst auf hohem Niveau organisieren und pflegen wollen, war es für uns keine grosse Umstellung. Unsere Kinder sind auch sonst oft zu Hause und nicht im Hort oder sonst irgendwo versorgt. Wir machen alle Kampfkunst und daher haben wir auch die Möglichkeit, gemeinsam auf der Wiese vor dem Haus zu trainieren.
Unsere Montags-Konzert-Serie im EXIL Club führen wir vorläufig als reines Streaming weiter (www.yourstage.live). Der Montag bleibt also der ritualisierte lokale Konzerttag und die Community und die verschiedenen Teams bleiben so auch konstant in Kontakt.

Was bedeutet diese Krise für dich persönlich?
Sie zeigt mir wie alle heftigen Krisen genau, wo ich stehe als Künstler und Mensch und fordert wiedermal bedingungslos meine Kreativität, Integrität und Resilienz.
Als selbständiger Musiker ist dies aber ja oft sowieso der Normalzustand. Die grosse Frage ist aber: Wie überleben Gruppen, Ensembles, Bands und Konzertorte mittelfristig den momentanen Wandel? Wir sind da alle stark auch als Gemeinschaft gefordert. Die Fragen, die sich stellen, sind aber nützlich: Was bedeutet mir als Profi Musik? Was bedeutet sie uns allen? Wie zahlen wir für Musik und die Leistungen dahinter? Wie verbinden wir die Wertschätzungs- mit der Wertschöpfungskette sinnvoll?

Wie kann dich das Publikum im Moment unterstützen?
Indem es meine und unsere Leistungen honoriert: Also indem es unsere kostenpflichtigen Streams anschaut und unsere Musik auch auf allen anderen Medien konsumiert und weiterverbreitet. Und indem es sich genau informiert, wie Musikproduktion und -präsentation funktioniert: Wie viele Menschen und deren Leistungen stecken doch dahinter, wenn mir ein wunderbarer Song durch den Tag hilft.

Hilft es dir, wenn Leute auf Spotify und Co. mehr deine Musik streamen?
Die Anzahl Streams muss schon sehr hoch sein, damit diese Art von Bezahlung funktioniert. Es hilft aber trotzdem. Alles hängt zusammen und je mehr auch unabhängigere Artists gehört und geteilt werden, desto besser. Die lokale, authentische und spezielle Kunst und Initiative nährt letztlich die globale kommerzielle Entwicklung. Das haben wir auf unseren Tourneen um die Welt überall feststellen können.

Was könnte deiner Meinung nach die momentane Situation an Positivem mit sich bringen?
Ich versuche immer in jeder Situation das Positive herauszulesen und etwas zu lernen. Die momentane Situation prüft unseren Wohlstand, unsere Sicherheit und damit auch unsere Arbeitstechnik wieder Mal grundsätzlich. Das ist wertvoll. Nur wenn wir erkennen, wie überlebenswichtig die Musik, ihr inspirierendes Umfeld und ihre wunderbaren Möglichkeiten sind, können wir auch den professionellen Umgang damit wertschätzen. Die SUISA und zum Beispiel der Verband der Schweizer Musikschaffenden kommunizieren dies sehr gut. Jede und jeder Musikschaffende sollte dies ebenso lustvoll und professionell tun.

Was möchtest du deinen Fans mit auf den Weg geben?
Sei ehrlich in Deinem Umgang mit der Musik: Kein Mensch nimmt in der Bäckerei einfach ein Brot gratis mit.
Also geniesse die Musik mit dem Bewusstsein, dass Menschen liebevoll und mit bedingungsloser Hingabe daran gearbeitet haben.
Ich habe kürzlich ein E-Mail eines Notarztes aus Australien erhalten. Er hat sich bei mir bedankt für die Musik. Er gehe jede Herausforderung der letzten Jahre – das Hochwasser, das Buschfeuer und jetzt den Virus – an, indem er am Morgen einen meiner Tracks höre und einen Kaffee dazu trinke. Dann wisse er, warum er das alles tue und ertrage auch Tod, Schmerz und Gefahr. Die Musik gebe ihm Kraft, Menschen zu bergen, zu retten und ihnen zu helfen. Ich habe da begriffen, dass ich mich besser bedingungslos auf die Musik konzentriere als überall auch noch ein bisschen mitzuhelfen. Die Inspirationskette funktioniert in diesem Fall präzis: Wir konzentrieren uns beide auf das Wesentliche. Seine Integrität, sein Talent und seine Professionalität helfen mir und umgekehrt. So helfen wir beide wieder anderen. Die gesellschaftliche Wertschätzung- und Wertschöpfung funktioniert nur gemeinsam.

www.nikbaertsch.com

«Music for Tomorrow»
Die Covid19-Krise trifft die Mitglieder der SUISA besonders hart. Die Haupteinnahmequelle vieler Komponistinnen, Komponisten, Verlegerinnen und Verleger fällt komplett weg: Auftritte jeglicher Art sind bis auf Weiteres vom Bund verboten worden. In den nächsten Wochen porträtieren wir auf dem SUISAblog einige unserer Mitglieder. Sie erzählen uns, was sie während der Covid19-Krise bewegt, was ihre Herausforderungen sind und wie ihr Arbeitsalltag derzeit aussieht. Die Musikerinnen und Musiker haben zudem für den SUISAblog zu Hause oder in ihrem Studio eine Eigenkomposition performt und gefilmt. Die SUISA bezahlt den Musikerinnen und Musikern für diese Aktion eine Gage.
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Mit dem Projekt «Music for Tomorrow» möchte die SUISA ihre Mitglieder in dieser schwierigen Zeit unterstützen. Wir bieten den Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform, auf der sie über ihre aktuelle Situation im Lockdown erzählen und eines ihrer Werke vorstellen dürfen. Diese Woche stellen wir euch den Schweizer Pianisten, Komponisten und Musikproduzenten Nik Bärtsch und sein Stück «Modul 5» vor. Im Interview erzählt Nik von seinem Lockdown-Alltag mit seiner Familie und was er mit einem australischen Notarzt gemeinsam hat. Text von Nina Müller; Video von Nik Bärtsch, ergänzt von Nina Müller

Nik Bärtsch (48) ist ein erfolgreicher Jazz-Pianist, der mit seiner Familie in Zürich zuhause ist. Nebst Musik hat der gebürtige Zürcher auch Philosophie, Linguistik und Musikwissenschaften studiert. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass Musik für ihn eine tiefere Bedeutung hat. Auf seiner Website…Weiterlesen

«Diese Situation wird alle – Musiker, Techniker, Insider – auf die Probe stellen»

Mit dem Projekt «Music for Tomorrow» möchte die SUISA ihre Mitglieder in dieser schwierigen Zeit unterstützen. Wir bieten den Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform, auf der sie über ihre aktuelle Situation im Lockdown erzählen und eines ihrer Werke vorstellen dürfen. Den Auftakt macht die Tessiner Komponistin und Harfenistin Kety Fusco. Im schriftlichen Interview spricht sie über ihren Alltag im Lockdown und warum sich bei ihr eigentlich gar nicht so viel geändert hat. Text von Nina Müller; Video von Kety Fusco, bearbeitet von Nina Müller

Kety Fusco (27) spielt elektrische Harfe und komponiert ihre eigenen Songs. Sie begann bereits mit sechs Jahren Harfe zu spielen. Die klassische Harfe wurde ihr dann aber irgendwann zu langweilig und so entdeckte sie die elektronische Harfe für sich. Kety Fusco ist auch Teils des Kollektivs «Peter Kernel and their wicked orchestra» vom Duo Barbara Lehnhoff (Camilla Sparksss) und Aris Bassetti, welche ebenfalls SUISA-Mitglieder sind. 2018 durfte Kety Fusco am Locarno Film Festival vor Bundesrat Alain Berset auftreten. Am 8. Mai erscheint ihr Debutalbum «Dazed» beim Label Sugar Music. Kety Fusco ist in Arbedo (TI) zu Hause und ist seit 2018 Mitglied der SUISA.

Für «Music for Tomorrow» hat Kety Fusco den bisher unveröffentlichten Song «Saceba» performt. Sie sagt zu dem Song: «‹Saceba› wurde in einer ehemaligen Zementfabrik in der Talsohle des südlichsten Tals der Schweiz geboren. Ich war an diesem Ort, bezaubernd und düster zugleich, um einer Tanz- und Musik-Aufführung Leben einzuhauchen.

Schon am ersten Tag, als ich das Hauptgebäude betrat, wurde mir nach und nach klar, dass sich dort ein Klangschatz verbarg. Am nächsten Tag ging ich mit verschiedenen Gegenständen (Steinen, Werkzeugen, Instrumenten) und meinem Aufnahmegerät zurück, um vom ersten bis zum obersten Stockwerk das ganze Saceba (so hieß die Fabrik) aufzunehmen: das Reiben des Betons und den Klang der großen Echos dieser wunderbaren Industriearchäologie.

Zu Hause angekommen, lud ich alle Klänge auf meinen Computer herunter und baute das Stück auf, indem ich meine Schritte gedanklich nachvollzog und mir eine Geschichte vorstellte, die sich innerhalb der Mauern der Fabrik abspielte. Dann fügte ich mit meiner Harfe echte Musik hinzu und betrachtete sie als den Soundtrack, den ich gerne gehört hätte, als ich das Saceba zum ersten Mal betrat: den Soundtrack der Zementfabrik.»

Kety Fusco, wie sieht dein Arbeitsalltag als Komponistin/Textautorin während der Corona-Pandemie aus?
Kety Fusco: Ich spiele jeden Tag vier Stunden lang klassische Harfe, wobei ich zwei Stunden an der Technik des Instruments arbeite und die anderen zwei Stunden Stücke spiele, die ich aufnehmen möchte. Ich spiele noch etwa zwei Stunden oder so mit meiner elektrischen Harfe und bereite mein neues Live-Set vor.

Was bedeutet diese Krise für dich persönlich?
Ich halte nie mit der Welt Schritt, weil mir alles zu schnell geht. Wenn ich nicht auf Tournee bin, bleibe ich gerne zu Hause, nehme mir viel Zeit zum Spielen, Studieren und widme mich meinen Harfen. Mein Debütalbum «Dazed» wird am 8. Mai bei Sugar Music erscheinen, und ich arbeite an meinem neuen Live-Set. Ich bin sehr inspiriert, wenn um mich herum nichts passiert und ich alles in meinem Kopf lebe. Der Virus hat meine Art, die Dinge zu tun, nicht verändert – er hat meine Art zu sein, verbessert. Wenn ich auf der Straße herumlaufe und den Lärm der Autos nicht höre, fühle ich mich gut. Zu wissen, dass niemand außerhalb meines Hauses ist und das tägliche Leben lebt, aber eine «tägliche Überraschung» zu erleben, inspiriert mich dazu, mir Geschichten in meinem Kopf vorzustellen. Ich glaube, dass alle vergessen werden, was wir durchgemacht haben. Es muss für einige wie ein schlechter Traum gewesen sein und für andere wie eine schwierige Erinnerung.

Wie kann dich das Publikum im Moment unterstützen?
Ich würde mich wirklich freuen, wenn das Publikum mein Debütalbum hören würde und damit einen Beitrag zum Streaming-Musikmarkt leisten würde, von dem ein Teil meines Einkommens abhängt.

Hilft es dir, wenn Leute auf Spotify und Co. mehr deine Musik streamen?
Ja, absolut. Mit der Krise fielen die Streams um 33%, und für die gesamte Musikindustrie war das ein schwerer Schlag.

Was könnte deiner Meinung nach, die momentane Situation an Positives mit sich bringen?
Für Musiker gibt es meiner Meinung nach nichts Positives, auch wenn ich über Kreativität nachdenke: Für mich kommt sie nicht unbedingt dann, wenn ich aufhöre, wie es beim Covid-19 der Fall ist … in der Tat fühle ich mich meistens kreativer, wenn ich keine Zeit dafür habe. Diese Situation wird alle – Musiker, Techniker, Insider – auf die Probe stellen. Der Musikmarkt ist noch nie ganz verstanden worden, und ich glaube, es gibt nur sehr wenige Menschen, die verstehen, was es bedeutet, ein ganzes Jahr lang Konzerte verloren zu haben.

Was möchtest du deinen Fans mit auf den Weg geben?
Ich möchte alle meine Fans wissen lassen, dass ich sie alle umarmen möchte.

www.ketyfusco.com

«Music for Tomorrow»
Die Covid19-Krise trifft die Mitglieder der SUISA besonders hart. Die Haupteinnahmequelle vieler Komponistinnen, Komponisten, Verlegerinnen und Verleger fällt komplett weg: Auftritte jeglicher Art sind bis auf Weiteres vom Bund verboten worden. In den nächsten Wochen porträtieren wir auf dem SUISAblog einige unserer Mitglieder. Sie erzählen uns, was sie während der Covid19-Krise bewegt, was ihre Herausforderungen sind und wie ihr Arbeitsalltag derzeit aussieht. Die Musikerinnen und Musiker haben zudem für den SUISAblog zu Hause oder in ihrem Studio eine Eigenkomposition performt und gefilmt. Die SUISA bezahlt den Musikerinnen und Musikern für diese Aktion eine Gage.
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