«Get Going!» geht in die zweite Runde: «Wir haben den Nerv der Zeit getroffen»

Letztes Jahr vergab die FONDATION SUISA unter dem Titel «Get Going!» erstmals vier Anstossbeiträge, um innovative Kreativansätze ausserhalb der gängigen Schubladen zu fördern. Die positiven Reaktionen darauf waren überwältigend. Ende Juni 2019 geht die Ausschreibung in die zweite Runde. Text von FONDATION SUISA

FONDATION SUISA: «Get Going!» geht in die zweite Runde: «Wir haben den Nerv der Zeit getroffen»

Die Empfängerinnen und Empfänger der «Get Going»-Beiträge 2018 (von oben links nach unten rechts): Beat Gysin, das Duo Eclecta, Michael Künstle und Bertrand Denzler. (Fotos: Anna Katharina Scheidegger; Andrea Ebener; Zak van Biljon; Rui Pinheiro)

«Statt einem Künstler, einer Künstlerin im Nachhinein mithilfe eines Preises auf die Schulter zu klopfen, investieren wir nun das uns zur Verfügung stehende Geld stärker in die Zukunft», erklärte vor einem Jahr Urs Schnell, Direktor der FONDATION SUISA, die vom Stiftungsrat beschlossene neue Förderpolitik. Fördern statt urteilen wolle man und «so den Blick verstärkt nach vorne richten.»

Gesagt, getan. Die erste Ausschreibung von «Get Going!» mündete in über 90 Bewerbungen. Dieses grosse Interesse für etwas völlig Neues sei für ihn schlicht überwältigend, meint Schnell. «Wir haben damit wirklich den Nerv der Zeit getroffen. Das durften wir in diesem Ausmass nicht erwarten, da eine solch offen formulierte Ausschreibung trotz aller Analysen ein innovativer Schuss ins Blaue war.»

Bertrand Denzler, Michael Künstle, Beat Gysin und das Duo Eclecta (Andrina Bollinger und Marena Whitcher) hiessen die ersten Empfängerinnen und Empfänger im Rahmen von «Get Going!». Der Betrag von je 25 000 Franken wurde ihnen zugesprochen, weil sie die Fachjury mit ihren kreativen Visionen zu überzeugen vermochten. Da die Anstossfinanzierung nicht an ein Resultat gebunden ist, ermöglicht diese den Musikerinnen und Musikern, befreit von finanziellem und zeitlichem Druck arbeiten zu können. «Ich glaube, dass der Faktor Zeit in einem immer hektischer werdenden Umfeld ein in seiner Kostbarkeit nicht zu unterschätzendes Gut geworden ist», erklärt Schnell einen der Vorzüge von «Get Going!».

Ausschreibung «Get Going!» 2019 ab Ende Juni

Ab Ende Juni können sich Urheberinnen und Urheber, Autorinnen und Autoren sowie Musikerinnen und Musiker, die einen deutlichen Bezug zum aktuellen schweizerischen oder liechtensteinischen Musikschaffen nachweisen können, erneut für einen «Get Going!»-Beitrag bewerben. Auch 2019 werden vier solche Anstossfinanzierungen in der Höhe von je 25 000 Franken durch eine Fachjury vergeben.

Wichtig zu erwähnen ist auch, dass «Get Going!» die anderen Förderangebote der FONDATION SUISA, insbesondere das geltende Gesuchswesen, die bestehenden Partnerschaften, die Messen und Events im Ausland sowie das Klassenmusizieren, weder konkurriert noch tangiert.

«Im Gegenteil», erläutert Schnell, «als gewichtige Starthilfe ist das neue Modell eine Ergänzung zur bisherigen Förderung. Wir wollen neue kreative Orte ausmachen und in Zukunft verhindern, dass gewisse Projekte zwischen Stuhl und Bank fallen.»

Urs Schnell weiss, dass die bewusst weit offen gehaltene Formulierung der «Get Going!»-Ausschreibung zu Beginn etwas verwirrend sein könnte: «Musikerinnen und Musiker wurden in den letzten Jahrzehnten durch die traditionellen Förderinstrumente auf ein gewisses Gesuchsdenken konditioniert. Uns geht es mit der neuen Ausrichtung darum, uns als Förderin auf die Künstlerinnen und Künstler zu zu bewegen, um mit dieser Umkehr das freie kreative Denken wieder in den Mittelpunkt zu rücken.» Um die Möglichkeiten von «Get Going!» aufzuzeigen, werden deshalb im Laufe der nächsten Wochen sowohl auf der Website der FONDATION SUISA wie auch auf dem SUISAblog Porträts der Empfängerinnen und Empfänger der letztjährigen «Get Going!»-Beiträge veröffentlicht.

www.fondation-suisa.ch

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Letztes Jahr vergab die FONDATION SUISA unter dem Titel «Get Going!» erstmals vier Anstossbeiträge, um innovative Kreativansätze ausserhalb der gängigen Schubladen zu fördern. Die positiven Reaktionen darauf waren überwältigend. Ende Juni 2019 geht die Ausschreibung in die zweite Runde. Text von FONDATION SUISA

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Die Empfängerinnen und Empfänger der «Get Going»-Beiträge 2018 (von oben links nach unten rechts): Beat Gysin, das Duo Eclecta, Michael Künstle und Bertrand Denzler. (Fotos: Anna Katharina Scheidegger; Andrea Ebener; Zak van Biljon; Rui Pinheiro)

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Klangraumvermesser und Raumklangforscher

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Bertrand Denzler: Klangraumvermesser und Raumklangforscher

Bertrand Denzler (Foto: Dmitry Shubin)

Unermüdlich, vielseitig und umtriebig sind nur drei Umschreibungen, wie man das künstlerische Wirken von Bertrand Denzler charakterisieren könnte. Wer sich auf seiner Website umsieht, fühlt sich erstmal ob der schieren Menge seiner Projekte und Formationen erschlagen. Denzler lacht: «Ich habe mittlerweile das Ganze etwas übersichtlicher gebündelt». In der Tat: Auf den zweiten Blick macht alles Sinn. Und wer in der Folge in die online verfügbaren Sounds eintaucht, kann sich Denzlers künstlerischer Vision kaum mehr entziehen. Die fein austarierten Klangskulpturen scheinen im ersten Moment eine einladende Einfachheit zu offenbaren. Doch dahinter lauert eine fast hypnotische Komplexität mit ungeheurer Sogwirkung.

«In meinen Kompositionen geht es nicht primär um die narrative Form, sondern um die innere Struktur. Deshalb erscheinen die Stücke relativ einfach, obwohl sie nicht einfach zu spielen sind. Der Musiker soll nicht von allzu vielen Ideen abgelenkt werden, er soll sich voll und ganz auf den Klang und dessen Präzision konzentrieren können», erklärt Denzler seine Absicht.

Er bezeichnet seine prozessorientierten Kompositionen als Raum. Meist sind sie nicht traditionell notiert, sondern in ihrer Struktur vorgegeben. «Ich will, dass man als Musiker involviert ist, mitdenken muss», betont Denzler. Und fügt an: «Oft ist bloss die zeitliche Struktur festgelegt, nicht aber die rhythmische. Die vorgegebenen Regeln lassen immer sehr viele Möglichkeiten offen.»

Denzler praktiziert dieses Vermessen des Raumes mit der gleichzeitigen Erforschung des Raumklangs mit verschiedensten Formationen, darunter das Trio Sowari, Hubbub, Denzler-Gerbal-Dörner, The Seen, Onceim oder Denzler-Grip-Johansson. Gleichzeitig bricht er auch immer wieder aus, improvisiert als Gastmusiker in Formationen wie Jonas Kocher’s internationalem Šalter Ensemble, im Duo mit Hans Koch oder ganz einfach solo.

Sein Lebenslauf, meint Denzler, sei eigentlich ziemlich typisch für einen europäischen Musiker seiner Generation. Angefangen hat dies mit klassischer Musik und gleichzeitigem privaten Hören von Pop und Rock. Der pure Wissensdurst hat ihn aber auch relativ rasch mit den verschiedensten Arten, wie auf dieser Welt musiziert wird, bekannt gemacht. «Und irgendwann», so Denzler, «wurde der Jazz zu meiner Hauptbeschäftigung, weil mich die Improvisation, also die Umsetzung des Denkens in Echtzeit, fasziniert hat.»

Auf den Jazz folgte die freie Musik, auch wenn Denzler heute noch von der Philosophie und dem improvisatorischen Ansatz von Grössen wie Albert Ayler und John Coltrane beeindruckt und wohl auch weiterhin beeinflusst ist. Im Gegensatz zu vielen Improvisatoren, die – wenn sie sich mal vom kompositorischen Ansatz abgewandt haben – nie mehr zurückkehren, hat Denzler für sich jenen Raum gefunden, der sich architektonisch aus dem Spannungsfeld von Improvisation und Komposition immer wieder aufs Neue bilden kann. «In den letzten zehn Jahren kam in mir das Gefühl auf, dass ich im immer gleichen System improvisiere. Ich hatte plötzlich wieder das Bedürfnis, innerhalb meiner Musik Strukturen aufzubauen.»

Die künstlerische Vision Denzlers ist nicht nur im übertragenen Sinne eine Art Forschungsreise: Er möchte diesen «Raum» als «wandernde Residenz» an geographisch unterschiedliche Orte tragen, um dort andere Musikerinnen und Musiker zu treffen und gemeinsam mit ihnen neue Musik entstehen zu lassen. Das Vorhaben scheiterte bislang nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch weil ein solch offenes Projekt nicht den Rahmenbedingungen herkömmlicher Förderpolitik entspricht. Die Anstossfinanzierung durch den Get Going!-Beitrag der FONDATION SUISA macht die Umsetzung nun möglich, weil – so Denzler – «sie es mir erlaubt, der Kreativität zu folgen anstelle einer vordefinierten Bedingung.» Strahlend fügt er noch hinzu, es sei, als wäre der Werkbeitrag auf ihn zugeschnitten worden. Und in der Tat erinnert er in seiner Definition fast an eine Denzlersche Komposition, in der die vom Urheber definierten Strukturen noch ungeahnte Möglichkeiten offen lassen …

www.bertranddenzler.com

2018 hat die FONDATION SUISA mit der Vergabe von neuen Werkbeiträgen begonnen. Unter dem Titel Get Going! werden kreative und künstlerische Prozesse finanziell angestossen, die sich ausserhalb der gängigen Kategorien befinden. In einer Porträtserie stellen wir die Empfängerinnen und Empfänger dieser Get Going!-Beiträge vor.

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Der Saxophonist Bertrand Denzler arbeitet im Spannungsfeld zwischen Improvisation und Komposition an immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Nun beabsichtigt der 55-jährige Genfer mit Wohnsitz Paris anhand einer «wandernden Residenz» die Grenzen seines künstlerischen Dialogs mit anderen weiter auszudehnen. Die FONDATION SUISA unterstützt dieses Vorhaben finanziell mit einem Get Going!-Beitrag. Gastbeitrag von Rudolf Amstutz

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Bertrand Denzler (Foto: Dmitry Shubin)

Unermüdlich, vielseitig und umtriebig sind nur drei Umschreibungen, wie man das künstlerische Wirken von Bertrand Denzler charakterisieren könnte. Wer sich auf seiner Website umsieht, fühlt sich erstmal ob der schieren Menge seiner Projekte und Formationen erschlagen. Denzler lacht: «Ich habe mittlerweile das Ganze etwas übersichtlicher gebündelt». In der Tat: Auf den zweiten Blick macht alles Sinn. Und wer in der Folge in die online verfügbaren Sounds eintaucht, kann sich Denzlers künstlerischer Vision kaum mehr entziehen. Die fein…Weiterlesen

Neue Perspektiven für Schweizer Musikschaffende dank IKF-Präsenz

Unter der Affiche «Swiss Music» präsentierten die FONDATION SUISA und Pro Helvetia erstmals einen Gemeinschaftsstand an der 31. Internationalen Kulturbörse in Freiburg im Breisgau. Die Bilanz fällt positiv aus. Text von Urs Schnell, FONDATION SUISA

FONDATION SUISA: Neue Perspektiven für Schweizer Musikschaffende dank IKF-Präsenz

Mich Gerber bei seinem Auftritt an der Internationalen Kulturbörse Freiburg 2019. (Foto: Marcel Kaufmann)

Letztes Jahr feierte die Internationale Kulturbörse Freiburg IKF ihr 30-Jahr-Jubiläum mit einem Schweizer Schwerpunkt. Die FONDATION SUISA war damals als Beobachter vor Ort, um zu prüfen, ob sich die wichtigste Fachmesse für Bühnenproduktionen, Musik und Events im deutschsprachigen Raum für eine Präsenz für Schweizer Musikschaffende eignen würde. Aus der Musikszene wurde immer wieder Stimmen laut, dass sich dadurch neue Auftrittsmöglichkeiten auf deutschen Bühnen und Kleintheatern ergeben könnten.

Die FONDATION SUISA engagiert sich seit Jahren an ausländischen Musikshowcases-Festivals und Musikmessen, um die Vernetzung des heimischen Musikschaffens mit internationalen Organisatoren und Agenturen zu fördern. Deshalb war es nach eingehender Prüfung des Potentials der IKF einleuchtend, das erfolgreiche Konzept eines Schweizer Gemeinschaftstandes dieses Jahr vom 20. bis 23. Januar erstmals auch in Freiburg anzuwenden.

Der Stand «Swiss Music» – in Zusammenarbeit mit Pro Helvetia – ermöglichte nun während den drei Tagen Künstlerinnen und Künstlern oder deren Agenturen Anschluss an die reichhaltige Veranstalterszene zu finden und da vor allem mit jenen Veranstaltern, die ausserhalb des gängigen Musiknetzwerks operieren: Gerade Kleintheater, die auf ein abwechslungsreiches Kleinkunstprogramm setzen, eröffnet der musikalische Austausch mit der Schweizer Musikszene neue Perspektiven.

Dank unseres Gemeinschaftstandes war es Musikschaffenden und Agenturen möglich, sich einem breiten Publikum zu präsentieren, ohne einen eigenen mit hohen Kosten verbundenen Stand zu mieten und so die IKF als Austauschplattform, Marktplatz und Ort der Weiterentwicklung optimal zu nutzen. Gerade die Tatsache, dass die IKF keine reine Musikmesse ist, wurde von vielen positiv als potentielles Neuland gewertet. Dass der «Swiss Music»-Stand direkt am Verbindungseingang zur Halle mit den darstellenden Künsten und Strassentheater platziert war, trug viel zur Visibilität bei.

Mit Showcases von Mich Gerber, Gina Été, dem Postharmonic Orchestra, Moes Anthill, Bruno Bieri und Park Stickney zeigte sich das breite Spektrum an aussergewöhnlichen Protagonisten auch live auf der Bühne.

Die ersten Feedbacks auf die erstmalige Schweizer Präsenz in Freiburg fallen durchwegs positiv aus. Die IKF als wichtigster Treffpunkt für kleinere und mittlere Bühnenproduktionen im deutschsprachigen Raum wird in Zukunft auch Schweizer Musikerinnen und Musikern neue Möglichkeiten eröffnen.

Weitere Infos unter:
ikf.swissmusic.ch sowie www.fondation-suisa.ch/ikf

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«Get Going!»-Beiträge und «Carte Blanche» erstmals vergeben

Im Rahmen ihrer neuen Förderpolitik hat die FONDATION SUISA erstmals vier «Get Going!»-Beiträge sowie eine «Carte Blanche» vergeben. Eine «Get Going!»-Anstossfinanzierung von je 25 000 Franken erhalten Beat Gysin, Bertrand Denzler, Michael Künstle und das Duo Eclecta. Die alle zwei Jahre vergebene «Carte Blanche» von 80 000 Franken geht an Cécile Marti. Text von FONDATION SUISA

FONDATION SUISA: «Get Going!»-Beiträge und «Carte Blanche» erstmals vergeben

Die Komponistin Cécile Marti erhält die alle zwei Jahre vergebene «Carte Blanche» der FONDATION SUISA. (Foto: Ingo Höhn)

In der neuen Förderpolitik der FONDATION SUISA geht es darum, auf die sich rasch wandelnden Musikszenen zu reagieren. Im «Dazwischen», also abseits gängiger Genre-, Alters- oder Projektkategorien finden kreative und künstlerische Prozesse statt, die beim gängigen Gesuchswesen zwischen Stuhl und Bank zu fallen drohen.

Deshalb wurden im Juni erstmals vier «Get Going!»-Beiträge zu je 25 000 Franken ausgeschrieben. «Mit dieser jährlichen Ausschreibung versuchen wir, kreative Orte und künstlerische Visionen auszumachen, die es verdienen, gefördert zu werden», sagt Urs Schnell, Direktor der FONDATION SUISA. «Deshalb ist die Ausschreibung auch bewusst offen gehalten.»

Mit über 90 eingereichten Gesuchen sind die «Get Going!»-Beiträge bei den Musikschaffenden auf viel Resonanz gestossen. «Die Fachjury hat es sich nicht einfach gemacht, aus den vielen hoch interessanten Anfragen vier Empfängerinnen und Empfänger auszuwählen», so Schnell. In der Beschreibung der nun geförderten künstlerischen Absichten lässt sich sehr gut ablesen, um was es bei dieser Art der Anstossfinanzierung geht. «Letztlich geht es auch in der Musik immer wieder darum, neue Welten zu erforschen, Dinge hör- und sichtbar zu machen, neue Perspektiven auszuloten», meint Schnell.

«Get Going!»-Beiträge 2018

So kreiert etwa der Komponist Beat Gysin im Rahmen seiner «Leichtbautenreihe» architektonische Räume, in denen ungewohnte Hörsituationen eine neue Wahrnehmung von Musik ermöglichen. Gysin forscht so nach den dynamischen Möglichkeiten, die sich in der Beziehung zwischen Raum, Musik sowie Empfänger/Hörer ergeben.

Um «Raum» geht es auch Michael Künstle. Der Komponist von Film- und Konzertmusik paart orchestrale Tradition mit moderner kompositorischer sowie aufnahmetechnischer Innovation, um so eine Raum-Komposition zu schaffen, die als dreidimensionales Hörerlebnis zugänglich wird.

Saxophonist und Komponist Bertrand Denzler wiederum ortet neue kompositorische Möglichkeiten in der bewussten Nicht-Verortung seines Schaffens. Er versucht mit einer «wandernden Residenz» improvisatorisch und kompositorisch den Austausch mit fremden Kulturen. Der stete Dialog mit sich wandelnden Einflüssen soll jenen Weg aufzeigen, der am Ende in kompositorischen Resultaten mündet.

Und Andrina Bollinger und Marena Whitcher wandeln als Duo Eclecta durch interdisziplinäres Gelände. Als Sängerinnen, Performerinnen, Multiinstrumentalistinnen, Produzentinnen und Komponistinnen kollaborieren sie unentwegt mit anderen Künsten, um neue hör-, sicht- und fühlbare Erlebniswelten zu erschaffen.

«Carte Blanche» an Cécile Marti

Die «Carte Blanche» in der Höhe von 80 000 Franken, die nicht ausgeschrieben, sondern alle zwei Jahre direkt von einer Fachjury vergeben wird, soll es Musikschaffenden erlauben, sich ohne finanziellen Druck auf seine oder ihre künstlerische Weiterentwicklung zu konzentrieren.

Wer in den letzten Jahren den kreativen Weg von Cécile Marti verfolgt hat, weiss, dass die aus dem Kanton Zürich stammende Künstlerin eine würdige Empfängerin dieser «Carte Blanche» ist. Vor allem ihr Orchesterzyklus «Seven Towers», in 7 Teilen und für 120 Musiker, der 2016 durch das SOBS in Biel uraufgeführt wurde und seit seiner Entstehung auch durch das Berner Symphonieorchester, der Geneva Camerata und der Sinfonietta Basel gespielt wurde, sorgte für Aufsehen.

Parallel dazu doktorierte Marti mit einer Arbeit, die sich mit musikalischen Zeitverläufen befasst. Die «Carte Blanche» ermöglicht es ihr nun, die initiierte Forschung auf diesem Gebiet in einen künstlerischen Kontext zu stellen. Die erforschten Zeitverläufe sollen mit Hilfe eines Balletts und in skulpturaler Form (Marti ist auch Steinbildhauerin) sichtbar gemacht werden.

www.fondation-suisa.ch

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Im Rahmen ihrer neuen Förderpolitik hat die FONDATION SUISA erstmals vier «Get Going!»-Beiträge sowie eine «Carte Blanche» vergeben. Eine «Get Going!»-Anstossfinanzierung von je 25 000 Franken erhalten Beat Gysin, Bertrand Denzler, Michael Künstle und das Duo Eclecta. Die alle zwei Jahre vergebene «Carte Blanche» von 80 000 Franken geht an Cécile Marti. Text von FONDATION SUISA

FONDATION SUISA: «Get Going!»-Beiträge und «Carte Blanche» erstmals vergeben

Die Komponistin Cécile Marti erhält die alle zwei Jahre vergebene «Carte Blanche» der FONDATION SUISA. (Foto: Ingo Höhn)

In der neuen Förderpolitik der FONDATION SUISA geht es darum, auf die sich rasch wandelnden Musikszenen zu reagieren. Im «Dazwischen», also abseits gängiger Genre-, Alters- oder Projektkategorien finden kreative und künstlerische Prozesse statt, die beim gängigen Gesuchswesen zwischen Stuhl und Bank zu fallen drohen.

Deshalb wurden im Juni erstmals vier «Get Going!»-Beiträge zu je 25 000 Franken ausgeschrieben. «Mit dieser jährlichen Ausschreibung versuchen…Weiterlesen

Neue Förderungsstrategie: «Wir wollen den Blick nach vorne richten»

Die FONDATION SUISA verstärkt ihr Engagement in der Förderung von Musik in der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein: Jährlich sollen unter dem Titel «Get Going!» vier musikalische Projekte angestossen und mit «Carte Blanche» alle zwei Jahre ein grösserer Werkbeitrag gesprochen werden. Text von FONDATION SUISA

FONDATION SUISA - Neue Förderungsstrategie: «Wir wollen den Blick nach vorne richten»

Mit ihrer revidierten Förderpolitik will die FONDATION SUISA neue kreative Orte ausmachen und Projekte anstossen, bei denen die Musikschaffenden in ihren kreativen Vorstellungen möglichst wenig eingeengt werden. (Foto: Alberto Andrei Rosu / Shutterstock.com)

Der Stiftungsrat der FONDATION SUISA hat beschlossen, einen Teil seiner Förderungspolitik neu aufzugleisen und neue Perspektiven einfliessen zu lassen. Damit will die Stiftung den zeitgemässen Ansprüchen an das Schweizer Musikschaffen mehr Rechnung tragen. In Zukunft wird weniger in den Rückspiegel geschaut, dafür vermehrt nach vorne. Vier Anstossbeiträge sowie ein Werkbeitrag treten an die Stelle der bisherigen Preispolitik.

«Statt einem Künstler, einer Künstlerin im Nachhinein mit Hilfe eines Preises auf die Schulter zu klopfen, investieren wir nun das uns zur Verfügung stehende Geld stärker in die Zukunft», sagt Urs Schnell, Direktor der FONDATION SUISA, und fügt an: «Wir wollen fördern statt urteilen und so den Blick verstärkt nach vorne richten.»

«Get Going!» ermöglicht neue Projekte

Beim sogenannten «Get Going!» handelt es sich um eine Anstossfinanzierung. Es werden vier «Get going!»-Beiträge à 25 000 Franken pro Jahr ausgeschrieben. Erstmals können sich Musikschaffende ab Ende Juni 2018 für einen «Get Going!»-Beitrag bewerben. Wichtig ist, dass «Get Going!» die anderen Förderangebote der FONDATION SUISA, insbesondere das geltende Gesuchswesen, die bestehenden Partnerschaften, die Messen und Events im Ausland sowie das Klassenmusizieren, weder konkurriert noch tangiert.

«Im Gegenteil», erläutert Schnell, «als gewichtige Starthilfe dienen sie als Ergänzung zur bisherigen Förderung. Wir wollen neue kreative Orte ausmachen. Dies vor allem auch ausserhalb der gängigen Schubladen, die sich in der Förderpolitik in Vergangenheit etabliert haben. Zwar haben sich diese durchaus als nützlich erwiesen, gleichzeitig tragen sie aber dazu bei, dass gewisse Projekte zwischen Stuhl und Bank fallen.»

Finanzielle Unabhängigkeit dank der «Carte Blanche»

Nicht ausgeschrieben, sondern alle zwei Jahre direkt von einer Fachjury vergeben, wird die «Carte Blanche» in der Höhe von 80 000 Franken. Die «Carte Blanche» soll es den Begünstigten ermöglichen, sich während eines längeren Zeitraumes vollständig auf ihr musikalisches Schaffen zu konzentrieren. «Die Förderung sowie die künstlerische Entwicklung stehen im Fokus einer ‹Carte Blanche› und weniger das Ergebnis der Arbeit an einem bestimmten Werk», umreisst Schnell den Rahmen dieses substanziellen Förderbeitrages.

Mit beiden Förderprojekten will die FONDATION SUISA auf die sich rasch wandelnden Musikszenen reagieren, in denen immer wieder innovative Kreativansätze scheitern, weil sie nicht in das vorhandene Reglementarium passen. Daher verzichtet die FONDATION SUISA bewusst auf gängige Genre-, Alters- oder Projektkategorien. «Get Going!» und «Carte Blanche» sollen für möglichst viele musikalisch-kreative Menschen zugänglich sein. «Die Musikschaffenden sollten in ihren kreativen Vorstellungen möglichst wenig eingeengt werden», sagt Schnell. «Im Dazwischen, wo herkömmliche Genredefinierungen scheitern, weil sie durch das Raster fallen, wollen wir in Zukunft als konstruktiver Förderer auftreten.»

Die neue Förderpolitik der FONDATION SUISA gilt ab sofort. Die ersten vier «Get Going!»-Beiträge zu je 25 000 Franken werden Ende Juni 2018 ausgeschrieben. Die Informationen rund um die Bewerbung sind ab dann auf der Webseite der Stiftung aufgeschaltet.

www.fondation-suisa.ch

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Mit ihrer revidierten Förderpolitik will die FONDATION SUISA neue kreative Orte ausmachen und Projekte anstossen, bei denen die Musikschaffenden in ihren kreativen Vorstellungen möglichst wenig eingeengt werden. (Foto: Alberto Andrei Rosu / Shutterstock.com)

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«Intuition und emotionale Wirkung sind für mich wichtiger als starre Konzepte»

Die FONDATION SUISA zeichnet Balz Bachmann mit dem Filmmusikpreis 2017 für seine Originalkompositionen zu Wilfried Meichtrys Dokumentarfilm «Bis ans Ende der Träume» aus. Gastautor Markus Ganz im Gespräch mit Balz Bachmann.

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«Jeder Film ist äussert individuell, deshalb suche ich für jeden Film eine eigene musikalische Sprache», erklärt Balz Bachmann. (Foto: Patrick Hari)

Balz Bachmann, wie kam es, dass Sie die Filmmusik zu Wilfried Meichtrys Dokumentarfilm «Bis ans Ende der Träume» schaffen konnten?
Balz Bachmann: Es war das erste Mal, das ich mit Wilfried Meichtry gearbeitet habe. Und es war sein Debüt als Regisseur, denn bislang hatte der promovierte Historiker im Filmbereich nur als Drehbuchautor gewirkt. Wir kamen an den Solothurner Filmtagen ins Gespräch und redeten bald über die Thematik des Filmprojektes, aber auch über die Art einer möglichen Zusammenarbeit. Nach weiteren Gesprächen mit Involvierten erhielt ich das Drehbuch, las es und diskutierte mit Wilfried Meichtry, dem Produzenten Urs Schnell (DokLab GmbH, Bern) und der Editorin Annette Brütsch.

Wie begannen Sie konkret mit der Arbeit?
Zunächst war es der klassische Ablauf: Ich bekam gewisses Filmmaterial, manchmal grob geschnitten, damit ich ein Gefühl für die Grundstimmung erhielt. Dann begann ich, musikalische Skizzen zu erstellen, schickte sie in den Schnitt. Wir haben dann geschaut, wo im Zusammenspiel mit dem Bild was geschieht. So entstand eine Art Ping-Pong zwischen meiner Musik und dem Schnitt, das eine reagierte auf das andere und umgekehrt.

Was war speziell?
Ich musste eine Dramaturgie finden für eine komplexe Kombination von sowohl dokumentarischem als auch fiktionalem Bildmaterial. Die Herausforderung war, trotzdem einen dramaturgischen Bogen über den ganzen Film zu schaffen. Es war eine enge Zusammenarbeit mit der Editorin, dem Regisseur und mir, um herauszufinden, was es dazu braucht. Zu Beginn dachten wir, dass etwa 25 Minuten Musik reichen sollten (der Film ist 82 Minuten lang). Aber wir merkten, dass das Bildmaterial relativ statisch ist, weil es viele Fotos enthält, und auch bewusst so inszeniert wurde, auch in den fiktionalen Teilen. Entsprechend wurde uns bewusst, dass es dort eine Bewegung braucht, eine weitere Ebene, die die Geschichte miterzählt und kommentiert: mehr Musik.

Haben Sie zu Beginn eine passende Sound-Bibliothek für die Filmmusik zusammengestellt?
Das wär ein interessanter Ansatz gewesen, doch ich habe es anders gemacht. Ich muss jeweils ausprobieren, wie Bild und Ton zusammenkommen. Ich versuche intuitiv herauszuspüren, was mit mir als Zuschauer geschieht, wenn ich gewisse Stimmungen, Klangfarben und musikalischen Themen einsetze. Bei diesem Film suchte ich eine breite Palette an Klangfarben, um die unterschiedlichen Zeiten und Orte erlebbar zu machen. Ich habe auch stilistisch bewusst sehr unterschiedliche Elemente eingesetzt: klassische Teile mit Bratsche etwa, aber auch solche, die Bezug auf die Orte nahmen, mehr musikalisch als klanglich. Denn ich wollte nicht das Klischee der Ethno-Musik.

«Man muss eine eigene musikalische Sprache entwickeln für einen Film, und das ist nur möglich, wenn man Musik extra dafür komponiert.»

Keine folkloristische Südsee-Romantik also für den Ort, wo sich die beiden Protagonisten kennen- und lieben lernten?
Genau, die Musik sollte auch dort eine eigene Erzählform sein, in der der Ort wohl mitschwingt, aber eigenständig umgesetzt wird. Deshalb reicht die Palette der von mir eingesetzten Filmmusik bis zu rein elektronischer Musik, die beispielsweise einen interessanten Kontrast zur alten Frau schafft. Ich war mir lange nicht sicher, ob dies funktioniert, ob man es als Zuschauer glaubt. Das ist bei der Filmmusik ähnlich wie beim Schauspiel: Man nimmt eine Person wahr und muss von ihr eingenommen werden, ohne zu realisieren, dass diese gespielt wird. So muss einen die Musik emotional in den Film hineinsaugen, das ist mein oberstes Gebot.

Haben Sie dokumentarisches und fiktionales Material anders vertont, um den Unterschied zu verdeutlichen?
Nein, ich habe im Gegenteil versucht, die beiden Arten von Material zu verbinden oder überlappen zu lassen. Ich wollte, dass sie fliessend ineinander übergehen, damit man als Zuschauer unmerklich aus den dokumentarischen in die fiktionalen Szenen hineinkommt.

Was halten Sie von den zwei grundsätzlichen Ansätzen der Filmmusik, dass diese entweder verstärkend oder kontrastierend wirken soll?
Ich habe nicht gerne starre oder rein theoretische Musik-Konzepte, ich liebe intuitives Erarbeiten. Jeder Film ist äusserst individuell, stellt eine eigene Welt dar, deshalb suche ich für jeden eine eigene musikalische Sprache. Deshalb gibt es ja überhaupt Filmmusik, obwohl es sehr viel bereits existierende Musik gibt. Aber dies ist genau der Punkt: Man muss eine eigene Sprache entwickeln für einen Film, und das ist nur möglich, wenn man Musik extra dafür komponiert.

Dann arbeiten Sie wohl auch nicht mit «Temp Tracks» (provisorischer Soundtrack mit bereits existierender Musik, um die Wirkung des vorliegenden Filmmaterials testen zu können)?
Für einen Filmkomponisten wie mich ist dies natürlich ein Reizwort (lacht). Vor allem Editoren setzen sie für die Rhythmisierung der Bilder ein oder weil sie Angst haben, dass eine Szene nicht trägt. Ich halte solche Argumente für nicht richtig, weil man meiner Meinung nach den Rhythmus der Bilder ohne provisorische Musik besser wahrnimmt. Deshalb finde ich es sinnvoller, wenn man es «trocken» ohne Temp-Track macht. Es gibt auch die meiner Meinung nach sehr interessante Möglichkeit, allein auf die Grundlage eines Drehbuchs zu komponieren, ohne dass man Bilder hat. Ich als Komponist kann dann aus der Vision schöpfen, die ich mir durch das Lesen des Drehbuchs zu dieser Geschichte mache. Ich erhalte dadurch viel Raum und Freiheit.

Sie können sich dann eine eigenständigere Ebene schaffen, die nicht schon durch Bilder vorgeprägt ist?
Genau. Der zweite Vorteil ist, dass man bereits während des Schnitts mit dafür geschaffener Musik arbeiten und ausprobieren kann, wie sie wirkt. Der dritte Vorteil ist, dass man von Beginn weg eine grosse Eigenständigkeit hat. Denn der grosse Nachteil von Temp-Musik ist, dass sie – speziell für den Regisseur und den Editor – unweigerlich zu einer Referenz wird, von der man sich kaum mehr lösen kann. Der Mensch verbindet die beiden Ebenen von Bild und Ton automatisch auf emotionale Weise, weshalb es sehr schwierig ist, diese wieder voneinander zu trennen.

«Im Dokumentarfilm muss man die Dramaturgie anders entwickeln als bei einem Spielfilm, wo die Szenen und die Dramaturgie schon viel stärker durch das Drehbuch vorgegeben sind.»

Der Soundtrack ist immer auch ein Mittel, um den Zuschauer zu unterstützen beim Erzählen der Story. Verknüpfen Sie Figuren und Orte mit Sounds und Motiven?
Ja, ich verwende in fast jedem Film Motive, die für etwas stehen und sich wiederholen, was den Zuschauern die Orientierung erleichtert. Wenn man eine Szene mit einer Musik erlebt hat und sich die Musik später wiederholt, erhält man automatisch und schnell einen Zugang zur nächsten Szene, weil sie verknüpft wird. Und deshalb ist es oft auch ein Einstieg in ein Projekt, dass ich bei einem Ort oder einem Charakter einhake. Je mehr ich mich auf einen Charakter einlasse und ihm musikalisch etwas zuordne, desto mehr verstärkt dies die Struktur des Films, vor allem auf emotionaler Ebene.

Geschieht ein Grossteil Ihrer Arbeit parallel zum Schnitt?
Ja, das ist in der Regel so, aber nicht in dem grossen Mass wie beim Film «Bis ans Ende der Träume». Hier lief die Arbeit an der Musik und am Schnitt während fast eines halben Jahres fast synchron ab und war auch fast gleichzeitig fertig. Der Grund dafür war, dass sich der Schnitt stärker als üblich an der Musik orientiert hat. Im Dokumentarfilm muss man die Dramaturgie eben anders entwickeln als bei einem Spielfilm, wo die Szenen und die Dramaturgie schon viel stärker durch das Drehbuch vorgegeben sind.

Die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und der Editorin Annette Brütsch war also sehr rege?
Ja, denn es ist ein Prozess, bei dem der Schnitt und die Musik gegenseitig aufeinander reagieren. Reagieren müssen, denn es gab sehr verschiedene thematische Blöcke: etwa die Reisen und die Jahrhunderte alte Benediktiner-Priorei in der Westschweiz, in das sich die Frau später völlig zurückzog – gewissermassen das Gegenteil, denn in jungen Jahren war sie ohne Geld alleine in Ländern gereist, wo Frauen das sonst nicht taten. Wir merkten, dass das marode Haus eine Atmosphäre braucht. Aber es war auch klar, dass melodische Musik zu viel Raum einnehmen, zu viel erzählen würde. Ich fand es zunächst interessant, mit dem Raumklang des Hauses etwas zu machen. Aber ich merkte, dass der Raum allein es nicht ausmacht. Es lief darauf hinaus, dass ich einen speziellen statischen Klang für dieses Haus schuf.

Wie sind Sie mit der Herausforderung umgegangen, über 82 Minuten einen Spannungsbogen zu schaffen?
Es ist wichtig, dass man sich bei den Visionierungen den Film am Stück ansieht, weil ich stets nur an einzelnen Szenen arbeite. Dann merkt man sofort, wenn am Rhythmus des Films etwas nicht stimmt, denn der ist ausschlaggebend. Und wir stellten irgendwann fest, dass man immer dann ein bisschen in ein Loch fiel, wenn keine Musik mehr zu hören war. So ergab es sich, dass immer mehr Musik dazukam – nun sind es etwa 60 Minuten, was sehr viel ist, zumal ich normalerweise Filme mit wenig Musik lieber mag. Aber in diesem Film machte es einfach Sinn, weil es ein wichtiges Element, um Emotion zu vermitteln.

Anderhalb Stunden sind nicht nur die übliche Länge von Kinofilmen, sondern auch von Konzerten. Sie sind auch als Live-Musiker tätig, etwa in der Band von Sophie Hunger: Gibt es Parallelen?
Was vergleichbar ist, ob bei einer Aufführung als Konzert oder als Film im Kino: Ich bin genauso aufgeregt. Denn ich höre die Musik ganz anders, wenn Publikum anwesend ist, ich habe meine Fühler viel weiter offen. Was anders ist bei einem Film wie zum Beispiel «Bis ans Ende der Träume»: Ich hatte ein halbes Jahr Zeit, um eine Dramaturgie aufzubauen.

Beeinflusst ihre Erfahrung als Live-Musiker auch ihre Arbeit an Soundtracks?
Auf jeden Fall. Als Live-Musiker geht es um Glücksmomente, bei denen etwas Spezielles entsteht. Und die suche ich auch in der Filmmusik.

Balz Bachmann (geb. 1971 in Zürich) ist gelernter Drucker und studierte an der Swiss Jazz School Bern Kontrabass. Seit 1997 komponiert er hauptberuflich für Spiel- und Dokumentarfilme, darunter «Yalom`s Cure (2015)», «Die Schwarzen Brüder» (2013), «Eine wen iig, dr Dällebach Kari» (2012), «Day is Done» (2011), «Giulias Verschwinden» (2009), «Sternenberg» (2004) und «Ernstfall in Havanna» (2002). Balz Bachmann ist auch als Musiker tätig und spielte viele Konzerte u.a. mit Sophie Hunger und Band. Er ist zudem Präsident der Smeca, des Berufsverbands der Schweizer Medienkomponisten.
Balz Bachmann erhielt den Filmmusikpreis der Fondation SUISA bereits 2003 (zu «Little Girl Blue») und 2006 (zu «Jeune homme», zusammen mit Peter Bräker, der zusammen mit Michael Künstle auch an der Entwicklung der musikalischen Themen zum aktuellen Film «Bis ans Ende der Träume» beteiligt war). Die Auszeichnung ist mit 25 000 Franken dotiert und wird jährlich alternierend in der Kategorie Spielfilm oder Dokumentarfilm vergeben.
Der Film «Bis ans Ende der Träume» erzählt sowohl in dokumentarischen wie auch in fiktionalen Sequenzen die Geschichte der Schweizer Reisejournalistin Katharina von Arx (1928 – 2013) und des französischen Fotografen Freddy Drilhon (1926 – 1976). Die beiden waren Abenteurer, Weltenbummler und Liebende. Das Paar lässt sich in einer Klosterruine in der Westschweiz nieder und steht bald vor der Frage, wie stark Liebe denn ist. Der Film soll 2018 in die Kinos kommen.

Informationen zum Filmmusikpreis der FONDATION SUISA
Video-Beitrag zum Filmmusikpreis 2017 der FONDATION SUISA auf Art-tv.ch

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Die FONDATION SUISA zeichnet Balz Bachmann mit dem Filmmusikpreis 2017 für seine Originalkompositionen zu Wilfried Meichtrys Dokumentarfilm «Bis ans Ende der Träume» aus. Gastautor Markus Ganz im Gespräch mit Balz Bachmann.

Balz Bachmann: «Intuition und emotionale Wirkung sind für mich wichtiger als starre Konzepte»

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New Jersey, südlich von Bern

Polo Hofer erhält den Preis der FONDATION SUISA 2017 in der Kategorie «Textautoren/innen». Was das Schaffen des Preisträgers auszeichnet, schildert der Berner Singer/Songwriter Christoph Trummer im Gastbeitrag.

New Jersey, südlich von Bern - Polo Hofer Preis der FONDATION SUISA 2017

Polo Hofer, Gewinner des Preises der FONDATION SUISA 2017, hat mit seinen Songtexten Eingang in die Volkskultur gefunden und das Lebensgefühl Rock’n’Roll für die Deutschschweiz übersetzt. (Foto: Patric Spahni)

Man könnte es kurz machen: Der Preis der FONDATION SUISA ist ein Anerkennungspreis für besonderes Schaffen. 2017 wird er zum ersten Mal an eine Textautorin oder einen Textautoren vergeben. Polo Hofer war nominiert. Was sonst hätte die Jury tun sollen?

Aber diesem würdigen Preisträger und seinem Werk widmen wir gerne etwas mehr Worte.

Menschen, die mit Jahrgängen nach 1970 in der Deutschschweiz aufgewachsen sind, dürften Mühe haben, sich ihre Schulzeit, ihre Jugend und das Leben in der Schweiz an sich vorzustellen ohne Polo Hofer und seine Songs und Texte. Einige, wie «Bin i gopfriedstutz e Kiosk» bis «Bim Sytesprung im Minimum e Gummi drum», sind zu Bonmots geworden, die aus der Alltagssprache nicht wegzudenken sind. «Alperose» können auch Menschen mitsingen, bei denen nicht mal die Eltern eine Polo-Hofer-CD besitzen.

Songtexte wurden zu Volkskultur

Diese Texte sind Volkskultur geworden, mit Sicherheit im deutschsprachigen Landesteil. Mit Polos Diskografie seit den frühen Rumpelstilz-Jahren lässt sich auch die Geschichte einer bewegten Schweiz nacherzählen. Der «Summer 68», als man (offenbar) zum Kiffen nach Kabul gereist ist. Die wilden 70er als Jahre des Aufbruchs, mit Rosmarie bis nach Spanien, freie Liebe neben dem «Teddybär». Die dunkle Seite des Traums in Form einer «Silbernaadle töif im Arm». Und schon damals, abgelöscht von der Konsumwelt voll im «Waarehuus Blues».

Polos Texte sind manchmal explizit politisch: «Da isch nüt vo Grächtigkeit / So wie’s i dr Verfassig schteit» («Um WAS geits?») Aber er erzählt auch Weltgeschichte als persönliche Geschichte, wenn eine alte Liebe mit dem Fall der Mauer endlich eine Chance bekommt («Wenn in Berlin bisch»). Und übt Gesellschaftskritik mit Rollenprosa, die ihre Poesie am Stammtisch gefunden hat, etwa wenn der Bauernsohn von der Lochmatt über die leeren Versprechen eines Lebens in den Lichtern der Stadt resümiert: «Lah mi vergässe bim rote Wy». Das ist volkstümlich im besten Sinne, und es hat auch seine Nebenwirkungen.

Manchmal geht ob der lauten Rolle des Polo National etwas unter, dass er als Texter auch anders kann. Wenn er «Im letschte Tram» über seine Endlichkeit sinniert, oder «I dr Gartebeiz vom Hotel Eden» im Wortsinn Gott und die Welt verhandelt, ohne sich dabei ins Intellektuelle zu versteigen.

Rock’n’Roll für die Schweiz übersetzt

Einige von Polo Hofers grossen Songs sind kongeniale Übersetzungen: Tom Waits «Jersey Girl» als «Meitschi vom Wyssebüehl», Todd Sniders «Alright Guy» als «Liebe Siech», Dylans «Leopard-Skin Pill- Box Hat» als «Schlangelädergurt». Und damit kommt man einer weiteren Rolle auf die Spur, die ihn (nicht nur) für die Mundartmusik in der Schweiz so bedeutsam macht: Er ist ein Übersetzer. Nicht nur ein Übersetzer von Songtexten, sondern einer der wichtigsten Übersetzer von Rock’n’Roll und Popkultur in unsere Kultur, in unsere Gepflogenheiten.

Polo Hofer hat die Sehnsüchte, auch die jugendliche Lüsternheit mit ihren halbstarken Zoten, die Rebellion gegen ein verhocktes System, kurz: das Lebensgefühl des Rock’n’Roll für die Deutschschweiz zum Klingen gebracht. D’Stüehl ewäg, mir sy giggerig u wei schwoofe. Er hat sich inspirieren lassen, er hat einige seiner Themen im Mythenkatalog des Rock’n’Roll gefunden und in die Schweiz gebracht: Mit Bobby McGee per Autostopp auf dem Highway würden wir kaum reisen, aber mit Rosmarie per Anhalter von Paris nach Gibraltar. Wyssebüehl ist näher als New Jersey.

Polo Hofer als zentrale Figur unserer Geschichte hat Türen geöffnet, durch die nun auch viele andere gehen konnten, selbst, wenn sie seine Musik gar nicht wirklich kennen sollten. Nun wird er ausgezeichnet für diese Arbeit. Und damit ist der Preis der FONDATION SUISA 2017 auch eine Art «Lifetime Achievement Award». Wir gratulieren von Herzen!

www.polohofer.ch

Der Preis der FONDATION SUISA ist ein Anerkennungspreis für besonderes Schaffen. Die FONDATION SUISA vergibt diesen Preis an Urheberinnen und Urheber sowie Verlegerinnen und Verleger, die mit ihrem Schaffen besonders zur Bereicherung des kulturellen Erbes unseres Landes beitragen. Der mit Fr. 25 000.- dotierte Preis wird jährlich in einer anderen Kategorie vergeben.

Christoph Trummer gewann den Preis der FONDATION SUISA 2011 in der Kategorie «Singer/Songwriter». Der Gastautor ist 1978 geboren und in Frutigen (BE) aufgewachsen. Neben seiner musikalischen Tätigkeit ist er Präsident des Vereins Musikschaffende Schweiz.

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Texte zu Musik: «Erlaubt ist, was gelingt»

Die FONDATION SUISA schreibt ihren mit 25 000 Franken dotierten Anerkennungspreis dieses Jahr für Textautorinnen und Textautoren musikalischer Werke aus. Was aber zeichnet einen gelungenen Songtext aus? Gastautor Markus Ganz im Gespräch mit Jean-Martin Büttner

Texte zu Musik: «Erlaubt ist, was gelingt»

«Auf dem Papier funktionieren Songtexte meist nicht», meint der Journalist Jean-Martin Büttner. (Foto: Dominic Büttner)

Jean-Martin, was hältst Du von einem Liedtext mit der Zeile «A Wop bop a loo bop a lop bam boom»?
Jean-Martin Büttner: Er ist ein gutes Beispiel für einen codierten Songtext. Denn «Tutti Frutti» von Little Richard handelt heimlich von schwarzen Drag-Queens und sexuellen Praktiken, zumindest im Original von 1955. Dazu muss man wissen, dass der Sänger dreifach benachteiligt war: Richard war schwarz, schwul und aus dem amerikanischen Süden. Der amerikanische Politologe Greil Marcus erklärte die erstaunliche Wirkung in einem Interview treffend. Auch wenn man den Text nicht verstehe, empfinde man aus der schieren Freude von Little Richards Gesang, dass es um etwas Unanständiges gehe. Es mag komisch klingen, aber dies ist ein zentraler Text der Rockmusik ‒ nicht weil er etwas sagt, sondern weil er etwas ausdrückt.

Nik Cohn schrieb 1971 in seinem zum Klassiker der Rockliteratur gewordenen Buch «AWopBopaLooBopALopBamBoom», dass diese Worte «als Zusammenfassung dessen, um was es im Rock’n’Roll wirklich ging», meisterhaft seien. Er schrieb aber auch, dass Rock’n’Roll-Texte eine Art «Geheimcode der Teens» seien. Jugendkultur aber ist einem ständigen Wandel unterworfen. Bedeutet dies, dass dieser Text in seiner Zeit gefangen ist?
Ich glaube, dass dies für jeden Songtext und auch viele Gedichte gilt. Nur die Grössten wie Shakespeare, Rilke oder Dylan können Texte schreiben, die über ihre Zeit hinausweisen. Dieser Text von Little Richard ist eindeutig in seiner Zeit gefangen, schon weil er zum Nonsens heruntercodiert werden musste, um die Zensur der weissen Radiostationen zu unterlaufen. Ironischerweise gilt das genauso für explizite, vulgäre und drastische Hip-Hop-Lyrics, die nichts auslassen. Frauen als Champagner-Huren zu bezeichnen und Hymnen zu schreiben auf den eigenen Turnschuh, ermüdet extrem schnell.

Welche Bedeutung hat dieser Songtext von Little Richard behalten?
«Tutti Frutti» ist ein historischer Text. Aber man muss auch sehen, dass Nik Cohn eine anti-intellektuelle Haltung gegenüber der Deutung des Rock’n’Roll hatte. Und dass sein Buch eines der ersten über Rockmusik war. Ich liebe es bis heute, weil er so radikal schrieb. Nik Cohn, als irischer Jude ein Aussenseiter von Anfang an, hat Sätze geschrieben wie jene, wonach es im Rock’n’Roll so gut wie nie richtige Texte gebe. Ich denke, dass er das auch als Provokation verstand, aber nicht nur. Es war eine Attacke auf Künstler wie Dylan oder die Beatles, die seiner Meinung den Rock’n’Roll mit ihren textlichen Anmassungen ruiniert hätten.

Ist die Adelung der Songtexte durch den Literatur-Nobelpreis an Bob Dylan demnach auch ein Verlust für die Tradition der ins Absurde getriebenen Texte?
Überhaupt nicht, denn zum Glück gibt es keine Instanz, die darüber entscheidet, was ein richtiger Songtext ist. Zudem hat Dylan selber surreale Texte geschrieben, die zwar mit Worten spielen und lustig sind, aber eigentlich keinen nachvollziehbaren Sinn ergeben, etwa «Subterranean Homesick Blues» von 1965. In diesem Song greift Dylan, was er nie bestritt, auf Chuck Berrys «Too Much Monkey Business» zurück ‒ das ist nicht weit weg von Little Richard, Dylan war also näher bei Nik Cohns Helden, als dieser zugeben mochte. Dylan gab als Berufsziel einst sogar an, er wolle bei Little Richard Klavier spielen.

«Poesie ist immer auch eine mündliche Kunst. Dichter trugen schon in der Antike ihre Texte vor.»

Trotzdem: Haben die Songtexte nicht zunehmend ihren ursprünglichen Charakter verloren?
Ja, die Sinnfrage. Ich habe mich immer gegen die absurde Vorstellung gewehrt, dass die Rockmusik die Jugendmusik bleiben müsse, die sie ursprünglich war. Vielmehr hat sie sich als Kultur erwiesen, die mit ihren Autoren wächst, mit ihnen älter geworden ist. Bob Dylan, Johnny Cash oder Leonard Cohen sind oder waren bis übers Rentenalter hinaus relevant. Ausserdem ist Poesie immer auch eine mündliche Kunst. Dichter trugen schon in der Antike ihre Texte vor.

Little Richard hat nicht zuletzt provoziert ‒ und das ist heute schwierig geworden …
Dieser Gestus ist schon lange überholt. Lady Gaga ist ein gutes Beispiel dafür, weil ihre Provokationen derart Teil des Marketings wurden. Ihre letzte Provokation, sich ohne Schminke zu präsentieren, zeigt ihre Verzweiflung. Heute wirkt es geradezu rührend, dass David Bowie einen Skandal auslöste mit der Aussage, er sei homosexuell ‒ was gar nicht stimmte. Solche Schockeffekte, von Alice Cooper bis Marilyn Manson, haben sich komplett verbraucht. Immerhin: Gute Musik bleibt gut.

In der Rockmusik ist der Text sehr stark von anderen Aspekten wie dem Sound oder der Phrasierung abhängig und erhält erst dadurch seinen Sinn. Aber hat der Text überhaupt noch dieselbe Bedeutung wie damals?
Ich staune immer wieder, wie wenig die Leute auf die Texte achten. Vermutlich war das schon immer so. Tatsächlich schrieben auch die Beatles bis 1965 vorwiegend banale Texte nach der Manier von «She Loves You», obwohl ihre Ironie und ihr lyrisches Talent schon damals weit mehr ermöglicht hätten. Interessant ist, dass gerade im Hip-Hop die Texte eine zentrale Rolle spielen, wo die Musik meist eintönig und repetitiv ist. Zudem fällt auf, dass in den letzten Jahrzehnten zunehmend nicht mehr englisch, sondern etwa bei uns deutsch, italienisch und französisch gesungen und gerappt wird. Entsprechend ist es logisch, dass Texte wieder eine stärkere Bedeutung spielen. Zum Beispiel Peter Fox (Seeed): Sein Soloalbum «Stadtaffe» ist eine Hymne auf seine Heimatstadt Berlin ‒ und nur dank den deutschen Texten konnten sich die Berliner darin wiedererkennen.

«Texte sind kein Schulfach. Es soll jedem Einzelnen überlassen sein, was er mit einem Songtext anfängt.»

Dieses Beispiel zeigt auch, dass manchmal der Hintergrund eines Textes die Voraussetzung zu dessen Verständnis ist. Aber darf ein Autor von seinen Zuhörern erwarten, dass sie sich mit seinen Songtexten auseinandersetzen?
Texte sind kein Schulfach. Es soll jedem Einzelnen überlassen sein, was er mit einem Songtext anfängt. Eine Freundin von mir unterrichtete lange Hip-Hop-Tanz. Sie realisierte nicht, dass die verwendeten Stücke oft frauenverachtende Texte enthielten, da die Musik nur dem Tanzen diente. Aber das ist doch okay.
Andererseits fällt mir an Konzerten immer wieder auf, dass es wegen der fehlenden Kenntnis der Texte zu Missverständnissen kommt. Ein klassisches Beispiel, das selbst die Amerikaner missverstanden, ist «Born in the U.S.A.» von Bruce Springsteen. Das Stück handelt vom Schicksal der Vietnam-Veteranen, ist aber voller Ambivalenz, da es mit einer Fanfare beginnt und Springsteen auf dem Cover vor einer amerikanischen Flagge gezeigt wird. Linke Botschaft, rechter Refrain. Reagan hörte nur Letzteres und war begeistert, Springsteen distanzierte sich auf eigentümlich murmelnde Weise. Die Platte machte ihn zum Millionär.

Aber bleibt nicht trotzdem etwas von der eigentlichen Botschaft hängen?
Der bereits erwähnte Greil Marcus beschrieb in einem Essay, warum alles, was Springsteen singt, ohne Konsequenz bleibe. Egal wie oft dieser von der kaputten Familie und der Armut in den USA erzähle, es falle auf, dass niemand etwas entgegne. Dieses Schweigen beweise, dass all seine Verlautbarungen wirkungslos blieben. Wie sollte es anders sein. Ich habe den Komiker Eddie Izzard gefragt, ob Komik etwas bewirken könne. Und er sagte: nein, nur Politik bewirke etwas, deshalb kandidiere er für das Parlament. Wenn man etwas ändern will, muss man die Gesetze ändern.

Songtexter sagen oft, dass sie mit ihren Texten in den Zuhörern assoziativ etwas auslösen wollten, damit diese ihre eigenen Geschichten daraus machen könnten …
Eine wichtige Rolle spielte etwa in den 1960er Jahren, dass schwarze Jugendliche James Brown hörten, der sang: «Say it loud – I’m black and I’m proud». Das war eine Anleitung zu einer schwarzen Identität ‒ dass man auch als Teil einer Minderheit jemand sein kann, der existiert, der in Amerika wichtig ist, weil er eine Stimme bekommt.

Er machte Mut, selbstbewusst aufzutreten …
Genau, viele Songtexte spielten für die Bürgerrechtsbewegung eine wichtige Rolle. Songs spielten auch bei der Bewegung gegen den Vietnamkrieg eine bestimmende Rolle. Warum wurde ausgerechnet «Sloop John B» von den Beach Boys zu einer Hymne für die GIs in Vietnam, obwohl diese Coverversion bloss einen Streit auf einem Schiff verhandelt? Weil es im Refrain heisst: «Why don’t they let me go home, this is the worst trip I’ve ever been on». Kein Wunder, kam das an in Vietnam. Oder: «Nowhere To Run» von Martha And The Vandellas war als Liebeslied formuliert, wurde aber zum Slogan linker Demonstranten gegen den Staat.

Ein Text kann auch eine völlig neue Bedeutung erhalten …
Ein Beispiel dafür ist das Stück «Another Brick In The Wall» von Pink Floyd, das in Südafrika bei weissen und schwarzen Schülern zur Hymne gegen die Apartheid umdefiniert wurde. Der deutsche Kulturwissenschaftler Diedrich Diederichsen sagte einmal, Pop sei ein offener Kanal. Das ist das Tolle daran: Man kann machen, was man will. Wenn das Publikum beschliesst, dass ein Song dies und das bedeute, dann ist es eben so.

«Eines der bekanntesten Beispiele eines Songs, der zunächst keinen ernst zu nehmenden Text hatte, ist ‹Yesterday› von Paul McCartney. Der ursprüngliche Text dazu lautete ‹scrambled eggs, baby I love your hairy legs›.»

Viele Musiker haben sich in den letzten Monaten gegen Donald Trump als Präsident ausgesprochen, doch bis zur Einsetzung gab es nur wenige explizite Songs …
Die englische Journalistin Julie Burchill schrieb einmal, dass nichts eine politische Botschaft so gründlich kastriere wie ein pulsender Backbeat. Bob Dylan merkte das schnell und hörte auf, Fingerzeig-Lieder zu schreiben, er dachte weit voraus. Seine explizit politischen Songs wie «Now Ain’t The Time For Your Tears» sind viel schlechter gealtert als seine Songs, die ein allgemeines Unbehagen gegen den Krieg ausdrücken wie «Masters of War». Ich denke, dass grosse Künstler nicht in Wochen oder Jahren denken, darum sind alle grossen politischen Songs nicht spezifisch. Gil Scott-Herons «The Revolution Will Not Be Televised» ist ein universeller Song, zumal noch Humor und Ironie hinzukommen ‒ was bei Protestmusikern leider selten ist.

Viele Songwriter bekennen, dass ihre Texte erst entstehen, wenn die Musik bereits fertiggestellt ist. Wie erklärst Du Dir das?
Eines der bekanntesten Beispiele eines Songs, der zunächst keinen ernst zu nehmenden Text hatte, ist «Yesterday» von Paul McCartney. Der ursprüngliche Text dazu lautete «scrambled eggs, baby I love your hairy legs». Brian Eno erzählte an seiner letztjährigen Pressekonferenz in Genf, dass die meisten Sänger in den Proben zunächst irgendetwas singen, eine Art Scat-Gesang. Daraus ergibt sich dann ein Refrain oder ein Hook, aus dem der Text entwickelt wird. Viele Musiker wenden dieses Verfahren an, Bono etwa oder auch Mick Jagger. Das Texten fällt übrigens auch Autoren schwer, die für ihre Lyrics berühmt sind. Randy Newman etwa sagte mir im Gespräch, dass ihm das Schreiben von Melodien leichter falle als das von Texten ‒ letzteres sei ein Albtraum.

Aber ist es nicht so, dass Songtexte oft nebensächlich sind, nur gesanglich die Melodie tragen müssen?
Das kann täuschen, wie das Beispiel Abba zeigt. Man kann natürlich sagen, dass «I do, I do, I do, I do, I do» keinen Songtext formuliert, der in die Hall Of Fame gehört. Aber «Knowing Me, Knowing You» ist ein Stück, das eine bittere Botschaft mit einer berückenden Melodie versüsst. Der Text handelt von einer Scheidung und gehört zu den liebsten Songs von Elvis Costello. Auch «The Day Before You Came», die letzte, verzweifelt traurige Abba-Single, kombiniert einen exzellenten Text mit einem unglaublich traurigen Stück.

Bekanntermassen entstehen viele Songtexte eher zufällig aus dem Moment heraus …
Das wohl berühmteste Beispiel für einen quasi als Unfall entstandenen Song ist «Smoke On The Water» von Deep Purple. Vereinfacht gesagt, beobachtete die Band über den See, wie das Casino in Montreux brannte ‒ und schrieb in Kürze diesen packenden, aber eigentlich rein beschreibenden Song darüber. Auch Bob Dylan gerät manchmal in einen solchen Kreativitätsrausch: Sämtliche Texte für «Time Out Of Mind» hatte er in zwei Wochen beieinander, obwohl es lange Strophen sind.

Dies ist eher die Vorgehensweise von Singer-Songwritern, die eine Geschichte auf die Essenz reduzieren. Bei diesen findet man manchmal auch das andere Extrem, dass der Text lediglich musikalisch verpackt wird …
Man merkt das, wenn der Text die Musik derart überwältigt, dass die Musik zum Vorwand wird. Bei einem guten Songwriter wie Dylan ist dies aber anders. «It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)» etwa formuliert eine Kaskade von Worten ‒ und funktioniert trotzdem, weil die Sprache zu einem Rhythmusinstrument wird. Als das Gegenteil davon kann man den von John Lennon verfassten Beatles-Song «I Want You (She’s So Heavy)» nennen: Trotz seiner Länge von fast acht Minuten besteht er aus einem einzigen Satz mit Variationen. Dies zeigt, dass die Freiheiten sehr gross sind. Es gibt von Max Frisch den schönen Satz: «Erlaubt ist, was gelingt».

«Man muss mit der Vorstellung aufhören, dass Songtexte gelesen werden können: auf dem Papier funktionieren sie meist nicht, sind sie tot.»

Dies könnte man auch als Leitsatz für Songtexte über die Liebe verwenden, immer noch das Hauptthema der Popmusik. Ein Love-Song kann von der Wortwahl her klischiert erscheinen und doch grossartig wirken. Was macht den Unterschied aus?
Ein Beispiel, wie der gleiche Text je nach Instrumentierung und Interpretation völlig anders wirken kann, ist «I Will Always Love You». Der Song stammt ja nicht von Whitney Houston, sondern von Dolly Parton. Und ihre Originalversion von 1974 ist grossartig, obwohl der Text unglaublich banal ist: Die Aufnahme lebt von der Performance.

Derselbe Songtext kann in verschiedenen Interpretationen aber auch unterschiedliche Bedeutungen erhalten …
Ein gutes Beispiel dafür ist «You Can Leave Your Hat On» von Randy Newman. In seiner Originalversion ist dieses Liebeslied lauernd, der Protagonist ist ein Stalker, man bekommt Angst vor ihm. In der Version von Joe Cocker aber mutiert das Lied eines sexuellen Gewalttäters zur Hymne auf Sex und Freiheit ‒ und so wurde es im Film «9 1/2 Weeks» auch verwendet.

Die Texte zweier Liebeslieder können von der Wortwahl her fast identisch sein und doch kann der eine abgedroschen und der andere packend wirken. Wieso?
Man muss mit der Vorstellung aufhören, dass Songtexte gelesen werden können: auf dem Papier funktionieren sie meist nicht, sind sie tot. Einer der Gründe dafür ist, dass bei Songtexten die Technik der Wiederholungen wichtig ist; Texte etwa von Nick Cave wirken auf dem Papier absurd.
Zu den grossen Ausnahmen zählen Songtexte von Leonard Cohen. Aber das erklärt sich damit, dass er zuerst drei Bücher und zwei Gedichtbände geschrieben hat, bevor er erstmals ins Studio ging. Er griff zur Gitarre, weil er dachte, dass er damit ein grösseres Publikum erreichen könne. Die Magie eines Songtextes entsteht aber meistens erst durch das Singen, man denke etwa an Marvin Gayes «Hitch Hike». Sein Gesang verlieh den Songs eine laszive Eleganz.

Mit dem Gesang kann man auch das Stereotype eines Textes brechen oder eine ironische Note hinzufügen …
Lyle Lovett machte es im Song «She’s Leaving Me Because She Really Wants To» gerade umgekehrt. Der Text im Titel ist von seiner typischen Ironie geprägt, doch er sang es in einer greinenden, absolut unironisch klingenden Country-Nummer. Die Brechung besteht hier darin, dass er einem unkonventionellen Text, der das Genre persifliert, völlig konventionell interpretiert.

Der Songwriter und Produzent Roman Camenzind meinte einmal, man könne einen authentischen Songtext nur in seiner Muttersprache schreiben …
Das ist eine gute These, auch wenn es Gegenbeispiele gibt. Bei Rammstein fasziniert mich, dass die Konzertbesucher auch an Orten wie Mexico City oder New York die deutschen Texte mitsingen. Sänger Till Lindemann sagte mir, dass seiner Meinung nach die meisten die Worte nur phonetisch mitsingen würden und nicht verstünden, womit etwa «Du hast» ‒ ein Songtitel ‒ phonetisch spielt. Sowieso ist Englisch trügerisch. Es ist wie beim Gitarrenspielen: Man kann schnell drei Griffe, und das klingt schon nicht schlecht. Aber dann wird es schnell komplex. Und das merkt man den Texten von Autoren meistens an, die nicht englischer Muttersprache sind.

Und in der Schweiz?
Wir haben mit Songwritern wie Kutti MC, Endo Anaconda (Stiller Has), Kuno Lauener (Züri West) und Carlos Leal (Sens Unik) zwar grossartige Texter. Aber die Realität in der Schweiz ist natürlich, dass die Mundart das Publikum massiv einschränkt; da ist die Voraussetzung in Deutschland völlig anders.

Wenn man in der Schweiz von der Musik leben will, muss man also versuchen, mit einer internationalen Sprache ein breiteres Publikum zu finden. Geht das zwangsläufig auf Kosten der Authentizität?
Yello ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Gebrauch des Englischen gelingen kann. Dieter Meier hat viele dadaistische Nonsens-Texte, aber das Englisch ist vom Akzent und vom Humor her deutlich schweizerisch. Ausserdem spürt man die Persönlichkeiten der beiden stark heraus, was für Authentizität sorgt. Auch die Young Gods sind auf spezielle Weise erfolgreich, weil Franz Treichler seine englischen Texte mit französischem Akzent singt; doch dort ist vor allem sein Stimme wichtig, nicht die Texte. Für mich sind dies die beiden wichtigsten Schweizer Bands, weil sie trotz ihrer internationalen Ausstrahlung ihre Identität bewahrt haben. Französisch singende Bands wie Sens Unik haben mehr Glück, weil sie eine internationale Sprache als Muttersprache haben.

Jean-Martin Büttner (geb. 1959) wuchs in Basel zweisprachig (Deutsch und Französisch) auf. Er studierte in Zürich Psychologie, Psychopathologie und Englisch und dissertierte über «Sänger, Songs und triebhafte Rede. Rock als Erzählweise» (das 1997 unter diesem Titel erschienene Buch ist vergriffen). Mitte der 1980er Jahre schrieb er regelmässig für das Schweizer Musikmagazin Music Scene, das damals vom Interviewer Markus Ganz geleitet wurde. Seit 1987 ist er beim Tages-Anzeiger angestellt. Er arbeitete als Redaktor in den Ressorts Kultur und Inland sowie als Westschweizer Korrespondent und Bundeshaus-Redaktor. Seit 2010 schreibt er als Reporter über unterschiedliche Themen, darunter auch regelmässig über Musik.
Anerkennungspreis für Textautor/innen
Die FONDATION SUISA schreibt ihren diesjährigen Anerkennungspreis über CHF 25’000.- aus für Textautorinnen und Textautoren musikalischer Werke. Berücksichtigt werden Arbeiten in allen Sprachen. Es werden nicht einzelne Texte, sondern das Gesamtwerk der Kandidatinnen und Kandidaten beurteilt. Alle Teilnehmenden müssen einen Bezug ihres Werks zum aktuellen schweizerischen Musikschaffen ausweisen. Möglich sind auch Kandidaturvorschläge durch Dritte. Eine Fachjury beurteilt die eingereichten Kandidaturen gestützt auf das Preisreglement. Einsendeschluss ist der 24. Februar 2017. Weitere Informationen inklusive Reglement und Anmeldeformular sind auf der Website der FONDATION SUISA abrufbar.
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«Nichts und gar nichts schlägt den gut geschriebenen Song» Der internationale Erfolg mit Bonaparte ist der vorläufige Höhepunkt der bereits lange andauernden Songschreiberkarriere von Tobias Jundt. Aus seiner Feder stammen mehrere hundert Titel, in grosser stilistischer Vielfalt geschrieben auch für oder zusammen mit anderen Künstlern. Sein Wissen und seine Erfahrungen als Komponist gibt der in Berlin lebende Berner als Gastdozent an der Zürcher Hochschule der Künste im Fach «Songwriting» weiter. Ein Interview mit dem SUISA-Mitglied, das 2016 für den Grand Prix Musik nominiert ist und am Festival Label Suisse in Lausanne mit seiner neuen Formation Mule & Man auftrat. Weiterlesen
Zwischen Melodie, Harmonie und Rhythmus vermitteln Die FONDATION SUISA zeichnet Heiri Känzig mit ihrem Jazzpreis 2016 aus. Der Zürcher Musiker gilt als einer der herausragenden Kontrabassisten Europas. Weniger bekannt ist er als profilierter Komponist. In der internationalen Jazzszene ist Heiri Känzig wohl bekannter als in der Schweizer Öffentlichkeit. Der Kontrabassist hat eben nie die Aufmerksamkeit der breiten Masse gesucht, sondern immer mit schlichter Musikalität überzeugt. Weiterlesen
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Die FONDATION SUISA schreibt ihren mit 25 000 Franken dotierten Anerkennungspreis dieses Jahr für Textautorinnen und Textautoren musikalischer Werke aus. Was aber zeichnet einen gelungenen Songtext aus? Gastautor Markus Ganz im Gespräch mit Jean-Martin Büttner

Texte zu Musik: «Erlaubt ist, was gelingt»

«Auf dem Papier funktionieren Songtexte meist nicht», meint der Journalist Jean-Martin Büttner. (Foto: Dominic Büttner)

Jean-Martin, was hältst Du von einem Liedtext mit der Zeile «A Wop bop a loo bop a lop bam boom»?
Jean-Martin Büttner: Er ist ein gutes Beispiel für einen codierten Songtext. Denn «Tutti Frutti» von Little Richard handelt heimlich von schwarzen Drag-Queens und sexuellen Praktiken, zumindest im Original von 1955. Dazu muss man wissen, dass der Sänger dreifach benachteiligt war: Richard war schwarz, schwul und aus dem amerikanischen Süden. Der amerikanische Politologe Greil Marcus erklärte die erstaunliche Wirkung in einem Interview treffend. Auch wenn…Weiterlesen

«Hätte ich einen Film mit afrikanischer Musik gemacht, wäre ich wohl freier gewesen»

Der Schweizer Komponist Niki Reiser erhielt am 7. August 2016 im Rahmen des internationalen Filmfestivals in Locarno den mit CHF 25 000 dotierten Filmmusikpreis der FONDATION SUISA verliehen. Der Preis wurde ihm für die Filmmusik zu Alain Gsponers Verfilmung von «Heidi» vergeben. Der Kompositionsprozess für diese Filmmusik war für Reiser eine besondere Herausforderung. Die Themen «Heidi» und «Schweiz» haben ihn am Anfang eher blockiert als beflügelt, wie er im Interview erzählt.

«Hätte ich einen Film mit afrikanischer Musik gemacht, wäre ich wohl freier gewesen»

Niki Reiser (Mitte) wurde am 7. August 2016 anlässlich des Internationalen Filmfestivals in Locarno zum dritten Mal mit dem Filmmusikpreis der FONDATION SUISA ausgezeichnet. V.l.n.r.: Mario Beretta (Jury-Präsident Filmmusikpreis), Preisträger Niki Reiser und Urs Schnell (Direktor FONDATION SUISA). (Foto: Otto B. Hartmann)

Niki, mit dem Soundtrack zum Film «Heidi» hast Du nun zum dritten Mal den Filmmusikpreis der FONDATION SUISA gewonnen. Was ging Dir durch den Kopf, als Du von der Auszeichnung erfahren hast?
Ich habe mich natürlich wahnsinnig gefreut. 2001 wurde ich zum ersten Mal von der FONDATION SUISA ausgezeichnet. Dass ich 16 Jahre später immer noch Qualität liefere und damit einen Preis gewinne, hat mir Genugtuung bereitet. Es bestätigt, dass ich immer noch dabei bin. Und es bedeutet mir natürlich auch viel, von einer sehr kompetenten Jury ausgezeichnet zu werden.

Filmkomponisten stehen in der Regel im Hintergrund. Beim Publikum sind vor allem die Schauspieler und der Regisseur bekannt. Ist es für Dich wichtig, dass durch solche Auszeichnungen auch Dein Schaffen bekannt wird?
Natürlich ist dies schön. Mir bedeutet es allerdings mehr, wenn die Zuschauer nach einem Film auf mich zukommen und mir sagen, dass sie sich besonders auf die Musik geachtet haben. Die Leute nehmen die Musik im Film wahr. Das ist für mich wichtiger. Es gibt den Spruch: «Gute Filmmusik nimmt man nicht wahr.» Mein Bestreben ist es, dass Filmmusik wahrgenommen wird, ohne dass sie allerdings in den Vordergrund rückt. Die Auszeichnung ist wie das Tüpfelchen auf dem «i». Aber das Tolle ist, dass immer wieder Leute kommen und mir sagen: «Diese Musik hat mir im Film gefallen.» Die Musik ist also nicht nur im Hintergrund.

Du warst früher auch als Flötist mit verschiedenen Formationen auf der Bühne und hast Deine Kompositionen live vor Publikum gespielt. Fehlt Dir die direkte Rückmeldung vom Publikum?
Ich vermisse es schon sehr, die Möglichkeit zu haben, eigene Stücke weiterzuentwickeln und jeden Abend wieder neu zu interpretieren. Bei der Filmmusik ist das anders: Wenn sie einmal aufgenommen und abgemischt ist, kann man sie nicht mehr verändern. Bei der Livemusik kann man je nach Wandel der Zeit ein Stück noch verändern – das fehlt mir schon sehr. Auf der anderen Seite ist man in Bands jeweils thematisch begrenzt, anders als bei Filmmusik. Dort hat jeder Film ein anderes Thema.

In Deiner Dankesrede bei der Preisverleihung hast Du erzählt, wie schwierig der Kompositionsprozess für Dich war. Was war das Besondere an diesem Prozess? Wie bist Du an das Komponieren dieser Filmmusik herangegangen?
Das Besondere war, dass mich die Themen «Heidi» und «Schweiz» anfangs eher blockiert als beflügelt haben. Zudem ist man bei eigenen Sachen viel kritischer und sagt sich schnell einmal: «Das geht nicht und jenes geht nicht.» Man beschneidet sich selber. Hätte ich einen Film mit afrikanischer Musik gemacht, wäre ich wohl freier gewesen, da es mir nicht so nahe gewesen wäre. Und am Anfang war es besonders schwierig. Der Film beginnt mit einer fliegenden Szene. Da hiess es: «Jetzt musst du etwas Leichtes, Fliegendes machen.» In so einem Augenblick gehen bei mir alle Läden runter, da es von Null auf Hundert eine Wahnsinnsherausforderung ist. Der Kern der Musik kam erst allmählich durch stetiges Ausprobieren und Verwerfen von Ideen.

Du hast also konkrete Vorgaben erhalten, wie die Filmmusik klingen soll?
Nicht wie sie klingen, sondern was sie bewirken soll. Die Musik soll eine Leichtigkeit und etwas Schwebendes haben. Gleichzeitig soll sie Sehnsucht ausdrücken, aber auch etwas Heilendes haben. Je mehr Adjektive man im Kopf hat, desto weniger fällt einem musikalisch etwas ein. Meistens funktioniert es erst dann, wenn der Verstand aussetzt und man mit Musikmachen beginnt. Erst über das Musikmachen bin ich auf die Themen der Filmmusik gekommen.

Kinderfilm, Heimatfilm, schöne Bilder der Alpenwelt – kommt man da nicht in Versuchung, auf musikalische Klischees zurückzugreifen?
Klar, die Bilder sind schon wahnsinnig schön. Wenn ich jetzt hierzu typische Schweizer Musik komponiert hätte, hätte es wirklich die Züge eines Werbefilms annehmen können. Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschieden, das typische fröhliche Schweizer Dur wegzulassen. Ich finde die Schweizer Melodien zwar sehr schön, aber ich wollte keine Volkslieder schreiben. Durch die Moll-Tonarten sind wir auf das eher Dramatische gekommen. Heidi ist ja auch ein Drama, und nicht nur ein Kinderfilm.

Es gibt eine Vielzahl an Verfilmungen von Heidi. Zudem gibt es einige bekannte Heidi-Filmmelodien. Die meisten Leute in der Schweiz haben dadurch einen Bezug – auch musikalisch – zu Heidi. Hatte dies einen Einfluss auf Deine Arbeit?
Nein. Ich habe mir auch bewusst keinen der älteren Heidifilme angeschaut. Einerseits um nicht beeinflusst zu sein. Andererseits aber auch, um mich nicht selber zu behindern: Es kann sein, dass man etwas nicht macht, nur weil es die anderen bereits gemacht haben. Ich habe die Geschichte aufgrund der Heidi-Figur erzählt. Das heisst: Die Musik begleitet die Emotionen von Heidi und widerspiegelt jeweils ihren aktuellen Gemütszustand. Es ist also mehr eine emotionale und nicht eine Schweizer Geschichte. Ich habe versucht die Musik so zu setzen, wie ein Kind gerade naiv seine Stimmung auslebt.

Du hast vor 30 Jahren zum ersten Mal die Musik für einen Film komponiert. In der Zwischenzeit hat sich die Technik massiv verändert. Wie hat dies Deine Arbeitsweise beim Komponieren beeinflusst?
Bei Heidi hatte dies keinen Einfluss; ich habe jedes Instrument live aufgenommen und keine technischen Klangerzeuger verwendet. Bei anderen, vor allem kleineren Filmen, hat sich die Arbeitsweise schon verändert. Ich habe die Möglichkeit, die Musik direkt bei mir zu Hause aufzunehmen und zu bearbeiten. So kann ich eine ganze Filmproduktion bei mir selber machen. Die Kompositionsarbeit hat sich durch die technische Entwicklung nicht verändert. Es geht immer noch darum, Themen und Klänge zu suchen. Hingegen hat sich der Prozess des Dialogs mit dem Schneidetisch verändert. Wenn ich etwas komponiert habe, kann ich ganze Files mit Bildern via Internet verschicken und es eine halbe Stunde später über Skype mit den Leuten am Schneidetisch diskutieren. Früher musste man die Bänder per Post schicken. Da dauerte es eine Woche, bis das Material ankam und nochmals eine weitere halbe Woche, bis der Regisseur reagierte. Die Kommunikation ist schneller geworden. Dies bringt allerdings auch negative Aspekte mit sich: Früher, als noch nicht alles digital war, hatte man mehr Zeit, etwas zu entwickeln. Heute geht alles schneller. Das heisst: Die Ideen müssen auch schneller kommen.

Du bist seit 1986 Mitglied bei der SUISA. Was bringt Dir die Mitgliedschaft als Komponist?
Ich kann darauf vertrauen, dass ich mein Grundeinkommen habe. Wobei es eigentlich sogar mein Haupteinkommen ist. Ich könnte von den Filmen selber, von den Honoraren, nicht leben. Die Urheberrechtsvergütungen garantieren mir immer wieder, dass Ende Jahr die Rechnung aufgeht. Einige Kollegen sagen mir immer wieder, ich solle zur Gema wechseln, da viele meiner Werke in Deutschland laufen. Ich weiss nicht, ob ich jemals wechseln würde. Die SUISA ist nicht ein solch riesiger Apparat; die Leute können so schneller reagieren.

Niki Reiser ist 1958 im aargauischen Reinach geboren und in Basel aufgewachsen. Über das Querflötenspiel fand er zur Musik und begann bereits als Jugendlicher für diverse Bands und musikalische Formationen zu komponieren. Nach der Matura absolvierte er das renommierte Berklee College Of Music in Boston (USA), wo er Jazz und klassische Komposition mit Schwerpunkt Filmscoring studierte. V.a. durch seine langjährige Zusammenarbeit mit den Regisseuren Dani Levy und Caroline Link machte Niki Reiser sich einen Namen auf dem deutschen und internationalen Filmparkett. Für seine Werke wurde er u.a. fünfmal mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Niki Reiser lebt und arbeitet in seiner Heimatstadt Basel. (Text: FONDATION SUISA) www.nikireiser.de
Der Filmmusikpreis der FONDATION SUISA ist mit CHF 25 000.- dotiert. Er honoriert ausserordentliche Leistungen im Bereich der Filmmusikkomposition und hat zum Ziel, die Preisträgerinnen und Preisträger zu unterstützen sowie im In- und Ausland bekannt zu machen. Der Preis wird jährlich anlässlich des Festival del film in Locarno alternierend in den Kategorien Spielfilm und Dokumentarfilm vergeben.
Die Jury zum Filmmusikpreis 2016 der FONDATION SUISA
• Präsident: Mario Beretta (Bühnen- und Filmmusikkomponist, Zürich)
• Jürg von Allmen (Tontechniker, Digiton Tonstudio, Zürich)
• André Bellmont (Komponist, Dirigent, Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste, Zürich)
• David Fonjallaz (Filmproduzent Lomotion AG, Bern)
• Zeno Gabaglio (Komponist und Interpret, Vacallo)
• Corinne Rossi (Geschäftsleiterin Praesens-Film AG, Zürich)
• Yvonne Söhner (Produktionsleiterin Baloise Session, Musikfestival Basel, Ehrendingen)

Beitrag zu Niki Reiser und seiner Filmmusik für «Heidi» auf Art-TV.

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Josueé_Vergara«Die europäischen Komponisten stehen auf einer Ebene mit den weltbesten Filmkomponisten» Derzeit sind alle Augen der Filmmusiker gegen Hollywood gerichtet. Am 4. November werden in der Filmmetropole die «Hollywood Music in Media Awards» vergeben. Mit dabei ist das SUISA-Mitglied Josué Vergara. Der in Spanien lebende Komponist, der gleich mit drei Songs nomininiert ist, spricht im Interview darüber, wie schwierig es ist, für nichtamerikanische Komponisten im US-Markt Fuss zu fassen, was die Downloads aus illegalen Quellen für Filmmusikkomponisten bedeuten und weshalb er SUISA-Mitglied ist, obwohl er in Spanien lebt. Weiterlesen
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Der Schweizer Komponist Niki Reiser erhielt am 7. August 2016 im Rahmen des internationalen Filmfestivals in Locarno den mit CHF 25 000 dotierten Filmmusikpreis der FONDATION SUISA verliehen. Der Preis wurde ihm für die Filmmusik zu Alain Gsponers Verfilmung von «Heidi» vergeben. Der Kompositionsprozess für diese Filmmusik war für Reiser eine besondere Herausforderung. Die Themen «Heidi» und «Schweiz» haben ihn am Anfang eher blockiert als beflügelt, wie er im Interview erzählt.

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Niki Reiser (Mitte) wurde am 7. August 2016 anlässlich des Internationalen Filmfestivals in Locarno zum dritten Mal mit dem Filmmusikpreis der FONDATION SUISA ausgezeichnet. V.l.n.r.: Mario Beretta (Jury-Präsident Filmmusikpreis), Preisträger Niki Reiser und Urs Schnell (Direktor FONDATION SUISA). (Foto: Otto B. Hartmann)

Niki, mit dem Soundtrack zum Film «Heidi» hast Du nun zum dritten Mal den Filmmusikpreis der FONDATION SUISA gewonnen. Was…Weiterlesen

Zwischen Melodie, Harmonie und Rhythmus vermitteln

Die FONDATION SUISA zeichnet Heiri Känzig mit ihrem Jazzpreis 2016 aus. Der Zürcher Musiker gilt als einer der herausragenden Kontrabassisten Europas. Weniger bekannt ist er als profilierter Komponist. Gastbeitrag von Markus Ganz

Heiri Kaenzig Jazzpreis 2016 FONDATION SUISA

«Sein Variantenreichtum und seine Fingerfertigkeit machen ihn zu einem Virtuosen auf seinem Instrument», schreibt die FONDATION SUISA in der Medienmitteilung zur Vergabe des Jazzpreises über den diesjährigen Gewinner Heiri Känzig. (Foto: Pablo Faccinetto)

In der internationalen Jazzszene ist Heiri Känzig wohl bekannter als in der Schweizer Öffentlichkeit. Der Kontrabassist hat eben nie die Aufmerksamkeit der breiten Masse gesucht, sondern immer mit schlichter Musikalität überzeugt. Der 1957 geborene Zürcher ging zudem der Musik wegen schon in jungen Jahren ins Ausland und lebte lange in Städten wie Wien, München und Paris. Schmunzelnd erinnert sich Heiri Känzig im Gespräch daran, dass ihn Mathias Rüegg dazu ermuntert hatte, das Gymnasium in Schiers abzubrechen und in Graz an der Musikhochschule zu studieren. Später folgte er dem Mitgründer des Vienna Art Orchestras nach Wien, das auch für ihn zum Sprungbrett in die internationale Jazzszene werden sollte.

Wien als Ausgangspunkt

Von 1977 an war Heiri Känzig 15 Jahre lang Mitglied des Vienna Art Orchestras und spielte schon auf deren Debüt, der Single (!) «Jessas na» (1978): «eine verrückte Platte». So wurde er Teil einer innovativen Szene und machte sich offensichtlich schnell eine guten Namen als Kontrabassist. Denn schon 1978 wurde er Begleitmusiker des Bebop-Trompeters Art Farmer. Seither hat Heiri Känzig mit zahlreichen Grössen des Jazz wie Art Lande, Kenny Wheeler, Lauren Newton, Billy Cobham und Ralph Towner gespielt; besonders nah stand ihm Charlie Mariano. Ungewöhnlich ist auch, dass er 1991 als erster Nicht-Franzose Mitglied des französischen «Orchestre National de Jazz» wurde.

Heiri Känzig betont aber, dass er sich nicht einfach als Jazzmusiker fühle: «Mir gefällt es, unterschiedliche Arten von Musik zu spielen». Dies zeigte er etwa mit dem «Tien Shan Schweiz Express» (mit Musikern aus Kirgistan, Chakassien, der Mongolei, der Schweiz und Österreich) oder einem Projekt mit dem algerischen Oud-Spieler Chaouk Smahi. Er hat zudem im Studio auch für Nena und Andreas Vollenweider gespielt. Tatsächlich erstaunt, dass Heiri Känzig, den man vor allem als Live-Musiker kennt, gemäss seiner Biografie auf rund 130 Alben gespielt hat. Mittlerweile seien es wohl deutlich mehr, meint er abwinkend, aber dazu zählten alleine rund dreissig mit dem Vienna Art Orchestra.

Unterschätzter Komponist

Als Konstante von Heiri Känzigs Karriere erweist sich die Zusammenarbeit mit Thierry Lang, die schon vor dessen Vertrag mit dem legendären Label Blue Note begonnen habe. Seit etwa 25 Jahren spiele er mit dem Westschweizer Pianisten zusammen, meistens im Trio, manchmal auch mit Gastmusikern, aktuell sogar mit einem Streichquartett. Und er trage zunehmend auch Kompositionen bei. Als Co-Leader wirkt Heiri Känzig zurzeit vor allem mit dem Jazz-Urgestein Chico Freeman im Duo und im «4-tet», mit dem «Cholet Kaenzig Papaux Trio» und mit Depart, dem 1985 mit Harry Sokal gegründeten Trio, in dem nun Martin Valihora Schlagzeug spielt.

Auf dem spannungsgeladenen letzten Depart-Album «Refire» (2014) stammen die meisten Stück von Heiri Känzig. Trotzdem wird er oft lediglich als «versierter Begleiter» oder ähnlich beschrieben. «Als Bassist ist man nun mal nicht der Frontman, wie es bei einem Trompeter oder Pianist eher der Fall ist», meint er gelassen. «Der Bass ist primär ein Begleitinstrument, ein tiefes zudem, das man auch rein akustisch weniger leicht wahrnimmt als andere Instrumente.» Heiri Känzig bestätigt auch, dass der Bass die Funktion hat, die verschiedenen Arten von Instrumenten zu verbinden. Und er fügt lachend an: «Wir Bassisten sind gewissermassen die Diplomaten unter den Musikern, die zwischen Melodie, Harmonie und Rhythmus vermitteln; deshalb sind wir wohl so konziliante Menschen …».

Virtuosität und Klang

Beim Komponieren mache er sich aber keine Gedanken über die Funktion des Basses, sondern spiele einfach, häufig zudem am Klavier. «Am Anfang einer Komposition stehen entweder Basslinien, die ich mir förmlich erspiele und die mich inspirieren. Dies sind aber eher rhythmische Ansätze, wogegen ich beim Klavier eher den harmonischen Aspekt auslote.» Das sind zwei grundsätzlich verschiedene Vorgehensweisen, und doch gibt es bei der weiteren Entwicklung der Stücke eine Gemeinsamkeit. «Das Komponieren ist ein sehr spannender Vorgang, weil man nicht weiss, wohin es einen führt. Man hat keinen Schimmer, und doch sagt einem immer etwas, wo man durchgehen muss.»

In Medienberichten wird immer wieder die Virtuosität von Heiri Känzig hervorgehoben. «Und natürlich kann man sich sagen», meint er achselzuckend, «dass dies beim Bass gar keinen Sinn macht, da die tiefen Töne ohnehin oft nicht recht zu hören sind. Aber ich füge der Musik damit Farbe hinzu, manchmal schon fast ein Klanggewitter.» Dies trägt stark dazu bei, dass sein Spiel sehr individuell, einzigartig wirkt. Heiri Känzig kann sich dies allerdings nicht recht erklären. «Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ich ganz selten kopiert habe.»

Heiri Känzig wurde 1957 geboren und wuchs in Zürich und Weiningen auf. In Graz, Wien und Zürich studierte er Musik. Seit 1990 lebt er in Meilen und ist seit 2002 Professor für Kontrabass an der Hochschule für Musik in Luzern. Die Singer-Songwriterin Anna Känzig ist seine Nichte; ein gemeinsamer Auftritt ist im Mai 2017 geplant. ‒ Der mit 15 000 Franken dotierte Jazzpreis 2016 ((2)) wird Heiri Känzig im Rahmen eines besonderen Matinée-Konzertes am Sonntag, 4. Dezember 2016 um 11 Uhr im Moods Zürich ((3)) verliehen. Heiri Känzig wird zusammen mit Chico Freeman und Thierry Lang auftreten, zuerst je im Duo, danach im Trio.
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Jazzpreis-2014-hilaria-kramer-liveTrompeterin Hilaria Kramer erhält den Jazzpreis 2014 der FONDATION SUISA Der Jazzpreis der FONDATION SUISA wird für innovatives und kreatives Schaffen im Schweizer Jazz verliehen. 2014 geht der mit 15 000 Schweizer Franken dotierte Preis an die Trompeterin und Komponistin Hilaria Kramer. Weiterlesen
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