Tagarchiv: Musikpreis

«Songs müssen für mich eine lyrische Tiefe haben»

Am 25. Mai 2022 wird an den Swiss Music Awards per Publikumsvoting auch der «Best Hit» für die beste Komposition ermittelt. Nominiert für die von der SUISA präsentierte Auszeichnung sind Zian, Joya Marleen und Lo & Leduc. Wir haben bei Zian und Henrik Amschler nachgefragt, welche Rolle der Text für den Song «Show You» spielt. Interview von Gastautor Markus Ganz

Zian und Henrik Amschler: «Songs müssen für mich eine lyrische Tiefe haben»

Zian (links) und Henrik Amschler. (Fotos: Jen Ries; Nina Müller)

Wie wichtig sind eurer Meinung nach die Lyrics für einen Song?

Zian: Für mich ist ganz klar: Die Lyrics sind entscheidend, ob ein Song sich länger halten kann oder nicht. Alle Songs, die über Jahrzehnte immer wieder angehört werden, sind Songs, die auch eine lyrische Tiefe haben. Deshalb sind Texte extrem wichtig. Kurzfristig mag ihre Bedeutung gleich gross wie die der Musik sein, was der Tantièmen-Aufteilung der SUISA entspricht. In längerer Hinsicht sind Texte aber wohl wichtiger, weil sie eine zusätzliche Ebene schaffen.

Ist die Musik bzw. der Sound also vergänglicher als ein guter Text?

Zian: Ich glaube, dass der Sound vor allem den Text unterstreicht. Wer zuhört, muss sich in einem Sound finden, der den Text unterstützt. Den alleinstehenden Text kann man zwar als Poesie verstehen, wenn es ein guter Text ist. Aber wir zielen ja darauf hin, in drei Minuten eine Geschichte zu erzählen, die vielleicht über mehrere Jahre passiert ist.
Henrik Amschler: Ich finde Vergänglichkeit nicht schlecht. Texte sind aber per se nicht so vergänglich wie Musik, die immer auch Trends folgt. Dies ist jedoch stark abhängig von den Künstlern und der Art ihrer Musik; in der Dancemusic etwa braucht es keine Tiefe in den Texten – sie soll zum Tanzen animieren. Bei Künstlern wie Zian ist es hingegen sehr wichtig, was sie in den Texten sagen, entsprechend sind die Songs weniger vergänglich.

Mit englischen Texten erweitert ihr den potentiellen Hörerkreis. Aber wären Mundarttexte nicht naheliegender beim Schreiben?

Henrik Amschler: Man darf nicht vergessen, dass sowohl der Schweizer Musikmarkt wie auch die Leute in der Schweiz allgemein stark international beeinflusst sind, vor allem vom englischen Sprachraum. Das heisst, bei gewissen Stilrichtungen kann man mit Texten in Englisch auf einer anderen Ebene starten, als dies mit Mundarttexten der Fall wäre. Viele Schweizer Künstler haben auch gezeigt, dass man zuerst im Ausland Erfolg haben muss, damit man in der Schweiz überhaupt wahrgenommen, auch ernstgenommen wird.

Habt ihr eine typische Vorgehensweise beim Schreiben von Songtexten?

Henrik Amschler: Tendenziell kann man schon sagen, dass wir ein Muster haben. Oft stellt mir Zian eine Idee vor und fragt nach meiner Meinung. Wenn ich begeistert bin, sage ich «Let’s go», sonst diskutieren wir weiter. Im Prozess bin ich dann aber eher für die musikalischen Aspekte zuständig. Zian steht immer im Mittelpunkt, denn der Text muss von ihm, aus seiner Persönlichkeit herauskommen.
Zian: Ja, denn er muss ehrlich sein.

Die Glaubwürdigkeit der Zian-Songs hängt also davon ab, dass man beim Hören spürt, dass Zian über etwas Persönliches singt?

Henrik Amschler: Die lyrische Absicht muss immer klar erkennbar von ihm kommen, deshalb ist er beim Text mehr involviert als ich; ich habe mehr eine stützende Funktion. Der Song «Show You» ist denn auch aus einer persönlichen Geschichte von Zian heraus entstanden, wie eigentlich alle unsere Lieder.

Was ist üblicherweise der Triggerpunkt für einen Text, für einen Song?

Beide: Das kann alles sein.
Zian: Oft ist es irgendeine Situation, und dann spürt man plötzlich, dass da etwas ist und dass man daran weiterarbeiten kann.
Henrik Amschler: Bei Zian merkt man auch beim Schreiben der Texte, dass er sehr musikalisch ist, er ist ja ein Multiinstrumentalist.
Zian: Es ist für mich vor allem eine starke Gefühlssache, da ist viel Herz dabei.
Henrik Amschler: Oft entscheidet auch, auf was wir gerade Lust haben, was gerade im Kopf ist und raus muss, in einen Text gefasst werden will, und dann machen wir die Musik dazu.
Zian: Oft kristallisiert sich dann ein Wort heraus, und wir spüren, in welcher Welt sich dieser Song befindet, das kann traurig sein und sich dann doch Richtung «happy» entwickeln.

Entwickelt ihr Musik und Text dann parallel weiter?

Zian: Ja, bis zu einem gewissen Punkt, wo es sich dann lohnt, den Text festzulegen, weil wir die Welt des Songs definiert haben; bis dahin ist ein Teil des Textes noch unverständliches «Mumble-Englisch».
Henrik Amschler: Ja, wenn wir die Rahmenbedingungen des Songs festgelegt haben, gehen wir tiefer in die Lyrics, und auch tiefer in die Produktion.

Müsst ihr Texte manchmal noch an eine fortgeschrittene Produktion anpassen?

Zian: Kaum, denn irgendwann ist der Text fertig; die Perfektion anstreben ist gut, aber erreichen kann man sie nicht. Er muss vor allem vom Gefühl her stimmen, und natürlich zur Musik passen, der Welt, die wir mit diesem Song geschaffen haben.
Henrik Amschler: Für mich ist klar: Ich priorisiere stets Zian mit seiner einzigartigen Stimme und seinen tiefgründigen Texten.
Zian: Man muss aber auch verstehen, dass wir uns im Popbereich bewegen, allzu komplex und abstrakt sollte der Text nicht werden – die Leute sollen ihn verstehen können. Je mehr Wörter man braucht, desto weniger Interpretationsspielraum haben die Leute beim Anhören.

«Show You»
Kompositon und Text: Tizian Hugenschmidt, Henrik Amschler.

www.zianmusic.com
www.henrik-hsa-amschler.ch

Swiss Music Awards: SUISA ehrt die Songwriter/innen des «Best Hit»
In der Kategorie «Best Hit» werden an den Swiss Music Awards jeweils die erfolgreichsten nationalen Songs der Schweizer Hitparade des Vorjahres nominiert und das Siegerlied wird während der TV-Show per Publikumsvoting ermittelt. Die SUISA ist dieses Jahr zum ersten Mal Presenting Partner des «Best Hit»-Award und stellt die Arbeit der Songwriterinnen, Songwriter, Textautorinnen und Textautoren des Siegersongs in den Vordergrund. 2022 sind in der Kategorie «Best Hit» die Songs «Show You», «Tribut» und «Nightmare» nominiert. (Text: Giorgio Tebaldi)
www.swissmusicawards.ch
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Zian und Henrik Amschler: «Songs müssen für mich eine lyrische Tiefe haben»

Zian (links) und Henrik Amschler. (Fotos: Jen Ries; Nina Müller)

Wie wichtig sind eurer Meinung nach die Lyrics für einen Song?

Zian: Für mich ist ganz klar: Die Lyrics sind entscheidend, ob ein Song sich länger halten kann oder nicht. Alle Songs, die über Jahrzehnte immer wieder angehört werden, sind Songs, die auch eine lyrische Tiefe haben. Deshalb sind Texte extrem wichtig. Kurzfristig mag ihre Bedeutung gleich gross wie die der Musik sein, was der…Weiterlesen

«Die Musik setzt den Text in einen Kontext»

Am 25. Mai 2022 wird an den Swiss Music Awards per Publikumsvoting auch der «Best Hit» für die beste Komposition ermittelt. Nominiert für die von der SUISA präsentierte Auszeichnung sind Lo & Leduc, Zian und Joya Marleen. Wir haben bei Lo & Leduc nachgefragt, welche Rolle der Text für den Song «Tribut» spielt. Interview von Gastautor Markus Ganz

Lo und Leduc: «Die Musik setzt den Text in einen Kontext»

Lo und Leduc. (Foto: Maximilian Lederer)

Wie wichtig sind eurer Meinung nach die Lyrics für einen Song?

Lo: Darüber kann man sich streiten. In unserem Fall sind sie aber wichtig; ich habe sicher ein grösseres Talent für Texte als für Gesang. Aus unserer Sicht ist Musikmachen mit schweizerdeutschen Texten grundsätzlich anspruchsvoller als mit englischen Texten, weil diese automatisch eine grössere Distanz zum Inhalt schaffen. Und mit Mundarttexten macht man Musik für ein vergleichsweise sehr kleines Publikum.
Leduc: Die Texte sind für uns das primäre Handwerk.

Habt ihr eine typische Vorgehensweise beim Schreiben der Songtexte?

Lo: Sehr unterschiedlich, es ist alles möglich. Meistens hat einer von uns eine Idee – das kann auch schon ein Refrain oder eine Melodie sein. Danach arbeiten wir teilweise einzeln, manchmal auch bereits zusammen. Spätestens gegen Schluss finalisieren wir alle Texte gemeinsam. Manchmal heisst das Feinschliff, manchmal aber auch: Wir schreiben die zweite Strophe und müssen dann die erste neu schreiben. Es gibt kein fixes Vorgehen, das Einzige, was sich eingebürgert hat, ist, dass ich ein Textarchiv führe und Luc ein Fotoarchiv.
Leduc: Es ist fast schon krankhaft, wie ich versuche, unsere Momente zu kategorisieren, weil ich Struktur benötige, um innerhalb der Ordner denken und arbeiten zu können. Es ist oft sehr spannend, wenn man derart eine neue Idee beim anderen platzieren kann. Wichtig ist auch, dass wir eigene Perspektiven einbringen. Mit einem neuen Ansatz sammelt man nicht nur Einfälle, man filtert unbewusst auch die Einfälle heraus, die für das Lied in Frage kommen könnten. Dann lassen wir der Songidee jeweils Zeit, zu gären, und köcheln die Idee später zusammen ein.

Die Musik des Songs «Tribut» stammt vom Produzenten-Team Jugglerz. Wie lief die Zusammenarbeit ab, gerade auch die Abstimmung von Text und Musik?

Lo: Dieses Lied ist ein Spezialfall. Die Idee zum Text ist etwa zehn Jahre alt, blieb aber unvollendet und deshalb liegen. Als wir 2020/21 mit den Jugglerz zu arbeiten begannen, haben wir sehr viele Beats und Songskizzen von ihnen durchgehört und sind dabei auf ein Gitarrenriff gestossen, das uns gepackt hat: Das passt zu diesem uralten Text! Also haben wir ihn wieder hervorgenommen, umgeschrieben und an die Musik angepasst.

War diese alte Textfassung ohne Musik?

Lo: Nein, es gab bereits Musik dazu, und wir haben in den letzten zehn Jahren einige Male versucht, einen Song daraus zu machen, sind aber immer stecken geblieben.
Leduc: Es ist ein schönes Beispiel dafür, dass die Zeit für einen Song manchmal noch nicht reif ist. «Tribut» enthält nun die älteste Zeile des aktuellen Albums «Mercato», aber auch die neuste: Der Schluss des Refrains war der letzte Teil, den wir für das Album geschrieben haben, ein grosser Spagat also.

Wie klar war die Zusammenarbeit mit den Jugglerz definiert?

Leduc: Manchmal verwischt die Arbeitsteilung zwischen Musik und Text, hier aber haben wir klar vorgängige Versionen gezeigt und festgestellt, dass ihre Skizzen zu unseren passen. Und dann haben wir unseren Text an den neuen Beat von ihnen angepasst.

«Tribut» hat einen vielschichtigen Text darüber, was Songs ausdrücken können und was nicht. Was war der Ausgangspunkt der ursprünglichen Version?

Lo: Die Grundidee ist am Anfang der ersten Strophe zu finden: das Gefühl, ein Liebeslied zu schreiben im Wissen, dass man der Liebe damit nicht gerecht werden kann, dieser Widerspruch. Da heisst es «aber Liebi isch kes Lied»; dies öffnet die Welt für dieses Lied und endet, dass Musik eben doch ein Vehikel ist, um solche Gefühle einzufangen, aber nicht so direkt.
Leduc: Textlich war wirklich schon alles vorhanden in der sehr frühen Version. Mir haben dann den Aspekt der Musik noch verstärkt, dass sie eine Art Datenspeicher von Erinnerungen ist, sogar wenn keine Musik ertönt: Bei Vinyl oder Kassetten kann man sogar die Pausen zwischen den Songs erkennen und in das Gesamte einordnen.

Wie weit haben sich in der Entwicklung des Songs dann euer Text und die Musik der Jugglerz gegenseitig beeinflusst?

Lo: Zuerst haben wir die Tonart ihrer Beat-Skizze angepasst, die ein rund 30-sekündiger Loop ohne Arrangement war. Dann haben wir den Text angepasst und zusammen mit Jonas Lang im Studio das Arrangement festgelegt: die Längen von Strophe, Pre-Chorus etc. Danach mussten wir den Refraintext praktisch neu schreiben, weil der nicht mehr funktionierte. Den Text an die Musik anpassen mussten wir auch am Schluss nochmals, wo die Ursprungsversion der Beat-Skizze zu hören ist.
Leduc: Darin zeigt sich schön, dass die Erinnerung an diesen ursprünglichen Beat zum Song geführt hat.

Oft entwickelt ein Songtext erst mit der Musik seine Wirkung, seinen Sinn. Was trägt die Musik zur Wirkung des eigentlich selbsterklärenden Textes von «Tribut» bei?

Leduc: Sie setzt den Text in einen Kontext; ein schönes Beispiel ist der Moment, wo sie am Schluss bricht und zur Moll-Paralleltonart wechselt: Das Bekannte wechselt in eine Art Parallelwelt.
Lo: Ich glaube schon vorher. Die Stimmung ist nicht traurig, aber es liegt eine gewisse Wehmut in der Musik.
Leduc: Ja, ich habe das Gefühl, dass die sehr konsequente Trap-Ästhetik hilft, eine Art Gegenpol zu schaffen, eine Balance zu finden, damit daraus nicht ein nostalgisches Lied wird, was im Mundartpop viel zu häufig passiert.

«Tribut»
Komposition: Jonas Lang (DJ Jopez), Joachim Piehl (Sir Jai), Martin Willumeit (DJ Meska) (Produzenten-Team bekannt als Jugglerz).
Text: Lorenz Häberli (Lo), Luc Oggier (Leduc).

www.lo-leduc.ch

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Lo und Leduc. (Foto: Maximilian Lederer)

Wie wichtig sind eurer Meinung nach die Lyrics für einen Song?

Lo: Darüber kann man sich streiten. In unserem Fall sind sie aber wichtig; ich habe sicher ein grösseres Talent für Texte als für Gesang. Aus unserer Sicht ist Musikmachen mit schweizerdeutschen Texten grundsätzlich anspruchsvoller als mit englischen Texten, weil diese automatisch eine grössere Distanz zum Inhalt schaffen. Und mit Mundarttexten macht man Musik für ein vergleichsweise sehr kleines Publikum.
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«Wenn alles klar verständlich wäre, würde der Text langweilig»

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Swiss Music Awards: «Wenn alles klar verständlich wäre, würde der Text langweilig»

Joya Marleen und Thomas Fessler. (Fotos: Rouven Niedermaier; Emanuel Muhl)

Wie wichtig sind eurer Meinung nach die Lyrics für einen Song?

Joya Marleen: Mega wichtig, die Lyrics sind essentiell! Olivia Rodrigo etwa hat sehr schöne, aber auch direkte, krasse Lyrics geschrieben, wo alles zusammenpasst, auch Amy Winehouse hat mich mit der sehr persönlichen Ehrlichkeit ihrer Texte beeindruckt.
Thomas Fessler: Ja, die Lyrics sind sehr wichtig, das zeigt nicht zuletzt, dass ihr Tantièmen-Anteil bei der SUISA 50 Prozent beträgt, also gleich viel wie derjenige der Musik.

Habt ihr eine typische Vorgehensweise beim Schreiben der Songtexte?

Joya Marleen: Ich gehe gerne von Wörtern aus, die irgendwie gut tönen oder eine Idee vermitteln, wohin sich der Song entwickeln soll oder wie eine Geschichte aussieht. Dementsprechend habe ich dann vielleicht drei Wörter, die im Song vorkommen müssen und dazu kommen dann die Gefühle, die dazugehören. Daraus kann sich dann der Song bilden. Aber meistens schreibe ich zuerst die Melodie zu den drei Wörtern.
Thomas Fessler: In diesen Wörtern ist bereits die Stimmung des Songs enthalten. Der Rest ist zunächst «Joghurttext»: unverständlicher oder sinnloser Text für die Stellen, wo der Text noch nicht feststeht.

Der nominierte Song «Nightmare» (Albtraum) zeigt, wie wichtig ein einziges Wort sein kann und bereits viele Emotionen auslösen kann. Joya, brachte das Wort Nightmare die Initialzündung für den Text des gleichnamigen Songs?

Joya Marleen: Ja, zusammen mit «Hold on, hold on», das ergibt schon fast einen Seemanns-Vibe, ein Albtraum auf einem Schiff, diese Atmosphäre passt gut.

Entstand die Musik daraus, quasi aus dem Schaukeln dieser drei Worte?

Thomas Fessler: Joya hatte diesen Refrain, die Kombination dieser Wörter und der Melodie, in einer Vorversion mit dem Smartphone aufgenommen und mir geschickt. Und ich dachte, uh, das ist etwas Besonderes, daraus kann man einen tollen Song machen.
Joya Marleen: Zu Beginn hatte der Song einen starken Reggae-Einschlag …

… der immer noch leicht herauszuhören ist in der rhythmischen Betonung, im Schaukeln dieser drei Wörter …

Beide: Ja!

Joya, wusstest du schon beim Wort «Nightmare», um was es in diesem Song gehen soll? Oder hat sich der Sinn des Songs erst nach und nach entwickelt?

Joya Marleen: Ich wollte, dass aus diesem Wort eine bizarre Stimmung entsteht. Deshalb habe ich diese Person beschrieben, die auf einen Albtraum wartet, weil es ihr langweilig ist. Der Albtraum ist für sie essentiell im Leben, sie sucht eine toxische Herausforderung. Der Song klingt bizarr, ist aber eigentlich sehr melancholisch, trotz der gegensätzlichen Gesangsstelle «Hold on!», und dies erzeugt eine Spannung.

Entstand der Rest des Textes dann parallel zur Musik?

Thomas Fessler: Joya hat während der Musikaufnahme auch am Text gefeilt, hier auf dem Sofa des Regieraums – und ihn dann auf der Heimfahrt im Zug fertig geschrieben, so wie sie es jeweils macht … Der Text hat keine klare Storyline, schafft eher eine Stimmung, ist quirlig und frisch, etwas schräg und auch etwas chaotisch. Das ist auch gut so, denn wenn alles klar verständlich wäre, würde der Text langweilig. Man muss sich beim Zuhören noch etwas vorstellen können.

«Nightmare»
Komposition: Joya Marleen und Thomas Fessler.
Text: Joya Marleen.

www.joyamarleen.com
www.571.ch

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Joya Marleen: Mega wichtig, die Lyrics sind essentiell! Olivia Rodrigo etwa hat sehr schöne, aber auch direkte, krasse Lyrics geschrieben, wo alles zusammenpasst, auch Amy Winehouse hat mich mit der sehr persönlichen Ehrlichkeit ihrer Texte beeindruckt.
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«Wir Komponisten sind wie Chirurgen an den Seelen der Menschen»

Der rumänische Komponist Sebastian Androne-Nakanishi hat schon in jungen Jahren internationales Aufsehen erregt. 2019 zog er in die Schweiz und ist vor Kurzem der SUISA beigetreten. Text von Gastautor Markus Ganz

Sebastian Androne-Nakanishi: «Wir Komponisten sind wie Chirurgen an den Seelen der Menschen»

Neu bei der SUISA: Sebastian Androne-Nakanishi. (Foto: Markus Ganz)

Die Musik von Sebastian Androne-Nakanishi ist schwer fassbar: Der 1989 geborene Rumäne komponiert sowohl Orchesterwerke, Kammermusik und Chorwerke wie auch Soundtracks für Film, Theater und Games. Er sei «ein wahres Talent, das Kreativität und Vielseitigkeit vereint», steht in der Begründung zur Auszeichnung als «Composer Of The Year 2022» der International Classical Music Awards. Zu seinen vielen Preisen gehört auch das «Golden Eye» des Internationalen Filmmusikwettbewerbs für den Soundtrack zum Animations-Kurzfilm «Happiness» – 304 Komponistinnen und Komponisten aus 44 Ländern hatten sich beworben.

Und doch gibt sich Sebastian Androne-Nakanishi im Interview bescheiden, ja demütig. «Manchmal fühle ich mich richtig klein mit all den Giganten von Komponisten hinter mir, deren Werke wir in der Ausbildung ja auch analysieren. Eingeschüchtert fühle er sich manchmal auch an Festivals für zeitgenössische Musik, aber nur zu Beginn. «Da präsentieren mir unbekannte Komponisten derart schlaue Theorien und Algorithmen, dass ich es kaum erwarten kann, diese selbst anzuwenden. Doch dann höre ich ihre Musik und denke mir, dass sie alles vermeiden, was mit Begriffen wie ‹Seele›, ‹Inspiration› oder ‹Gefühle› zu tun hat. Deshalb entsteht oft keine Kommunikation. Und darum sollte es in der Musik doch eigentlich gehen.»

Suche nach Authentizität

Dazu passt das Credo von Sebastian Androne-Nakanishi, wonach er nicht auf einer Reise der Originalität, sondern auf einer der Authentizität sei. «Es ist keine Suche nach klanglicher Neuartigkeit, sondern eine nach der aufrichtigsten, eloquentesten und aussagekräftigsten musikalischen Manifestation.» Strawinsky habe einmal bezüglich musikalischer Poesie gesagt, dass komplette Originalität ein Monster sei. Für Sebastian Androne-Nakanishi hat Originalität etwas Unredliches an sich, da sie immer nur ein Mittel zum Zweck sei, ein Werkzeug, um Erfolg zu haben. «Authentizität hingegen beinhaltet Ehrlichkeit, Ehrlichkeit im Sinne einer Reise der Selbstentdeckung, die Fragen aufwirft. Wer bin ich? Wer bin ich in der Beziehung zu anderen Menschen. Warum komponiere ich Musik, während andere Leute Leben retten?»

Es sind solche Fragen, die Sebastian Androne-Nakanishi erklärtermassen die ganze Zeit durch den Kopf gehen, seit er im ersten Jahr seines Studiums in Rumänien war. «Einer meiner Lehrer, Dan Voiculescu, sagte,wir Komponisten seien wie Chirurgen an den Herzen der Menschen, an den Seelen der Menschen. Das war mir zwar ein bisschen zu poetisch. Aber es gibt es immer wieder Leute, die nach einer Aufführung eines meiner Werke zu mir kommen und gestehen, die Musik habe sie bewegt, manche mit Tränen in den Augen. Diese Art von Reaktion ist für mich einer der Hauptgründe, weshalb ich weiterhin Musik schreibe, und vielleicht ist es genau das, was Authentizität ausmacht.» Er verhehlt aber nicht, dass das Komponieren für ihn auch eine hedonistische Seite habe. «Natürlich liebe ich den Nervenkitzel des Entdeckens, für mich ist Komponieren wie das Schreiben einer Geschichte Komponieren ist für mich wie das Schreiben einer Geschichte, die sich für mich entfaltet.»

Lohn für Komposition

Komponieren ist für Sebastian Androne-Nakanishi auch ein Kampf, «einen Sinn in etwas zu finden, das sich finanziell nicht lohnt. Der Bohème-Ansatz hat nur funktioniert, bis ich geheiratet habe, Vater eines Kinds wurde – und in das teuerste Land der Welt zog.» Umso wichtiger war ihm, eine solide Lösung für die Urheberrechte zu finden. «Als Komponist sind die Einkünfte aus Tantiemen, die man durch die Aufführung seiner Musik erhält, unverzichtbar. Nach mehreren Projekten in der Schweiz und Gesprächen mit Kollegen, die Mitglied bei der SUISA sind, wurde mir klar, dass auch ich der SUISA beitreten will.»

Angesichts der hohen Lebenskosten in der Schweiz sei aber auch der Druck gross, Auftragskompositionen anzunehmen, erklärt der Rumäne in seinem kleinen Studio, in das manchmal die durchdringenden Geräusche der darunterliegenden Zahnklinik dringen. «Manchmal arbeite ich wie jetzt an fünf oder sechs Projekten gleichzeitig – das ist der Wahnsinn.» Zudem bestehe dann die Gefahr, dass die Authentizität darunter leide, was er hasse. «Umso wichtiger ist es mir, eine Verbindung zu der Person aufzubauen, mit der ich zusammenarbeite. Wenn es sich um einen Film-Soundtrack oder Musik für ein Theaterstück handelt, ergibt sich daraus eine Art von Pingpong mit dem Regisseur. Wenn es ein reines Konzertstück ist, dann ist es ein bisschen schwieriger, weil ich mit mir selbst Pingpong spielen muss.»

Ein Albtraum für Sebastian Androne-Nakanishi ist erklärtermassen, mit seiner Musik zu langweilen oder mit kompositorischen Effekten etwas zu kompensieren, das nicht da ist. «Nach so viel Ausbildung beherrsche ich so viele Kompositionstechniken, dass es für mich einfach ist, etwas komplex klingen zu lassen.» Tatsächlich hat er nicht nur in Rumänien, Grossbritannien und Frankreich Komposition studiert, sondern schliesst zurzeit an der Zürcher Hochschule der Künste einen zweiten Master («Komposition für Film, Theater und Medien») ab und hat unzählige Masterclasses bekannter Komponisten besucht. «Die grösste Freude aber habe ich, Komplexität mit Einfachheit zu kombinieren, ohne einer Simplifizierung zu verfallen. Wenn man also die Kraft der Einfachheit mit dem kombiniert, was wir in einem Jahrhundert zeitgenössischer Musik angesammelt haben.»

Vielfalt der zeitgenössischen Musik

Grundlegend bleibt für Sebastian Androne-Nakanishi, mit seiner Musik eine Reaktion der Zuhörerinnen und Zuhörer zu erreichen, dass sie nicht gleichgültig bleiben. «Es ist unter bestimmten Umständen auch in Ordnung, wenn sie ein bisschen wütend werden. Aber wütend, weil sie etwas fühlen, etwas, das sie im Innersten ihres Wesens berührt.» Der Rumäne ist bestimmt kein radikaler Neutöner, aber er hat in seinem Orchesterstück «Tektonum» den Sound einer Kettensäge eingesetzt. «Ich habe das nicht gemacht, um die Leute zu verblüffen oder zu provozieren. Nein, in dem betreffenden Moment ging es mir um die musikalische Darstellung des Weltuntergangs, das ganze Stück ist von den Vorstellungen zur Entstehung und der Entwicklung der Welt inspiriert. Und schliesslich musste ich die menschliche Natur darstellen. Da fand ich in meiner Instrumentenbibliothek zufälligerweise diesen Sound einer Kettensäge. Da dachte ich mir: ja, das ist ein gutes Symbol für das, was wir tun.»

Sebastian Androne-Nakanishi scheint die vielen Ausdrucksmöglichkeiten zeitgenössischer Musik geradezu aufgesogen zu haben. Bei all der Vielfalt fragt sich, was typisch an seinen Kompositionen ist, ob es charakteristische Merkmale, etwas Unverwechselbares gibt. Der Komponist zögert kurz und meint dann: «Sie fragen nach meinem Stil. Dies war für mich schon in Rumänien ein beängstigendes Wort, denn ich spürte daraus einen akademischen Druck, ‹meine eigene Stimme› zu finden. Ich hasste den Ausdruck schon damals, weil er mir auferlegte, in eine Schublade gesteckt werden zu können, meiner Musik ein Etikett umzuhängen, etwa sie sei ‹post-strukturalistisch›, ‹von Boulez beeinflusst› oder was auch immer. Ich bekam das Gefühl, dass ich etwas auswählen und mich damit einschränken sollte. Das aber ist nicht mein Ding. Ich möchte alles machen können, frei sein. Wenn die Verwendung mehrerer Stile automatisch dazu führt, dass man als ‹eklektisch› oder ‹unbeständig› wahrgenommen wird, dann wird nur die Zeit zeigen, ob der abwertende Charakter dieser Bezeichnungen berechtigt war.»

Die Musik von Sebastian Androne-Nakanishi sei wie eine Achterbahn, soll ihm sein Dozent Joe Cutler einmal gesagt haben. «Das hat bis vor etwa zwei Jahren gestimmt. Bei meinem Masterprojekt in Zürich brachten mich aber einige Dozenten dazu, vieles zu hinterfragen, was ich machte. Eine sagte mir: ‹Sebastian, einige deiner Musikstücke sind beeindruckend. Aber sie bewegen mich nicht.› Das war schockierend und hat mich dazu gebracht, vieles zu hinterfragen.» Er habe realisiert, dass er manchmal einfach seine Dozenten habe zufriedenstellen wollen. «Stephan Teuwissen, der mich in Zürich in Musikdramaturgie unterrichtete, hat mir gesagt: ‹Hör auf, Papas zu suchen. Ich will keine Jünger, ich will einen Widerpart.› Ich muss also auf meine Art meine eigene Musik suchen und die Freiheit finden, mich immer wieder neu zu erfinden. Wenn das bedeutet, sich von einem Stil zum anderen zu entwickeln, dann soll es so sein. Aber wenn mich jemand fragt, was mein Stil ist, dann ist meine Antwort, dass es für jedes Stück das ist, was dieses erfordert.»

www.sebastianandrone.com, offizielle Website von Sebastian Androne-Nakanishi

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Neuerungen bei den Mitgliederdiensten der SUISANeuerungen bei den Mitgliederdiensten der SUISA Die SUISA baut seit Jahren ihr Online-Angebot insbesondere für Urheber/innen und Verleger/innen von Musik aus. Der Schlüsselbegriff ist Selfservices: Mitglieder sollen einfach und bequem alle Dienstleistungen der SUISA online abrufen können. Dies spart nicht nur Zeit für die Mitglieder: Die SUISA kann somit auch ihre Effizienz steigern und folglich mehr Geld an die Bezugsberechtigten verteilen. Im 2022 werden auch die Bedingungen für die Mitgliedschaft angepasst. Weiterlesen
Michael Künstle: «Orchestral Spaces» oder wenn Musik beim Hören räumlich fassbar wird«Orchestral Spaces» oder wenn Musik beim Hören räumlich fassbar wird Der Komponist Michael Künstle setzt sich in seinem Werk mit dem Wechselspiel zwischen klanglicher Dramaturgie und dramaturgischen Klängen auseinander. Nun möchte der 27-jährige Basler in seiner Forschung noch einen Schritt weiter gehen und den Klang eines Orchesters für den Hörer räumlich erfahrbar werden lassen. Weiterlesen
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Der rumänische Komponist Sebastian Androne-Nakanishi hat schon in jungen Jahren internationales Aufsehen erregt. 2019 zog er in die Schweiz und ist vor Kurzem der SUISA beigetreten. Text von Gastautor Markus Ganz

Sebastian Androne-Nakanishi: «Wir Komponisten sind wie Chirurgen an den Seelen der Menschen»

Neu bei der SUISA: Sebastian Androne-Nakanishi. (Foto: Markus Ganz)

Die Musik von Sebastian Androne-Nakanishi ist schwer fassbar: Der 1989 geborene Rumäne komponiert sowohl Orchesterwerke, Kammermusik und Chorwerke wie auch Soundtracks für Film, Theater und Games. Er sei «ein wahres Talent, das Kreativität und Vielseitigkeit vereint», steht in der Begründung zur Auszeichnung als «Composer Of The Year 2022» der International Classical Music Awards. Zu seinen vielen Preisen gehört auch das «Golden Eye» des Internationalen Filmmusikwettbewerbs für den Soundtrack zum Animations-Kurzfilm «Happiness» – 304 Komponistinnen und Komponisten aus 44 Ländern hatten sich beworben.

Und doch gibt sich Sebastian Androne-Nakanishi im Interview bescheiden, ja demütig. «Manchmal fühle…Weiterlesen

«Adiós»: Sommerhit nach karibischem Muster mit Cembalo | mit Video

An den «Swiss Music Awards» 2019 kann Loco Escrito zusammen mit vier Mitkomponisten auf die begehrten Betonklötze in der Kategorie «Best Hit» für den Song «Adiós» hoffen. Worin die Stärke des Songs liegt, erzählt der Musiker und Musikhochschuldozent Hans Feigenwinter in seiner Song-Analyse im Video. Text von Giorgio Tebaldi; Video von Sibylle Roth

Nicolas Herzig – wie Loco Escrito bürgerlich heisst – scheint die Erfolgsformel für Sommerhits gefunden zu haben. Nachdem er 2017 mit «Sin Ti» in den Schweizer Charts war, setzte er letztes Jahr noch einen obendrauf: Die Single «Adiós» hielt sich 29 Wochen in den Schweizer Charts und kletterte bis auf Platz 4. Damit gehörte der Song 2018 zu den drei erfolgreichsten Schweizer Tracks und ist dieses Jahr für die Auszeichnung als «Best Hit» an den Swiss Music Awards nominiert.

Abwechslungsreich und spannende Dramaturgie

Interessant am Song sei die Instrumentierung der Strophen, meint Hans Feigenwinter. Er ist selber Musiker und unterrichtet an den Musikhochschulen in Basel und Luzern Musikwissenschaften. Im Video analysiert er den Song ausführlich.

Für Nicolas Herzig und den Mitkomponisten und Produzenten Henrik Amschler war es wichtig, dass «Adiós» abwechslungsreich bleibt und eine spannende Dramaturgie hat. Im schriftlichen Interview sagt Amschler: «Da der Song zum Beispiel keine klassische Bridge mit einem Akkordwechsel nach dem zweiten Chorus hat sondern drei Parts, war es uns wichtig, dass jeder Part auf seine Weise speziell ist.» Die verschiedenen Songparts haben entsprechend auch andere Stimmungen, wie Amschler hinzufügt: «Der erste Teil des zweiten Parts ist rhythmisch und animiert zum Tanzen. Der erste Teil des dritten Parts hingegen ist sphärisch und sehr emotional.»

(Internationales) Teamwork beim Songwriting

Neben Amschler und Herzig waren noch drei weitere Musiker am Songwriting von «Adiós» beteiligt. Der Bündner Komponist Sandro Dietrich und der ebenfalls aus Graubünden stammende Latin-Rapper, Sänger, Perkussionist und Musikproduzent Lou Geniuz alias Lou Zarra legten die musikalische Grundlage, die schon sehr weit ausgearbeitet war, wie Amschler sagt. Für die Lyrics wurde Nicolas Herzig vom kolumbianischen Musiker Jonathan Ruiz Mejia unterstützt. «Danach lag es an Loco und mir, es weiter zu führen, den Song anzupassen und fertig zu machen», schreibt Amschler.

Die Songwriter und der Produzent haben bewusst darauf verzichtet, zu viele Instrumente zu verwenden. « Wir hatten eigentlich noch mehr Instrumente vorgesehen, beispielsweise im Chorus», erklärt Henrik Amschler. «Im Endeffekt entschieden wir uns dann aber zu reduzieren, um der Stimme mit diversen Harmonien noch mehr Platz zu geben.» Dennoch überrascht «Adiós» mit interessanten Klängen, wie beispielsweise einem Cembalo-ähnlichen Sound – was für Pop-Musik eher unüblich sei, meint Hans Feigenwinter.

«Swiss Music Awards»: SUISA ehrt die Songwriter des «Best Hit»

«Adiós» gehört zu den drei nominierten Songs für den «Best Hit» bei den nächsten «Swiss Music Awards», die am Samstag, 16. Februar 2019, im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) verliehen werden. Die SUISA ist «Supporting Partner» der Veranstaltung. Bereits zum vierten Mal werden im Namen der SUISA beim «Best Hit»-Award auch die Komponisten und Textautoren des Siegersongs geehrt. Nominiert sind:

  • «079» von Lo & Leduc (Songwriter: Lorenz Häberli, Maurice Könz, Luc Oggier)
  • «Adiós» von Loco Escrito (Songwriter: Henrik Amschler, Sandro Dietrich, Nicolas Herzig, Jonathan Ruiz Mejia, Luigi Zarra)
  • «Us Mänsch» von Bligg feat. Marc Sway (Songwriter: Marco Bliggensdorfer, Fred Herrmann, Marc Sway)

www.locoescrito.com
www.henrik-hsa-amschler.ch

Hans Feigenwinter stammt aus Basel. In jungen Jahren spielte er in Pop- und Indierockbands. Später studierte er Klavier an der Swiss Jazz School in Bern und war seither als Pianist und Komponist in diversen Formation aktiv. Aktuell ist er neben Solo-Konzerten vor allem in den Trios Hans Feigenwinter ZINC und Feigenwinter Oester Pfammatter zu hören. Er ist Dozent an den Musikhochschulen in Basel und Luzern. www.hansfeigenwinter.ch
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«079»: Eine tragikomische Hit-Geschichte | mit Video«079»: Eine tragikomische Hit-Geschichte | mit Video Mit «079» haben Lo & Leduc und ihr Mitkomponist Maurice «Dr. Mo» Könz Geschichte geschrieben: Im letzten Jahr hielt sich der Song ganze 21 Wochen an der Spitze der hiesigen Hitparade – und erzielte damit einen Schweizer Rekord. «079» ist einer der drei nominierten Songs für die «Best Hit»-Auszeichnung an den «Swiss Music Awards» 2019. Der Musiker und Dozent für Musikwissenschaften Hans Feigenwinter hat die Hit-Komposition analysiert. Weiterlesen
«Us Mänsch»: Last Minute-Hit mit sehr viel Energie | mit Video«Us Mänsch»: Last Minute-Hit mit sehr viel Energie | mit Video «Us Mänsch» von Bligg und Marc Sway gehörte letztes Jahr zu den erfolgreichsten Schweizer Songs. Dabei rutschte der Song erst in letzter Minute aufs Bligg-Album «KombiNation». Nun ist der Song für die «Best Hit»-Auszeichnung an den «Swiss Music Awards» 2019 nominiert. Der Musiker und Musikhochschuldozent Hans Feigenwinter hat die Komposition von «Us Mänsch» analysiert. Weiterlesen
Auszeichnung für Songwriter bei den Swiss Music Awards | mit VideoAuszeichnung für Songwriter bei den Swiss Music Awards | mit Video Der Newcomer Nickless und der renommierte Produzent Thomas Fessler gewannen den ersten Preis für Songwriter bei den Swiss Music Awards 2016. Der gemeinsam komponierte Siegersong «Waiting» ist nicht vom Himmel gefallen sondern bedeutete viel Arbeit im Teamwork. Auch bei den Swiss Music Awards 2017 zeichnet die SUISA die Leistung der Komponisten und Textautoren mit einer Auszeichnung aus. Weiterlesen
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An den «Swiss Music Awards» 2019 kann Loco Escrito zusammen mit vier Mitkomponisten auf die begehrten Betonklötze in der Kategorie «Best Hit» für den Song «Adiós» hoffen. Worin die Stärke des Songs liegt, erzählt der Musiker und Musikhochschuldozent Hans Feigenwinter in seiner Song-Analyse im Video. Text von Giorgio Tebaldi; Video von Sibylle Roth

Nicolas Herzig – wie Loco Escrito bürgerlich heisst – scheint die Erfolgsformel für Sommerhits gefunden zu haben. Nachdem er 2017 mit «Sin Ti» in den Schweizer Charts war, setzte er letztes Jahr noch einen obendrauf: Die Single «Adiós» hielt sich 29 Wochen in den Schweizer Charts und kletterte bis auf Platz 4. Damit gehörte der Song 2018 zu den drei erfolgreichsten Schweizer Tracks und ist dieses Jahr für die Auszeichnung als «Best Hit» an den Swiss Music Awards nominiert.

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«Us Mänsch»: Last Minute-Hit mit sehr viel Energie | mit Video

«Us Mänsch» von Bligg und Marc Sway gehörte letztes Jahr zu den erfolgreichsten Schweizer Songs. Dabei rutschte der Song erst in letzter Minute aufs Bligg-Album «KombiNation». Nun ist der Song für die «Best Hit»-Auszeichnung an den «Swiss Music Awards» 2019 nominiert. Der Musiker und Musikhochschuldozent Hans Feigenwinter hat die Komposition von «Us Mänsch» analysiert. Text von Giorgio Tebaldi; Video von Manu Leuenberger

Bligg und Marc Sway haben zusammen schon ein paar Songs geschrieben. Bei der Single «Us Mänsch» standen sie erstmals gemeinsam am Mikrofon. Mit Erfolg: Die Single wurde 2018 mit Platin ausgezeichnet.

Weshalb ist der Song für die Zuhörer so attraktiv? Hans Feigenwinter, der an den Musikhochschulen in Basel und Luzern Musikwissenschaften unterrichtet und selber Pianist und Komponist ist, meint: «Es ist sehr viel Energie da, es ist ein sehr leidenschaftlicher Sprechgesang.» In seiner Song-Analyse, die im Video zu sehen ist, hört er im Stück etwas Feierliches: «Ich musste an eine Predigt denken.»

Last Minute-Hit

Neben Bligg und Marc Sway war auch der langjährige Produzent und Co-Komponist von Bligg, Fred Herrmann, am Songwriting von «Us Mänsch» beteiligt. Im schriftlichen Interview schilderte Fred Herrmann, wie der Song entstand:

«‹Us Mänsch› war ein typischer Last-Minute-Hit! Es war der allerletzte Song, den wir für das Album ‹KombiNation› geschrieben und produziert haben. Bligg meinte, er habe noch eine coole Text-Idee auf Lager mit dem Wortspiel ‹Us Mänsch›, den er unbedingt noch umsetzen wolle. Da wir schon ziemlich hinter dem Zeitplan lagen, haben wir parallel gearbeitet. Während ich an der Komposition und Produktion gearbeitet habe, hat Bligg bei sich zu Hause am Text gefeilt und seine Vocals aufgenommen. Er hat mir immer wieder neue Vocal-Spuren von sich geschickt, die ich entweder gleich einbaute oder wieder in Frage stellte und nach Anpassung verlangte. Es war eine richtige Ping-Pong-Party! Irgendwann hatten wir den Song zusammen, aber wir fanden, dass der Refrain unbedingt von einer männlichen Hammer-Stimme eingesungen werden muss. Uns kam ziemlich schnell Marc Sway in den Sinn, den wir beide schon sehr lange und gut kennen! Mister Sway kam zweimal für je zwei Stunden ins Studio und fertig war der Refrain! Das Schöne am Komponieren ist, dass immer wieder unvorhersehbar ein solcher Song entsteht, bei dem alles passt.»

«Swiss Music Awards»: SUISA ehrt die Songwriter des «Best Hit»

«Us Mänsch» gehört zu den drei nominierten Songs für den «Best Hit» bei den nächsten «Swiss Music Awards», die am Samstag, 16. Februar 2019, im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) verliehen werden. Die SUISA ist «Supporting Partner» der Veranstaltung. Bereits zum vierten Mal werden im Namen der SUISA beim «Best Hit»-Award auch die Komponisten und Textautoren des Siegersongs geehrt. Nominiert sind:

  • «079» von Lo & Leduc (Songwriter: Lorenz Häberli, Maurice Könz, Luc Oggier)
  • «Adiós» von Loco Escrito (Songwriter: Henrik Amschler, Sandro Dietrich, Nicolas Herzig, Jonathan Ruiz Mejia, Luigi Zarra)
  • «Us Mänsch» von Bligg feat. Marc Sway (Songwriter: Marco Bliggensdorfer, Fred Herrmann, Marc Sway)

www.bligg.ch
www.marcsway.ch

Hans Feigenwinter stammt aus Basel. In jungen Jahren spielte er in Pop- und Indierockbands. Später studierte er Klavier an der Swiss Jazz School in Bern und war seither als Pianist und Komponist in diversen Formation aktiv. Aktuell ist er neben Solo-Konzerten vor allem in den Trios Hans Feigenwinter ZINC und Feigenwinter Oester Pfammatter zu hören. Er ist Dozent an den Musikhochschulen in Basel und Luzern. www.hansfeigenwinter.ch
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«079»: Eine tragikomische Hit-Geschichte | mit Video«079»: Eine tragikomische Hit-Geschichte | mit Video Mit «079» haben Lo & Leduc und ihr Mitkomponist Maurice «Dr. Mo» Könz Geschichte geschrieben: Im letzten Jahr hielt sich der Song ganze 21 Wochen an der Spitze der hiesigen Hitparade – und erzielte damit einen Schweizer Rekord. «079» ist einer der drei nominierten Songs für die «Best Hit»-Auszeichnung an den «Swiss Music Awards» 2019. Der Musiker und Dozent für Musikwissenschaften Hans Feigenwinter hat die Hit-Komposition analysiert. Weiterlesen
Marc Sway: «Man schreibt viel mehr Songs, als es für ein Album braucht» | mit Video«Man schreibt viel mehr Songs, als es für ein Album braucht» | mit Video Bei einem Besuch in seinem Studio im Januar 2018 hat das langjährige SUISA-Mitglied Marc Sway einen Einblick in sein Schaffen und sein Berufsleben als Musiker gegeben. Mitte Oktober 2018 erschien mit der Single «Beat Of My Heart» der erste Vorbote seines nächsten Albums, dessen Entstehungsprozess im Videointerview ein Hauptthema war. Weiterlesen
Kreatives Teamwork am SUISA Songwriting Camp 2018 | mit VideoKreatives Teamwork am SUISA Songwriting Camp 2018 | mit Video Zum zweiten Mal führte die SUISA in Zusammenarbeit mit Pele Loriano Productions ein Songwriting Camp durch. Austragungsort waren wie bei der Premiere vergangenes Jahr die Powerplay Studios in Maur. Insgesamt nahmen 36 Musikerinnen und Musiker aus 8 Ländern an der 3-tägigen Veranstaltung im Juni 2018 teil. Entstanden sind 19 Pop-Songs von unterschiedlicher stilistischer Ausprägung. Weiterlesen
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«Us Mänsch» von Bligg und Marc Sway gehörte letztes Jahr zu den erfolgreichsten Schweizer Songs. Dabei rutschte der Song erst in letzter Minute aufs Bligg-Album «KombiNation». Nun ist der Song für die «Best Hit»-Auszeichnung an den «Swiss Music Awards» 2019 nominiert. Der Musiker und Musikhochschuldozent Hans Feigenwinter hat die Komposition von «Us Mänsch» analysiert. Text von Giorgio Tebaldi; Video von Manu Leuenberger

Bligg und Marc Sway haben zusammen schon ein paar Songs geschrieben. Bei der Single «Us Mänsch» standen sie erstmals gemeinsam am Mikrofon. Mit Erfolg: Die Single wurde 2018 mit Platin ausgezeichnet.

Weshalb ist der Song für die Zuhörer so attraktiv? Hans Feigenwinter, der an den Musikhochschulen in Basel und Luzern Musikwissenschaften unterrichtet und selber Pianist und Komponist ist, meint: «Es ist sehr viel Energie da, es ist ein sehr leidenschaftlicher Sprechgesang.»…Weiterlesen

«079»: Eine tragikomische Hit-Geschichte | mit Video

Mit «079» haben Lo & Leduc und ihr Mitkomponist Maurice «Dr. Mo» Könz Geschichte geschrieben: Im letzten Jahr hielt sich der Song ganze 21 Wochen an der Spitze der hiesigen Hitparade – und erzielte damit einen Schweizer Rekord. «079» ist einer der drei nominierten Songs für die «Best Hit»-Auszeichnung an den «Swiss Music Awards» 2019. Der Musiker und Dozent für Musikwissenschaften Hans Feigenwinter hat die Hit-Komposition analysiert. Text von Giorgio Tebaldi; Video von Sibylle Roth

Wie «079» den Weg in die Schweizer Charts fand, ist bereits eine bemerkenswerte Geschichte. Lo & Leduc boten den Song und das dazugehörige Album «Update 4.0» im Februar 2018 kostenlos zum Streamen und Herunterladen auf ihrer Website an – «aus Freude», wie sie damals in einem Interview sagten. Dem Publikum gefiel der Song so gut, dass er immer zahlreicher gekauft und eifrig gestreamt wurde. Damit schaffte es «079» auf Platz 1 der Schweizer Single-Hitparade und behielt dort 21 Wochen lang die Spitzenposition inne.

Geschrieben wurde der Song von Lorenz Häberli (Lo), Luc Oggier (Leduc) und dem Berner Komponisten, DJ und Performer Maurice Könz, besser bekannt als Dr. Mo. Letzterer schrieb die Melodie, zu der Lo & Leduc den Text beisteuerten. «Der Text und die Musik entstanden unabhängig voneinander», erzählt Dr. Mo über die Entstehung des Stücks im schriftlichen Interview. Beide Elemente seien schon fast fertig gewesen, als sie schliesslich kombiniert wurden. «Wir hatten versucht, den Text mit einem anderen Beat zu kombinieren, beziehungsweise einen anderen Text über den Beat zu machen», schreibt Dr. Mo. «Aber diese Ideen wurden schnell verworfen. Als wir dann den Text mit dem Beat kombinierten, wussten wir sofort, dass alles passt.»

Originell, rührig, etwas absurd

Zum Erfolg beigetragen hat nicht zuletzt die Geschichte, die im Song erzählt wird. «Es ist eine tragikomische Geschichte. Sie ist originell, sie ist nachvollziehbar, sie ist rührig; das Ganze hat etwas Absurdes», sagt der Pianist und Komponist Hans Feigenwinter, der an den Musikhochschulen in Basel und Luzern Musikwissenschaften unterrichtet. Seine Analyse des Songs ist im Video zu sehen.

Dass die Suche nach den passenden Wörtern bisweilen sehr zeitintensiv ist, erläutert Dr. Mo an einem konkreten Beispiel: «Am längsten dauerte die Suche nach dem passenden Personalpronomen. Wir waren unsicher, ob man die Geschichte versteht, wenn zwei verschiedene Sänger aus der Ich-Perspektive singen, aber dieselbe Person darstellen. Wir überlegten uns also auch von ‹ihm› zu erzählen, was die personelle Verwirrung auflösen würde. Dies verursachte jedoch Probleme bei Konjugationen, Reimen und emotionaler Zugänglichkeit. Schliesslich haben wir uns zu Recht dafür entschieden, dem Hörer die Ich-Perspektive zuzumuten.»

«Swiss Music Awards»: SUISA ehrt die Songwriter des «Best Hit»

«079» gehört zu den drei nominierten Songs für den «Best Hit» bei den nächsten «Swiss Music Awards», die am Samstag, 16. Februar 2019, im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) verliehen werden. Die SUISA ist «Supporting Partner» der Veranstaltung. Bereits zum vierten Mal werden im Namen der SUISA beim «Best Hit»-Award auch die Komponisten und Textautoren des Siegersongs geehrt. Nominiert sind:

  • «079» von Lo & Leduc (Songwriter: Lorenz Häberli, Maurice Könz, Luc Oggier)
  • «Adiós» von Loco Escrito (Songwriter: Henrik Amschler, Sandro Dietrich, Nicolas Herzig, Jonathan Ruiz Mejia, Luigi Zarra)
  • «Us Mänsch» von Bligg feat. Marc Sway (Songwriter: Marco Bliggensdorfer, Fred Herrmann, Marc Sway)

www.lo-leduc.ch
www.drmo.ch

Hans Feigenwinter stammt aus Basel. In jungen Jahren spielte er in Pop- und Indierockbands. Später studierte er Klavier an der Swiss Jazz School in Bern und war seither als Pianist und Komponist in diversen Formationen aktiv. Aktuell ist er neben Solo-Konzerten vor allem in den Trios Hans Feigenwinter ZINC und Feigenwinter Oester Pfammatter zu hören. Er ist Dozent an den Musikhochschulen in Basel und Luzern. www.hansfeigenwinter.ch
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Kreatives Teamwork am SUISA Songwriting Camp 2018 | mit VideoKreatives Teamwork am SUISA Songwriting Camp 2018 | mit Video Zum zweiten Mal führte die SUISA in Zusammenarbeit mit Pele Loriano Productions ein Songwriting Camp durch. Austragungsort waren wie bei der Premiere vergangenes Jahr die Powerplay Studios in Maur. Insgesamt nahmen 36 Musikerinnen und Musiker aus 8 Ländern an der 3-tägigen Veranstaltung im Juni 2018 teil. Entstanden sind 19 Pop-Songs von unterschiedlicher stilistischer Ausprägung. Weiterlesen
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Alle Kommentare werden moderiert. Bis zur Freischaltung kann es etwas dauern. Es besteht kein Anspruch auf Veröffentlichung eines verfassten Kommentars. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, die den Nutzungsbedingungen widersprechen, nicht zu veröffentlichen.

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Mit «079» haben Lo & Leduc und ihr Mitkomponist Maurice «Dr. Mo» Könz Geschichte geschrieben: Im letzten Jahr hielt sich der Song ganze 21 Wochen an der Spitze der hiesigen Hitparade – und erzielte damit einen Schweizer Rekord. «079» ist einer der drei nominierten Songs für die «Best Hit»-Auszeichnung an den «Swiss Music Awards» 2019. Der Musiker und Dozent für Musikwissenschaften Hans Feigenwinter hat die Hit-Komposition analysiert. Text von Giorgio Tebaldi; Video von Sibylle Roth

Wie «079» den Weg in die Schweizer Charts fand, ist bereits eine bemerkenswerte Geschichte. Lo & Leduc boten den Song und das dazugehörige Album «Update 4.0» im Februar 2018 kostenlos zum Streamen und Herunterladen auf ihrer Website an – «aus Freude», wie sie damals in einem Interview sagten. Dem Publikum gefiel der Song so gut, dass er…Weiterlesen

New Jersey, südlich von Bern

Polo Hofer erhält den Preis der FONDATION SUISA 2017 in der Kategorie «Textautoren/innen». Was das Schaffen des Preisträgers auszeichnet, schildert der Berner Singer/Songwriter Christoph Trummer im Gastbeitrag.

New Jersey, südlich von Bern - Polo Hofer Preis der FONDATION SUISA 2017

Polo Hofer, Gewinner des Preises der FONDATION SUISA 2017, hat mit seinen Songtexten Eingang in die Volkskultur gefunden und das Lebensgefühl Rock’n’Roll für die Deutschschweiz übersetzt. (Foto: Patric Spahni)

Man könnte es kurz machen: Der Preis der FONDATION SUISA ist ein Anerkennungspreis für besonderes Schaffen. 2017 wird er zum ersten Mal an eine Textautorin oder einen Textautoren vergeben. Polo Hofer war nominiert. Was sonst hätte die Jury tun sollen?

Aber diesem würdigen Preisträger und seinem Werk widmen wir gerne etwas mehr Worte.

Menschen, die mit Jahrgängen nach 1970 in der Deutschschweiz aufgewachsen sind, dürften Mühe haben, sich ihre Schulzeit, ihre Jugend und das Leben in der Schweiz an sich vorzustellen ohne Polo Hofer und seine Songs und Texte. Einige, wie «Bin i gopfriedstutz e Kiosk» bis «Bim Sytesprung im Minimum e Gummi drum», sind zu Bonmots geworden, die aus der Alltagssprache nicht wegzudenken sind. «Alperose» können auch Menschen mitsingen, bei denen nicht mal die Eltern eine Polo-Hofer-CD besitzen.

Songtexte wurden zu Volkskultur

Diese Texte sind Volkskultur geworden, mit Sicherheit im deutschsprachigen Landesteil. Mit Polos Diskografie seit den frühen Rumpelstilz-Jahren lässt sich auch die Geschichte einer bewegten Schweiz nacherzählen. Der «Summer 68», als man (offenbar) zum Kiffen nach Kabul gereist ist. Die wilden 70er als Jahre des Aufbruchs, mit Rosmarie bis nach Spanien, freie Liebe neben dem «Teddybär». Die dunkle Seite des Traums in Form einer «Silbernaadle töif im Arm». Und schon damals, abgelöscht von der Konsumwelt voll im «Waarehuus Blues».

Polos Texte sind manchmal explizit politisch: «Da isch nüt vo Grächtigkeit / So wie’s i dr Verfassig schteit» («Um WAS geits?») Aber er erzählt auch Weltgeschichte als persönliche Geschichte, wenn eine alte Liebe mit dem Fall der Mauer endlich eine Chance bekommt («Wenn in Berlin bisch»). Und übt Gesellschaftskritik mit Rollenprosa, die ihre Poesie am Stammtisch gefunden hat, etwa wenn der Bauernsohn von der Lochmatt über die leeren Versprechen eines Lebens in den Lichtern der Stadt resümiert: «Lah mi vergässe bim rote Wy». Das ist volkstümlich im besten Sinne, und es hat auch seine Nebenwirkungen.

Manchmal geht ob der lauten Rolle des Polo National etwas unter, dass er als Texter auch anders kann. Wenn er «Im letschte Tram» über seine Endlichkeit sinniert, oder «I dr Gartebeiz vom Hotel Eden» im Wortsinn Gott und die Welt verhandelt, ohne sich dabei ins Intellektuelle zu versteigen.

Rock’n’Roll für die Schweiz übersetzt

Einige von Polo Hofers grossen Songs sind kongeniale Übersetzungen: Tom Waits «Jersey Girl» als «Meitschi vom Wyssebüehl», Todd Sniders «Alright Guy» als «Liebe Siech», Dylans «Leopard-Skin Pill- Box Hat» als «Schlangelädergurt». Und damit kommt man einer weiteren Rolle auf die Spur, die ihn (nicht nur) für die Mundartmusik in der Schweiz so bedeutsam macht: Er ist ein Übersetzer. Nicht nur ein Übersetzer von Songtexten, sondern einer der wichtigsten Übersetzer von Rock’n’Roll und Popkultur in unsere Kultur, in unsere Gepflogenheiten.

Polo Hofer hat die Sehnsüchte, auch die jugendliche Lüsternheit mit ihren halbstarken Zoten, die Rebellion gegen ein verhocktes System, kurz: das Lebensgefühl des Rock’n’Roll für die Deutschschweiz zum Klingen gebracht. D’Stüehl ewäg, mir sy giggerig u wei schwoofe. Er hat sich inspirieren lassen, er hat einige seiner Themen im Mythenkatalog des Rock’n’Roll gefunden und in die Schweiz gebracht: Mit Bobby McGee per Autostopp auf dem Highway würden wir kaum reisen, aber mit Rosmarie per Anhalter von Paris nach Gibraltar. Wyssebüehl ist näher als New Jersey.

Polo Hofer als zentrale Figur unserer Geschichte hat Türen geöffnet, durch die nun auch viele andere gehen konnten, selbst, wenn sie seine Musik gar nicht wirklich kennen sollten. Nun wird er ausgezeichnet für diese Arbeit. Und damit ist der Preis der FONDATION SUISA 2017 auch eine Art «Lifetime Achievement Award». Wir gratulieren von Herzen!

www.polohofer.ch

Der Preis der FONDATION SUISA ist ein Anerkennungspreis für besonderes Schaffen. Die FONDATION SUISA vergibt diesen Preis an Urheberinnen und Urheber sowie Verlegerinnen und Verleger, die mit ihrem Schaffen besonders zur Bereicherung des kulturellen Erbes unseres Landes beitragen. Der mit Fr. 25 000.- dotierte Preis wird jährlich in einer anderen Kategorie vergeben.

Christoph Trummer gewann den Preis der FONDATION SUISA 2011 in der Kategorie «Singer/Songwriter». Der Gastautor ist 1978 geboren und in Frutigen (BE) aufgewachsen. Neben seiner musikalischen Tätigkeit ist er Präsident des Vereins Musikschaffende Schweiz.

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«Der Preis der FONDATION SUISA 2015 gibt uns einen Schub für die Zukunft!»«Der Preis der FONDATION SUISA 2015 gibt uns einen Schub für die Zukunft!» Das Duo Aliose erhält den diesjährigen Preis der FONDATION SUISA für seine herausragenden Leistungen im musikalischen Genre «Musique de variété». Seit dem Erscheinen ihres Debütalbums 2009 haben Aliose mehr als 250 Konzerte, davon ein Drittel ausserhalb der Schweiz, gespielt. Begegnet sind sich Alizé Oswald und Xavier Michel vor über 10 Jahren bei einem Workshop für Autoren, Komponisten und Interpreten. Die Preisträgerin und der Preisträger haben uns schriftlich Auskunft über ihre Musik, das Komponieren, den Preisgewinn und ihr nächstes Album gegeben. Weiterlesen
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Polo Hofer erhält den Preis der FONDATION SUISA 2017 in der Kategorie «Textautoren/innen». Was das Schaffen des Preisträgers auszeichnet, schildert der Berner Singer/Songwriter Christoph Trummer im Gastbeitrag.

New Jersey, südlich von Bern - Polo Hofer Preis der FONDATION SUISA 2017

Polo Hofer, Gewinner des Preises der FONDATION SUISA 2017, hat mit seinen Songtexten Eingang in die Volkskultur gefunden und das Lebensgefühl Rock’n’Roll für die Deutschschweiz übersetzt. (Foto: Patric Spahni)

Man könnte es kurz machen: Der Preis der FONDATION SUISA ist ein Anerkennungspreis für besonderes Schaffen. 2017 wird er zum ersten Mal an eine Textautorin oder einen Textautoren vergeben. Polo Hofer war nominiert. Was sonst hätte die Jury tun sollen?

Aber diesem würdigen Preisträger und seinem Werk widmen wir gerne etwas mehr Worte.

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Texte zu Musik: «Erlaubt ist, was gelingt»

Die FONDATION SUISA schreibt ihren mit 25 000 Franken dotierten Anerkennungspreis dieses Jahr für Textautorinnen und Textautoren musikalischer Werke aus. Was aber zeichnet einen gelungenen Songtext aus? Gastautor Markus Ganz im Gespräch mit Jean-Martin Büttner

Texte zu Musik: «Erlaubt ist, was gelingt»

«Auf dem Papier funktionieren Songtexte meist nicht», meint der Journalist Jean-Martin Büttner. (Foto: Dominic Büttner)

Jean-Martin, was hältst Du von einem Liedtext mit der Zeile «A Wop bop a loo bop a lop bam boom»?
Jean-Martin Büttner: Er ist ein gutes Beispiel für einen codierten Songtext. Denn «Tutti Frutti» von Little Richard handelt heimlich von schwarzen Drag-Queens und sexuellen Praktiken, zumindest im Original von 1955. Dazu muss man wissen, dass der Sänger dreifach benachteiligt war: Richard war schwarz, schwul und aus dem amerikanischen Süden. Der amerikanische Politologe Greil Marcus erklärte die erstaunliche Wirkung in einem Interview treffend. Auch wenn man den Text nicht verstehe, empfinde man aus der schieren Freude von Little Richards Gesang, dass es um etwas Unanständiges gehe. Es mag komisch klingen, aber dies ist ein zentraler Text der Rockmusik ‒ nicht weil er etwas sagt, sondern weil er etwas ausdrückt.

Nik Cohn schrieb 1971 in seinem zum Klassiker der Rockliteratur gewordenen Buch «AWopBopaLooBopALopBamBoom», dass diese Worte «als Zusammenfassung dessen, um was es im Rock’n’Roll wirklich ging», meisterhaft seien. Er schrieb aber auch, dass Rock’n’Roll-Texte eine Art «Geheimcode der Teens» seien. Jugendkultur aber ist einem ständigen Wandel unterworfen. Bedeutet dies, dass dieser Text in seiner Zeit gefangen ist?
Ich glaube, dass dies für jeden Songtext und auch viele Gedichte gilt. Nur die Grössten wie Shakespeare, Rilke oder Dylan können Texte schreiben, die über ihre Zeit hinausweisen. Dieser Text von Little Richard ist eindeutig in seiner Zeit gefangen, schon weil er zum Nonsens heruntercodiert werden musste, um die Zensur der weissen Radiostationen zu unterlaufen. Ironischerweise gilt das genauso für explizite, vulgäre und drastische Hip-Hop-Lyrics, die nichts auslassen. Frauen als Champagner-Huren zu bezeichnen und Hymnen zu schreiben auf den eigenen Turnschuh, ermüdet extrem schnell.

Welche Bedeutung hat dieser Songtext von Little Richard behalten?
«Tutti Frutti» ist ein historischer Text. Aber man muss auch sehen, dass Nik Cohn eine anti-intellektuelle Haltung gegenüber der Deutung des Rock’n’Roll hatte. Und dass sein Buch eines der ersten über Rockmusik war. Ich liebe es bis heute, weil er so radikal schrieb. Nik Cohn, als irischer Jude ein Aussenseiter von Anfang an, hat Sätze geschrieben wie jene, wonach es im Rock’n’Roll so gut wie nie richtige Texte gebe. Ich denke, dass er das auch als Provokation verstand, aber nicht nur. Es war eine Attacke auf Künstler wie Dylan oder die Beatles, die seiner Meinung den Rock’n’Roll mit ihren textlichen Anmassungen ruiniert hätten.

Ist die Adelung der Songtexte durch den Literatur-Nobelpreis an Bob Dylan demnach auch ein Verlust für die Tradition der ins Absurde getriebenen Texte?
Überhaupt nicht, denn zum Glück gibt es keine Instanz, die darüber entscheidet, was ein richtiger Songtext ist. Zudem hat Dylan selber surreale Texte geschrieben, die zwar mit Worten spielen und lustig sind, aber eigentlich keinen nachvollziehbaren Sinn ergeben, etwa «Subterranean Homesick Blues» von 1965. In diesem Song greift Dylan, was er nie bestritt, auf Chuck Berrys «Too Much Monkey Business» zurück ‒ das ist nicht weit weg von Little Richard, Dylan war also näher bei Nik Cohns Helden, als dieser zugeben mochte. Dylan gab als Berufsziel einst sogar an, er wolle bei Little Richard Klavier spielen.

«Poesie ist immer auch eine mündliche Kunst. Dichter trugen schon in der Antike ihre Texte vor.»

Trotzdem: Haben die Songtexte nicht zunehmend ihren ursprünglichen Charakter verloren?
Ja, die Sinnfrage. Ich habe mich immer gegen die absurde Vorstellung gewehrt, dass die Rockmusik die Jugendmusik bleiben müsse, die sie ursprünglich war. Vielmehr hat sie sich als Kultur erwiesen, die mit ihren Autoren wächst, mit ihnen älter geworden ist. Bob Dylan, Johnny Cash oder Leonard Cohen sind oder waren bis übers Rentenalter hinaus relevant. Ausserdem ist Poesie immer auch eine mündliche Kunst. Dichter trugen schon in der Antike ihre Texte vor.

Little Richard hat nicht zuletzt provoziert ‒ und das ist heute schwierig geworden …
Dieser Gestus ist schon lange überholt. Lady Gaga ist ein gutes Beispiel dafür, weil ihre Provokationen derart Teil des Marketings wurden. Ihre letzte Provokation, sich ohne Schminke zu präsentieren, zeigt ihre Verzweiflung. Heute wirkt es geradezu rührend, dass David Bowie einen Skandal auslöste mit der Aussage, er sei homosexuell ‒ was gar nicht stimmte. Solche Schockeffekte, von Alice Cooper bis Marilyn Manson, haben sich komplett verbraucht. Immerhin: Gute Musik bleibt gut.

In der Rockmusik ist der Text sehr stark von anderen Aspekten wie dem Sound oder der Phrasierung abhängig und erhält erst dadurch seinen Sinn. Aber hat der Text überhaupt noch dieselbe Bedeutung wie damals?
Ich staune immer wieder, wie wenig die Leute auf die Texte achten. Vermutlich war das schon immer so. Tatsächlich schrieben auch die Beatles bis 1965 vorwiegend banale Texte nach der Manier von «She Loves You», obwohl ihre Ironie und ihr lyrisches Talent schon damals weit mehr ermöglicht hätten. Interessant ist, dass gerade im Hip-Hop die Texte eine zentrale Rolle spielen, wo die Musik meist eintönig und repetitiv ist. Zudem fällt auf, dass in den letzten Jahrzehnten zunehmend nicht mehr englisch, sondern etwa bei uns deutsch, italienisch und französisch gesungen und gerappt wird. Entsprechend ist es logisch, dass Texte wieder eine stärkere Bedeutung spielen. Zum Beispiel Peter Fox (Seeed): Sein Soloalbum «Stadtaffe» ist eine Hymne auf seine Heimatstadt Berlin ‒ und nur dank den deutschen Texten konnten sich die Berliner darin wiedererkennen.

«Texte sind kein Schulfach. Es soll jedem Einzelnen überlassen sein, was er mit einem Songtext anfängt.»

Dieses Beispiel zeigt auch, dass manchmal der Hintergrund eines Textes die Voraussetzung zu dessen Verständnis ist. Aber darf ein Autor von seinen Zuhörern erwarten, dass sie sich mit seinen Songtexten auseinandersetzen?
Texte sind kein Schulfach. Es soll jedem Einzelnen überlassen sein, was er mit einem Songtext anfängt. Eine Freundin von mir unterrichtete lange Hip-Hop-Tanz. Sie realisierte nicht, dass die verwendeten Stücke oft frauenverachtende Texte enthielten, da die Musik nur dem Tanzen diente. Aber das ist doch okay.
Andererseits fällt mir an Konzerten immer wieder auf, dass es wegen der fehlenden Kenntnis der Texte zu Missverständnissen kommt. Ein klassisches Beispiel, das selbst die Amerikaner missverstanden, ist «Born in the U.S.A.» von Bruce Springsteen. Das Stück handelt vom Schicksal der Vietnam-Veteranen, ist aber voller Ambivalenz, da es mit einer Fanfare beginnt und Springsteen auf dem Cover vor einer amerikanischen Flagge gezeigt wird. Linke Botschaft, rechter Refrain. Reagan hörte nur Letzteres und war begeistert, Springsteen distanzierte sich auf eigentümlich murmelnde Weise. Die Platte machte ihn zum Millionär.

Aber bleibt nicht trotzdem etwas von der eigentlichen Botschaft hängen?
Der bereits erwähnte Greil Marcus beschrieb in einem Essay, warum alles, was Springsteen singt, ohne Konsequenz bleibe. Egal wie oft dieser von der kaputten Familie und der Armut in den USA erzähle, es falle auf, dass niemand etwas entgegne. Dieses Schweigen beweise, dass all seine Verlautbarungen wirkungslos blieben. Wie sollte es anders sein. Ich habe den Komiker Eddie Izzard gefragt, ob Komik etwas bewirken könne. Und er sagte: nein, nur Politik bewirke etwas, deshalb kandidiere er für das Parlament. Wenn man etwas ändern will, muss man die Gesetze ändern.

Songtexter sagen oft, dass sie mit ihren Texten in den Zuhörern assoziativ etwas auslösen wollten, damit diese ihre eigenen Geschichten daraus machen könnten …
Eine wichtige Rolle spielte etwa in den 1960er Jahren, dass schwarze Jugendliche James Brown hörten, der sang: «Say it loud – I’m black and I’m proud». Das war eine Anleitung zu einer schwarzen Identität ‒ dass man auch als Teil einer Minderheit jemand sein kann, der existiert, der in Amerika wichtig ist, weil er eine Stimme bekommt.

Er machte Mut, selbstbewusst aufzutreten …
Genau, viele Songtexte spielten für die Bürgerrechtsbewegung eine wichtige Rolle. Songs spielten auch bei der Bewegung gegen den Vietnamkrieg eine bestimmende Rolle. Warum wurde ausgerechnet «Sloop John B» von den Beach Boys zu einer Hymne für die GIs in Vietnam, obwohl diese Coverversion bloss einen Streit auf einem Schiff verhandelt? Weil es im Refrain heisst: «Why don’t they let me go home, this is the worst trip I’ve ever been on». Kein Wunder, kam das an in Vietnam. Oder: «Nowhere To Run» von Martha And The Vandellas war als Liebeslied formuliert, wurde aber zum Slogan linker Demonstranten gegen den Staat.

Ein Text kann auch eine völlig neue Bedeutung erhalten …
Ein Beispiel dafür ist das Stück «Another Brick In The Wall» von Pink Floyd, das in Südafrika bei weissen und schwarzen Schülern zur Hymne gegen die Apartheid umdefiniert wurde. Der deutsche Kulturwissenschaftler Diedrich Diederichsen sagte einmal, Pop sei ein offener Kanal. Das ist das Tolle daran: Man kann machen, was man will. Wenn das Publikum beschliesst, dass ein Song dies und das bedeute, dann ist es eben so.

«Eines der bekanntesten Beispiele eines Songs, der zunächst keinen ernst zu nehmenden Text hatte, ist ‹Yesterday› von Paul McCartney. Der ursprüngliche Text dazu lautete ‹scrambled eggs, baby I love your hairy legs›.»

Viele Musiker haben sich in den letzten Monaten gegen Donald Trump als Präsident ausgesprochen, doch bis zur Einsetzung gab es nur wenige explizite Songs …
Die englische Journalistin Julie Burchill schrieb einmal, dass nichts eine politische Botschaft so gründlich kastriere wie ein pulsender Backbeat. Bob Dylan merkte das schnell und hörte auf, Fingerzeig-Lieder zu schreiben, er dachte weit voraus. Seine explizit politischen Songs wie «Now Ain’t The Time For Your Tears» sind viel schlechter gealtert als seine Songs, die ein allgemeines Unbehagen gegen den Krieg ausdrücken wie «Masters of War». Ich denke, dass grosse Künstler nicht in Wochen oder Jahren denken, darum sind alle grossen politischen Songs nicht spezifisch. Gil Scott-Herons «The Revolution Will Not Be Televised» ist ein universeller Song, zumal noch Humor und Ironie hinzukommen ‒ was bei Protestmusikern leider selten ist.

Viele Songwriter bekennen, dass ihre Texte erst entstehen, wenn die Musik bereits fertiggestellt ist. Wie erklärst Du Dir das?
Eines der bekanntesten Beispiele eines Songs, der zunächst keinen ernst zu nehmenden Text hatte, ist «Yesterday» von Paul McCartney. Der ursprüngliche Text dazu lautete «scrambled eggs, baby I love your hairy legs». Brian Eno erzählte an seiner letztjährigen Pressekonferenz in Genf, dass die meisten Sänger in den Proben zunächst irgendetwas singen, eine Art Scat-Gesang. Daraus ergibt sich dann ein Refrain oder ein Hook, aus dem der Text entwickelt wird. Viele Musiker wenden dieses Verfahren an, Bono etwa oder auch Mick Jagger. Das Texten fällt übrigens auch Autoren schwer, die für ihre Lyrics berühmt sind. Randy Newman etwa sagte mir im Gespräch, dass ihm das Schreiben von Melodien leichter falle als das von Texten ‒ letzteres sei ein Albtraum.

Aber ist es nicht so, dass Songtexte oft nebensächlich sind, nur gesanglich die Melodie tragen müssen?
Das kann täuschen, wie das Beispiel Abba zeigt. Man kann natürlich sagen, dass «I do, I do, I do, I do, I do» keinen Songtext formuliert, der in die Hall Of Fame gehört. Aber «Knowing Me, Knowing You» ist ein Stück, das eine bittere Botschaft mit einer berückenden Melodie versüsst. Der Text handelt von einer Scheidung und gehört zu den liebsten Songs von Elvis Costello. Auch «The Day Before You Came», die letzte, verzweifelt traurige Abba-Single, kombiniert einen exzellenten Text mit einem unglaublich traurigen Stück.

Bekanntermassen entstehen viele Songtexte eher zufällig aus dem Moment heraus …
Das wohl berühmteste Beispiel für einen quasi als Unfall entstandenen Song ist «Smoke On The Water» von Deep Purple. Vereinfacht gesagt, beobachtete die Band über den See, wie das Casino in Montreux brannte ‒ und schrieb in Kürze diesen packenden, aber eigentlich rein beschreibenden Song darüber. Auch Bob Dylan gerät manchmal in einen solchen Kreativitätsrausch: Sämtliche Texte für «Time Out Of Mind» hatte er in zwei Wochen beieinander, obwohl es lange Strophen sind.

Dies ist eher die Vorgehensweise von Singer-Songwritern, die eine Geschichte auf die Essenz reduzieren. Bei diesen findet man manchmal auch das andere Extrem, dass der Text lediglich musikalisch verpackt wird …
Man merkt das, wenn der Text die Musik derart überwältigt, dass die Musik zum Vorwand wird. Bei einem guten Songwriter wie Dylan ist dies aber anders. «It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)» etwa formuliert eine Kaskade von Worten ‒ und funktioniert trotzdem, weil die Sprache zu einem Rhythmusinstrument wird. Als das Gegenteil davon kann man den von John Lennon verfassten Beatles-Song «I Want You (She’s So Heavy)» nennen: Trotz seiner Länge von fast acht Minuten besteht er aus einem einzigen Satz mit Variationen. Dies zeigt, dass die Freiheiten sehr gross sind. Es gibt von Max Frisch den schönen Satz: «Erlaubt ist, was gelingt».

«Man muss mit der Vorstellung aufhören, dass Songtexte gelesen werden können: auf dem Papier funktionieren sie meist nicht, sind sie tot.»

Dies könnte man auch als Leitsatz für Songtexte über die Liebe verwenden, immer noch das Hauptthema der Popmusik. Ein Love-Song kann von der Wortwahl her klischiert erscheinen und doch grossartig wirken. Was macht den Unterschied aus?
Ein Beispiel, wie der gleiche Text je nach Instrumentierung und Interpretation völlig anders wirken kann, ist «I Will Always Love You». Der Song stammt ja nicht von Whitney Houston, sondern von Dolly Parton. Und ihre Originalversion von 1974 ist grossartig, obwohl der Text unglaublich banal ist: Die Aufnahme lebt von der Performance.

Derselbe Songtext kann in verschiedenen Interpretationen aber auch unterschiedliche Bedeutungen erhalten …
Ein gutes Beispiel dafür ist «You Can Leave Your Hat On» von Randy Newman. In seiner Originalversion ist dieses Liebeslied lauernd, der Protagonist ist ein Stalker, man bekommt Angst vor ihm. In der Version von Joe Cocker aber mutiert das Lied eines sexuellen Gewalttäters zur Hymne auf Sex und Freiheit ‒ und so wurde es im Film «9 1/2 Weeks» auch verwendet.

Die Texte zweier Liebeslieder können von der Wortwahl her fast identisch sein und doch kann der eine abgedroschen und der andere packend wirken. Wieso?
Man muss mit der Vorstellung aufhören, dass Songtexte gelesen werden können: auf dem Papier funktionieren sie meist nicht, sind sie tot. Einer der Gründe dafür ist, dass bei Songtexten die Technik der Wiederholungen wichtig ist; Texte etwa von Nick Cave wirken auf dem Papier absurd.
Zu den grossen Ausnahmen zählen Songtexte von Leonard Cohen. Aber das erklärt sich damit, dass er zuerst drei Bücher und zwei Gedichtbände geschrieben hat, bevor er erstmals ins Studio ging. Er griff zur Gitarre, weil er dachte, dass er damit ein grösseres Publikum erreichen könne. Die Magie eines Songtextes entsteht aber meistens erst durch das Singen, man denke etwa an Marvin Gayes «Hitch Hike». Sein Gesang verlieh den Songs eine laszive Eleganz.

Mit dem Gesang kann man auch das Stereotype eines Textes brechen oder eine ironische Note hinzufügen …
Lyle Lovett machte es im Song «She’s Leaving Me Because She Really Wants To» gerade umgekehrt. Der Text im Titel ist von seiner typischen Ironie geprägt, doch er sang es in einer greinenden, absolut unironisch klingenden Country-Nummer. Die Brechung besteht hier darin, dass er einem unkonventionellen Text, der das Genre persifliert, völlig konventionell interpretiert.

Der Songwriter und Produzent Roman Camenzind meinte einmal, man könne einen authentischen Songtext nur in seiner Muttersprache schreiben …
Das ist eine gute These, auch wenn es Gegenbeispiele gibt. Bei Rammstein fasziniert mich, dass die Konzertbesucher auch an Orten wie Mexico City oder New York die deutschen Texte mitsingen. Sänger Till Lindemann sagte mir, dass seiner Meinung nach die meisten die Worte nur phonetisch mitsingen würden und nicht verstünden, womit etwa «Du hast» ‒ ein Songtitel ‒ phonetisch spielt. Sowieso ist Englisch trügerisch. Es ist wie beim Gitarrenspielen: Man kann schnell drei Griffe, und das klingt schon nicht schlecht. Aber dann wird es schnell komplex. Und das merkt man den Texten von Autoren meistens an, die nicht englischer Muttersprache sind.

Und in der Schweiz?
Wir haben mit Songwritern wie Kutti MC, Endo Anaconda (Stiller Has), Kuno Lauener (Züri West) und Carlos Leal (Sens Unik) zwar grossartige Texter. Aber die Realität in der Schweiz ist natürlich, dass die Mundart das Publikum massiv einschränkt; da ist die Voraussetzung in Deutschland völlig anders.

Wenn man in der Schweiz von der Musik leben will, muss man also versuchen, mit einer internationalen Sprache ein breiteres Publikum zu finden. Geht das zwangsläufig auf Kosten der Authentizität?
Yello ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Gebrauch des Englischen gelingen kann. Dieter Meier hat viele dadaistische Nonsens-Texte, aber das Englisch ist vom Akzent und vom Humor her deutlich schweizerisch. Ausserdem spürt man die Persönlichkeiten der beiden stark heraus, was für Authentizität sorgt. Auch die Young Gods sind auf spezielle Weise erfolgreich, weil Franz Treichler seine englischen Texte mit französischem Akzent singt; doch dort ist vor allem sein Stimme wichtig, nicht die Texte. Für mich sind dies die beiden wichtigsten Schweizer Bands, weil sie trotz ihrer internationalen Ausstrahlung ihre Identität bewahrt haben. Französisch singende Bands wie Sens Unik haben mehr Glück, weil sie eine internationale Sprache als Muttersprache haben.

Jean-Martin Büttner (geb. 1959) wuchs in Basel zweisprachig (Deutsch und Französisch) auf. Er studierte in Zürich Psychologie, Psychopathologie und Englisch und dissertierte über «Sänger, Songs und triebhafte Rede. Rock als Erzählweise» (das 1997 unter diesem Titel erschienene Buch ist vergriffen). Mitte der 1980er Jahre schrieb er regelmässig für das Schweizer Musikmagazin Music Scene, das damals vom Interviewer Markus Ganz geleitet wurde. Seit 1987 ist er beim Tages-Anzeiger angestellt. Er arbeitete als Redaktor in den Ressorts Kultur und Inland sowie als Westschweizer Korrespondent und Bundeshaus-Redaktor. Seit 2010 schreibt er als Reporter über unterschiedliche Themen, darunter auch regelmässig über Musik.
Anerkennungspreis für Textautor/innen
Die FONDATION SUISA schreibt ihren diesjährigen Anerkennungspreis über CHF 25’000.- aus für Textautorinnen und Textautoren musikalischer Werke. Berücksichtigt werden Arbeiten in allen Sprachen. Es werden nicht einzelne Texte, sondern das Gesamtwerk der Kandidatinnen und Kandidaten beurteilt. Alle Teilnehmenden müssen einen Bezug ihres Werks zum aktuellen schweizerischen Musikschaffen ausweisen. Möglich sind auch Kandidaturvorschläge durch Dritte. Eine Fachjury beurteilt die eingereichten Kandidaturen gestützt auf das Preisreglement. Einsendeschluss ist der 24. Februar 2017. Weitere Informationen inklusive Reglement und Anmeldeformular sind auf der Website der FONDATION SUISA abrufbar.
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Zwischen Melodie, Harmonie und Rhythmus vermitteln Die FONDATION SUISA zeichnet Heiri Känzig mit ihrem Jazzpreis 2016 aus. Der Zürcher Musiker gilt als einer der herausragenden Kontrabassisten Europas. Weniger bekannt ist er als profilierter Komponist. In der internationalen Jazzszene ist Heiri Känzig wohl bekannter als in der Schweizer Öffentlichkeit. Der Kontrabassist hat eben nie die Aufmerksamkeit der breiten Masse gesucht, sondern immer mit schlichter Musikalität überzeugt. Weiterlesen
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Die FONDATION SUISA schreibt ihren mit 25 000 Franken dotierten Anerkennungspreis dieses Jahr für Textautorinnen und Textautoren musikalischer Werke aus. Was aber zeichnet einen gelungenen Songtext aus? Gastautor Markus Ganz im Gespräch mit Jean-Martin Büttner

Texte zu Musik: «Erlaubt ist, was gelingt»

«Auf dem Papier funktionieren Songtexte meist nicht», meint der Journalist Jean-Martin Büttner. (Foto: Dominic Büttner)

Jean-Martin, was hältst Du von einem Liedtext mit der Zeile «A Wop bop a loo bop a lop bam boom»?
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Auszeichnung für Songwriter bei den Swiss Music Awards | mit Video

Der Newcomer Nickless und der renommierte Produzent Thomas Fessler gewannen den ersten Preis für Songwriter bei den Swiss Music Awards 2016. Der gemeinsam komponierte Siegersong «Waiting» ist nicht vom Himmel gefallen sondern bedeutete viel Arbeit im Teamwork. Auch bei den Swiss Music Awards 2017 zeichnet die SUISA die Leistung der Komponisten und Textautoren mit einer Auszeichnung aus.

Die erste Auszeichnung für Songwriter bei den Swiss Music Awards ging an einen Newcomer und einen Routinier: Der 21-jährige Zürcher Nickless und der Produzent Thomas Fessler erhielten den Preis für den gemeinsam komponierten Song «Waiting».

Hinter dem Song steckt neben Inspiration viel Arbeit, die sich über eine lange Zeitdauer erstreckte. «Waiting» erreichte im April 2015 als Höchstposition Platz 14 in der Schweizer Single-Hitparade und wurde 2016 mit dem Swiss Music Award in der Kategorie «Best Hit» ausgezeichnet.

In Zusammenarbeit mit der SUISA wurden im Rahmen dieser Kategorie 2016 erstmals auch die Komponisten und Textautoren geehrt. Durch den Preis für Songwriter bei den Swiss Music Awards könne das Publikum merken, dass Songs nicht vom Himmel fielen sondern viel Arbeit und Herzblut darin stecke, meinte der Produzent Thomas Fessler im Interview. Nickless freute sich über die Bestätigung für das Werk, die er durch die Auszeichnung erhalten habe.

«Hinter jedem grossem Hit stehen Komponisten und Textautoren», sagt Andreas Wegelin, Generaldirektor der SUISA. «Für die SUISA ist es wichtig, dass auch die Arbeit dieser Urheber an den Swiss Music Awards gewürdigt wird.» Deshalb wird 2017 zum zweiten Mal ein Award an die Songwriter des Siegertitels in der Kategorie «Best Hit» vergeben.

Nominiert für den Swiss Music Award 2017 in der Kategorie «Best Hit» und damit auch für die Auszeichnung für Songwriter sind folgende Künstler respektive Songs:

«Angelina»
Komponisten und Textautoren: Andreas «DJ Arts» Christen, Dabu Bucher, Gianluca Giger
Interpret: Dabu Fantastic

«Thank You»
Komponisten und Textautoren: Arie Storm, DJ Antoine, Eric Lumière, Fabio «Mad Mark» Antoniali
Interpret: DJ Antoine

«Monbijou»
Komponisten und Textauoren: Joachim Piehl, Lucien Spielmann, Manillio
Interpret: Manillio

Die Auszeichnung für Songwriter wird im Namen der SUISA, der Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik, vergeben anlässlich der Preisverleihung der Swiss Music Awards am 10. Februar 2017 im Hallenstadion in Zürich.

Nickless, Website
571 Recording Studios, Website
Swiss Music Awards, Website

Die SUISA ist Mitglied des Vereins Press Play. Der 2012 gegründete Verein ist offizieller Preisverleiher der Swiss Music Awards.

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