Tagarchiv: Musikförderstiftung

Die Midem (1967-2021) – das Ende einer Ära

Sie war für Jahrzehnte das Aushängeschild für ein florierendes Musikbusiness: die Midem in Cannes. Ein Nachruf auf eine der schillerndsten und bedeutendsten internationalen Musikfachmessen. Text von Marcel Kaufmann, FONDATION SUISA, und Erika Weibel

Die Midem (1967-2021) – das Ende einer Ära

Aussenansicht auf den Palais des Festivals et des Congrès im französischen Cannes während der Midem 2009. (Foto: Sanuy / Midem)

«Due to the lasting pandemic and following a review of its activity, RX France has decided to no longer continue to organize the Midem event.» (Midem.com, Dezember 2021)
Die Midem – abgekürzt für: Marché International du Disque et de l’Edition Musicale – war für die bis Ende der 1990er-Jahre florierenden Musiklabels und -verlage die wichtigste Geschäftsplattform der Welt. Mit ihr verliert die Musikbranche eine ihrer traditionsreichsten Fachveranstaltungen. Seit 1967 fand die Messe jährlich im Palais des Festivals et des Congrès in Cannes direkt an der Côte d’Azur statt. Ein prestigeträchtiger Ort, der auch das renommierte Cannes Film Festival oder die NRJ Music Awards beherbergt. Aber auch ein Sinnbild dafür, was die Midem letztlich zu Fall brachte.

Midem: Schweizer Gemeinschaftsstand 2015

Geschäftsgespräche und -meetings am Schweizer Gemeinschaftsstand im Jahr 2015. (Foto: SUISA / FONDATION SUISA)

Seit 1989 organisierten die SUISA und die FONDATION SUISA mit Unterstützung der Stiftung Phonoproduzierende den Schweizer Gemeinschaftsstand an der Midem. Nach diesem langjährigen Förderengagement zugunsten der Vernetzung der Schweizer Musikbranche mit dem Ausland blicken wir heute zurück:

Am 30. Januar 1967 öffnete die Midem zum allerersten Mal ihre Pforten. Bernard Chevry, Veranstalter der ersten Midem-Ausgaben, hatte bewusst die prestigeträchtige Côte d’Azur als Kulisse für das weltweit allererste Musikbusiness-Treffen gewählt. Im Auditorium des Palais des Festivals wurden den Label- und Verlagsvertretern während der fünf Messetage unzählige Songs und Shows präsentiert. Über Rechte verhandelte man danach meist in einem der Pop-Up-Büros des Grand Hotel Martinez. Vier französische Radiostationen übertrugen den Event live und über 200 internationale Journalisten berichteten täglich über die Midem. Mehr als 1’000 Musikfachleute, vor allem aus Nordamerika und Europa, wohnten der Pilotausgabe bei. Deren Zahl sollte sich innerhalb eines Jahres verdoppeln, die Ausstellungsfläche verdreifachen.

Während auf Schweizer Seite v.a. die grösseren Labels anfangs noch etwas zögerten, waren verschiedene Verlagshäuser schon früh mit dabei.*

Chevry hatte einen Nerv getroffen und strafte jene böse Zungen Lügen, die behaupteten, die Midem sei bloss ein Versuch, die Buchungsraten der Hotels von Cannes in der flauen Wintersaison aufzubessern. Die Idee einer eigenen Messe für Musikproduzenten und -verlage war dem umtriebigen Geschäftsmann anlässlich einer ebenfalls von ihm geschaffenen Fachmesse für TV-Programme gekommen, im Gespräch mit Vertretern der Musikbranche. Das neue Angebot wurde ausgekostet, und wie: Bis heute berichten ältere Semester unter den ehemaligen Teilnehmenden mit einem Schmunzeln und einer Portion Wehmut von den rauschenden Partys in den Grand-Hotels auf der Croisette zu Cannes in den 1970ern bis 1990ern, an denen sich Major-Bosse, Stars und Sternchen gegenseitig die Klinke in die Hand gaben.

Entgegen Chevrys ursprünglichen Plänen blieb Cannes ständiger Austragungsort der Midem und wurde mehr und mehr zum Symbol des jährlichen Branchentreffs zu Beginn des Geschäftsjahres. Bis in die späten Nullerjahre hinein wuchs die Midem noch bis an die 10 000 Fachteilnehmende aus über 90 Ländern weiter.

Schweizerische Ausstellungsstandes an der Messe 2002

Die Farbe Rot dominierte das Design des schweizerischen Ausstellungsstandes an der Messe 2002. (Foto: SUISA / FONDATION SUISA)

Mit dem neuen Jahrtausend wurde das Internet immer dominanter und stellte das Musikgeschäft grundlegend auf den Kopf. Physische Tonträger verloren an Bedeutung. Stattdessen traten Tech-Firmen auf den Plan und entwickelten nie dagewesene Möglichkeiten der Musiknutzung. Doch jene Klientel wollte nicht mehr so richtig in die noble Umgebung und das herkömmliche Messe-Format des Palais passen. «Piraterie!» als Kampfruf der gebeutelten Musikindustrie wurde bald abgelöst durch «Gratis-Kultur!» und «Value Gap!». Musikschaffende wandten sich mehr und mehr der Live-Branche zu, wo es noch Geld zu verdienen gab. Die Konkurrenz reagierte darauf in Form von zahllosen Showcase-Festivals über ganz Europa verteilt – die Midem dagegen blieb die Midem.

Innerhalb weniger Jahre hatte sich eine ganze Branche verändert. Vielen ging das zu schnell. Mit den sinkenden Einnahmen überlegten es sich viele zweimal, ob sich eine Midem-Akkreditierung mit den lokalen Hotelpreisen noch lohnte. Die Zahl der Ausstellenden sank kontinuierlich.

2015 wagten die Verantwortlichen die Flucht nach vorne: Dank der Verschiebung vom Januar in den Juni und den sommerlichen Temperaturen an der Côte d’Azur konnte der Sinkflug der Teilnehmerzahlen der letzten Jahre tatsächlich gebremst werden. Gleichzeitig begünstigte dies aber das Phänomen des Trittbrettfahrens: Immer mehr Leute verzichteten darauf, eine professionelle Akkreditierung zu kaufen und bestellten ihre Geschäftspartner:innen stattdessen per Handy in die Cafés und Bars der Strandpromenade oder organisierten Partys in gemieteten Häusern und Wohnungen. Der Exodus aus den Messehallen hielt an.

Zwar haben die Midem-Verantwortlichen seit 2017 den Live-Sektor stärker eingebunden. Unter dem ehemaligen Universal France-Manager Alexandre Deniot wurden originelle und publikumswirksame Strandbühnen errichtet. Anbieter neuer Technologien wurden umworben, Konferenzthemen angepasst und attraktive Formate für Start-ups und Midem-Neulinge geschaffen. Im ersten Corona-Jahr 2020 präsentierte die Midem ausserdem die damals attraktivste Digital-Lösung als Alternative für das jährliche Treffen. All dies konnte jedoch das endgültige Aus der Messe nicht mehr aufhalten. Für die letzte physische Ausgabe von 2019 registrierten sich noch gut halb so viele Personen wie zehn Jahre zuvor.

Und so müssen sich die Verantwortlichen mit dem Vorwurf auseinandersetzen, die Zeichen der Zeit zu spät erkannt zu haben. Die Midem stolperte letztlich über ihr nicht mehr zeitgemässes Format und ihren Veranstaltungsort. Eine herkömmliche Messe, gepaart mit dem teuren Pflaster am Mittelmeer: Beides passte nicht mehr zu den Vorstellungen und finanziellen Möglichkeiten der heutigen Kundschaft. Der Festivalpalast und die prunkvollen Hotels wurden mehr und mehr zu nostalgischen Referenzen an eine längst vergangene Zeit.

Schweizer Auftritt an der Musikmesse 1992

Der Schweizer Auftritt an der Musikmesse 1992: Die SUISA und die FONDATION SUISA organisierten mit Unterstützung der Stiftung Phonoproduzierende den Schweizer Gemeinschaftsstand an der Midem seit 1989. (Foto: SUISA / FONDATION SUISA)

Was bleibt, sind unzählige Begegnungen – ab 1989 auch am Schweizer Gemeinschaftsstand – die an und dank der Midem entstanden sind und die zahlreiche Musikkarrieren nachhaltig geprägt haben. Der Schweizer Musikverleger Albert Brunner (Helbling & Co.) brachte es schon 1968 auf den Punkt: «Ein einziger persönlicher Kontakt ist mehr wert als 100 Briefe.»

Midem-Gründer Bernard Chevry erlebte das Aus der Messe nicht mehr. Er verstarb 2019 kurz vor der letzten physischen Ausgabe.

Midem, Grande Dame des Musikbusiness, du hast vor deiner glamourösen Kulisse jahrzehntelang gekonnt Leute zusammengeführt und zahlreiche Träume wahr werden lassen. Danke. Du wirst uns fehlen.

*Akkreditierte Schweizer Firmen, Midem 1968:
Editions Chappell S.A.
Editions COA
Goodman Music S.A.t
Edition Helbling
International Melodizs
Editions Melodie
Mondiamusic S.A.R.L.
Muzik Center Zurich
Musikvertrieb AG
Phonag Schallplatten AG
R.C.A. Overseas S.A.
Editions Sidem S.A.
Southern Music AG
Star Record
Swiss Record Editions Televox
(Quelle: Billboard 20. Januar 1968)
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Sie war für Jahrzehnte das Aushängeschild für ein florierendes Musikbusiness: die Midem in Cannes. Ein Nachruf auf eine der schillerndsten und bedeutendsten internationalen Musikfachmessen. Text von Marcel Kaufmann, FONDATION SUISA, und Erika Weibel

Die Midem (1967-2021) – das Ende einer Ära

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Die Midem – abgekürzt für: Marché International du Disque et de l’Edition Musicale – war für die bis Ende der 1990er-Jahre florierenden Musiklabels und -verlage die wichtigste Geschäftsplattform der Welt. Mit ihr verliert die Musikbranche eine ihrer traditionsreichsten Fachveranstaltungen. Seit 1967 fand die Messe jährlich im Palais des Festivals et des Congrès in…Weiterlesen

Herbstsitzung des SUISA-Vorstands

Der Vorstand und seine Kommissionen für Tarife und Verteilung sowie für Organisation und Kommunikation haben sich am 29.und 30. September 2021 in Lausanne zu den Herbstsitzungen getroffen. Bericht aus dem Vorstand von Andreas Wegelin

Herbstsitzung des SUISA-Vorstands

Der SUISA-Vorstand hat an seiner Herbstsitzung Francine Jordi (im Bild) neu in den Stiftungsrat der FONDATION SUISA gewählt. (Foto: Thomas Buchwalder)

Glücklicherweise erlaubte es die epidemiologische Situation, dass sich die Mitglieder des SUISA-Vorstands und die Geschäftsleitung wieder physisch treffen konnten. Ausgerechnet das an der Generalversammlung 2021 neu in den Vorstand gewählte Mitglied, Ständerätin Johanna Gapany, konnte jedoch wegen ihrer Teilnahme an der Session der Eidgenössischen Räte in Bern nur per Video und nur an der Sitzung der Kommission für Organisation und Kommunikation (O+K) teilnehmen. Der Sitzungskalender 2022 wird auf die Sessionstermine Rücksicht nehmen.

Kostenträgerrechnung

Der Vorstand beschäftigte sich wie jedes Jahr in der Herbstsitzung mit dem Ergebnis der Kostenträgerrechnung 2020. Anhand der Kostenträgerrechnung kann festgestellt werden, wie hoch der Aufwand für Inkasso und Verteilung bei jedem Tarif im Einzelnen ist.

Bekanntlich wird den Bezugsberechtigten bei den Abrechnungen ein fixer Prozentsatz als Kostenbeitrag für den Aufwand der SUISA beim Inkasso und bei der Verteilung abgezogen. Dieser Prozentsatz, er beträgt bei den Aufführungs- und Senderechten 15%, ist eine Mischrechnung in Bezug auf die effektiven Kosten. So ist beispielsweise das Inkasso im Bereich von Musiknutzungen im Gastgewerbe (GT H) oder zu Tanz- und Unterhaltung (GT Hb) aufwändiger als das Inkasso bei den Radiosendern (Tarif A und GT S).

Mittels der Kostenträgerrechnung werden diese Unterschiede sichtbar, und es kann auch in der zeitlichen Dimension aufgezeigt werden, ob sich die Kosten für einen bestimmen Tarif dank Spar- und Rationalisierungsmassnahmen nach unten entwickeln. Das Ergebnis der Kostenträgerrechnung 2020 war etwas getrübt von der schwierigen Einnahmensituation wegen der Pandemie; weniger Einnahmen aber trotzdem Kosten, welche nicht im selben Masse reduziert werden konnten.

Strategie

Alljährlich in der Herbstsitzung befasst sich der Vorstand mit der Strategie der SUISA. Das entsprechende Grundlagenpapier wurde 2019 erstellt. Es ging nun darum zu überprüfen, ob die festgelegten strategischen Ziele immer noch gleich zu gewichten sind und sinnvoll erreicht werden können.

Aufgrund der Pandemie wurden leichte Anpassungen vorgenommen; die grundsätzliche strategische Haltung «Behauptung im zunehmenden Wettbewerb durch hohe Erträge bei hohem Kostenbewusstsein und bester Servicequalität» bleibt aber gleich.

Sondersitzung zum Thema Online-Nutzungen

In Bezug auf die Strategie des Unternehmens wird sich der Vorstand Ende November in einer Sondersitzung mit dem Thema Online-Nutzungen beschäftigen. Anlass ist unter anderem auch das fünfjährige Bestehen von Mint Digital Services, dem Joint Venture mit der US-amerikanischen Gesellschaft SESAC.

Für diese Sondersitzung hat der Vorstand eine Tagesordnung genehmigt und die Schwerpunkte festgelegt. Ziel ist es, die Bedürfnisse und Erwartungen der SUISA-Mitglieder zu definieren und durch geeignete Massnahmen bei Mint Digital Services und der SUISA-Gruppe zu erfüllen.

Verteilung «Residuals»

Änderungen im Verteilungsreglement müssen im Normalfall vom Institut für Geistiges Eigentum (in der Schweiz) und dem Amt für Volkswirtschaft (in Liechtenstein) genehmigt werden. Bei den Regeln für die Verteilung der Einnahmen aus der Online-Lizenzierung ist die Zuständigkeit anders: Die Verwertung der Online-Rechte steht nicht unter Bundesaufsicht. Deswegen fallen entsprechende Verteilungsreglementsänderungen ausschliesslich in den Kompetenzbereich der Verteilungs- und Werkkommission und des Vorstands der SUISA.

Im Rahmen dieser Kompetenz hat der Vorstand in seiner Sitzung vom 30. September 2021 eine Änderung resp. Revision der Ziffer 5.6.1 des Verteilungsreglements hinsichtlich der Verteilung der von Online-Plattformen bezahlten «Residuals» beschlossen. Bei «Residuals» handelt es sich um von Online-Musikplattformen bezahlte Beträge für Werke oder Werkteile, deren Bezugsberechtigte nicht gefunden werden konnten und deswegen keine Verwertungsgesellschaft Ansprüche geltend gemacht hat.

Solche Schwierigkeiten ergeben sich vor allem dann, wenn Musikwerke nicht rechtzeitig angemeldet wurden. Für diese Fälle zahlen die Online-Provider nach 18 Monaten «Residuals» an die Verwertungsgesellschaft jenes Landes aus, in dem die Werke genutzt wurden.

Mit den Onlinemusik-Provider wurde ein sogenanntes «Multistage invoicing» vereinbart: Die Nutzungsdaten eines Abrechnungszeitraums werden nach 90 und nach 180 Tagen nochmals gegen die Werkdatenbank gematcht. In dieser Zeit sind Nachmeldungen von Werken möglich und führen dann zu einer Verteilung auf das nachgemeldete Werk.

Der Vorstand hat beschlossen, dass nach 180 Tagen die Zahlungen für nicht identifizierte Werke (die «Residuals») den anderen genutzten Werken in der entsprechenden Abrechnungsperiode zugeschlagen werden. Die Alternative, dass bis zu fünf Jahre nach der Nutzung noch unidentifizierte Werke gemeldet werden können und auf diese verteilt wird, hat der Vorstand aus Kostengründen verworfen. Es ist also wichtig, dass neue Titel möglichst rasch angemeldet werden, damit Online-Nutzungen auch möglichst genau verteilt werden können.

Francine Jordi in den Stiftungsrat der FONDATION SUISA gewählt

Der Vorstand der SUISA ist das Wahlgremium des Stiftungsrates der FONDATION SUISA, der Musikförderstiftung der SUISA. In der Herbstsitzung hat der Vorstand Francine Jordi neu in den Stiftungsrat gewählt.

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Der Vorstand und seine Kommissionen für Tarife und Verteilung sowie für Organisation und Kommunikation haben sich am 29.und 30. September 2021 in Lausanne zu den Herbstsitzungen getroffen. Bericht aus dem Vorstand von Andreas Wegelin

Herbstsitzung des SUISA-Vorstands

Der SUISA-Vorstand hat an seiner Herbstsitzung Francine Jordi (im Bild) neu in den Stiftungsrat der FONDATION SUISA gewählt. (Foto: Thomas Buchwalder)

Glücklicherweise erlaubte es die epidemiologische Situation, dass sich die Mitglieder des SUISA-Vorstands und die Geschäftsleitung wieder physisch treffen konnten. Ausgerechnet das an der Generalversammlung 2021 neu in den Vorstand gewählte Mitglied, Ständerätin Johanna Gapany, konnte jedoch wegen ihrer Teilnahme an der Session der Eidgenössischen Räte in Bern nur per Video und nur an der Sitzung der Kommission für Organisation und Kommunikation (O+K) teilnehmen. Der Sitzungskalender 2022 wird auf die Sessionstermine Rücksicht nehmen.

Kostenträgerrechnung

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«Techno und Ländler liegen sehr nah beieinander»

Elektronisch bearbeitete Alltagsgeräusche gemeinsam mit Elementen der Ländlermusik zu einem neuen Hörerlebnis verschmelzen: Dies will der Kontrabassist und Komponist Pirmin Huber für sein neues Projekt erarbeiten und realisieren. Der «Get Going!»-Beitrag unterstützt ihn bei seinem Vorhaben. Gastbeitrag/Interview von Rudolf Amstutz

Pirmin Huber: «Techno und Ländler liegen sehr nah beieinander»

Der Schwyzer Komponist und Kontrabassist Pirmin Huber. (Foto: Arthur Häberli)

Der Schwyzer Komponist und Kontrabassist Pirmin Huber experimentiert seit dem Abschluss seines Jazzstudiums (Schwerpunkt Komposition) an der Hochschule Luzern mit neuen Möglichkeiten, Schweizer Volksmusik mit anderen Genres zu neuen Sounds zu verbinden. Ob als Solist oder als Mitglied des «Ländlerorchesters», bei «Stereokulisse», «Ambäck» oder in der Formation «Gläuffig»: Huber kartographiert die Volksmusik neu und verbrüdert sie mit Techno, Jazz, Klassik oder Elektronik. Nun will Huber mit Hilfe elektronisch manipulierter Alltagsgeräusche und den volksmusikalischen Klängen seines Kontrabasses und anderer von ihm gespielten Instrument eine Art «field recording»-Forschung betreiben. Das Ganze soll in ein Werk münden, das unsere Hörgewohnheiten herausfordert und so die Welt in dieser aussergewöhnlichen Zeit widerspiegelt.

Pirmin Huber, wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden?
Pirmin Huber: Ich komme ursprünglich aus der Volksmusik, also aus der akustischen Musik, und bin immer mehr in die elektronische Musik hineingerutscht. Durch das Tüfteln mit neuen Aufnahmetechniken sind mir Ideen gekommen, die ich weiterentwickeln möchte. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und wir hatten dort auch eine Schreinerei. Die Geräusche der Säge wie alle anderen Klänge faszinierten mich und ich versuchte schon damals, sie mit meinen Musikinstrumenten nachzuspielen. Bei meinem «Get Going!»-Projekt gehe ich von den Klängen aus, die ich mit meinen Instrumenten, Kontrabass, Schwyzerörgeli, Gitarre, Klavier oder Glarner Zither schaffen kann und verbinde sie mit gesampleten Alltagsgeräuschen, die ich mit Hilfe der Elektronik verfremde. Seit meiner Jugend verfolgt mich die Frage: Wie lässt sich aus diesen Klängen Musik machen? Jetzt kann ich mir einige Tools leisten und erhalte damit die Möglichkeit, mich mit dem Projekt eingehend zu beschäftigen.

Was entsteht dabei zuerst? Die Klangsammlung und danach die Komposition oder ist es umgekehrt?
Es ist ein sowohl als auch, ein Miteinander beider Dinge. Bei der Arbeit eröffnen sich immer neue Möglichkeiten. Es ist ein Prozess. Es ist mir wichtig, dass ich mit meiner Musik eine ganz bestimmte Stimmung erzeuge. Das fertige Werk wird aus mehreren Stücken bestehen, die ineinanderfliessen oder zumindest aufeinander Bezug nehmen. Man könnte es als eine Art Suite bezeichnen.

Sie wandeln mit einer Leichtigkeit durch verschiedene Stile. Als Bassist sind Sie stets der Pulsgeber. Lassen sich aus dieser Position Verwandtschaften oder Schnittstellen ausmachen zwischen Volksmusik, Klassik, Jazz, Pop, Rock oder Techno?
Das kann sein. Auf jeden Fall liegen Techno und Ländler sehr nah beieinander. Dies mag von aussen schwer nachvollziehbar sein (lacht), aber die Energie, die beim Spielen entsteht, ist sowohl bei Techno wie bei der Ländlermusik, die ja auch Tanzmusik ist, dieselbe. Ich glaube, man muss erstmal beides gespielt haben, um diese Gemeinsamkeit zu erfahren. Ich versuche denn auch in meinem Projekt eine Art modernen Ländler mit Elektronik und Grooves zu schaffen.

Natur und Urbanität: Sind diese Reibungspunkte für Sie notwendige Inspiration?
Ich brauche beides. Sobald das eine nicht mehr da ist, fehlt mir etwas. Deshalb ist es wohl auch logisch, dass ich diese Pole zusammenfügen möchte. Ich habe seit längerer Zeit drei Standbeine: Volksmusik, zeitgenössische Musik und Techno. In meiner Empfindung sind sie aber eins.

Der «Get Going!»-Beitrag ist als Anstossfinanzierung gedacht und befreit von einem Resultat. Was halten Sie von diesem Fördermodell?
Ich finde es grossartig! Die so gewonnene Freiheit gibt einem Ansporn, etwas Grösseres dann wirklich auch durchziehen zu können. Die Idee für mein Projekt hatte ich ja schon seit Längerem, aber dann kamen immer wieder Dinge dazwischen. Und vieles hängt letztlich daran, ob man ein solches Projekt finanziell stemmen und auch stressfrei durchziehen kann. «Get Going!» erlaubt es mir, genau dies zu tun.

2018 hat die FONDATION SUISA mit der Vergabe von neuen Werkbeiträgen begonnen. Unter dem Titel «Get Going!» werden kreative und künstlerische Prozesse finanziell angestossen, die sich ausserhalb der gängigen Kategorien befinden. In einer Porträtserie stellen wir jedes Jahr die Empfängerinnen und Empfänger dieser «Get Going!»-Beiträge vor.
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Elektronisch bearbeitete Alltagsgeräusche gemeinsam mit Elementen der Ländlermusik zu einem neuen Hörerlebnis verschmelzen: Dies will der Kontrabassist und Komponist Pirmin Huber für sein neues Projekt erarbeiten und realisieren. Der «Get Going!»-Beitrag unterstützt ihn bei seinem Vorhaben. Gastbeitrag/Interview von Rudolf Amstutz

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Der Schwyzer Komponist und Kontrabassist Pirmin Huber. (Foto: Arthur Häberli)

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Erika Hug: Engagiert und kämpferisch

SUISA und FONDATION SUISA trauern um Erika Hug. Die Verlegerin und Unternehmerin prägte mehr als drei Jahrzehnte lang die Förderung des Schweizer Musikschaffens mit – im SUISA-Vorstand, als Mitbegründerin der FONDATION SUISA und 10 Jahre als deren Stiftungsratspräsidentin. Am 14. Juli 2021 ist sie im Alter von 76 Jahren unerwartet verstorben. Nachruf von Andreas Wegelin und Urs Schnell

Erika Hug: Engagiert und kämpferisch

Erika Hug (1945-2021). (Foto: FONDATION SUISA / Musik Hug)

Die Schweizer Musikszene hat den Tod von Erika Hug, der Verlegerin und Eigentümerin des traditionsreichen Musikhauses, zu beklagen. Ganz unerwartet ist sie am 14. Juli 2021 verstorben.

Erika Hug hatte schon in jungen Jahren in 6. Generation die Führung des renommierten Zürcher Musikhauses übernommen. Neben dem traditionellen Verlags- und Notengeschäft wuchs die Firma in den 1980er Jahren kräftig und stieg früh in den damals neuen Handel mit der CD ein. Mit ihrem Ehepartner, dem deutschen Musikunternehmer Eckard Harke, entwickelte sich auch der Verkauf von Musikinstrumenten stark. Eine Spezialität waren die beiden Steinway Piano Galleries in Lausanne und Zürich.

Die umwälzenden Veränderungen in der Musikbranche im Zuge der Entwicklung des Internets liess die Nachfrage nach Noten, Tonträgern oder Instrumenten ab der Jahrtausendwende immer mehr schrumpfen. Das schweizweite Filialnetz wurde Anfang der 2000er Jahre stark verkleinert und die Firma schliesslich 2017 verkauft.

Mitwirkung bei SUISA und FONDATION SUISA

Der Genossenschaft SUISA und der FONDATION SUISA schenkte Erika Hug lange Jahre ihr Wissen und ihre Erfahrung als Unternehmerin durch die Mitwirkung im SUISA-Vorstand und im Stiftungsrat der FONDATION SUISA. Von 1985 bis 1995 war Erika Hug Vorstandsmitglied der Genossenschaft SUISA und Präsidentin von deren Kommission für Auslandsbeziehungen.

Erika Hug war 1989 Gründungsmitglied der SUISA-Stiftung für Musik (heute FONDATION SUISA). Während 27 Jahren bis Ende 2015 war sie Mitglied des Stiftungsrates. Ab 1990 präsidierte Erika Hug zuerst die Finanzkommission der Stiftung, war ab 1996 Vizepräsidentin und führte ab 2005 die Stiftung während 10 Jahren als Präsidentin des Stiftungsrates.

Erika Hug hat die letzten 30 Jahre der Genossenschaft und der Stiftung als Verlegerin und Expertin im Bereich des Musikgeschäfts wesentlich mitgeprägt. Sie engagierte sich für den Zugang zur Musik und zum Musizieren vor allem auch der jungen Generation und weniger bemittelter Gesellschaftsschichten. Das Projekt Klassenmusizieren der FONDATION SUISA ist davon ein Zeugnis. Erika Hug war auch eine Kämpferin für mehr Frauen in der Musik und im Geschäftsleben.

Wir trauern um eine grosse Schweizer Persönlichkeit im Bereich der Vermittlung von Musik, sind ihr dankbar für ihr Engagement in den leitenden Gremien unserer Genossenschaft und Stiftung und drücken gegenüber ihrer Familie unser herzlichstes Beileid aus.

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  1. Ho avuto il piacere di lavorare con Erika Hug per 14 anni nel Consiglio di fondazione della Fondazione Suisa per la musica e, di questa donna, ho sempre apprezzato la chiarezza d’intenti nel promuovere la musica „Made in Switzerland“, la tenacia e le brillanti idee.
    Un’altra sua qualità che ho sempre apprezzato in lei era la capacità di saper mettere a proprio agio le persone, di saperle ascoltare e, se le idee che venivano proposte le sembravano buone, di impegnarsi nella realizzazione senza mai risparmiarsi.
    Di lei serberò sicuramente un buon ricordo.
    R.I.P. Erika

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«Get Going!» geht in die vierte Runde

Seit 2018 ist «Get Going!» fester Bestandteil des Förder-Portfolios der FONDATION SUISA. Nun geht die Anstossfinanzierung, die innovative Kreativansätze ausserhalb der gängigen Schubladen fördert, in die vierte Runde. Text von FONDATION SUISA

Fondation Suisa: «Get Going!» geht in die vierte Runde

Die letztjährigen Empfänger/-innen von «Get Going!» (von oben links im Uhrzeigersinn): Isandro Ojeda-García, OY, Réka Csiszér, Pirmin Huber. (Fotos: Caio Licínio; Sash Seurat Samson; Romina Kalsi; Gian Marco Castelberg)

Als «Get Going!» 2018 erstmals ausgeschrieben wurde, war dies «ein Schuss ins Blaue», sagt Urs Schnell, Direktor der FONDATION SUISA. Es sei damals darum gegangen, den Blick nach vorne zu richten. «Statt einem Künstler, einer Künstlerin im Nachhinein mithilfe eines Preises auf die Schulter zu klopfen, investieren wir nun das uns zur Verfügung stehende Geld stärker in die Zukunft.»

Dreimal wurden bislang je vier «Get Going!»-Beiträge zu je Fr. 25 000.— vergeben. Das ungebrochene Interesse an diesem Förderbeitrag unterstreicht die sich in vielen Belangen veränderten Bedingungen der Musikschaffenden. Da die Anstossfinanzierung nicht an ein Resultat gebunden ist, ermöglicht diese den Musikerinnen und Musikern, befreit von finanziellem und zeitlichem Druck arbeiten zu können. «Auf der einen Seite ist das Umfeld in den letzten Jahren immer hektischer geworden, auf der anderen liess die Pandemie viele in einem luftleeren Raum. Man kann es drehen wie man will, der Faktor Zeit ist ein in seiner Kostbarkeit nicht zu unterschätzendes Gut geworden», erklärt Schnell.

Bewerbungen für «Get Going!»-Beitrag bis 30. August 2021

«Get Going!» richtet sich an innovative und kreative Projekte, die im herkömmlichen Gesuchswesen zwischen Stuhl und Bank zu fallen drohen. Der FONDATION SUISA gehe es darum, sich mit «Get Going!» als Förderin auf die Künstlerinnen und Künstler zu zu bewegen, meint Schnell und fügt an: «Wir wollen das freie kreative Denken wieder in den Mittelpunkt rücken.»

Ab sofort können sich Urheberinnen und Urheber, Autorinnen und Autoren sowie Musikerinnen und Musiker, die einen deutlichen Bezug zum aktuellen schweizerischen oder liechtensteinischen Musikschaffen nachweisen können, erneut für einen «Get Going!»-Beitrag bewerben. Auch dieses Jahr werden wieder vier solche Anstossfinanzierungen in der Höhe von je Fr. 25 000.— durch eine Fachjury vergeben. Der Eingabeschluss ist der 30. August 2021.

Um die Möglichkeiten von «Get Going!» aufzuzeigen, werden auch dieses Jahr wieder im Laufe der nächsten Wochen sowohl auf der Website der FONDATION SUISA wie auch auf dem SUISAblog Porträts der Empfängerinnen und Empfänger der letztjährigen «Get Going!»-Beiträge veröffentlicht.

«Get Going!» auf der Website der FONDATION SUISA

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Seit 2018 ist «Get Going!» fester Bestandteil des Förder-Portfolios der FONDATION SUISA. Nun geht die Anstossfinanzierung, die innovative Kreativansätze ausserhalb der gängigen Schubladen fördert, in die vierte Runde. Text von FONDATION SUISA

Fondation Suisa: «Get Going!» geht in die vierte Runde

Die letztjährigen Empfänger/-innen von «Get Going!» (von oben links im Uhrzeigersinn): Isandro Ojeda-García, OY, Réka Csiszér, Pirmin Huber. (Fotos: Caio Licínio; Sash Seurat Samson; Romina Kalsi; Gian Marco Castelberg)

Als «Get Going!» 2018 erstmals ausgeschrieben wurde, war dies «ein Schuss ins Blaue», sagt Urs Schnell, Direktor der FONDATION SUISA. Es sei damals darum gegangen, den Blick nach vorne zu richten. «Statt einem Künstler, einer Künstlerin im Nachhinein mithilfe eines Preises auf die Schulter zu klopfen, investieren wir nun das uns zur Verfügung stehende Geld stärker in die Zukunft.»

Dreimal wurden bislang je vier «Get Going!»-Beiträge zu je Fr. 25 000.— vergeben. Das…Weiterlesen

Musikexport – quo vadis?

Covid-19, Digitalisierung, Klimakrise: Musikexport in aussergewöhnlichen Zeiten. Erfahrungen und Gedanken zum Thema von Marcel Kaufmann, verantwortlich für die Auslandpräsenz und die Export-Förderung bei der FONDATION SUISA.

Fondation Suisa: Musikexport – quo vadis?

Wird es ein Zurück in «normale» Zeiten wieder geben? Der Schweizer Gemeinschaftsstand an der jazzahead! Bremen 2019. (Foto: Marcel Kaufmann)

Seit der Internet-Revolution der 90er-Jahre hat sich die Wertschöpfung auf dem Musikmarkt zu einem grossen Teil in den Live-Bereich verschoben. Konzerte wurden für viele Musikerinnen zur wichtigsten Einnahmequelle. Als eine der Folgen entstanden zahlreiche Showcase-Events. Künstlerinnen und Künstler konnten sich in kurzen Live-Auftritten dem internationalen Fachpublikum präsentieren. Dies in der Hoffnung, von grösseren Clubs oder Festivals gebucht oder von international tätigen Agenturen unter Vertrag genommen zu werden. Zusammen mit verschiedenen Partnern fördert die FONDATION SUISA die Exportbemühungen der hiesigen Musikschaffenden. Seit vielen Jahren organisiert die Stiftung Schweizer Netzwerkplattformen an internationalen Messen und Events.

Doch dieses gut eingespielte System aus Reisen, Spielen und Händeschütteln wurde durch die Pandemie jäh zum Stillstand gebracht. Den Musikschaffenden brach quasi über Nacht ein Grossteil ihrer Erträge weg, und darüber hinaus auch gleich noch ihre Exportwege.

Was tun? Wie lässt sich diese Zeit überbrücken? Und was, wenn die von uns so geliebte «Normalität» gar nie mehr zurückkehrt?

Die FONDATION SUISA nahm letztes Jahr an zahlreichen Pilotprojekten teil, hat Chat-Tools getestet, Showcase-Videos per Stream gefördert und mit Veranstaltern über mögliche neue Förderansätze verhandelt. «Eine interessante Erfahrung», «eine willkommene Übergangslösung», aber sicher «kein Ersatz für eine Präsenzveranstaltung»: Dies unser Verdikt Ende 2020 – im Einklang mit einer breiten Masse aus Musikschaffenden und Veranstalterinnen.

«Networking über das Internet ist für viele noch recht ungewohnt.»

Die Pandemie brachte es mit sich, dass im Jahr 2020 praktisch alle physischen Musikmessen abgesagt wurden. Einige, wie die Midem oder die WOMEX, versuchten sich an einer virtuellen Version. Doch war damals die Planungsunsicherheit noch zu gross. Es war nicht daran zu denken, dass in naher Zukunft wieder Konzerte organisiert werden könnten. Entsprechend buchten Veranstalterinnen bei diesen Online-Events deutlich weniger Künstler als bei Präsenzveranstaltungen. Auch das Ambiente eines Live-Konzerts lässt sich nicht 1:1 digital nachempfinden. Und Networking über das Internet ist für viele noch recht ungewohnt.

Die jüngst virtuell über die Bühne gegangene jazzahead! in Bremen bestätigte zu grossen Teilen diese Erkenntnisse. Zwar liessen sich im Internet unter den Akkreditierten leichter Kontakte herstellen als auf einem berstend vollen Messegelände. Doch in der Absenz des Kollektiven entpuppte man sich bald einmal als Einzelkämpfer. Wie erfolgreich die Schweizer Präsenz an der grössten Jazzmesse der Welt dieses Jahr wirklich war, wird sich erst in einigen Wochen und nach Umfragen und Gesprächen eruieren lassen. Früher liess sich eine erste Bilanz bereits am letzten Messetag ziehen.

Die beiden Schweizer Live-Acts im offiziellen Showcase-Programm der jazzahead! wählten unterschiedliche Ansätze: Die Formation The True Harry Nulz trat in Bremen live auf vor einer Handvoll Journalistinnen und Journalisten, die zumindest nach jedem Stück applaudierten, was auch im Live-Stream zu hören war. Der Showcase des Luzia von Wyl Ensembles allerdings wurde ohne Publikum im Moods in Zürich vorproduziert und dann gestreamt. Die Stille zwischen den Stücken und fehlende Feedback hinterlassen Künstlerinnen und Künstler in einem luftleeren Raum.

«Wir müssen laufend neue Szenarien entwickeln, offen bleiben und die eigenen Eindrücke kritisch hinterfragen.»

Jetzt, da angesichts der Impfkampagnen endlich wieder Licht am Horizont auftaucht, wäre es ein Leichtes, in ein hoffnungsvolles Warten zu verfallen und die Online-Welt als reine Übergangslösung abzutun. Doch in einer Zeit, in der unsere ganze Arbeitswelt durch die Digitalisierung massgeblich verändert wird, stellen sich viele Fragen: Steckt vielleicht doch mehr Exportpotential in der Online-Welt als bisher angenommen? Können wir uns das alte «Normal» überhaupt noch leisten in Zeiten einer globalen Klimakrise, die jede Pandemie überdauern wird? Einer Krise, die Generationen von künftigen Musikschaffenden nachhaltig beeinflussen und sie vieler Möglichkeiten berauben könnte?

Noch gibt es keine abschliessenden Antworten auf all diese Fragen. Die wichtigsten Entwicklungen passieren nicht online, sondern in unseren Köpfen. Und diese Entwicklungen brauchen mehr Zeit als die technologischen. Bis dahin müssen wir laufend neue Szenarien entwickeln, offen bleiben und die eigenen Eindrücke kritisch hinterfragen. Das Wichtigste dabei: den Musikschaffenden zuhören. Denn deren Kunst muss auch in Zukunft ihren Weg über die Landesgrenzen hinausfinden können. Für sie wird die FONDATION SUISA die Entwicklungen im Musikexport weiterhin aktiv mitverfolgen und mitgestalten.

Neue Get Going!-Ausschreibung
Zum vierten Mal wird die FONDATION SUISA Ende Juni / Anfang Juli Get Going!-Beiträge ausschreiben. Mehr Informationen über die Anstossfinanzierungen für aussergewöhnliche Projekte finden Sie zeitgerecht auf der Stiftungs-Website: www.fondation-suisa.ch
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Covid-19, Digitalisierung, Klimakrise: Musikexport in aussergewöhnlichen Zeiten. Erfahrungen und Gedanken zum Thema von Marcel Kaufmann, verantwortlich für die Auslandpräsenz und die Export-Förderung bei der FONDATION SUISA.

Fondation Suisa: Musikexport – quo vadis?

Wird es ein Zurück in «normale» Zeiten wieder geben? Der Schweizer Gemeinschaftsstand an der jazzahead! Bremen 2019. (Foto: Marcel Kaufmann)

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«Wir wollen, dass die Motoren weiterlaufen»

Mit «Keep Going!» erweitert die FONDATION SUISA temporär ihr Förder-Portfolio. Text von FONDATION SUISA

FONDATION SUISA Keep Going!

«Keep Going!» soll es der Schweizer Musikszene in Krisenzeiten ermöglichen, ihre Tätigkeit weiter aufrecht zu erhalten. (Bild: FONDATION SUISA)

Die FONDATION SUISA fördert Projekte mit Bezug zum aktuellen schweizerischen und liechtensteinischen Musikschaffen, explizit die Kreation und die Verbreitung von Repertoire. «Das ist unser Stiftungszweck und an ihn sind wir gebunden», erklärt Stiftungsdirektor Urs Schnell und fügt an: «Aber wir überprüfen laufend unser Portfolio und erweitern es gegebenenfalls mit neuen Programmen.»

Für Schnell ist klar, dass sich durch die Pandemie und die damit verbundenen Lockdowns, der Alltag der Schweizer Musikschaffenden in den letzten Monaten dramatisch verschlechtert hat. «Als Stiftung mussten wir handeln», meint er und zeigt sich sichtlich erfreut, dass der Stiftungsrat rasch und unkompliziert einer Flexibilisierung der Förderprogramme im Rahmen des Stiftungszweckes zugestimmt hat.

«Keep Going!» heisst das zusätzlich angebotene, temporäre Fördermodell, das – darauf weist Schnell ausdrücklich hin – die bestehenden Angebote nicht ersetzt, sondern ergänzt. «Keep Going!» soll es der Schweizer Musikszene in Krisenzeiten ermöglichen, ihre Tätigkeit weiter aufrecht zu erhalten. «Wir sind überzeugt, dass auch in Zeiten, in denen die Kultur praktisch stillsteht, sich Musikschaffende neue Wege erarbeiten müssen, um ihre selbst gesteckten Ziele weiterhin erfüllen zu können», sagt Schnell. «Und dies betrifft sowohl die Erarbeitung neuer musikalischer Werke wie auch deren Verbreitung.» Letzteres wird unterstrichen durch die Tatsache, dass das neue Fördermodell nicht nur Einzelpersonen oder Gruppen vorenthalten ist, sondern auch Organisationen miteinschliesst.

«Keep Going!» soll gemäss Schnell die Musikschaffenden und -Organisationen genau an jener Stelle abholen, wo sie sich zurzeit gerade befinden und ihnen erlauben, sich den neuen Gegebenheiten bei Bedarf anzupassen: «Mit dieser Förderung wollen wir dazu beitragen, dass der Motor bei bestehenden Projekten nicht ins Stottern gerät.»

Das «Aussergewöhnliche» oder das «Noch nie dagewesene» – Faktoren, die beim vor drei Jahren eingeführten Fördermodell «Get Going!» eine wesentliche Rolle spielen – werden zwar nicht explizit ausgeschlossen, sind aber für «Keep Going!» nicht ausschlaggebend.

Mit «Keep Going!» unterstreicht die FONDATION SUISA ihr oberstes Anliegen, auch in ungewissen Zeiten und unter anspruchsvolleren Umständen die Entfaltung kreativer Ideen zu fördern und deren Umsetzung zu ermöglichen.

In einer ersten Tranche werden im April 10mal Fr. 5 000.– vergeben. «Danach sehen wir weiter», so Schnell. «Wir werden die Gesamtheit der eingegangenen Gesuche analysieren und daraus unsere Schlüsse ziehen.» Geplant ist, «Keep Going!» alle zwei Monate neu auszuschreiben.

Informationen zu «Keep Going» auf der Website der FONDATION SUISA:
www.fondation-suisa.ch/de/werkbeitraege/keep-going-2021/

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Mit «Keep Going!» erweitert die FONDATION SUISA temporär ihr Förder-Portfolio. Text von FONDATION SUISA

FONDATION SUISA Keep Going!

«Keep Going!» soll es der Schweizer Musikszene in Krisenzeiten ermöglichen, ihre Tätigkeit weiter aufrecht zu erhalten. (Bild: FONDATION SUISA)

Die FONDATION SUISA fördert Projekte mit Bezug zum aktuellen schweizerischen und liechtensteinischen Musikschaffen, explizit die Kreation und die Verbreitung von Repertoire. «Das ist unser Stiftungszweck und an ihn sind wir gebunden», erklärt Stiftungsdirektor Urs Schnell und fügt an: «Aber wir überprüfen laufend unser Portfolio und erweitern es gegebenenfalls mit neuen Programmen.»

Für Schnell ist klar, dass sich durch die Pandemie und die damit verbundenen Lockdowns, der Alltag der Schweizer Musikschaffenden in den letzten Monaten dramatisch verschlechtert hat. «Als Stiftung mussten wir handeln», meint er und zeigt sich sichtlich erfreut, dass der Stiftungsrat rasch und unkompliziert einer Flexibilisierung der Förderprogramme im Rahmen…Weiterlesen

Das Duo Zwahlen/Bergeron will bislang Ungehörtes hör- und sichtbar machen

Auf der einen Seite die Jahrhunderte alte Tradition der Chormusik – auf der anderen die schier unendlichen Möglichkeiten elektronischer Musik. Jérémie Zwahlen und Félix Bergeron experimentieren im Spannungsfeld dieser zwei Pole, um etwas völlig Neues zu erschaffen. Der Get Going!-Beitrag unterstützt sie bei diesem Vorhaben. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Das Duo Zwahlen/Bergeron will bislang Ungehörtes hör- und sichtbar machen

Félix Bergeron und Jérémie Zwahlen (Fotos: Stephane Winter & Laura Morier-Genoud; Alain Kissling)

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Jérémie Zwahlen und Félix Bergeron, beide 33-jährig, sitzen in einem Café in Lausanne und diskutieren über ihr Vorhaben, die lange Tradition der Chormusik mit Hilfe des elektronischen Experimentes neu zu definieren. Bergeron nutzt das Gespräch zu diesem Porträt gleich für ein Brainstorming. Präzise wie es sich für einen Schlagzeuger gehört, zählt er mit zunehmend komplexer werdender Rhythmik immer neue Möglichkeiten auf, wie die Verbindung von Alt und Neu, von Tradition und Avantgarde, umgesetzt werden könnte. Zwahlen hört mit stoischer Ruhe zu und ergänzt ab und zu mit pointierten Sätzen. Diese Art von Dialog scheint für ihn nichts Neues. «Félix ist wie eine ungemein starke Zigarette und ich bin der Superfilter, den man benutzt, um sie zu rauchen», meint Zwahlen und beide lachen.

Eigentlich besuchten die beiden bereits als Jugendliche die gleiche Schule in der Nähe von Lausanne, doch dann trennten sich die Wege. Bergeron trommelte bereits als Sechsjähriger, fand aber nie die endgültige Befriedigung bis er am Jazzfestival Willisau einen Soloauftritt von Lucas Niggli hörte. «Er benutzte neben den Drums auch Elektronik. Ich war völlig baff und wusste, das will ich auch!», erzählt Bergeron. Zwahlen dagegen wuchs in der Tradition der Blasmusik auf, in der er als Trompeter Mitglied einer Kapelle war, genau so wie sein Vater und Grossvater vor ihm. Die Mutter ihrerseits sang im Chor. «Im Gymnasium», so Zwahlen, «erzählten sie mir, ich wäre ein guter Musiklehrer und so begann ich dann meine Ausbildung.»

Chor und Elektronik

Beide besuchten sie die Haute Ecole de Musique Lausanne (HEMU), «aber ich studierte Jazz und Jérémie klassische Musik», erzählt Bergeron, «das waren zwei verschiedene Gebäude.» Was die beiden nicht wussten: Ihre Lebenspartnerinnen waren befreundet und so kam es, dass sie sich nach Jahren an einer Party wieder trafen. Als dann Zwahlen Bergeron bat, die Arbeit des von ihm geführten Chœur Auguste elektronisch zu unterstützen, kam ihnen die Idee einer Zusammenarbeit, die weit über das bislang Gewohnte und Gehörte hinausgehen sollte. «Natürlich gab es das schon, dass man Chor und Elektronik zusammenbrachte», sagt Bergeron, «aber da ersetzte man einfach die Orgel oder das Piano durch einen Synthesizer. So etwas interessiert uns nicht.»

Prädestiniert, um Neuland zu betreten sind beide, kratzen sie doch bereits in ihren individuellen Projekten stets an den stilistischen Grenzen und versuchen die musikalische Landschaft neu zu kartographieren. Zwahlen definiert mit seinen pointierten und konzeptionell ungewohnten Arrangements der Musik von Elvis Presley, Johnny Cash, Camille oder Queen nicht nur die choralen Gesetze neu, sondern betrachtet den Chor in seiner Summe als Körper: «Der Chor ist wie eine Skulptur, die atmet und die man bearbeiten kann. Und auch Félix arbeitet mit physisch erfahrbaren Vibrationen. Am Ende sollte man die Musik förmlich anfassen können.»

Musik als Skulptur

In der Tat ist Bergeron stark vom Skulpturalen beeinflusst. Neben seinen zahlreichen Projekten zwischen abstrakter Improvisation, Folk, Punk und Jazz, arbeitet er auch für das Theater und für Tanzcompagnien. In seinen «Brush Paintings» sorgt der Zufall für bildende Kunst, in dem er die Schlagzeugbesen mit Farbe versieht und die Becken mit Leinwänden. «In der spontanen Arbeit mit Elektronik lässt sich auch mit Willkürlichkeit arbeiten. Das interessiert mich. Ich sehe da unzählige Möglichkeiten, damit die traditionellen Formen der Chormusik aufzubrechen.»

Musik als Skulptur, die dem Publikum auch die Geheimnisse hinter deren Entstehung offenbaren soll. «Wir wollen, dass das Publikum sieht, was geschieht. Wie Komposition, Zufall, Arrangements und Improvisation sich gegenseitig beeinflussen. Unser Projekt soll über alle Sinne, die dem Publikum zur Verfügung stehen, erfahrbar werden», schildert Zwahlen den Ausgangspunkt und betont: «Meine Obsession besteht darin, dass ich sämtliche Arten von Musik so aufarbeiten möchte, dass sie allen Menschen Freude bereitet. Egal, ob es sich dabei um klassische Musik, Volksmusik, Jazz oder experimentelle Musik handelt.»

Es gäbe so viele musikalische, inhaltliche und visuelle Möglichkeiten, mit denen man bei einem solchen Projekt experimentieren könne, meinen beide und betonen, wie wichtig bei einem solchen Vorhaben die Faktoren Zeit und Geld seien. «Dank dem Beitrag von Get Going! ist es uns überhaupt erst möglich, Neuland in dieser Fülle zu betreten», strahlt Bergeron.

Jérémie Zwahlen und Félix Bergeron: Zwei von Musik Besessene, die ihre Begeisterung auch als Lehrer an der HEMU sowie der Ecole de jazz et musique actuelle (EJMA) in Lausanne und – im Falle Bergerons – zusätzlich an der Ecole Jeunesse & Musique in Blonay an nachkommende Generationen weitergeben. Gemeinsam formen sie die einzige Zigarette der Welt, die der Gesundheit nicht schadet. Im Gegenteil.

www.felixbergeronmusic.ch
www.choeurauguste.ch

Seit 2018 hat die FONDATION SUISA mit der Vergabe von neuen Werkbeiträgen begonnen. Unter dem Titel Get Going! werden kreative und künstlerische Prozesse finanziell angestossen, die sich ausserhalb der gängigen Kategorien befinden. In einer Porträtserie stellen wir jedes Jahr die Empfängerinnen und Empfänger dieser Get Going!-Beiträge vor. Die Ausschreibung für 2020 dauert noch bis Ende August.

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Auf der einen Seite die Jahrhunderte alte Tradition der Chormusik – auf der anderen die schier unendlichen Möglichkeiten elektronischer Musik. Jérémie Zwahlen und Félix Bergeron experimentieren im Spannungsfeld dieser zwei Pole, um etwas völlig Neues zu erschaffen. Der Get Going!-Beitrag unterstützt sie bei diesem Vorhaben. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

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Jessiquoi: Von der Freiheit, sich selber zu erfinden

Die Identitätssuche ist ihre treibende kreative Kraft. Damit kreiert Jessica Plattner alias Jessiquoi ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk. Sie sei «proppenvoll» mit Ideen, sagt die 31-jährige Bernerin. Dank dem Get Going!-Beitrag steht der Verfolgung ihrer Ziele nichts mehr im Wege. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Jessiquoi: Von der Freiheit, sich selber zu erfinden

Jessiquoi (Foto: Manuel Lopez)

«Wenn ich einmal gross bin, dann möchte ich einen Konzertflügel auf der Bühne haben», sagt Jessica Plattner und lacht ob dem gewählten Ausdruck. Natürlich ist die 31-Jährige längst erwachsen, doch die Aussage deutet eben auch darauf hin, dass sie sich als Künstlerin auf einem Pfad der Weiterentwicklung sieht, der noch längst nicht abgeschlossen ist. Und dies obwohl sie mit ihrem Alter Ego Jessiquoi zu den beeindruckendsten Schweizer Acts gehört. Sie komponiert und produziert sich selber. Sie ist zuständig für das Visuelle und kreiert laufend phantastische Welten, in denen sich Jessiquoi mit Hilfe von mal brachialen, mal zärtlichen Electro-Klangwelten stets neu erfindet, neu definiert.

«Für mich ist Identität etwas Flüssiges», sagt Jessica und zitiert Drag Queen Ru Paul: «You’re born naked. The rest is drag.» Und fügt dann an: «Ich denke, jeder Mensch hat die Freiheit, sich neu zu erfinden. Es bedarf auch keiner Rechtfertigung, wenn ein Mensch sein Leben in eine völlig neue Richtung lenkt. Es ist wie in einem Video Game, wo jede und jeder für sich seinen eigenen Avatar bestimmen kann.»

Die Identitätssuche als treibende kreative Kraft: Bei Jessica liegt dies auch in ihrer aussergewöhnlichen Biographie begründet. Sie wurde in Bern geboren. Kurz darauf wanderte die Familie nach Australien aus. Als sie im Teenager-Alter war, wurde ihrem Vater ein Job am Konservatorium in Bern angeboten und die Familie zog zurück in die Schweiz. Damit wurde auch der noch junge Lebenslauf in andere Bahnen gelenkt. Jessica wollte professionelle Tänzerin werden und besuchte dafür in Sidney bereits die notwendige Ausbildung. Zudem sprachen die Plattners zuhause ausschliesslich Englisch. «Wenn ich meine tänzerische Karriere hätte fortsetzen wollen, dann hätte ich nach Rotterdam oder Berlin gehen müssen. Aber ich wollte bei meiner Familie sein», sagt sie. «Ich hatte in Bern anfänglich das Gefühl Ausländerin zu sein und fühlte mich ausgegrenzt. Erst als ich Berndeutsch zu sprechen begann, waren plötzlich alle nett.» Die Sprache fiel ihr leicht, ihr Deutschlehrer gab ihr gar den Übernamen «Tape Recorder», «weil ich alles so perfekt wiedergeben konnte», lacht sie.

Alternative Existenz

Die Suche nach der eigenen Identität in dieser fremden Heimat mündete dann – dem Tanz beraubt – in der Musik. «Wir hatten immer schon ein Klavier zuhause, aber das hatte ich früher nie angerührt. Ich hatte zwar mal kurz Unterricht, aber ich fand dies furchtbar. Doch plötzlich begann ich jeden Tag an eigenen Songs zu basteln», schildert sie ihre musikalischen Anfänge.

Aber als wäre der Verlust der gewohnten Umgebung nicht bitter genug, erlitt Jessica vor sieben Jahren den wohl schmerzlichsten Schicksalsschlag, den man sich vorstellen kann. Ihr um zwei Jahre jüngerer Bruder starb. «Wir teilten uns alles und wurden von aussen oft gar als Zwillinge wahrgenommen», sagt sie und erzählt dann, wie der Bruder es war, der sie für die Welt der Video Games und Filmsoundtracks begeistern konnte.

Und genau dort, in jenen Welten, wo sich jeder neu erfinden kann, fand Jessica als Jessiquoi ihre neue Heimat. «Man könnte sagen, dass Jessiquoi eine Kunstfigur ist, aber in Wahrheit ist sie eigentlich eine andere Version von mir», sagt sie und ergänzt: «Die Figur kann auch Angst machen, weil Jessiquoi sich nicht in unserem fixen System der klaren Geschlechterrollen und nationalen Identitäten bewegt.»

Jetzt erzählt sie auf ihren Alben von eben diesen fremden Welten, in denen die Täler verseucht sind und die Menschen sich auf die Gipfel der Berge flüchten und wo Piloten in der Lage sind, Richtung einer besseren Existenz zu fliegen. Auf der Bühne setzt sie diese alternative Existenz ganz alleine um. Auf einem Holzwagen hat sie die elektronischen Instrumente und die Kommandozentrale für die visuellen Effekte und so betanzt und bespielt Jessiquoi als Alleinherrscherin die Bühne, die ein Ort der Selbstbestimmung und der ständigen Neupositionierung ist. Jessiqoui erschafft ein in seiner Kompromisslosigkeit beeindruckendes Gesamtkunstwerk, mit dem sie auch schon in Sevilla oder New York für Begeisterung sorgte.

Der Holzwagen – oder wie sie ihn nennt – das «Wägeli» ist wie auch die chinesische Harfe, die sie live spielt, eine Reminiszenz an die chinesische Kultur, zu der sie eine grosse Affinität besitzt. «In der Sprachschule konnte mich eine chinesische Freundin für ihre Kultur begeistern. Und einmal als ich in China war – es war drei Uhr morgens in Shanghai – wollte ich noch was essen und da war diese alte Frau mit ihrem Holzwagen, die darauf das Essen kochte. Dieser alte Wagen inmitten dieser Metropole: Das war ein Bild, das mich nie mehr los liess. Ich wollte diese Frau sein», erzählt sie und schmunzelt.

Neue Songs basteln

Selbstbestimmung ohne Wenn und Aber und die Freiheit, das eigene Ich im flüssigen Zustand zu erhalten, sieht Jessica als Notwendigkeit für ihre Kunst an. «Für mich ist die Hauptaufgabe von Künstlerinnen und Künstlern, die Zukunft unserer Zivilisation neu zu träumen oder sichtbar zu machen, weil diese die Welt und die Menschen um sich herum aufnehmen, analysieren, kritisieren und neu formulieren.»

Dank dem Get Going!-Beitrag steht dieser spannenden Entwicklung nichts im Wege. «Ich habe mich über Konzerte finanzieren müssen, darunter litt die Zeit, um an neuen Songs zu basteln. Jetzt habe ich auf einen Schlag mein Jahresbudget zur Verfügung», strahlt sie. Wohin die Reise sie letztlich führen wird, ist völlig offen: «Ich weiss nicht, was ich morgen für Musik machen werde. Sie kommt einfach. Aber ich werde mir aus marktstrategischen Gründen nie vorschreiben lassen, wie ich zu klingen habe. Ich arbeite an meiner Identität. Ich. Nur ich allein.»

www.jessiquoi.com

Seit 2018 hat die FONDATION SUISA mit der Vergabe von neuen Werkbeiträgen begonnen. Unter dem Titel Get Going! werden kreative und künstlerische Prozesse finanziell angestossen, die sich ausserhalb der gängigen Kategorien befinden. In einer Porträtserie stellen wir jedes Jahr die Empfängerinnen und Empfänger dieser Get Going!-Beiträge vor. Die Ausschreibung für 2020 dauert noch bis Ende August.

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Möglichst vieles aufsaugen und dann verarbeiten. Das ist das Credo von Michel Barengo. Der 37-jährige Zürcher verweigert sich jeglicher Komfortzonen und kann nun dank dem Get Going!-Beitrag seinem kreativen Drang in der japanischen Underground-Szene nachgehen. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

Michel Barengo: Soundsammler und Klangtüftler jenseits der Komfortzone

Michel Barengo (Foto: Michel Barengo)

Kuhglocken, das Meckern von Ziegen, quietschende Türen, gackernde Hennen, das sanfte Rauschen des Windes in den Bäumen, Polizeisirenen oder das Plätschern von Wasser: Es gibt nichts an Klingendem, das Michel Barengo nicht interessieren würde. Er ist ein unermüdlicher Sammler von Sounds, der sich im heimischen Studio eine beachtliche Audiothek an Klängen aller Schattierungen angelegt hat. «Sitze einfach mal zehn Minuten mit geschlossenen Augen an einer Busstation. Unglaublich, was da alles abgeht», strahlt er und die Lust des Klangarchitekten ist unmissverständlich im Leuchten seiner Augen zu sehen.

Nun ist der 37jährige Zürcher nicht einfach ein Bastler mit einem Hang zum Do-it-Yourself-Musizieren, sondern gehört zu den gefragtesten Protagonisten, wenn es um die Vertonung von Video Games oder Klangkulissen fürs Theater geht. 2016 gewann er den Preis der FONDATION SUISA für die beste Musik in einem Video Game. Doch solche Auftragsarbeiten sind nur der eine Teil der Arbeit dieses Tausendsassas, der mit klaren Vorstellungen seine eigene musikalische Identität vorantreibt.

Das Rüstzeug, das er sich angelegt hat, um die kreativen Ideen professionell umsetzen zu können, ist beeindruckend. Mit fünf begann er Geige und Schlagzeug zu spielen, danach hatte er mit seinen Brüdern diverse Garagenbands. Sie spielten Punk, Metal und Alternative Rock. Beeinflusst von Mr. Bungle und Fantômas, den Projekten des kalifornischen Sängers Mike Patton, folgte Barengo dessen Pfad und landete unweigerlich bei der Musik des experimentellen New Yorker Saxophonisten John Zorn. «Grand Guignol», das Album von Zorns Band Naked City, war im Leben des noch jungen Michel Barengo die wohl einschneidenste Erfahrung. Brachial und subtil zugleich dekonstruiert und rekonstruiert Zorn in atemberaubender Geschwindigkeit die Musik und schöpft aus unzähligen kleinsten Fragmenten eine zuvor ungehörte, explosive Klangwolke.

«Zorns Affinität für den japanischen Underground hat dazu geführt, dass ich mich mehr und mehr für die dortige Grindcore- und Experimental-Szene zu interessieren begann. Bands wie Ground Zero, Korekyojinn oder Ruins mit Tatsuya Yoshida am Schlagzeug, aber auch Otomo Yoshihide an den Turntables und Gitarre. Das war entscheidend für meine eigenen experimentellen Sachen», erklärt Barengo. Die Einflüsse sind in seinen beiden Bandprojekten, dem Jazzcore Trio Platypus und der Grind Noise Band Five Pound Pocket Universe (5PPU) nicht zu überhören.

Professionelle Ausbildung

Dass sich Barengo mit einer Leichtigkeit durch seinen Klangkosmos bewegen kann und zwischen dem eigenen künstlerischen Weg und den Auftragsarbeiten immer wieder Brücken bauen kann über die er sich leichtfüssig tänzelnd hin und her bewegt, hat mit der professionellen Ausbildung zu tun. An der Winterthur Academy for Modern Music (WIAM) hat er sich zum Jazzschlagzeuger ausbilden lassen und an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) erwarb er sich den Master in Komposition für Film, Theater und Medien.

Ob opulente, an Hollywood erinnernde Klänge für ein Video Game, brachial geschliffene Miniaturen seiner Band 5PPU oder pointierte Sample-Collagen bei Platypus: Barengos Eklektik nährt sich immer aus dem Drang eine ganz eigene Ästhetik zu schaffen. Eine, die sich der Vorhersage verweigert und die Hörerschaft nicht zur Ruhe kommen lässt, weil hinter jedem einzelnen Ton ein anderer lauern könnte, der überrascht, hinterfragt oder den zuvor gelegten Pfad in Windeseile völlig neu kartographiert.

Ein rastloser Typ

Die Art der Arbeit liegt auch im Charakter ihres Schöpfers begründet. «Ich bin ein rastloser Typ», sagt Barengo über sich selbst. «Es gibt so vieles, das mich interessiert. Mir wird auch schnell langweilig. Ich muss einfach Dinge ausprobieren. Das ist doch, was einen letztlich antreibt: Möglichst vieles aufsaugen und dann verarbeiten. Ich mag Extreme und viel Abwechslung», sagt er und fügt dann lachend hinzu: «Das liegt wohl daran, dass ich mit 13 ‹Grand Guignol› gehört habe. Das hab ich nun davon.»

Erst abseits der Komfortzone fühlt sich Barengo wohl. Und im Spannungsfeld zweier Extreme liegt auch sein Get Going!-Projekt begründet. Es soll ihn dorthin führen, wo seit Jahrhunderten in der Diskrepanz zwischen Tradition und Moderne eine ungeheure kreative Spannung herrscht. Barengos Liebe zum japanischen Underground hat ihn schon rund ein Dutzend Mal in dieses Land geführt, nun will er dort ein dreiteiliges Unterfangen initiieren. «Konkret schwebt mir ein Projekt mit drei Phasen bestehend aus zwei Japanaufenthalten und deren Reflexion und Weiterverarbeitung in der Schweiz vor», erklärt er. «Zuerst möchte ich mich anhand von Impro-Sessions mit der Tokioer Underground Szene mit traditioneller japanischer Musik und deren Adaption in die zeitgenössische Musik auseinandersetzen. Danach werde ich mich in 12 Hotels mit ebenso vielen japanischen Musikern treffen, mit denen ich jeweils in einem Zimmer einen Track aufnehmen werde, der aus Geräuschen besteht, die ich im jeweiligen Hotel aufgenommen habe. Und last but not least, werde ich in der Schweiz alles aufgenommene Material sichten und für künftige Kompositionsprojekte archivieren und zu meiner persönlichen Sound Library verarbeiten.» Die Vorfreude darüber ist gross das alles dank der finanziellen Unterstützung durch den Get Going!-Beitrag realisieren zu können. «Mein Projekt passt in keine existierende Sparte. Es ist weder eine Album Produktion noch eine Tournee. Und es ist auch kein Atelieraufenthalt. Get Going! befreit mich auf meinem kreativen Weg von jeglichen Zwängen und Kompromissen. Einfach genial!», strahlt er. Und wenn jetzt auch die Reise wegen des Coronavirus ein Jahr verschoben werden musste: Dem Soundsammler und Klangtüftler werden auch in heimischen Gefilden die Ideen nicht so schnell ausgehen.

www.michelbarengo.com

Seit 2018 hat die FONDATION SUISA mit der Vergabe von neuen Werkbeiträgen begonnen. Unter dem Titel Get Going! werden kreative und künstlerische Prozesse finanziell angestossen, die sich ausserhalb der gängigen Kategorien befinden. In einer Porträtserie stellen wir jedes Jahr die Empfängerinnen und Empfänger dieser Get Going!-Beiträge vor. Die Ausschreibung für 2020 dauert noch bis Ende August.

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Michel Barengo (Foto: Michel Barengo)

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