Die Midem 2014 – back to growth?

Just in dem Jahr, in dem Che Guevara erschossen wurde, der Sechs-Tage-Krieg über die Schwarz-Weiss-Mattscheiben flimmerte, der Zeichentrickfilm «Das Dschungelbuch» die Kinderherzen eroberte und die Beatles ihr legendäres, drogengeschwängertes «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band»-Album veröffentlichten, anno 1967, setzte sich die aufstrebende Musikindustrie an der sonnenverwöhnten Côte d’Azur in Südfrankreich selbst ein Denkmal in Form einer Musikfachmesse – die Midem war geboren. Gastbeitrag von Andy Prinz

Midem 2014 Teilnehmer

Man trifft sich in Cannes (v.l.n.r.): Cla Nett (Schweizerische Interpretengenossenschaft), Gastautor Andy Prinz, Sergio Fertitta, Devijo alias Giancarlo Martinuzzi. (Foto: Andy Prinz)

Die geballte Ladung Musikindustrie

Jahr für Jahr pilgern Tausende von Verlegern, Labels, Musikern, Produzenten, Managern und Journalisten nach Cannes in das 3-tägige Mekka der Musikindustrie, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, Musik zu lizenzieren, Verträge abzuschliessen oder Beziehungen mit bestehenden Geschäftspartnern aus aller Welt bei einem gemeinsamen Essen zu pflegen.

Die Atmosphäre an der französischen Riviera lädt dazu förmlich ein, und das beschauliche Cannes strahlt auch in der Krisenzeit des Musikbusiness noch eine gehörige Portion Glamour aus; dabei trotzen die teils horrenden Preise in den Grand Hotels, wo sich die einflussreichen A&Rs und Musikmanager die Klinke reichen, der stürmischen See mit stolzer Brust. Überteuerte Drinks und 10-Euro-Cappuccinos schmecken zwar nicht besser, aber sie beruhigen das Gemüt.

Dank der Möglichkeit am Schweizer Gemeinschaftsstand zu stark reduzierten Tarifen als Aussteller teilnehmen zu können, sind die Eintrittspreise an die Fachmesse im Palais glücklicherweise bezahlbar geworden. Die global grösste und beständigste Musikfachmesse leidet zwar ebenfalls an jährlich schwindenden Besucherzahlen und auch die aufstrebenden, inhaltshungrigen Technologieunternehmen vermögen die fehlende Präsenz der Musiklabels nicht zu kompensieren. Es wird jedoch trotzdem viel geboten.

Zum einen besteht die Midem aus der Fachmesse, die leider stark an Bedeutung verliert, und zum anderen aus den Konferenzen und dem Festival. Insgesamt tummeln sich über 6400 Teilnehmer aus aller Welt – umgeben von der salzigen Mittelmeerluft – im temporären Schmelztiegel der Musikindustrie. The show must go on!

Midem 2014 Panel

Illustre Gäste und grosse Themenbandbreite an den Panels der Musikfachmesse. (Foto: Andy Prinz)

An den Panels im Palais erzählen illustre Gäste wie Rita Ora oder Boris Blank von ihren Erfahrungen in der Musikindustrie und ihrem Umgang mit neuen Formen der Vermarktung. Die Bandbreite an Themen ist gross, doch oft reicht die Zeit nicht aus, da die Meetings Vorrang haben und man die meisten Panels auch bequem von zuhause aus im Netz anschauen kann. Ein Highlight in diesem Jahr war definitiv die Keynote mit der A&R-Legende und dem Gründer von Sire Records (Warner), Seymour Stein.

Carlton, Majestic und Co.

Obschon die Major-Companies und meisten Labels zum Leidwesen der Messeveranstalter im grosszügig angelegten Palais durch Absenz brillieren, sind sie dennoch in Cannes vorzufinden, jedoch in den strandnahen Grand Hotels wie dem Majestic oder Carlton.

Dort findet das eigentliche Business statt, fernab von der Messe. Zutritt wird den Hotelgästen und Besitzern eines Fachmesseausweises gewährt – und genau deshalb ist es von Vorteil, solch einen Pass zu besitzen, auch wenn man auf die Messe praktisch verzichten möchte.

Zahlreiche Meetings werden in den Hotel-Lobbies abgehalten und wichtige (zukünftige) Partnerschaften bei einem Nachtessen in den umliegenden Restaurants besiegelt. Dabei bietet die gesundgeschrumpfte Musikindustrie auch seine Vorteile, denn die Teilnehmerzahl ist überschaubarer geworden, und in der fast schon familiär scheinenden Umgebung läuft man sich eher mal über den Weg.

Networking ist nach wie vor das A und O – und je mehr Leute man kennt, desto leichter fällt es, neue Bekanntschaften zu machen und seine eigenen Visitenkarten in alle Welt zu streuen.

Empfehlenswert ist es, sich die frühen Morgenstunden frei zu halten, am Nachmittag Start-Ups und interessante News an der Messe zu erspähen und spätnachmittags und abends in den Lobbies zu verweilen, nach Speis und Trank beim Süd-Franzosen, der seine eigene Küche – ehrlich gesagt – meist überschätzt.

To be or not to be

Ja, Cannes ist ein teures Pflaster und ja, Spotify-Abrechnungen schmerzen. Und wer zu den Ewiggestrigen gehört, der mag sich im Musikbusiness 2.0 verloren fühlen. Unsere Welt ist globalisierter und vernetzter denn je; der persönliche Kontakt mit bestehenden und neuen Partnern in der Sonnenstube des winterlichen Europas ist aber nach wie vor Gold wert und zahlt sich aus.

Gerade in der heutigen, medial reizüberfluteten Zeit mit Hang zum Kommunikations-Overkill, geprägt von überflüssigen Status-Updates, geniessen persönliche Beziehungen und Erfahrungen wieder einen höheren Stellenwert. Und der MIDEM gelingt es nach wie vor, Persönlichkeiten der globalen Musikindustrie aus den verschiedensten Genres für wenige Tage an einem Ort zu vereinen.

Alte Freunde treffen sich und schwelgen in schönen Erinnerungen – die Selbstbeweihräucherung der Musikindustrie weist heilende Kräfte auf. Und wer noch nicht genug davon hat, der liest wiedermal das Kapitel «Midem» im Klassiker «Kill your friends» von John Niven

Midem 2014 Schweizer Gemeinschaftsstand

Networking am Schweizer Gemeinschaftsstand an der Midem 2014. (Foto: Andy Prinz)

Am Schweizer Gemeinschaftsstand im Palais kann man übrigens auch hervorragend mit Landsleuten networken oder die eine oder andere Frage mit den Verwertungs- oder Interpretengesellschaften klären. Ausserdem bietet der Stand auch wertvolle Tools (z.B. WiFi und Schliessfach) und Meeting-Infrastruktur.

Verleger und Lizenzen

Ein ehemaliger Schweizer Boss eines Major-Unternehmens bemerkte einmal augenzwinkernd, die Midem sei nur für Penner und Verleger. Das ist stark übertrieben, doch lässt sich nicht bestreiten, dass die Midem sehr verlagsorientiert ist und die mangelnde Präsenz an Labels zusehends viele davon abhält, nach Cannes zu fahren, da es offensichtlich an Möglichkeiten zur Weiterlizenzierung des eigenen Katalogs fehlt.

Die Technologieunternehmen oder Grosskonzerne wie Google füllen diese Lücke nur mangelhaft aus; obwohl das Thema der Stunde „YouTube-Monetarisierung“ heisst. Umso erfolgreicher werden genrespezifische Messen wie beispielsweise die ADE in Amsterdam oder Get-Togethers à la SXSW in den USA.

Business ist in der global vernetzen Welt von heute 365 Tage im Jahr realisierbar. Es braucht aber auch Plattformen, sowohl national wie international. Künstler träumen auch heute noch von Plattenverträgen, A&Rs von erfolgreichen Signings, Verleger von spannenden neuen Synch-Deals und IT-Firmen von neuen Rekord-Nutzerzahlen. Vielleicht ist gerade jetzt die Teilnahme an einer Fachmesse wie der Midem wichtiger denn je!

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