«Songs müssen für mich eine lyrische Tiefe haben»

Am 25. Mai 2022 wird an den Swiss Music Awards per Publikumsvoting auch der «Best Hit» für die beste Komposition ermittelt. Nominiert für die von der SUISA präsentierte Auszeichnung sind Zian, Joya Marleen und Lo & Leduc. Wir haben bei Zian und Henrik Amschler nachgefragt, welche Rolle der Text für den Song «Show You» spielt. Interview von Gastautor Markus Ganz

Zian und Henrik Amschler: «Songs müssen für mich eine lyrische Tiefe haben»

Zian (links) und Henrik Amschler. (Fotos: Jen Ries; Nina Müller)

Wie wichtig sind eurer Meinung nach die Lyrics für einen Song?

Zian: Für mich ist ganz klar: Die Lyrics sind entscheidend, ob ein Song sich länger halten kann oder nicht. Alle Songs, die über Jahrzehnte immer wieder angehört werden, sind Songs, die auch eine lyrische Tiefe haben. Deshalb sind Texte extrem wichtig. Kurzfristig mag ihre Bedeutung gleich gross wie die der Musik sein, was der Tantièmen-Aufteilung der SUISA entspricht. In längerer Hinsicht sind Texte aber wohl wichtiger, weil sie eine zusätzliche Ebene schaffen.

Ist die Musik bzw. der Sound also vergänglicher als ein guter Text?

Zian: Ich glaube, dass der Sound vor allem den Text unterstreicht. Wer zuhört, muss sich in einem Sound finden, der den Text unterstützt. Den alleinstehenden Text kann man zwar als Poesie verstehen, wenn es ein guter Text ist. Aber wir zielen ja darauf hin, in drei Minuten eine Geschichte zu erzählen, die vielleicht über mehrere Jahre passiert ist.
Henrik Amschler: Ich finde Vergänglichkeit nicht schlecht. Texte sind aber per se nicht so vergänglich wie Musik, die immer auch Trends folgt. Dies ist jedoch stark abhängig von den Künstlern und der Art ihrer Musik; in der Dancemusic etwa braucht es keine Tiefe in den Texten – sie soll zum Tanzen animieren. Bei Künstlern wie Zian ist es hingegen sehr wichtig, was sie in den Texten sagen, entsprechend sind die Songs weniger vergänglich.

Mit englischen Texten erweitert ihr den potentiellen Hörerkreis. Aber wären Mundarttexte nicht naheliegender beim Schreiben?

Henrik Amschler: Man darf nicht vergessen, dass sowohl der Schweizer Musikmarkt wie auch die Leute in der Schweiz allgemein stark international beeinflusst sind, vor allem vom englischen Sprachraum. Das heisst, bei gewissen Stilrichtungen kann man mit Texten in Englisch auf einer anderen Ebene starten, als dies mit Mundarttexten der Fall wäre. Viele Schweizer Künstler haben auch gezeigt, dass man zuerst im Ausland Erfolg haben muss, damit man in der Schweiz überhaupt wahrgenommen, auch ernstgenommen wird.

Habt ihr eine typische Vorgehensweise beim Schreiben von Songtexten?

Henrik Amschler: Tendenziell kann man schon sagen, dass wir ein Muster haben. Oft stellt mir Zian eine Idee vor und fragt nach meiner Meinung. Wenn ich begeistert bin, sage ich «Let’s go», sonst diskutieren wir weiter. Im Prozess bin ich dann aber eher für die musikalischen Aspekte zuständig. Zian steht immer im Mittelpunkt, denn der Text muss von ihm, aus seiner Persönlichkeit herauskommen.
Zian: Ja, denn er muss ehrlich sein.

Die Glaubwürdigkeit der Zian-Songs hängt also davon ab, dass man beim Hören spürt, dass Zian über etwas Persönliches singt?

Henrik Amschler: Die lyrische Absicht muss immer klar erkennbar von ihm kommen, deshalb ist er beim Text mehr involviert als ich; ich habe mehr eine stützende Funktion. Der Song «Show You» ist denn auch aus einer persönlichen Geschichte von Zian heraus entstanden, wie eigentlich alle unsere Lieder.

Was ist üblicherweise der Triggerpunkt für einen Text, für einen Song?

Beide: Das kann alles sein.
Zian: Oft ist es irgendeine Situation, und dann spürt man plötzlich, dass da etwas ist und dass man daran weiterarbeiten kann.
Henrik Amschler: Bei Zian merkt man auch beim Schreiben der Texte, dass er sehr musikalisch ist, er ist ja ein Multiinstrumentalist.
Zian: Es ist für mich vor allem eine starke Gefühlssache, da ist viel Herz dabei.
Henrik Amschler: Oft entscheidet auch, auf was wir gerade Lust haben, was gerade im Kopf ist und raus muss, in einen Text gefasst werden will, und dann machen wir die Musik dazu.
Zian: Oft kristallisiert sich dann ein Wort heraus, und wir spüren, in welcher Welt sich dieser Song befindet, das kann traurig sein und sich dann doch Richtung «happy» entwickeln.

Entwickelt ihr Musik und Text dann parallel weiter?

Zian: Ja, bis zu einem gewissen Punkt, wo es sich dann lohnt, den Text festzulegen, weil wir die Welt des Songs definiert haben; bis dahin ist ein Teil des Textes noch unverständliches «Mumble-Englisch».
Henrik Amschler: Ja, wenn wir die Rahmenbedingungen des Songs festgelegt haben, gehen wir tiefer in die Lyrics, und auch tiefer in die Produktion.

Müsst ihr Texte manchmal noch an eine fortgeschrittene Produktion anpassen?

Zian: Kaum, denn irgendwann ist der Text fertig; die Perfektion anstreben ist gut, aber erreichen kann man sie nicht. Er muss vor allem vom Gefühl her stimmen, und natürlich zur Musik passen, der Welt, die wir mit diesem Song geschaffen haben.
Henrik Amschler: Für mich ist klar: Ich priorisiere stets Zian mit seiner einzigartigen Stimme und seinen tiefgründigen Texten.
Zian: Man muss aber auch verstehen, dass wir uns im Popbereich bewegen, allzu komplex und abstrakt sollte der Text nicht werden – die Leute sollen ihn verstehen können. Je mehr Wörter man braucht, desto weniger Interpretationsspielraum haben die Leute beim Anhören.

«Show You»
Kompositon und Text: Tizian Hugenschmidt, Henrik Amschler.

www.zianmusic.com
www.henrik-hsa-amschler.ch

Swiss Music Awards: SUISA ehrt die Songwriter/innen des «Best Hit»
In der Kategorie «Best Hit» werden an den Swiss Music Awards jeweils die erfolgreichsten nationalen Songs der Schweizer Hitparade des Vorjahres nominiert und das Siegerlied wird während der TV-Show per Publikumsvoting ermittelt. Die SUISA ist dieses Jahr zum ersten Mal Presenting Partner des «Best Hit»-Award und stellt die Arbeit der Songwriterinnen, Songwriter, Textautorinnen und Textautoren des Siegersongs in den Vordergrund. 2022 sind in der Kategorie «Best Hit» die Songs «Show You», «Tribut» und «Nightmare» nominiert. (Text: Giorgio Tebaldi)
www.swissmusicawards.ch
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