«Die Feinarbeit der Notation benötigt fast mehr Zeit als das Komponieren an sich» | mit Video

Aglaia Graf entwickelte für das Kompositionsprojekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» ein Konzept mit mehreren Sätzen. Diesen liegen je zwei, drei Motive oder Themen zugrunde, die von einem Werk Beethovens inspiriert sind. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Aglaia Graf: Die Feinarbeit der Notation benötigt fast mehr Zeit als das Komponieren an sich»

Aglaia Graf während des Gesprächs über ihre Komposition im März 2020. (Foto: Manu Leuenberger)

Bei diesem Projekt war es kein einfaches Unterfangen für Aglaia Graf, den geeigneten Weg zu ihrer Komposition zu finden. Als erstes schaute sich die Komponistin und Pianistin aus Basel die Noten des von Beethoven verwendeten Schweizer Volkslieds an und las den Text. Dann ging sie mit dem Hund spazieren und sang das Lied – in der Erwartung, dass es etwas in ihr auslöse und zu ihrer Komposition inspiriere. «Doch irgendwie kam nichts, ich fand keinen griffigen Anknüpfungspunkt.» Auch nicht beim Studium von Beethovens Variationen. «Ich muss sagen, dass ich nicht so begeistert bin von diesem Werk, auch wenn man gut nachvollziehen kann, mit welchen Elementen er seine Variationen aufbaut.» Es sei sicher eine Art Studienwerk von ihm, und deshalb hat es mich für meine Komposition nicht direkt inspiriert.

Dann dachte Aglaia Graf, dass sie das allgemeine Element des Volkslieds aufgreifen könnte und suchte andere Schweizer Volkslieder, die sie ansprachen. «Ich fand sehr schöne, schaute, ob darunter Material sei, mit dem ich arbeiten könnte.» Doch auch davon wendete sie sich wieder ab. Sie kam zum Schluss, dass sie ein Konzept entwickeln müsse, um wirklich anfangen zu können. So entschloss sie sich, auf Beethoven im Allgemeinen einzugehen.

Auf die Frage nach der persönlichen Bedeutung von Ludwig van Beethoven stellt Aglaia Graf eine Gegenfrage: «Für welchen Musiker hat Beethoven keine spezielle Bedeutung?». Gerade im Leben eines Pianisten, einer Pianistin sei er von Anfang an wichtig und begleite einen das ganze Leben lang. «Man wächst an seiner Musik, man entwickelt sich mit ihr.» Er sei auch ein absoluter Referenzpunkt, wenn man komponiere. «Durch das Spielen seiner Werke lernt man indirekt auch kompositorisch enorm viel. Das ging auch mir so, bewusst wie auch unterbewusst, hat er sicher viele Spuren hinterlassen.»

Aglaia Graf hat bei Beethoven auch sonst spezielle Erfahrungen gemacht. «Wenn ich als Komponistin oder Pianistin über seinen Stücken sitze, kann es durchaus passieren, dass ich über wenigen Noten stundenlang brüte. Die Wahrnehmung einer bestimmten Stelle ist ein Erlebnis, die Zeitspanne enorm lang. Das Publikum aber, welches das Stück hört, erlebt diesen Moment in vielleicht zwei Sekunden.»

Für Aglaia Graf ist nicht nur die analytische Herleitung spannend. «Beethoven hatte wie fast kein anderer Komponist ein Gespür dafür, wie man seine Musik beim Hören zeitlich erlebt.» Als Komponistin geschehe es schnell, dass man – weil man so viel Zeit mit so wenig Noten verbringe – zu komplex werde und zu viel hineinpacke. Für die Zuhörerschaft sei es dann oft gar nicht mehr erlebbar in der kurzen Zeit, in der sie es hören. Bei Beethoven hingegen schon, das habe sie schon immer fasziniert. «Wenn man im Konzert sitzt, sieht, respektive hört man förmlich, wie ein Gebäude aufgebaut wird, ein Stein nach dem anderen. Das hat mich sehr geprägt, als Musikerin, als Komponistin, als Mensch.»

Mit dem Entscheid, mit ihrer Komposition auf Beethoven im Allgemeinen einzugehen, kam Aglaia Graf dann schnell vorwärts. Sie entwickelte das Konzept von mehreren Sätzen, denen je zwei, drei Motive oder Themen zugrunde liegen, die von einem Werk Beethovens inspiriert sind. «Das könnte auch für das Publikum reizvoll sein: als kleine Höraufgabe, von welchem Stück Beethovens eine solche Passage angeregt ist.» Sie begann mit einem Brainstorming danach zu suchen, welche Motive oder Themen einfliessen könnten: «welche sind mir im Gedächtnis, welche sind einem breiten Publikum bekannt, so dass sie einen Wiedererkennungseffekt haben». Davon traf sie eine Auswahl und überlegte sich, welche sich für welchen Satz eignen, damit sich eine sinnvolle Abfolge ergibt.

Zuerst wollte Aglaia Graf diese Motive und Themen nur als Anknüpfungspunkte verwenden. «Aber es ergab sich nun tatsächlich, dass im letzten Satz daraus Variationen entstanden sind.» Diese beziehen sich auf das Thema des letzten Satzes des «Gassenhauer-Trios» – womit sich der Kreis zu den sechs Variationen von Beethoven über das Schweizer Lied schliesst. «Mein erster Satz bezieht sich zudem auf den ersten Satz des ‹Gassenhauer-Trios›, enthält aber wie die anderen Sätze keine Variationen.» Aglaia Graf betont, dass sie die Motive von Beethoven natürlich nicht «1:1» übernommen habe. Beim volksliedhaften Thema im letzten Satz des «Gassenhauer-Trios» habe sie natürlich nicht die Melodie als Element übernommen, sondern «den Rhythmus und den Charakter, den ich leicht geändert habe – im Original tänzerisch-volksnah, bei mir humoristisch.»

Bereits Anfang 2020 war der Plan entstanden, vier kurze Trio-Sätze für Klavier, Cello und Klarinette zu schreiben. «Meine letzte Auftragskomposition war für Klarinette solo, so war ich schon in dieser Klangwelt. Ich spiele zudem mit dem englischen Cellisten Benjamin Gregor-Smith in einem Duo. So hat sich diese Besetzung herauskristallisiert; zudem schrieb auch Beethoven für diese Besetzung, eben das berühmte ‹Gassenhauer-Trio›.»

Zur Zeit des Gesprächs Mitte März 2020 hatte sie für diese Besetzung bereits grosse Teile des ersten, zweiten und vierten Satzes komponiert – «wenn auch teilweise erst im Hinterkopf», wie sie lachend anfügt. «Der erste Satz ist eigentlich fertig, auch im Notenbild mit allen Details, bei den anderen zwei Sätzen stehen erst die Noten. Die Feinarbeit der Notation, die in meinem Kopf längst klar ist, benötigt fast mehr Zeit als das Komponieren an sich.» Für den dritten Satz tendiert sie nun dazu, diesen als eine Art Interludium zum letzten Satz zu gestalten, vermutlich für Cello solo. Bei den Kompositionsteilen, die nicht auf Motiven basieren, «habe ich gewisse kompositorische Elemente, die bei Beethoven oder in der Klassik allgemein sehr wichtig sind, aufgegriffen, besonders im ersten Satz».

Aglaia Graf wurde 1986 in Basel geboren. Sie schloss dort ihr Konzertdiplom als Pianistin mit Auszeichnung ab und setzte ihr Studium in Wien und Paris fort. Sie besuchte Meisterkurse von Andràs Schiff, Paul Badura-Skoda, Dimitri Bashkirov, Klaus Hellwig u.v.a. Seit ihrem 15. Lebensjahr komponierte sie viele Werke, v. a. für Klavier und Cello/Klavier. Sie leitet eine Klavierklasse an der Musikakademie Basel und gibt Masterclasses wie zuletzt in Russland. 2006 wurde ihr der Europäische Kulturförderpreis verliehen. www.aglaiagraf.com
Schweizer Beethoven-Reflexionen: Ein Projekt von Murten Classics und der SUISA zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven hatte nur wenig mit der Schweiz zu tun. Aber er hat «Sechs Variationen über ein Schweizerlied» geschrieben, bei dem es sich um das Volkslied «Es hätt e Bur es Töchterli» handelt. Dies ist der Ausgangspunkt für Kompositionsaufträge, die die Sommerfestspiele Murten Classics zusammen mit der SUISA an acht Schweizer Komponistinnen und Komponisten verschiedener Generationen, Ästhetik und Herkunft vergeben haben.

Oscar Bianchi, Xavier Dayer, Fortunat Frölich, Aglaja Graf, Christian Henking, Alfred Schweizer, Marina Sobyanina und Katharina Weber konnten sich auf die Variationen, auf das von Beethoven verwendete Volkslied selbst oder auf Beethoven im Allgemeinen beziehen. Die Kompositionen wurden für das Ensemble Paul Klee geschrieben, das folgende Maximalbesetzung erlaubt: Flöte (auch Piccolo, G- oder Bassflöte), Klarinette (in B oder A), Violine, Viola, Cello, Kontrabass und Klavier.

Initiant dieses 2019 begonnenen Projekts war Kaspar Zehnder, der während 22 Jahren künstlerischer Leiter von Murten Classics gewesen war. Wegen der Corona-Krise und den von den Behörden verordneten Massnahmen war die Durchführung sowohl der 32. Ausgabe im August 2020 als auch des vorgesehenen Ersatzfestivals in den anschliessenden Wintermonaten nicht möglich. Der «SUISA-Tag» mit den acht Kompositionen dieses Projekts wurde – ohne Publikum – am 28. Januar 2021 im KiB Murten dennoch aufgeführt und aufgezeichnet. Die Aufnahmen waren bei Radio SRF 2 Kultur in der Sendung «Neue Musik im Konzert» zu hören und sind auf der Plattform Neo.mx3 erschienen. Im SUISAblog und auf den Social Media-Kanälen der SUISA ist das Projekt mit multimedialen Beiträge online dokumentiert.

www.murtenclassics.ch

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