Tagarchiv: Carte Blanche

Kultur und Medien in der Westschweiz

Im Grossen und Ganzen entwickelt sich die Lage positiv. Die Kultur- und Kunstschaffenden werden von unseren Medien stärker beachtet und akzeptiert. Es hat ein Bewusstseinswandel stattgefunden: Die Westschweizer Kulturschaffenden werden nicht mehr systematisch mit jenen aus Paris (oder London, New York usw.) verglichen. Ihre Qualitäten und auch die Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben, sind ernst zu nehmen – da ist man sich inzwischen einig. Carte Blanche von Claude Prélo, Präsident der Académie Romande

Claude-Prelo-Portrait

Claude Prélo, Präsident der Académie Romande, ist seit 1959 Mitglied der SUISA. (Foto: zVg)

Mich interessiert in erster Linie die Situation der «Chansonniers», Autoren, Komponisten (ob Interpreten oder nicht). In diesem Bereich ergeben sich gegenüber den Schriftstellern, Poeten, Dramaturgen, den Filmemachern, den klassischen Komponisten und den Opernsängern die grössten Probleme, weil es hier keine Kriterien gibt (im Gegensatz zum Operngesang, beispielsweise). Und genau deshalb füllen andere Merkmale diese Lücke: Bekanntheitsgrad, technische Perfektion, letztlich – direkt oder indirekt – auch Glück. Oder manchmal schlicht Anmut und Charme …

Wenden wir uns nun den unbekannten oder lokal bekannten Künstlerinnen und Künstlern zu. Sie gehen für ihren Lebensunterhalt einer Arbeit nach und haben neben dieser Anstellung nur wenig Zeit übrig. Für die Produktion einer CD benötigen sie mehrere Jahre: vielleicht fünf, manchmal auch zehn (solche Beispiele gibt es einige). Sie müssen alles selber machen, die Musik von Grund auf beherrschen und mehrere Instrumente spielen. Sie sind vielleicht sogar für die Tonaufnahme und die Tonmischung zuständig und entwerfen selber die Hülle und das Booklet ihrer CD, was viele Arbeitsstunden erfordert.

Diese Leistung ist bewundernswert und verdient Respekt und sollte unterstützt und nicht mit Missachtung, Stillschweigen (keine Antwort) oder mit Antworten abgetan werden wie «Ihre Chansons sind unfertig» oder «sie können 80 Jahre alt werden und ihre Stücke werden nicht gespielt werden». Hat man sie sich überhaupt angehört? Nicht immer, wie wir wissen. Wenn Ja: Wurden sie vom Anfang bis zum Ende gehört? Selten, bekanntlich. BESTENFALLS EIN EINZIGES MAL. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, mit jenen Chansons zu konkurrieren, die man seit Jahrzehnten, möglicherweise sogar seit über 50 Jahren zu hören bekommt!

Deshalb waren die meisten Programmleiter lange Zeit nicht in der Lage, die Qualität neuer Lieder zu bewerten: Es wurden nur die (alt-)bekannten Werke nach ihrem wahren Wert beurteilt (sogar in Paris, während des goldenen Zeitalters des «Show-biz», gab es nur wenige Experten, die beim Hören unbekannter Chansons voraussagen konnten, welche den Zuhörern gefallen und bei einer grossen Verbreitung vermutlich sogar erfolgreich sein würden). Solche Fähigkeiten setzen ein gutes Gespür und eine entsprechende Ausbildung voraus. Doch auch hier tut sich was.

Was die Westschweizer Künstler betrifft, so wussten sie lange ganz genau, dass all ihre Kompositionen, ALLES, WAS SIE MACHTEN, von vornherein als «ungenügend», «veraltet» und «nicht ins Programm passend» taxiert würde.

Noch heute leiden einige von ihnen unter langjährigen starken Depressionen, die in gewissen Fällen sogar zum Suizid führten. Dies, obwohl die kreativen Kunstschaffenden nichts Schlechtes machen, das wissen sie.

Wie gesagt: Ihre Alben hätten nie mit den OFFIZIELLEN Produktionen aus Paris und anderen Metropolen verglichen werden dürfen.

Schauen wir uns das Leben eines bekannten Künstlers aus der Pariser Region, aus Amerika usw. einmal näher an. Oft wurde er in eine Künstlerfamilie hineingeboren, vielleicht war ein Elternteil bereits ein Star! Er kann sich VOLLZEIT und mit ganzer Energie seiner künstlerischen Tätigkeit widmen. Er ist berühmt, wohlhabend und in ein Beziehungsnetz eingebettet (das ja bekanntlich austauschbar ist). Die Technik, das Material, die Versorgung bieten ihm keine Probleme. Die besten Autoren, Komponisten, Instrumentatoren, Musiker und Studios stehen ihm zur Verfügung. Bei Bedarf kann er die Dienste der bekanntesten Gesangslehrer und Fachärzte für Stimm- und Sprechpflege sowie bewährter Coiffeure, Visagisten, Fotografen und Schneider anfordern. Manchmal (oder regelmässig) importiert man eigens für ihn bekannte Musikproduktionen aus den Vereinigten Staaten, Brasilien oder anderswoher, deren Erfolg im Voraus gesichert ist. Ausserdem kümmern sich die wichtigsten Labels um die psychologischen und wirtschaftlichen Aspekte der Produktion, Präsentation und Promotion seiner CDs. Und es kann sogar durchaus sein, dass besagter Künstler auf dem Titelblatt von «France Dimanche», «Ici Paris» oder «Paris Match» erscheint!

Glücklicherweise gehören die Vergleiche zwischen den Westschweizer und den «offiziellen» Künstlern aus grossen Ländern heute der Vergangenheit an. Denn solche Vergleiche waren aus den oben genannten Gründen völlig irrational und unsinnig und schlossen gleich sämtliche Schweizer Kulturschaffenden aus. So sagte ein lokaler Radiomacher einmal: «Wenn ich eine CD aus der Westschweiz erhalte, höre ich sie mir nicht einmal an. Sie wandert gleich in den Müll!»

Ein älterer «Chansonnier» aus der Romandie beklagte sich einst: «Dass wir mit unseren Chansons keine internationalen Stars werden können, ist das Eine. Aber dass wir GAR NICHTS daraus machen können, das werden wir nie akzeptieren können!»

Doch langsam aber sicher beginnt sich eine Idee durchzusetzen: die eines viersprachigen Landesradios, das sich (ausschliesslich) den Schweizer Kulturen – insbesondere ihrer Musik widmet. Unseres Erachtens ist ein Sender eigens für die Westschweizer Musikkultur unerlässlich. Er könnte der Diskriminierung der Musik aus der Romandie endlich ein Ende setzen.
Was spricht dagegen? Eine berechtigte Frage! …

Abschliessend wäre es interessant zu wissen, ob die Deutschschweizer Kunstschaffenden unter der Konkurrenz aus Berlin und unsere italienischsprachigen Kollegen unter jener aus Rom (oder Mailand?) leiden, wie das bei uns mit Paris der Fall ist.

Diese Carte Blanche spiegelt die persönliche Meinung des Autors und muss sich nicht zwingend mit jener der Redaktion oder der SUISA decken.

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Im Grossen und Ganzen entwickelt sich die Lage positiv. Die Kultur- und Kunstschaffenden werden von unseren Medien stärker beachtet und akzeptiert. Es hat ein Bewusstseinswandel stattgefunden: Die Westschweizer Kulturschaffenden werden nicht mehr systematisch mit jenen aus Paris (oder London, New York usw.) verglichen. Ihre Qualitäten und auch die Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben, sind ernst zu nehmen – da ist man sich inzwischen einig. Carte Blanche von Claude Prélo, Präsident der Académie Romande

Claude-Prelo-Portrait

Claude Prélo, Präsident der Académie Romande, ist seit 1959 Mitglied der SUISA. (Foto: zVg)

Mich interessiert in erster Linie die Situation der «Chansonniers», Autoren, Komponisten (ob Interpreten oder nicht). In diesem Bereich ergeben sich gegenüber den Schriftstellern, Poeten, Dramaturgen, den Filmemachern, den klassischen Komponisten und den Opernsängern die grössten Probleme, weil es hier keine Kriterien gibt (im Gegensatz…Weiterlesen

«Respekt vor jenen, die sich im Musikberuf ihren Weg gebahnt haben»

Über Musik als festen Bestandteil unseres Lebens, Künstler-Entdeckungen dank den Möglichkeiten des Online-Geschäfts, magische Konzertmomente und Förderung von Schweizer Musik und Musikern ab den ersten Karriereschritten. Carte Blanche von Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur und Soziales, Migros-Genossenschafts-Bund

Hedy-Graber-Porträt

Hedy Graber, geboren 1961, hat an der Universität Genf Kunstgeschichte und Germanistik und an der Ecole d’Arts Visuels Fotografie studiert. Die «Kulturchefin der Migros» geniesst die magischen Momente von Konzerten: «Meiner Meinung nach geht nichts über das musikalische Erlebnis auf der Bühne.» (Foto: Nathalie Bissig)

Letzthin las ich im TGV auf der Fahrt in die Ferien nach Südfrankreich endlich wieder einmal ausgiebig Zeitungen. Dabei stiess ich auf eine lobende Besprechung des neuen Albums «Taziri» von zwei Musikern – Titi Robin und Mehdi Nassouli –, die mir bislang nicht bekannt waren. Neugierig lud ich besagtes Album bei Spotify herunter und stellte fest, dass mir die Musik sehr gefällt. Noch vor ein paar Jahren hätte ich zwar den Namen der Band aufgeschrieben, aber bis ich dann im Laden die CD gekauft hätte (falls diese überhaupt erhältlich gewesen wäre), wären wohl Wochen vergangen. Zunehmend profitiere ich von den Möglichkeiten des Online-Geschäfts. Und dies immer in der sicheren Annahme, dass die Künstler auch zu ihrem Recht beziehungsweise zu ihren Tantiemen kommen. Viel Musik und viele Entdeckungen – wie oben erwähntes Album – hätte ich wohl verpasst, existierte nicht die Möglichkeit des sofortigen Downloads.

Mit dem Musiklabel Musiques Suisses betreibt das Migros-Kulturprozent seit 1987 ein eigenes CD-Label für Schweizer Klassik, Schweizer Jazz und Neue Volksmusik mit dem Ziel, der Schweizer Musik lebendiges Archiv zu sein. Zwar gehen auch bei Musiques Suisses die CD-Verkäufe stetig zurück, doch der Download ist auch hier ein beliebtes Mittel, sich die Musik im Hier und Jetzt zu sichern. Wir stellen fest, dass unsere Musik vor allem in Japan und anderen fernen Ländern  von einem stetigen und wachsenden Kreis von Liebhabern gehört wird. So steigert sich erfreulicherweise der Bekanntheitsgrad der bei Musiques Suisses vertretenen Musikerinnen und Musiker.

Musik gehört zu unserem Leben – von der Berieselung in telefonischen Warteschlaufen über die Background-Musik in Warenhäusern und Restaurants bis hin zum Strassenmusiker in der Fussgängerpassage – oft ungewollt lauschen wir diesen Klängen. Musik wird so zur unmittelbarsten der Künste als fester Bestandteil unserer unmittelbaren Umgebung. Gerade deshalb ist es wichtig, zu differenzieren und gezielt hinzuhören. Wo gelingt dies besser als in einem Konzert? Meiner Meinung nach geht nichts über das musikalische Erlebnis auf der Bühne: Interpretation, Nuancen, Zusammenspiel, Talent, Tagesform und Publikum, dies sind die Ingredienzien für höchste Authentizität und magische Momente: beim italienischen Dirigenten Claudio Abbado die Töne im Raum schwebend oder etwa bei der nigerianischen Hip-Hop/Soul-Sängerin Nneka die Rhythmen und Lyrics spannungsgeladen.

Dem Migros-Kulturprozent ist es ein Anliegen, junge Musikerinnen und Musiker bei ihren ersten Schritten auf der Bühne zu begleiten. Unsere Talentförderung wird ergänzt durch die Demotape Clinic unseres Popmusikfestivals m4music. Denn erst wenn die Künstler die Chance bekommen, aufzutreten, können sie nachhaltige Erfahrungen sammeln.

Musik begleitet mich glücklicherweise seit Kindesbeinen, und ich habe grossen Respekt vor all jenen, die sich im Musikberuf ihren Weg gebahnt haben.

Hedy Graber leitet seit 2004 die Direktion Kultur und Soziales beim Migros-Genossenschafts-Bund in Zürich und verantwortet damit die nationale Ausrichtung der kulturellen und sozialen Projekte des Migros-Kulturprozent. Ihre Funktion beinhaltet auch den Aufbau und die Entwicklung des 2012 ins Leben gerufenen Förderfonds Engagement Migros.

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Hedy-Graber-Porträt

Hedy Graber, geboren 1961, hat an der Universität Genf Kunstgeschichte und Germanistik und an der Ecole d’Arts Visuels Fotografie studiert. Die «Kulturchefin der Migros» geniesst die magischen Momente von Konzerten: «Meiner Meinung nach geht nichts über das musikalische Erlebnis auf der Bühne.» (Foto: Nathalie Bissig)

Letzthin las ich im TGV auf der Fahrt in die Ferien nach Südfrankreich endlich wieder einmal ausgiebig Zeitungen. Dabei stiess ich auf eine lobende Besprechung des neuen Albums «Taziri» von zwei Musikern – Titi Robin und Mehdi Nassouli –, die mir bislang nicht bekannt waren. Neugierig lud ich besagtes Album bei…Weiterlesen