Artikel von: Manu Leuenberger

«Der Funke ist eigentlich das Interessante an der grossen Explosion» | mit Video

Fortunat Frölich hat für das Kompositionsprojekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» mit Gegensätzen gearbeitet. Er bezieht sich auch auf den Inhalt des originalen Volksliedes «Es hätt en Bur es Töchterli». Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Fortunat Frölich: «Der Funke ist eigentlich das Interessante an der grossen Explosion»

Fortunat Frölich erläutert im Mai 2020 seine Komposition «Lövschtori». (Foto: Manu Leuenberger)

Fortunat Frölich wohnt und arbeitet im Haus der Grosseltern in Zürich, wo die klassische Musik stets eine grosse Rolle spielte. «Trotzdem würde ich sagen, dass ich nicht speziell gefördert worden bin», erklärt der in Chur geborene und aufgewachsene Komponist zur Frage der Berufswahl. «Letztlich war es meine Entscheidung.» Schon als Bub sei er von einer Aufführung der «Matthäus-Passion» in der Martinskirche in Chur so ergriffen gewesen, dass dies vermutlich den Weg für seine Laufbahn gelegt habe. «Aber einen Weg mit langen Umwegen, Krisen auch, als ich nicht mit klassischer Musik weitermachen wollte.» So wechselte er zur Popmusik, integrierte dann aber wieder das als Kind gelernte Cello, weil er «etwas Anderes» machen wollte. Seit er als 17-Jähriger begann, die Welt zu bereisen, beeinflussen ihn auch andere Musikkulturen.

«Aus all dem hat sich ein Komponieren ergeben, das sich nie wirklich einer Richtung verschrieben hat.» Dies sei damals noch ein Problem gewesen, weil man zwischen Stuhl und Bank gefallen sei, was sowohl das Publikum als auch die Unterstützung betroffen habe. «Ich habe es aber unehrlich gefunden, einen einheitlichen Stil zu pflegen und mir gleichzeitig Pink Floyd, Bach und romantische Kompositionen anzuhören, Jazz zu machen und freie Improvisation zu lieben, Pop natürlich auch. Das musste für mich irgendwie alles aufgefangen werden, wenn ich kreativ wurde.»

Fortunat Frölich hat schon vor dem Auftrag für die «Schweizer Beethoven-Reflexionen» drei Werke komponiert, die sich auf Beethoven beziehen. Er betrachte sich aber weder als Beethoven-Spezialisten noch als Musikwissenschaftler. Trotzdem finde er, dass Beethoven zwar grandiose Werke komponiert habe, diese Variationen über ein Schweizerlied aber eher «eine Fingerübung» seien. «Ich verstehe nicht, wieso er dieses Volkslied abänderte, sich daraus aber beispielsweise keine andere Harmonie ergeben hat.» Variationen könne man durchaus als Übung der Kreativität betrachten: Wie viel Fantasie habe ich, dasselbe auf zehn verschiedene Arten zu sagen? «Das war für mich aber ein etwas langweiliger, allzu klassischer Ansatz.»

Da spiele etwas Biederes mit, fährt Fortunat Frölich nachdenklich fort. «Und da ist dieses Volksliedlein und das Geschichtlein, das ja auch voll banal ist: Mäitli und Bueb, die sich nicht kriegen, und er zieht in den Krieg und so.» Er habe lange nicht verstanden, was an der Biederkeit interessant sein soll. Die Epoche des Biedermeiers verstehe man erst richtig, wenn man verstehe, «dass der Funke eigentlich das Interessante an der grossen Explosion ist. «Im Grunde trägt alles dieses Paradox in sich – gleichzeitig belanglos und grossartig zu sein. Die Kunst befasst sich mit der Tiefe der Dinge, mit ihrer Bedeutsamkeit.» Die Aufmerksamkeit, die Beethoven der kleinen Melodie aus der Schweiz schenke, sei doch beachtlich und gehe in diese Richtung der Vertiefung eines unbedeutend scheinenden Details. Frölich findet es toll, dass Beethoven «sich doch bestimmt einen ganzen Morgen lang mit diesem Liedlein befasst und daraus etwas macht.» Man merke, dass er das Lied ernst nehme, denn es sei sorgfältig ausgearbeitet. «Und auch andere nehmen es ernst, es wird gespielt und weitergetragen – das ist ganz grossartig.»

Auch diese kleine Liebesgeschichte sei grandios, obwohl es unzählige dieser Art gebe. «Denn wenn es wirklich geschieht, dann ist das, was passiert: grenzenlos.» Das ergebe einen grossen Kontrast zum einfachen Lied, weshalb er dessen einfache Melodie in seine Komposition integriert habe. «Und ich wollte auch die ganze Brisanz, die eben doch in diesem einfachen Lied drin ist, zum Klingen bringen.» Welche Brisanz? Fortunat Frölich antwortet mit gravitätischer Betonung: «Ein Mädchen mit schönen Zöpfen. – Er hat sich verliebt. – Der Vater sagt: Sie ist noch zu jung. – Die Vernunft, die einfährt und alles zunichte macht.»

Zum musikalischen Ansatz meint Fortunat Frölich, er habe es reizvoll gefunden, die sehr gefasste und intellektualisierte Vorgehensweise von Beethoven aufzubrechen, in Beziehung zum Emotionsgehalt zu setzen. Denn es sei doch typisch, dass Beethoven in seinen Variationen die Geschichte nicht erzähle. «Er verwendet einfach die Melodie, aber der Inhalt ist ihm egal. Deshalb erzähle ich die Geschichte, und zwar so ernst, dass die Musiker nicht nur als Instrumentalisten, sondern auch als Performer gefordert sind. Sie müssen quasi mit einem Rap anfangen: Es-hät-en-Pur-es-Töch-ter-li… Den Rest der Geschichte erzähle ich dann mit der Musik – Dursli und Bäbeli verlieben sich ineinander, Dursli hält um Bäbelis Hand an, ‹nein!› sagt der Vater, die Jungen sind verzweifelt, die Kriegstrommeln, die schon die ganze Zeit latent im Hintergrund vorhanden sind, werden lauter, verschlucken schliesslich alles. Dann – als Abspann – die verklärte Nostalgie, mit der ganzen Verzweiflung, dass Liebe immer so weh tut.»

Besonders fasziniert hat Fortunat Frölich die Metrik des Volksliedes: «Auf zwei 3er-Takte folgt ein 4er, zum Abschluss wieder ein 3er». Diese für ein Volkslied doch recht ungewohnte Form werde erst ersichtlich, «wenn man die durchgängig im 2/4-Takt notierte Melodie in ihre Phrasen aufteilt: tagetege ta-te ta , tagetege ta-te ta , tagetege tagetege tagetege ta-te ta. Deshalb war mir klar, dass das Stück zu Beginn am Klavier in diesen Rhythmus hineinkommen muss, denn das ist bereits das Kriegsmotiv, auch das Motiv des Weggehens.» Dann komme die Passage des Verliebens mit einer delikaten Stelle der künstlerischen Umsetzung: «ein ziemlich deftiges Duett von Flöte und Cello». Er fordere die Musiker mit seinem Stück heraus, das leicht szenisch, fast schon eine Oper sei. «Es reizt mich, am Stil des klassischen Konzertes zu kratzen.»

Ein Ausschnitt seiner in Indien geschriebenen Komposition deutet an, dass Fortunat Frölich wiederum mit einer gewissen Widersprüchlichkeit arbeitet. «Es geht ins Chaos, klingt aber auch süss und brav», bestätigt er. «Ich arbeite mit Polaritäten, um Spannung zu erzeugen. Mich interessieren die Kontraste und die Übergänge dazwischen. Die Übergänge sind vielleicht das Interessanteste an meiner Musik. In diesem Bereich, wo ich selber nicht weiss, wie ich von A nach B komme, weil die Positionen so weit von einander entfernt sind, weil A vielleicht die Vernunft des Vaters ist und B die Verzweiflung und Wut der Jungen – in dieser Polarität errege ich mich und werde kreativ.» Er langweile sich schnell, wenn er eine musikalische Entwicklung voraussagen könne. Entsprechend wollte er sich auch stilistisch nicht festlegen. «Den Anspruch, in einem bestimmten Stil zu schreiben, habe ich immer abwegig gefunden. Ich liebe stilistische Verkrallungen.»

Wie in einigen seiner neueren Werke setzt Fortunat Frölich auch hier rhythmisierte Stimmgeräusche der Musiker ein. «Ich mache das, um die Musiker noch persönlicher mit dem Inhalt meiner Kompositionen zu verbinden und damit die Musiker das Publikum noch direkter ansprechen» Er verstehe dies auch ein wenig als Provokation, um das «Klassische» aufzubrechen, «wo alles so geordnet ist und der Inhalt manchmal in der Form untergeht». Er wünscht sich denn auch, dass die Musiker auf der Bühne vor allem dies ausstrahlen: «Wir haben Spass daran – und ihr hoffentlich auch». Nachdenklich fügt er hinzu: «Das ist alles. Und das ist viel».

Fortunat Frölich wurde 1954 in Chur geboren. Er studierte in Zürich, Neapel und Leipzig Gesang, Violoncello und Orchesterleitung. Er hat mehrere interkulturelle Projekte realisiert und mit Linard Bardill auch Werke für ein junges Publikum geschaffen. Für die offiziellen Feierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen des Bundestaates erhielt Frölich einen Kompositionsauftrag vom Bundesamt für Kultur. Er hat auch Werke mit den Schriftstellern Urs Widmer («Föhn») und Beat Brechbühl («missaverde») geschaffen. www.fortunatfroelich.com
Schweizer Beethoven-Reflexionen: Ein Projekt von Murten Classics und der SUISA zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven hatte nur wenig mit der Schweiz zu tun. Aber er hat «Sechs Variationen über ein Schweizerlied» geschrieben, bei dem es sich um das Volkslied «Es hätt e Bur es Töchterli» handelt. Dies ist der Ausgangspunkt für Kompositionsaufträge, die die Sommerfestspiele Murten Classics zusammen mit der SUISA an acht Schweizer Komponistinnen und Komponisten verschiedener Generationen, Ästhetik und Herkunft vergeben haben.

Oscar Bianchi, Xavier Dayer, Fortunat Frölich, Aglaja Graf, Christian Henking, Alfred Schweizer, Marina Sobyanina und Katharina Weber konnten sich auf die Variationen, auf das von Beethoven verwendete Volkslied selbst oder auf Beethoven im Allgemeinen beziehen. Die Kompositionen wurden für das Ensemble Paul Klee geschrieben, das folgende Maximalbesetzung erlaubt: Flöte (auch Piccolo, G- oder Bassflöte), Klarinette (in B oder A), Violine, Viola, Cello, Kontrabass und Klavier.

Initiant dieses 2019 begonnenen Projekts war Kaspar Zehnder, der während 22 Jahren künstlerischer Leiter von Murten Classics gewesen war. Wegen der Corona-Krise und den von den Behörden verordneten Massnahmen war die Durchführung sowohl der 32. Ausgabe im August 2020 als auch des vorgesehenen Ersatzfestivals in den anschliessenden Wintermonaten nicht möglich. Der «SUISA-Tag» mit den acht Kompositionen dieses Projekts wurde – ohne Publikum – am 28. Januar 2021 im KiB Murten dennoch aufgeführt und aufgezeichnet. Die Aufnahmen waren bei Radio SRF 2 Kultur in der Sendung «Neue Musik im Konzert» zu hören und sind auf der Plattform Neo.mx3 erschienen. Im SUISAblog und auf den Social Media-Kanälen der SUISA ist das Projekt mit multimedialen Beiträge online dokumentiert.

www.murtenclassics.ch

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Fortunat Frölich hat für das Kompositionsprojekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» mit Gegensätzen gearbeitet. Er bezieht sich auch auf den Inhalt des originalen Volksliedes «Es hätt en Bur es Töchterli». Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Fortunat Frölich: «Der Funke ist eigentlich das Interessante an der grossen Explosion»

Fortunat Frölich erläutert im Mai 2020 seine Komposition «Lövschtori». (Foto: Manu Leuenberger)

Fortunat Frölich wohnt und arbeitet im Haus der Grosseltern in Zürich, wo die klassische Musik stets eine grosse Rolle spielte. «Trotzdem würde ich sagen, dass ich nicht speziell gefördert worden bin», erklärt der in Chur geborene und aufgewachsene Komponist zur Frage der Berufswahl. «Letztlich war es meine Entscheidung.» Schon als Bub sei er von einer Aufführung der «Matthäus-Passion» in der Martinskirche in Chur so ergriffen gewesen, dass dies vermutlich den Weg für seine Laufbahn gelegt habe. «Aber einen Weg mit langen Umwegen, Krisen auch, als…Weiterlesen

«Eine Melodie wie eine Erinnerung von weit weg» | mit Video

Xavier Dayer liess sich für das Projekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» nicht nur von der Melodie des von Beethoven verwendeten Schweizer Lieds inspirieren. Er bezog auch die Situation mit ein, in der sich der damals noch junge Komponist befand. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Xavier Dayer: Eine Melodie wie eine Erinnerung von weit weg

Xavier Dayer im Interview über sein Werk «Cantus VII» Ende Januar 2020. (Foto: Manu Leuenberger)

Xavier Dayer ist überzeugt davon, dass die zentrale Bedeutung von Ludwig van Beethoven weit über den Kreis der Komponistinnen und Komponisten wie auch der Musikerinnen und Musiker hinausgeht. «Ich würde sogar sagen, dass er am Anfang des Bildes steht, das man in der breiten Öffentlichkeit von der Romantik und der klischierten Figur des Komponisten hat.» Bei aller Bewunderung für Beethoven stuft er dessen Variationen über ein Schweizer Volkslied nüchtern ein. «Ich denke nicht, dass es sein eindrücklichstes Stück ist», erklärt der in Genf geborene und in Bern wohnende Komponist im Gespräch von Ende Januar 2020 knapp.

Die Variationen liessen Xavier Dayer jedoch über den Zeitpunkt der Entstehung nachdenken: Im Jahr 1792 war Beethoven 22 Jahre alt und stand kurz davor, nach Wien zu ziehen. Entsprechend versteht Xavier Dayer die Variationen als eine Art Übung zu einer Zeit, als Beethoven im Enthusiasmus seiner eigenen Musik gestanden sei. Dies müsse man vor einem breiteren Hintergrund verstehen. «Man glaubte damals an die Modernität, den Fortschritt; auch die Komponisten. Und diese Vorliebe für die Modernität wurde mit einer für die Heimat assoziiert – hier traf sich die Vorliebe für die Romantik mit der für die Nation, womit ich immer ein Problem hatte.»

Xavier Dayer befasste sich bei der Entwicklung seiner Komposition zunächst mit der Melodie dieses Lieds, «noch mehr als mit den Variationen von Beethoven und dessen Harmonisierung». Diese Melodie sei derart einfach, dass sie etwas habe, dem er sich von seinem eigenen Schaffen annähern könne. Er habe sie wie einen Cantus firmus verwendet, eine Melodie, die von aussen gegeben ist und die er in seiner eigenen Musik eher verstecke. «Sie ist wie eine Erinnerung von weit weg, als ob man sich diesen verlorenen Enthusiasmus wieder ins Gedächtnis rufen würde, der verdeckt ist in meiner Musik, die unruhig und beunruhigend sein möchte.»

Konkret hat Xavier Dayer die Melodie des Liedanfangs verwendet. «Wir haben vom Enthusiasmus gesprochen, und diesbezüglich liegt etwas rein Positives in dieser Melodie, die auch harmonisch sehr klar ist, ohne jeglichen Zweifel darin. (…) Sie wird bei meiner Komposition aber in eine Art von Nebel getaucht sein.» Für die Instrumentierung hat Xavier Dayer ein Quartett für Flöte, Klarinette, Geige und Cello gewählt, «eine Besetzung, für die es noch nicht allzu viele Referenzen gibt». Dies habe ihn interessiert, weil dies weniger Druck der Tradition bedeute und dadurch mehr Freiheiten ermögliche. Man mag sich wundern, dass trotz des Beethoven-Bezugs das Piano nicht zum Zug kommt. Doch Xavier Dayer betont, dass er nicht als Pianist, sondern als Gitarrist ausgebildet wurde und deshalb eine Art Komplex in Bezug auf Komponisten-Pianisten empfindet. Gleichwohl benutzt er das Klavier häufig als Werkzeug für seine Arbeit, vor allem um die harmonischen Progressionen kontrollieren zu können.

Wie die Komposition dereinst tönen wird, bleibt in diesem Entwicklungsstadium offen. Aber auch wenn das Stück fertig geschrieben sei, bleibe immer noch enorm viel Raum für die Interpreten. «In der Abfolge der kreativen Schritte bin ich derjenige, der Zeichen vorschlägt, die andere dann mit ihrer Sensibilität und Erfahrung interpretieren werden. Ich verehre die Kunst der Interpretation über alles.» Xavier Dayer betont, dass er es besonders als Zuhörer liebe, zu entdecken, wie sich die Interpreten eine Komposition aneignen. «In diesem Sinn ist auch dieser Teil der Kreation ein essentieller Moment, weil sie erstmals in einem Raum erscheint.» Hinzu kommt die Bedeutung des Publikums. Eine Komposition sei wie ein Liebesbrief, der an sich nicht viel bedeute – vor allem, wenn ihn niemand lese, und insbesondere, wenn ihn niemand beantworte (lacht).

Die Rolle des Komponisten ist zudem in Frage gestellt, spätestens seit Beethovens nur skizzenhaft komponierte 10. Sinfonie zum Jubiläumsjahr mit einem speziell trainierten Algorithmus vollendet wurde. Xavier Dayer betrachtet dies nicht etwa als Gefahr, sondern als «äusserst stimulierende Herausforderung». Er sehe, dass sich auch seine Studierenden mit der Frage befassen, was die Kreation eines Individuums heute noch bedeute. «Ich bewundere Künstler, die den Akt der Kreation hinterfragen. (…) Vielleicht sind wir am Ende eines Zyklus’, in der das kreierende Individuum als eine Art von Genie gesehen und ein Kult darum gemacht wurde.» Dies hat nach seiner Meinung auch komplexe Folgen gezeitigt. «Jede Note von Beethoven, jeder Satz von Goethe vermittelte uns den Eindruck, im Vergleich ganz klein zu sein.» Er denke, dass man nicht einfach weitermachen könne mit dieser Einordnung des Künstlers, der «alles» zu sagen habe. «Heute wird der Künstler wohl anders betrachtet: als jemand, der weder darüber noch darunter, sondern einfach im Kontinuum der sozialen Bindungen steht.»

Xavier Dayer wurde 1972 in Genf geboren. Dort studierte er Komposition mit Eric Gaudibert und in Paris mit Tristan Murail und Brian Ferneyhough (IRCAM – Forschungsinstitut für Akustik/Musik). Er ist Professor für Komposition an der Hochschule der Künste Bern und seit 2009 Beauftragter vom «Master of arts in Composition/Theory». Seit 2011 ist er Präsident der SUISA. Der Kanton Bern zeichnete ihn mit dem Musikpreis 2020 aus. www.xavierdayer.com
Schweizer Beethoven-Reflexionen: Ein Projekt von Murten Classics und der SUISA zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven hatte nur wenig mit der Schweiz zu tun. Aber er hat «Sechs Variationen über ein Schweizerlied» geschrieben, bei dem es sich um das Volkslied «Es hätt e Bur es Töchterli» handelt. Dies ist der Ausgangspunkt für Kompositionsaufträge, die die Sommerfestspiele Murten Classics zusammen mit der SUISA an acht Schweizer Komponistinnen und Komponisten verschiedener Generationen, Ästhetik und Herkunft vergeben haben.

Oscar Bianchi, Xavier Dayer, Fortunat Frölich, Aglaja Graf, Christian Henking, Alfred Schweizer, Marina Sobyanina und Katharina Weber konnten sich auf die Variationen, auf das von Beethoven verwendete Volkslied selbst oder auf Beethoven im Allgemeinen beziehen. Die Kompositionen wurden für das Ensemble Paul Klee geschrieben, das folgende Maximalbesetzung erlaubt: Flöte (auch Piccolo, G- oder Bassflöte), Klarinette (in B oder A), Violine, Viola, Cello, Kontrabass und Klavier.

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Xavier Dayer im Interview über sein Werk «Cantus VII» Ende Januar 2020. (Foto: Manu Leuenberger)

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Verteilungs- und Werkkommission: Die Verteilung mitgestalten

Nächstes Jahr wird die Verteilungs- und Werkkommission neu gewählt werden. Nur 17 der 22 bisherigen Mitglieder stellen sich voraussichtlich zur Wiederwahl, sodass mindestens fünf die Kommission verlassen werden. Interessierte SUISA-Mitglieder können sich bis Ende November 2022 für die Wahl bewerben. Danach wird der SUISA-Vorstand geeignete Kandidatinnen und Kandidaten berufen und diese der Generalversammlung vom 23. Juni 2023 vorschlagen. Text von Vincent Salvadé und Giorgio Tebaldi

Verteilungs- und Werkkommission: Die Verteilung mitgestalten

Für die Verteilungs- und Werkkommission der SUISA werden neue Mitglieder gesucht. (Foto: Juerg Isler, isler-fotografie.ch)

121,4 Millionen Franken kann die SUISA aus den Einnahmen von 2021 an Urheber/innen und Verleger/innen verteilen. Für die SUISA-Mitglieder und Auftraggeber/innen ist die Verteilung essentiell: Wer erhält aus welcher Nutzung seiner Werke letztlich wie viel Geld? Wie die Verteilung erfolgt, wird von der Verteilungs- und Werkkommission (VWK) der SUISA vorgeschlagen und vom Vorstand beschlossen.

«Mittendrin statt nur dabei» – SUISA-Urheber/innen und Verleger/innen haben die Gelegenheit, bei Änderungen im Verteilungsreglement direkt mitzubestimmen. Bei der nächsten SUISA-Generalversammlung am 23. Juni 2023 in Zürich wird die Verteilungs- und Werkkommission der SUISA neu gewählt werden. Die VWK besteht aus 22 Mitgliedern, von denen sich voraussichtlich nur 17 zur Wiederwahl stellen werden. Mindestens fünf werden also die Kommission verlassen. Mitglieder der VWK können höchstens drei Mal wiedergewählt werden.

Mehr als nur Affinität zur Musik

Was aber macht ein geeignetes VWK-Mitglied aus? In erster Linie braucht es natürlich eine hohe Affinität zur Musik. Dies ergibt sich allerdings ohnehin mit der Grundvoraussetzung für eine Kandidatur: Es können nur stimm- und wahlberechtigte SUISA-Mitglieder in die Kommission gewählt werden. (Zukünftige) VWK-Mitglieder müssen zudem die Wirkung heutiger Entscheidungen für die Zukunft verstehen. Die Mitglieder der VWK dürfen sich nicht nur auf die eigenen Geschäftsfelder konzentrieren, sondern die Interessen aller Urheber/innen und Verleger/innen vertreten. Und es braucht Zeit: Die Sitzungen der VWK finden zwei Mal im Jahr statt und dauern – mit Anreise und gemeinsamem Mittagessen – jeweils einen Tag. Die Sitzungen brauchen eine gute Vorbereitung seitens der Mitglieder; hierzu gehört vor allem, dass die umfangreichen und manchmal sehr fachspezifischen Dossiers gelesen werden.

Der Mix macht’s aus

Interessierte SUISA-Mitglieder können bis Ende November 2022 ihre Kandidatur einreichen. Danach wird der SUISA-Vorstand der Generalversammlung geeignete Kandidatinnen und Kandidaten vorschlagen. Für die Arbeit der VWK ist eine möglichst ausgeglichene Zusammensetzung wichtig. Nicht nur sollten möglichst viele Musikrichtungen vertreten sein, sondern auch alle Sprachregionen der Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein. Zudem muss sich die VWK sowohl aus Komponistinnen und Komponisten, Verlegerinnen und Verlegern wie auch Textautorinnen und Textautoren zusammensetzen. Und letztlich sollte die Kommission auch eine bestmögliche Durchmischung hinsichtlich Alter und Geschlecht aufweisen.

Aufgaben der Verteilungs- und Werkkommission

Die VWK beschäftigt sich primär mit Verteilungsänderungen, die im Verteilungsreglement geregelt werden. Sie erfüllt folgende Aufgaben:

  • prüft die Bestimmungen des Verteilungsreglements und ihre Auswirkungen auf die Verteilungsergebnisse;
  • stellt dem Vorstand Anträge betreffend Änderung des Verteilungsreglements;
  • behandelt in erster Instanz Rekurse gegen Entscheide der Geschäftsleitung über die Einstufung von Sendeprogrammen und über die Schutzfähigkeit von Werken und Bearbeitungen freier Werke;
  • hat beratende Funktion hinsichtlich der Beurteilung von nicht autorisierten Umarbeitungen geschützter Werke und von Plagiaten.

Die VWK ist eine Kommission der SUISA-Generalversammlung; diese kann der Kommission weitere Aufgaben zuweisen. Jedes Kommissionsmitglied hat eine Stimme, abwesende Mitglieder können nicht durch andere Kommissionsmitglieder vertreten werden.

Interessierte Kandidatinnen und Kandidaten schicken ihre Bewerbung bitte bis Ende November 2022 an folgende Adresse:

SUISA
Anke Link
Bellariastrasse 82
CH-8038 Zürich
E-Mail: anke.link (at) suisa (dot) ch

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Aus dem Geschäftsbericht 2021Aus dem Geschäftsbericht 2021: Von der Ausarbeitung der Gesetzgebung zum Anwendungsfall Das Departement «Regulations» der SUISA befasst sich mit juristischen Fragen. Seine Aufgaben reichen von der Beteiligung an unseren verschiedenen politischen Aktionen im Hinblick auf die Gesetzgebung, über Tarifverhandlungen und die Ausarbeitung des Verteilungsreglements bis hin zur Durchsetzung der Regeln bei Rechtsstreitigkeiten. Zu den Aktivitäten des Departements gehörten 2021 verschiedene Themen. Weiterlesen
Plagiatsvorwurf – und was macht die SUISA?Plagiatsvorwurf – und was macht die SUISA? In diesen Tagen haben verschiedene Medien über Plagiatsvorwürfen gegen einen Schweizer Künstler berichtet. Das Thema ist nicht neu, und doch scheint immer wieder Unklarheit zu herrschen: Wer klagt an? Was geschieht mit einem Künstler, der bei einem anderen abkupfert? Wieviel muss er zahlen? Und welche Rolle hat eigentlich die SUISA? Weiterlesen
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Nächstes Jahr wird die Verteilungs- und Werkkommission neu gewählt werden. Nur 17 der 22 bisherigen Mitglieder stellen sich voraussichtlich zur Wiederwahl, sodass mindestens fünf die Kommission verlassen werden. Interessierte SUISA-Mitglieder können sich bis Ende November 2022 für die Wahl bewerben. Danach wird der SUISA-Vorstand geeignete Kandidatinnen und Kandidaten berufen und diese der Generalversammlung vom 23. Juni 2023 vorschlagen. Text von Vincent Salvadé und Giorgio Tebaldi

Verteilungs- und Werkkommission: Die Verteilung mitgestalten

Für die Verteilungs- und Werkkommission der SUISA werden neue Mitglieder gesucht. (Foto: Juerg Isler, isler-fotografie.ch)

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«Die Feinarbeit der Notation benötigt fast mehr Zeit als das Komponieren an sich» | mit Video

Aglaia Graf entwickelte für das Kompositionsprojekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» ein Konzept mit mehreren Sätzen. Diesen liegen je zwei, drei Motive oder Themen zugrunde, die von einem Werk Beethovens inspiriert sind. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Aglaia Graf: Die Feinarbeit der Notation benötigt fast mehr Zeit als das Komponieren an sich»

Aglaia Graf während des Gesprächs über ihre Komposition im März 2020. (Foto: Manu Leuenberger)

Bei diesem Projekt war es kein einfaches Unterfangen für Aglaia Graf, den geeigneten Weg zu ihrer Komposition zu finden. Als erstes schaute sich die Komponistin und Pianistin aus Basel die Noten des von Beethoven verwendeten Schweizer Volkslieds an und las den Text. Dann ging sie mit dem Hund spazieren und sang das Lied – in der Erwartung, dass es etwas in ihr auslöse und zu ihrer Komposition inspiriere. «Doch irgendwie kam nichts, ich fand keinen griffigen Anknüpfungspunkt.» Auch nicht beim Studium von Beethovens Variationen. «Ich muss sagen, dass ich nicht so begeistert bin von diesem Werk, auch wenn man gut nachvollziehen kann, mit welchen Elementen er seine Variationen aufbaut.» Es sei sicher eine Art Studienwerk von ihm, und deshalb hat es mich für meine Komposition nicht direkt inspiriert.

Dann dachte Aglaia Graf, dass sie das allgemeine Element des Volkslieds aufgreifen könnte und suchte andere Schweizer Volkslieder, die sie ansprachen. «Ich fand sehr schöne, schaute, ob darunter Material sei, mit dem ich arbeiten könnte.» Doch auch davon wendete sie sich wieder ab. Sie kam zum Schluss, dass sie ein Konzept entwickeln müsse, um wirklich anfangen zu können. So entschloss sie sich, auf Beethoven im Allgemeinen einzugehen.

Auf die Frage nach der persönlichen Bedeutung von Ludwig van Beethoven stellt Aglaia Graf eine Gegenfrage: «Für welchen Musiker hat Beethoven keine spezielle Bedeutung?». Gerade im Leben eines Pianisten, einer Pianistin sei er von Anfang an wichtig und begleite einen das ganze Leben lang. «Man wächst an seiner Musik, man entwickelt sich mit ihr.» Er sei auch ein absoluter Referenzpunkt, wenn man komponiere. «Durch das Spielen seiner Werke lernt man indirekt auch kompositorisch enorm viel. Das ging auch mir so, bewusst wie auch unterbewusst, hat er sicher viele Spuren hinterlassen.»

Aglaia Graf hat bei Beethoven auch sonst spezielle Erfahrungen gemacht. «Wenn ich als Komponistin oder Pianistin über seinen Stücken sitze, kann es durchaus passieren, dass ich über wenigen Noten stundenlang brüte. Die Wahrnehmung einer bestimmten Stelle ist ein Erlebnis, die Zeitspanne enorm lang. Das Publikum aber, welches das Stück hört, erlebt diesen Moment in vielleicht zwei Sekunden.»

Für Aglaia Graf ist nicht nur die analytische Herleitung spannend. «Beethoven hatte wie fast kein anderer Komponist ein Gespür dafür, wie man seine Musik beim Hören zeitlich erlebt.» Als Komponistin geschehe es schnell, dass man – weil man so viel Zeit mit so wenig Noten verbringe – zu komplex werde und zu viel hineinpacke. Für die Zuhörerschaft sei es dann oft gar nicht mehr erlebbar in der kurzen Zeit, in der sie es hören. Bei Beethoven hingegen schon, das habe sie schon immer fasziniert. «Wenn man im Konzert sitzt, sieht, respektive hört man förmlich, wie ein Gebäude aufgebaut wird, ein Stein nach dem anderen. Das hat mich sehr geprägt, als Musikerin, als Komponistin, als Mensch.»

Mit dem Entscheid, mit ihrer Komposition auf Beethoven im Allgemeinen einzugehen, kam Aglaia Graf dann schnell vorwärts. Sie entwickelte das Konzept von mehreren Sätzen, denen je zwei, drei Motive oder Themen zugrunde liegen, die von einem Werk Beethovens inspiriert sind. «Das könnte auch für das Publikum reizvoll sein: als kleine Höraufgabe, von welchem Stück Beethovens eine solche Passage angeregt ist.» Sie begann mit einem Brainstorming danach zu suchen, welche Motive oder Themen einfliessen könnten: «welche sind mir im Gedächtnis, welche sind einem breiten Publikum bekannt, so dass sie einen Wiedererkennungseffekt haben». Davon traf sie eine Auswahl und überlegte sich, welche sich für welchen Satz eignen, damit sich eine sinnvolle Abfolge ergibt.

Zuerst wollte Aglaia Graf diese Motive und Themen nur als Anknüpfungspunkte verwenden. «Aber es ergab sich nun tatsächlich, dass im letzten Satz daraus Variationen entstanden sind.» Diese beziehen sich auf das Thema des letzten Satzes des «Gassenhauer-Trios» – womit sich der Kreis zu den sechs Variationen von Beethoven über das Schweizer Lied schliesst. «Mein erster Satz bezieht sich zudem auf den ersten Satz des ‹Gassenhauer-Trios›, enthält aber wie die anderen Sätze keine Variationen.» Aglaia Graf betont, dass sie die Motive von Beethoven natürlich nicht «1:1» übernommen habe. Beim volksliedhaften Thema im letzten Satz des «Gassenhauer-Trios» habe sie natürlich nicht die Melodie als Element übernommen, sondern «den Rhythmus und den Charakter, den ich leicht geändert habe – im Original tänzerisch-volksnah, bei mir humoristisch.»

Bereits Anfang 2020 war der Plan entstanden, vier kurze Trio-Sätze für Klavier, Cello und Klarinette zu schreiben. «Meine letzte Auftragskomposition war für Klarinette solo, so war ich schon in dieser Klangwelt. Ich spiele zudem mit dem englischen Cellisten Benjamin Gregor-Smith in einem Duo. So hat sich diese Besetzung herauskristallisiert; zudem schrieb auch Beethoven für diese Besetzung, eben das berühmte ‹Gassenhauer-Trio›.»

Zur Zeit des Gesprächs Mitte März 2020 hatte sie für diese Besetzung bereits grosse Teile des ersten, zweiten und vierten Satzes komponiert – «wenn auch teilweise erst im Hinterkopf», wie sie lachend anfügt. «Der erste Satz ist eigentlich fertig, auch im Notenbild mit allen Details, bei den anderen zwei Sätzen stehen erst die Noten. Die Feinarbeit der Notation, die in meinem Kopf längst klar ist, benötigt fast mehr Zeit als das Komponieren an sich.» Für den dritten Satz tendiert sie nun dazu, diesen als eine Art Interludium zum letzten Satz zu gestalten, vermutlich für Cello solo. Bei den Kompositionsteilen, die nicht auf Motiven basieren, «habe ich gewisse kompositorische Elemente, die bei Beethoven oder in der Klassik allgemein sehr wichtig sind, aufgegriffen, besonders im ersten Satz».

Aglaia Graf wurde 1986 in Basel geboren. Sie schloss dort ihr Konzertdiplom als Pianistin mit Auszeichnung ab und setzte ihr Studium in Wien und Paris fort. Sie besuchte Meisterkurse von Andràs Schiff, Paul Badura-Skoda, Dimitri Bashkirov, Klaus Hellwig u.v.a. Seit ihrem 15. Lebensjahr komponierte sie viele Werke, v. a. für Klavier und Cello/Klavier. Sie leitet eine Klavierklasse an der Musikakademie Basel und gibt Masterclasses wie zuletzt in Russland. 2006 wurde ihr der Europäische Kulturförderpreis verliehen. www.aglaiagraf.com
Schweizer Beethoven-Reflexionen: Ein Projekt von Murten Classics und der SUISA zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven hatte nur wenig mit der Schweiz zu tun. Aber er hat «Sechs Variationen über ein Schweizerlied» geschrieben, bei dem es sich um das Volkslied «Es hätt e Bur es Töchterli» handelt. Dies ist der Ausgangspunkt für Kompositionsaufträge, die die Sommerfestspiele Murten Classics zusammen mit der SUISA an acht Schweizer Komponistinnen und Komponisten verschiedener Generationen, Ästhetik und Herkunft vergeben haben.

Oscar Bianchi, Xavier Dayer, Fortunat Frölich, Aglaja Graf, Christian Henking, Alfred Schweizer, Marina Sobyanina und Katharina Weber konnten sich auf die Variationen, auf das von Beethoven verwendete Volkslied selbst oder auf Beethoven im Allgemeinen beziehen. Die Kompositionen wurden für das Ensemble Paul Klee geschrieben, das folgende Maximalbesetzung erlaubt: Flöte (auch Piccolo, G- oder Bassflöte), Klarinette (in B oder A), Violine, Viola, Cello, Kontrabass und Klavier.

Initiant dieses 2019 begonnenen Projekts war Kaspar Zehnder, der während 22 Jahren künstlerischer Leiter von Murten Classics gewesen war. Wegen der Corona-Krise und den von den Behörden verordneten Massnahmen war die Durchführung sowohl der 32. Ausgabe im August 2020 als auch des vorgesehenen Ersatzfestivals in den anschliessenden Wintermonaten nicht möglich. Der «SUISA-Tag» mit den acht Kompositionen dieses Projekts wurde – ohne Publikum – am 28. Januar 2021 im KiB Murten dennoch aufgeführt und aufgezeichnet. Die Aufnahmen waren bei Radio SRF 2 Kultur in der Sendung «Neue Musik im Konzert» zu hören und sind auf der Plattform Neo.mx3 erschienen. Im SUISAblog und auf den Social Media-Kanälen der SUISA ist das Projekt mit multimedialen Beiträge online dokumentiert.

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Aglaia Graf entwickelte für das Kompositionsprojekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» ein Konzept mit mehreren Sätzen. Diesen liegen je zwei, drei Motive oder Themen zugrunde, die von einem Werk Beethovens inspiriert sind. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Aglaia Graf: Die Feinarbeit der Notation benötigt fast mehr Zeit als das Komponieren an sich»

Aglaia Graf während des Gesprächs über ihre Komposition im März 2020. (Foto: Manu Leuenberger)

Bei diesem Projekt war es kein einfaches Unterfangen für Aglaia Graf, den geeigneten Weg zu ihrer Komposition zu finden. Als erstes schaute sich die Komponistin und Pianistin aus Basel die Noten des von Beethoven verwendeten Schweizer Volkslieds an und las den Text. Dann ging sie mit dem Hund spazieren und sang das Lied – in der Erwartung, dass es etwas in ihr auslöse und zu ihrer Komposition inspiriere. «Doch irgendwie kam nichts, ich fand keinen griffigen Anknüpfungspunkt.» Auch nicht beim Studium…Weiterlesen

«Beethovens Musik ist sehr groovy. Ich denke, wenn er heute leben würde, wäre er wohl der Modern-Jazzrock-Freak.» | mit Video

Marina Sobyanina bezieht sich in ihrer Komposition für das Projekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» auf viele Aspekte des grossen Komponisten. Sie setzte aber auch viele moderne Methoden ein und stellte sich musikalische Passagen auch als grafische Figuren vor. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Marina Sobyanina: Beethovens Musik ist sehr groovy

Marina Sobyanina beim Interview über ihre Komposition «Quasi una Fantasia» im Februar 2020. (Foto: Manu Leuenberger)

Ludwig van Beethoven hat eine spezielle Bedeutung für Marina Sobyanina. «Die ersten richtigen Stücke, die ich als Kind im Klavierunterricht spielen konnte, waren Pianosonaten von Beethoven», erklärt die in Russland geborene und in Bern lebende Komponistin. «Meine Schwester hatte einen grossen Einfluss auf mich, weil sie zwölf Jahre älter ist als ich und damals – neben meiner Klavierlehrerin – die wichtigste musikalische Bezugsperson für mich war. Sie ist klassische Pianistin und denkt noch immer, dass man wie Beethoven komponieren sollte.»

Dieser Ansicht ist Marina Sobyanina bestimmt nicht. Und trotzdem darf man vermuten, dass sie sich in einer aktuellen Komposition auf ihn bezog. Denn 2018 benannte sie ein Stück «Taub’N» und liess damit an Beethovens Ertauben denken: Wie wäre es, Musik zu komponieren, ohne etwas hören zu können? Dies sei tatsächlich ihre erste Idee für die «Schweizer Beethoven-Reflexionen» gewesen, bestätigt sie. «Aber damit würde ich mich ja wiederholen, da ich diese Vorstellung bereits ausgedrückt habe.» Kurz hatte die Komponistin auch die Idee, «Micro Variations» zu kreieren. «Ich wollte ein kleines Motiv nehmen und es dann zu Hunderten von Variationen entwickeln. Aber ich gab die Idee auf, weil man dazu ein Computer sein müsste – und das wollte ich nicht, weil ich es nicht bin.»

Als weiteren Ansatz wählte Marina Sobyanina dann Beethovens Methode mit kurzen Motiven: Wie er diese überarbeitete, Teile wegschnitt und dies dann wiederholte. Es sei eine Art von zyklischer Arbeit mit Motiven, was wiederum zum Text des Schweizer Volkslieds passe. Dort verspricht Dursli ja, jedes Jahr in die Heimat zurückzukommen und bei den Eltern des geliebten Babeli erneut um deren Hand anzuhalten. Dann begann sie nach Motiven zu suchen, die sich in Beethovens Werk oft wiederholen, «aber nicht so leicht erkennbar sind, da es meine Komposition bleiben sollte». Marina Sobyanina gab jedoch auch diese Idee bald auf. «Auch dies wäre limitierend gewesen, eine Art von Puzzle, bei dem man nur die Teile zusammenfügen muss.»

Sie konzentrierte sich stattdessen auf Beethovens Variationen über ein Schweizerlied, vor allem auf die erste und zweite. «Ich behielt zudem einige Motive, die sehr charakteristisch für Beethoven sind. Und Arbeitsmethoden wie das Spiel mit der Oktavierung, Modulationen mit Arpeggi, die in den tieferen Lagen folgen, grosse Akkorde, die unterschiedliche und auch gegensätzliche Register kombinieren sowie Aspekte, die seinen Pianostil erkennbar machen.»

Schliesslich befasste sich Marina Sobyanina mit der ersten Variation, die sie während des Gesprächs Ende Februar 2020 gleich vorspielt. Sie stellte sich vor, dass die melodischen Linien für die rechte und die linke Hand keine Noten mit bestimmten Parametern wie Tonhöhe usw. sind, sondern Konturen einer Silhouette. Wenn man den Raum zwischen diesen Rändern visuell ausfülle, entstehe eine Art Bild. Und in diesem sah die Komponistin verschiedene Gestalten ineinanderfliessen (siehe Bild), was «eigenartige musikalische Assoziationen entstehen liess».

Quasi una Fantasia

Auszug aus der Partitur. (Foto: Marina Sobyanina)

Sie erklärt dies so: «Wenn ich meine Augen schloss und mir meine Musik vorzustellen versuchte, dann waren da immer humoristische Passagen von Arpeggi, Tremoli oder (spielt etwa vor). Als ich dann versuchte, diese musikalischen Passagen nur als grafische Figuren zu sehen, fand ich, dass dieser Teil wie ein Typ auf einem Pony aussieht, der auf die andere Seite zeigt.» So habe sie eine Einleitung geschaffen, welche von einer C-Variation ausgehe (singt gleich vor).

In diesen bildhaften Vorstellungen von Marina Sobyanina tauchen Cartoon-Figuren auf, die zu fliegen versuchen, und Schwäne, die sie in den Rücken treten. «Ich versuche mir einfach vorzustellen, welche Art von Musik dies sein sollte. Deshalb habe ich auch einen Teil namens ‹The Train› komponiert, der mit sehr tiefen Arpeggi beginnt, etwas in der Art zwischen Beethoven und Strawinski, sich dann beschleunigt und in die höheren Tonlagen aufsteigt.»

In den folgenden zwei Teilen wollte Marina Sobyanina einfach ihre Vorstellungskraft fliessen zu lassen und sich nicht zu fest an die grafische Partitur zu klammern. Dabei habe sie immer wieder die oben erwähnten Methoden aus Beethovens Werk eingesetzt, auch die massiven Akkorde, die er so geliebt habe. «Ich verwendete auch einige Zitate, etwa eines aus ‹Fidelio›. Ein weiteres Zitat ist die Harmonie vom Beginn der neunten Sinfonie (spielt vor). Und ich verwende auch ein Motiv aus einer Sonate, das die exakt gleiche Melodielinie hat wie in der C-Dur-Messe (spielt und singt vor). Fragmente dieser Melodie tauchen durch das ganze Stück immer wieder auf, jedoch moduliert.»

Marina Sobyanina ist der Ansicht, dass Beethovens Musik etwas sehr Körperliches habe. «Sie ist auch sehr groovy. Ich denke, wenn er heute leben würde, wäre er wohl der Modern-Jazzrock-Freak.» Entsprechend hat sie eine Passage mit präpariertem Piano komponiert, die sehr groovy sei. «Der Pianist spielt da wie ein Schlagzeuger, anderswo kratzt er mit einem Ring auf den Saiten.» Und dann gebe es auch eine kurze Öffnung in ein anderes musikalisches Universum – wie ein Bebop-Fragment. Dies habe sie aber noch nicht ausgeschrieben, weil der entsprechende Musiker dies eventuell besser improvisieren als sie es komponieren könne.

Die Idee der Improvisation hat sich auch in der von Marina Sobyanina verwendeten Methode des «Micro Loopings» niedergeschlagen. «Ich wollte reflektieren, dass auch Beethoven viel über den ausgeschriebenen Kadenzen improvisierte.» In einem Teil ihrer Komposition spiele nun jedes Instrument einen Loop mit einem eigenen Tempo und ungefähr den selben Akzenten zu jedem Ton, deshalb erschienen alle Töne an einer anderen Stelle. «Die Loops verschieben sich so horizontal, kommen dann aber beim Einsatz eines Instrumentes wieder zusammen, wie dies der nächste Teil erfordert.»

Marina Sobyanina wurde 1986 in Russland geboren und studierte bis 2010 in Russland Kunstgeschichte. 2014 machte sie an der Hochschule der Künste in Bern den Bachelor of Arts in «Jazz & Vocal Performance» und 2017 den Master of Arts in «Composition & Theory». Seither verfolgt sie ein breites Feld von Projekten zwischen zeitgenössischer Musik, experimentellem Jazz, Theater und Film. www.marinasobyanina.com
Schweizer Beethoven-Reflexionen: Ein Projekt von Murten Classics und der SUISA zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven hatte nur wenig mit der Schweiz zu tun. Aber er hat «Sechs Variationen über ein Schweizerlied» geschrieben, bei dem es sich um das Volkslied «Es hätt e Bur es Töchterli» handelt. Dies ist der Ausgangspunkt für Kompositionsaufträge, die die Sommerfestspiele Murten Classics zusammen mit der SUISA an acht Schweizer Komponistinnen und Komponisten verschiedener Generationen, Ästhetik und Herkunft vergeben haben.

Oscar Bianchi, Xavier Dayer, Fortunat Frölich, Aglaja Graf, Christian Henking, Alfred Schweizer, Marina Sobyanina und Katharina Weber konnten sich auf die Variationen, auf das von Beethoven verwendete Volkslied selbst oder auf Beethoven im Allgemeinen beziehen. Die Kompositionen wurden für das Ensemble Paul Klee geschrieben, das folgende Maximalbesetzung erlaubt: Flöte (auch Piccolo, G- oder Bassflöte), Klarinette (in B oder A), Violine, Viola, Cello, Kontrabass und Klavier.

Initiant dieses 2019 begonnenen Projekts war Kaspar Zehnder, der während 22 Jahren künstlerischer Leiter von Murten Classics gewesen war. Wegen der Corona-Krise und den von den Behörden verordneten Massnahmen war die Durchführung sowohl der 32. Ausgabe im August 2020 als auch des vorgesehenen Ersatzfestivals in den anschliessenden Wintermonaten nicht möglich. Der «SUISA-Tag» mit den acht Kompositionen dieses Projekts wurde – ohne Publikum – am 28. Januar 2021 im KiB Murten dennoch aufgeführt und aufgezeichnet. Die Aufnahmen waren bei Radio SRF 2 Kultur in der Sendung «Neue Musik im Konzert» zu hören und sind auf der Plattform Neo.mx3 erschienen. Im SUISAblog und auf den Social Media-Kanälen der SUISA ist das Projekt mit multimedialen Beiträge online dokumentiert.

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Marina Sobyanina bezieht sich in ihrer Komposition für das Projekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» auf viele Aspekte des grossen Komponisten. Sie setzte aber auch viele moderne Methoden ein und stellte sich musikalische Passagen auch als grafische Figuren vor. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Marina Sobyanina: Beethovens Musik ist sehr groovy

Marina Sobyanina beim Interview über ihre Komposition «Quasi una Fantasia» im Februar 2020. (Foto: Manu Leuenberger)

Ludwig van Beethoven hat eine spezielle Bedeutung für Marina Sobyanina. «Die ersten richtigen Stücke, die ich als Kind im Klavierunterricht spielen konnte, waren Pianosonaten von Beethoven», erklärt die in Russland geborene und in Bern lebende Komponistin. «Meine Schwester hatte einen grossen Einfluss auf mich, weil sie zwölf Jahre älter ist als ich und damals – neben meiner Klavierlehrerin – die wichtigste musikalische Bezugsperson für mich war. Sie ist klassische Pianistin und denkt…Weiterlesen

«Die Klarinette soll als Individuum wirken, das kämpft und den Weg sucht» | mit Video

Katharina Weber bezieht sich in ihrer Kompositionsarbeit für das Projekt «Schweizer Beethoven-Reflexionen» nicht nur auf Beethovens Variationen über ein Schweizer Lied und dessen Text. Sie lässt auch die Klangwelt von John Cage einfliessen. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Mike Korner

Katharina Weber: «Die Klarinette soll als Individuum wirken, das kämpft und den Weg sucht»

Katharina Weber im Gespräch über ihr Werk «Badurbelisli», das sich zum Zeitpunkt des Interviews im Februar 2020 noch in Entstehung befand. (Foto: Manu Leuenberger)

Ludwig van Beethoven und seine «Variationen über ein Schweizerlied» haben eine spezielle Bedeutung für Katharina Weber. «Diese Variationen gehören zu den ersten Stücken eines grossen Komponisten, die ich als Kind spielen durfte.» Die Berner Pianistin und Komponistin erklärt im Gespräch von Anfang Februar 2020 auch, dass Musik im Leben der Familie stets wichtig gewesen sei, da die Grossmutter als Geigerin wirkte und der Grossvater fast Pianist geworden war.

Katharina Weber findet Beethovens Variationen noch heute spannend, weil jede auf ihre Weise sehr charakteristisch sei. «Und ich habe mich gefragt, ob Beethoven sich auch auf den Text bezogen hat, etwa mit den mal marschartigen, dann wieder ganz weichen, lyrischen Teilen.» Die Geschichte des Originalliedes stand denn auch am Anfang der Überlegungen, wie sie den Kompositionsauftrag umsetzen könnte. Der Text handelt vom Dursli, der Babeli zur Frau haben will, von deren Eltern aber abgewiesen wird, weil Babeli noch zu klein sei, und deshalb in fremde Kriegsdienste nach Flandern geht.

Diese Geschichte hat Katharina Weber sogleich berührt, weshalb der Gedanke nahelag, darauf Bezug zu nehmen. «Es ist eine tragische Liebesgeschichte, gerade wenn man bedenkt, dass auch heute noch viele Leute ihre Heimat verlassen müssen.» Sie versteht die Geschichte persönlich auch als Metapher für die Liebe als Ideal: «Er verspricht, dass er sein Leben lang an ihr festhalten werde». Es gehe letztlich um die Polarität zwischen realistischen Zwängen und idealistischen Wünschen.

In den Weihnachtsferien 2019 entwarf Katharina Weber nicht nur das Grundkonzept des Stücks und begann improvisierend, Töne zu notieren. «Ich habe damals beschlossen, die Klarinette als Individuum gegenüber den Streichern einzusetzen, die gewissermassen als Familie von Babeli oder auch als die Gesellschaft wirken. Der Klavier-Teil wird sich auf die Variationen von Beethoven beziehen, jedoch nicht harmonisch, sondern mehr mit den rhythmischen Varianten, so dass man den Bezug zu Beethoven erkennen kann.» Es soll aber «eine ganz andere Klangwelt» vorherrschen, und damit kommen wir zu John Cage.

Katharina Weber erzählt, dass einst der Komponist Urs Peter Schneider im Unterricht viel von Cage geredet habe. «Er sagte mir, dass Cage Beethoven und dessen Streben nach Höherem und die Suche nach fernem Geliebtem gar nicht mochte, dass Mozart viel mehr im Leben gestanden habe. Er stellte eine Polarität zwischen Beethoven und Mozart her, die mich damals sehr beschäftigt hat.» Von Cage stammten zudem die ersten modernen Stücke, die Katharina Weber im Alter von etwa 13 Jahren mit der Klavierlehrerin Janka Wyttenbach, der Frau des Komponisten Jürg Wyttenbach, gespielt hat. «Wir spielten die Klavierstücke von Cage, die ich zuerst auf dem normalen Flügel zuhause geübt hatte, im Konservatorium dann auf dem präparierten Flügel – und es klang so anders, das war ein wirklich besonderes Erlebnis.»

Nun nimmt Katharina Weber in ihrer Komposition Bezug auf John Cage, indem sie den Klavierklang mit Magneten an den Saiten verfremdet, wie Cage dies in den «Sonatas and Interludes» entwickelt hatte. Cage sei ihr auch wichtig, «weil er lehrte, den Zufall anzunehmen». Sie wolle aber keineswegs das Monument der Moderne gegen die beiden der Vergangenheit, Beethoven und Mozart, ausspielen. Sie versuche vielmehr, diese drei zusammenzubringen.

Gut einen Monat nach den Weihnachtsferien hat Katharina Weber einiges festgelegt. Die Streicherklänge, die die Familie repräsentieren, sollen harmonische Strukturen ergeben. Die Klarinette als Soloinstrument soll hingegen melodisch wirken und Bewegung hineinbringen – «als Individuum, das kämpft und den Weg sucht». Sie setze aber auch den Kontrabass als Gegensatz zur «Familie» von Geige, Bratsche und Cello ein, entsprechend zum Hauptmann, der Dursli als Söldner anheuert. Dass der Vater sein Töchterchen partout nicht hergeben will und Dursli trotzdem das erstrebte Ziel nicht aufgibt, will die Komponistin im gesamten Stück «mit Flageolett-Tönen der Geige andeuten, die sehr fern wirken, einer Ebene des Himmelweiten».

Katharina Weber versucht sich nun vorzustellen, wie die einzelnen Instrumente tönen sollen und kontrolliert dann am Klavier nach; auch die Töne, die sie bereits notiert hat. So lange, bis die verwendeten Töne und Rhythmen «verhäbe», wie sie lachend erklärt. «Der Tonraum der ‘Familie’ etwa ist zunächst recht eng und weitet sich dann durch den Kontrabass, der tief hinab geht.» Von der letzten Strophe, die derart aus dem Rahmen eines Volklieds hinausgehe, dass Katharina Weber sie gleich vorsingt, möchte sie den ganzen Text verwenden, gesprochen oder gesungen oder gar als Sprechgesang:’U wenn der Himmel papierge wär/u jede Stern ä Schriber wär/u jede Schriber hätt siebe, siebe Händ,/si schribe doch all meiner Liebi kes End‘. «Von den anderen zehn Strophen möchte ich nur wenige Worte verwenden, so dass man die Geschichte gerade noch erraten kann.»

Zur Zeit des Gesprächs ist vieles erst skizziert, es kann sich also noch einiges ändern. Trotzdem erwartet Katharina Weber, dass etwas ihr Stück auf eine Weise prägen werde, die typisch für Kompositionen von ihr ist: «Der harmonische Raum, den ich mit den Streichern schaffen möchte, ähnelt demjenigen eines anderen Stücks von mir, in dem jedoch eine Flöte die solistische Rolle spielt». Katharina Weber ist sich zudem sicher, dass es eine bis ins Detail festgelegte Komposition werden wird, obwohl sie sich auch mit improvisierter Musik einen Namen geschaffen hat. «Es wäre schwierig, Freiraum zu lassen; auch weil es ein relativ grosses Ensemble ist und nur kurze Zeit (für die Probe) besteht.» Sie habe eine klare Vorstellung, wie ihre Komposition tönen müsse. «Und doch bin ich jedes Mal erfreut, wenn ich dann die wirklichen Klänge der Instrumente, ihre Sinnlichkeit, höre.»

Katharina Weber wurde 1958 in Bern geboren. Sie studierte in Basel und Bern Klavier mit Jürg Wyttenbach, Urs Peter Schneider, Erika Radermacher und Jörg Ewald Dähler. Zudem besuchte sie Meisterkurse mit Yehudi Menuhin, György Kurtág, Pauline Oliveros, Fred Frith, Alex von Schlippenbach, Barre Phillips u.a. Katharina Weber unterrichtet Klavier und Improvisation an der Musikschule Konservatorium Bern sowie an der Hochschule der Künste Bern. www.katharinaweber.ch
Schweizer Beethoven-Reflexionen: Ein Projekt von Murten Classics und der SUISA zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven hatte nur wenig mit der Schweiz zu tun. Aber er hat «Sechs Variationen über ein Schweizerlied» geschrieben, bei dem es sich um das Volkslied «Es hätt e Bur es Töchterli» handelt. Dies ist der Ausgangspunkt für Kompositionsaufträge, die die Sommerfestspiele Murten Classics zusammen mit der SUISA an acht Schweizer Komponistinnen und Komponisten verschiedener Generationen, Ästhetik und Herkunft vergeben haben.

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Die Anmeldung für das Mitgliederportal «Mein Konto» leicht gemacht | mit Video

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  • Datenanalysen mit Hilfe des Royalty Reports
  • Einblick in Ihre persönlichen Daten, die bei der SUISA gespeichert sind und diese Daten anpassen
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  • ab Sommer 2022: Direkter Draht zu unseren Fachspezialisten via elektronische Anfrage
  • ab Sommer 2022: Laufend informiert über Ihre offenen Anliegen

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Der Royalty Report ist onlineDer Royalty Report ist online Neues aus «Mein Konto»: Der Royalty Report verschafft dank verständlichen Grafiken einen raschen Überblick über die Entwicklung der Urheberrechtseinnahmen der letzten fünf Jahre und ermöglicht individuelle Auswertungen per Mausklick. Weiterlesen
Neuerungen bei den Mitgliederdiensten der SUISANeuerungen bei den Mitgliederdiensten der SUISA Die SUISA baut seit Jahren ihr Online-Angebot insbesondere für Urheber/innen und Verleger/innen von Musik aus. Der Schlüsselbegriff ist Selfservices: Mitglieder sollen einfach und bequem alle Dienstleistungen der SUISA online abrufen können. Dies spart nicht nur Zeit für die Mitglieder: Die SUISA kann somit auch ihre Effizienz steigern und folglich mehr Geld an die Bezugsberechtigten verteilen. Im 2022 werden auch die Bedingungen für die Mitgliedschaft angepasst. Weiterlesen
Die Praxis der Online-Lizenzierung verlangt frühzeitiges Anmelden der WerkeDie Praxis der Online-Lizenzierung verlangt frühzeitiges Anmelden der Werke Der Online-Musikvertrieb eröffnet aus verkäuferischer Sicht enorme Möglichkeiten. Mit wenig Aufwand kann Musik innert Kürze einem weltweiten Publikum zugänglich gemacht werden. Dagegen ist die Abrechnung der Urheberrechtsvergütungen für Online-Nutzungen komplex, auch weil die Prozesse anders sind als bei Aufführungs- oder Senderechten. Der wichtigste Ratschlag lautet: Zuerst das Werk möglichst frühzeitig bei der SUISA anmelden, erst dann online veröffentlichen. Weiterlesen
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Aus dem Geschäftsbericht 2021: Von der Ausarbeitung der Gesetzgebung zum Anwendungsfall

Das Departement «Regulations» der SUISA befasst sich mit juristischen Fragen. Seine Aufgaben reichen von der Beteiligung an unseren verschiedenen politischen Aktionen im Hinblick auf die Gesetzgebung, über Tarifverhandlungen und die Ausarbeitung des Verteilungsreglements bis hin zur Durchsetzung der Regeln bei Rechtsstreitigkeiten. Zu den Aktivitäten des Departements gehörten 2021 verschiedene Themen. Text von Vincent Salvadé

Aus dem Geschäftsbericht 2021

Der Geschäftsbericht 2021 enthält die relevanten Zahlen und Informationen zum Geschäftsjahr 2021 der SUISA Genossenschaft und Gruppe. (Bild: SUISA)

1. Gesetzgebung

Im Bericht über das vorangehende Jahr haben wir auf die Initiative des Nationalrats Philippe Nantermod hingewiesen. Er verlangte eine Ausnahme vom Urheberrecht, wenn geschützte Werke in Hotelzimmern und ähnlichen Orten verwendet werden. Diese parlamentarische Initiative griff eine Bestimmung neu auf, die der Nationalrat und der Ständerat im September 2019 im Rahmen der Revision des Urheberrechts abgewiesen hatten. Der Nationalrat hatte die Parlamentarische Initiative am 3. März 2021 angenommen. Für uns war das inakzeptabel. Es gab keinen Grund, das Gesetz nach so kurzer Zeit bereits wieder zu revidieren, wo es doch ohnehin auf einem Kompromiss beruht. Um eine Lösung zu finden, hatte man sich auf Seiten der Künstler/innen bereits auf erhebliche Zugeständnisse eingelassen. Sie wären also die Betrogenen gewesen, wenn einseitig bestimmte Punkte revidiert worden wären. Ganz zu schweigen davon, dass die Initiative gegen internationales Recht verstossen hätte. Damit hätte diese Initiative entweder die Schweiz dem Risiko wirtschaftlicher Sanktionen ausgesetzt oder sie hätte zur Folge gehabt, dass diese Ausnahmen auf Werke und Darbietungen Schweizer Staatsbürger hätten beschränkt werden müssen, damit nicht internationale Verträge verletzt worden wären. Das wäre eine offenkundige Diskriminierung der Künstler in unserem Land gegenüber jenen aus dem Ausland gewesen. Glücklicherweise wurde die Initiative Anfang März 2022 vom Ständerat abgelehnt. Damit ist diese Angelegenheit endgültig abgeschlossen.

Auch die Revision der Zivilprozessordnung hat uns beschäftigt. Eine Zeitlang drohte die Gefahr, dass vor der Einleitung rechtlicher Schritte bei Urheberrechtszahlungen bis zu CHF 30 000.– ein Schlichtungsversuch obligatorisch würde. In einem Prozess ist es oft hilfreich und von Vorteil, eine Einigung zu finden. Doch die Verwertungsgesellschaften müssen sich an die Gleichbehandlung halten, und sie haben bindende Tarife. Daher ist ihr Verhandlungsspielraum bei der Annahme oder Ablehnung einer gütlichen Lösung oft begrenzt. Unter diesen Umständen haben wir uns für eine fakultative Schlichtung stark gemacht, wodurch unnötige Kosten vermieden werden, wenn eine Einigung nicht möglich erscheint. Das Dossier scheint auf gutem Weg zu sein obwohl die Revision der Zivilprozessordnung zum Zeitpunkt der Erstellung des vorliegenden Textes noch nicht unter Dach und Fach war.

Kurz vor Weihnachten veröffentlichte der Bundesrat einen Bericht als Antwort auf ein Postulat, das ihn dazu aufforderte, die Wirksamkeit der Urheberrechtsrevision (in Kraft getreten am 1. April 2020) zu bewerten. Insgesamt äussert sich die Regierung recht positiv. Sie hebt insbesondere hervor, dass die neuen Massnahmen zur Bekämpfung der Piraterie anscheinend eine abschreckende Wirkung gezeigt haben und die Kritik der Rechteinhaber zurückgegangen sei. Demgegenüber äussert sich der Bundesrat etwas differenzierter über das neue Modell der erweiterten Kollektivlizenz: Es ermöglicht den Verwertungsgesellschaften, eine weltweite Lizenz für ein komplettes Repertoire zu gewähren, auch im Interesse von Rechteinhabern, die sie nicht vertreten. Das Modell habe jedoch noch nicht sein volles Potenzial entfaltet. In diesem Zusammenhang finden wir die Absicht der Schweiz begrüssenswert, die internationalen Diskussionen mitzuverfolgen. Tatsächlich wäre eine Reglementierung auf dieser Ebene erforderlich, damit die erweiterte Kollektivlizenz auch für länderübergreifende Verwertungen genutzt werden kann.

2. Tarife

Was die Tarifverhandlungen betrifft, so konnten wir 2021 erfreulicherweise zwei wichtige Abkommen treffen.

Zum einen haben wir uns mit den Partnern auf einen neuen Gemeinsamen Tarif 4i für Privatkopien auf in Geräten integrierten Speichermedien verständigt. Dieser sieht eine Erweiterung der Lizenzgebühr auf Laptops und externe Festplatten vor. Der Tarif liegt zur Zeit der Eidgenössischen Schiedskommission zur Genehmigung vor und sollte am 1. Juli 2022 in Kraft treten. Er wird zu einer erheblichen Steigerung unserer Einkünfte auf leere Datenträger führen. Daneben führen wir 2022 Verhandlungen über einen neuen Tarif für Privatkopien, die in der Cloud erstellt werden (d. h. auf Servern an entfernten Standorten). Diese Gespräche wurden im Herbst 2021 ausgesetzt, um ein Urteil des EU-Gerichtshofs zu einer ähnlichen Lizenzgebühr in Österreich abzuwarten. Dieses erfolgte nun Ende März 2022 in einem für die Rechteinhaber günstigen Sinne.

In einem anderen Bereich haben wir 2021 unsere Verhandlungen über einen neuen Gemeinsamen Tarif Z für Zirkusse abgeschlossen. Unser Ziel war es, den Anwendungsbereich dieses Tarifs gegenüber dem des Gemeinsamen Tarifs K abzugrenzen, der für Konzerte, aber auch für verschiedene andere Aufführungsformen gilt. Ab jetzt bleibt der günstigere Gemeinsame Tarif Z bestimmten, klar definierten Aufführungen vorbehalten. Der neue Tarif wurde am 8. November 2021 von der Schiedskommission genehmigt.

3. Verteilungsreglement

Im Frühjahr 2021 wurden alle Änderungen des Verteilungsreglements, die der Vorstand der SUISA Ende 2020 beschlossen hatte, vom Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum (IGE) genehmigt. Das neue Verteilungssystem für Privatkopien wurde also erstmals im September 2021 zur Anwendung gebracht.

Darüber hinaus hat der Vorstand der SUISA 2021 drei Änderungen des Reglements in Bezug auf Online-Rechte verabschiedet. Die erste regelt die Situation, in der eine Online-Plattform keine ausreichenden Informationen über die von ihr genutzten Werke liefert. In diesem Fall erfolgt die Verteilung auf Basis der Informationen, die auf anderen Plattformen mit einem ähnlichen Repertoire hinterlegt sind. Die zweite Änderung betrifft die sogenannten Residuals. Dabei handelt es sich um Beträge, die von den Online-Anbietern «zur Abgeltung aller Rechnungen» für Werke entrichtet werden, die von keiner Verwertungsgesellschaft beansprucht worden sind. Auf Ende 2021 konnten diese Residuals den Rechteinhabern in Form von Zusatzzahlungen zu ihrer Abrechnung für die laufenden Nutzungen zugewiesen werden. Die dritte und letzte Revision betrifft «Play Suisse», die Video-onDemand-Plattform (VoD) der SRG. Der Vorstand der SUISA hat beschlossen, dass ein Teil der von der SRG bezahlten Beträge in Anwendung von Tarif A ab jetzt der Verteilungsklasse 22S zugeordnet wird, die den Bereich VoD regelt. Dieser Anteil wird entsprechend den von «Play Suisse» investierten Kosten im Verhältnis zu den Gesamtkosten der SRG kalkuliert.

Es gilt zu beachten, dass die dritte Änderung noch vom IGE genehmigt werden muss. Dieses verlangte zuvor eine Ergänzung des Tarifs A. Da die SRG damit einverstanden war, wurde der Fall im Frühjahr 2022 an die Schiedskommission weitergeleitet, und wir hoffen, dass er bald zu einem positiven Abschluss gebracht werden kann.

4. Aufsichtsbehörde

Schliesslich müssen wir noch auf zwei Rechtssachen hinweisen, in denen wir seit dem letzten Herbst Differenzen mit unserer Aufsichtsbehörde IGE haben. Beide betreffen das Verhältnis zwischen der «klassischen» kollektiven Verwertung unter Bundesaufsicht und der liberalisierten Rechteverwertung im Online-Bereich. In der ersten Sache opponierte das IGE gegen die Garantien der SUISA für einen Bankkredit zugunsten von Mint, der gemeinsam von SUISA und SESAC gegründeten Gesellschaft zur Verwertung von Online-Rechten. In der zweiten ging das IGE gegen eine «Cross-Selling»-Aktion der SUISA vor, in welcher sie ihre Kunden aus dem Gemeinsamen Tarif 3a (Hintergrundmusik) informierte, dass eine andere Lizenz erforderlich ist, wenn sie Musik auf ihren Internetseiten oder ihren Seiten in den sozialen Medien verwenden.

In beiden Fällen haben wir beim Bundesverwaltungsgericht rekurriert. In Bezug auf den ersten Punkt haben wir das Interesse der SUISA-Mitglieder am reibungslosen Funktionieren von Mint hervorgehoben. Das Joint Venture hat zum Ziel, das Schweizer Repertoire weiteren Repertoires anzugliedern, um gegenüber den Branchenriesen wie Google, Apple oder Spotify an Verhandlungsmacht zu gewinnen. Die Gewährung von Garantien für Mint wird der Generalversammlung 2022 vorgelegt, wodurch das Verfahren voraussichtlich beendet werden kann. Im zweiten Fall war das IGE der Ansicht, dass das Datenschutzrecht der von der SUISA gegebenen Information widerspricht und die Aktion irreführend gewesen sei, da die klassische kollektive Verwertung und die Online-Verwertung unterschiedlichen Regeln folgen. Wir glauben, dass das IGE hier seine Kompetenzen überschritten und die gesetzlichen Regeln in Unkenntnis der täglichen Realitäten der Kollektivverwertung interpretiert hat. Wir warten nun auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts.

Diese beiden Rechtsstreitigkeiten werfen in der Tat eine wichtige Frage auf: Wie weit kann die SUISA gehen, wenn sie in einigen Bereichen ihren Pflichten als Monopolgesellschaft nachkommen soll, sich jedoch in anderen Bereichen den Realitäten eines liberalisierten Marktes stellen muss? Hier besteht die Notwendigkeit, dass die Aufsichtsbehörde uns eine praktikable Antwort liefert. Andernfalls wären die Mitglieder der SUISA die Leidtragenden.

Geschäftsbericht 2021
Der Geschäftsbericht 2021 enthält die relevanten Zahlen und Informationen zum Geschäftsjahr 2021 der SUISA Genossenschaft und Gruppe. Informative Artikel beleuchten die Einnahmen, politische Entwicklungen sowie die Tarifverhandlungen im vergangenen Jahr. 2021 war wiederum stark geprägt von der Corona-Pandemie und deren Auswirkungen auf die Musikbranche. Was dies für die Mitglieder und Kunden/innen der SUISA bedeutete, können Sie ebenfalls im Geschäftsbericht 2021 lesen.
www.suisa.ch/geschaeftsbericht
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Das Departement «Regulations» der SUISA befasst sich mit juristischen Fragen. Seine Aufgaben reichen von der Beteiligung an unseren verschiedenen politischen Aktionen im Hinblick auf die Gesetzgebung, über Tarifverhandlungen und die Ausarbeitung des Verteilungsreglements bis hin zur Durchsetzung der Regeln bei Rechtsstreitigkeiten. Zu den Aktivitäten des Departements gehörten 2021 verschiedene Themen. Text von Vincent Salvadé

Aus dem Geschäftsbericht 2021

Der Geschäftsbericht 2021 enthält die relevanten Zahlen und Informationen zum Geschäftsjahr 2021 der SUISA Genossenschaft und Gruppe. (Bild: SUISA)

1. Gesetzgebung

Im Bericht über das vorangehende Jahr haben wir auf die Initiative des Nationalrats Philippe Nantermod hingewiesen. Er verlangte eine Ausnahme vom Urheberrecht, wenn geschützte Werke in Hotelzimmern und ähnlichen Orten verwendet werden. Diese parlamentarische Initiative griff eine Bestimmung neu auf, die der Nationalrat und der Ständerat im September 2019 im Rahmen der Revision des Urheberrechts abgewiesen hatten. Der Nationalrat…Weiterlesen

Hoffnung und Engagement

Das Jahr 2022 lässt Hoffnung aufkeimen in Bezug auf die Überwindung der Pandemie und damit vor allem auch auf die Verbesserung der Arbeitssituation für unsere Mitglieder. Grössere Konzerte dürften diesen Sommer wieder möglich sein und das Publikum zeigt vermehrt Interesse, Festivals und Konzerte wieder zu besuchen. Einige Festivals und Anlässe waren denn in diesem Frühling ganz erfreulich schnell ausverkauft. Von Andreas Wegelin, CEO

Hoffnung und Engagement

Andreas Wegelin, CEO der SUISA. (Foto: Lisa Burth)

Am 17. Juni 2022 wird es auch nach zwei Jahren erstmals wieder die Möglichkeit geben, an der SUISA-Generalversammlung mit anderen Mitgliedern, mit dem Vorstand, der Geschäftsleitung und den Mitarbeitenden der SUISA zusammenzukommen. Nutzen Sie als stimmberechtigtes Mitglied diese Gelegenheit und engagieren sie sich für unsere gemeinsame Sache, den Urheberinnen und Urhebern einen angemessenen Lohn für ihre Arbeit zu sichern.

Das Geschäftsjahr 2021 schliesst dank dem Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der SUISA und der guten Zusammenarbeit mit unseren Kundinnen und Kunden, den Nutzern und Nutzerinnen von Musik, gesamthaft nur mit einem leichten Einbruch gegenüber unserem Allzeitrekord von 2019. Die grösste Einbusse gab es bei Live-Musikaufführungen: Weil diese nicht stattfinden konnten, verzeichnet die SUISA auch weniger Lizenzeinnahmen aus diesem Bereich. Mit viel Geduld und Engagement haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trotzdem alles darangesetzt, dass Musiknutzungen möglichst lückenlos lizenziert wurden. Dafür gebührt ihnen sicher auch in Ihrem Namen unser Dank.

Dank dem Engagement von vielen von Ihnen und von Politikerinnen und Politikern konnte vor Kurzem auch ein Angriff auf die Durchsetzung von angemessenen Vergütungen abgewehrt werden. Am 8. März 2022 hat der Ständerat final die parlamentarische Initiative Nantermod abgelehnt. Diese Initiative verlangte, dass die Hotels nichts mehr hätten bezahlen müssen für die Ausstrahlung von Radio- und TV-Sendungen in den Gästezimmern. Damit wären den Urheberinnen und Urhebern mindestens 1 Million Franken entgangen.

Besorgt stimmt uns die Kriegslage in Europa. Es darf nicht sein, dass kulturelle Errungenschaften sinnlos zerstört werden und das friedliche Zusammenleben unter Menschen verunmöglicht wird. Setzen wir uns dafür ein, dass Musik über die Barbarei siegt. Für unseren Berufskolleginnen und -kollegen kann man sich über die koordinierte Hilfsaktion #creatorsforUkraine bei unserem Dachverband CISAC engagieren und ihnen damit Hoffnung geben.

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Hoffnung und Engagement

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Am 17. Juni 2022 wird es auch nach zwei Jahren erstmals wieder die Möglichkeit geben, an der SUISA-Generalversammlung mit anderen Mitgliedern, mit dem Vorstand, der Geschäftsleitung und den Mitarbeitenden der SUISA zusammenzukommen. Nutzen Sie als stimmberechtigtes Mitglied diese Gelegenheit und engagieren sie sich für unsere gemeinsame Sache, den Urheberinnen und Urhebern einen angemessenen Lohn für ihre Arbeit zu sichern.

Das Geschäftsjahr 2021 schliesst…Weiterlesen

Vergütungen für Privatkopien – neuer GT 4i ab 1. Juli 2022

Musik, Videos und E-Books zum privaten Vergnügen kopieren: Diese Freiheit haben die Konsumentinnen und Konsumenten in der Schweiz schon sehr lange. Seit einigen Jahren werden die Rechteinhaberinnen und Rechteinhaber für Kopien auf Smartphones und Tablets entschädigt – ab diesem Sommer erhalten sie nun auch eine Entschädigung für Kopien auf Laptops und externen Festplatten. Text von Anke Link

Vergütungen für Privatkopien – neuer GT 4i ab 1. Juli 2022

Mit der Erweiterung des Gemeinsamen Tarifs 4i erhalten die Rechteinhaber/innen ab Juli 2022 auch Vergütungen für Privatkopien ihrer Werke auf Laptops und externen Festplatten. (Foto: Rawpixel / Shutterstock.com)

Die Möglichkeit auf Audiokassetten massenweise Kopien von Musik anzufertigen, gab vor 30 Jahren den Anstoss zur gesetzlichen Verankerung einer Vergütung für Privatkopien. Seither ist es nach dem Schweizer Urheberrechtsgesetz gestattet, von geschützten Werken Kopien zur Verwendung im privaten Kreis herzustellen. Die Reihe der vergütungspflichtigen Leerträger hat sich im Laufe der technologischen Entwicklungen erweitert; heute sind überwiegend digitale Speicher relevant, die in Geräten wie Smartphones, Tablets und Laptops eingebaut sind.

Im Gegenzug zu den vielfältigen Möglichkeiten der Speicherung von Musik, Filmen und anderen Werken steht den Urhebern/innen und Interpreten/innen von Musik, den Filmemachern/innen, Schriftstellern/innen etc. per Gesetz eine Vergütung für diese Privatkopien zu.

Diese Vergütung muss von den Hersteller- und Importfirmen von Aufnahme- und Speichermedien bezahlt werden. Die Verwertungsgesellschaften verhandeln regelmässig mit den Verbänden dieser Firmen über die Höhe der Vergütung und für welche Speicher sie bezahlt werden muss. Die Vergütung für die Privatkopien wird dann von der SUISA nach sogenannten «Gemeinsamen Tarifen» für alle Schweizer Verwertungsgesellschaften eingefordert und an die jeweiligen Rechteinhaberinnen und Rechteinhaber verteilt.

Vergütung für Privatkopien auf Laptops und externen Festplatten

Im Sommer vergangenen Jahres einigten sich die Verbände mit den Verwertungsgesellschaften darauf, dass ab 1. Juli 2022 auch Speicher in Laptops und Notebooks sowie externe Festplatten als vergütungspflichtige Leerträger gelten. Diese Speicher fallen somit neu ebenfalls in den Anwendungsbereich des Gemeinsamen Tarifs 4i (GT 4i). Bei externen Festplatten ist es dabei unerheblich, ob es sich um magnetische Festplatten (Hard Disk Drives) handelt oder ob eine andere Speichertechnologie enthalten ist (Solid State Drive oder eine Kombination aus beidem). Es kommt nur darauf an, dass sie für den Anschluss an Personal Computer (Desktop-Computer, Laptops, Notebooks oder Tablets) bestimmt sind. Dieser Anschluss kann sowohl über Kabel (z. B. USB oder Firewire) erfolgen als auch über Anschlüsse wie BUS und PCI an Steckplätzen im Personal Computer. Als externe Festplatten gelten alle Speichererweiterungen für Personal Computer, unabhängig davon, ob sie ausserhalb des Computers angeschlossen oder eingebaut werden. Ausgenommen von der Vergütungspflicht sind dagegen sog. «Server grade» Festplatten, die für die Serverinfrastruktur von Unternehmen gedacht sind.

Im Gegensatz zum bisherigen GT 4i, der noch verschiedene Vergütungen nach Gerätekategorie vorsah, gelten ab 1. Juli 2022 für fast alle vom Tarif erfassten Speicher einheitliche Vergütungen. Grundlage für die Vergütungen waren die Preise der Geräte bzw. der externen Festplatten sowie der Anteil, zu dem die jeweiligen Speicher im Zusammenhang mit der Privatkopie genutzt werden. Auf dieser Basis wurden einheitliche Vergütungsbeträge berechnet und verhandelt, die nur noch von der Speicherkapazität abhängig sind und je Gerät bzw. je externer Festplatte gelten. Lediglich für MP3-Player sind noch separate Vergütungen vorgesehen:

Für MP3-Player u. ä.:

Speicherkapzität pro Gerät
bis und mit 4 GB CHF 2.40
bis und mit 8 GB CHF 4.20
bis und mit 16 GB CHF 4.70
bis und mit 32 GB CHF 7.80
über 32 GB CHF 12.40

Für alle anderen vom GT 4i erfassten Geräte bzw. für externe Festplatten:

Speicherkapazität pro Gerät/Festplatte
über 16 GB bis und mit 32 GB CHF 2.10
bis und mit 64 GB CHF 2.90
bis und mit 128 GB CHF 3.85
bis und mit 256 GB CHF 4.80
bis und mit 512 GB CHF 5.60
bis und mit 1 TB CHF 6.50
bis und mit 2 TB CHF 7.50
über 2 TB CHF 8.30

Mit Ausnahme der MP3-Player sind die Vergütungen erst für Geräte bzw. externe Festplatten mit einer Speicherkapazität von mehr als 16 GB geschuldet. Für externe Festplatten gilt darüber hinaus eine Maximalvergütung von Fr. 4.50, auch wenn die Speicherkapazität sehr hoch ist. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass die Preise für externe Festplatten im Vergleich zu den anderen von der Vergütung erfassten Geräte tiefer sind. Die Mehrwertsteuer ist jeweils noch zusätzlich geschuldet.

Anmeldung der vergütungspflichtigen Speicher

Trotz einer einheitlichen Vergütung für fast alle Speicher ist es für die korrekte Verteilung der eingenommenen Beträge an die Rechteinhaber/innen wichtig, dass die Hersteller- und Importfirmen bei der Anmeldung ihrer vergütungspflichtigen Speicher eine Trennung nach Gerätekategorie vornehmen. Denn auf Laptops, Tablets und externen Festplatten werden beispielsweise häufiger Filme kopiert als auf Smartphones. Deshalb müssen die eingenommenen Vergütungen für diese Speicher anders aufgeteilt werden als die eingenommenen Vergütungen für Smartphones. Nur so erhalten die richtigen Urheberinnen und Urheber sowie die weiteren Rechteinhaberinnen und Rechteinhaber die ihnen zustehenden Gelder. Die SUISA stellt ihren Kundinnen und Kunden ab Juli 2022 entsprechende Meldeformulare zur Verfügung, welche die Basis für die Rechnungstellung sind.

Mit dieser Erweiterung des GT 4i ist sichergestellt, dass die Konsumentinnen und Konsumenten weiterhin ohne schlechtes Gewissen ihre liebsten Werke auf die Geräte ihrer Wahl kopieren können und dass diejenigen, die diese Werke schaffen, dafür entschädigt werden.

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Vergütungen für Privatkopien – neuer GT 4i ab 1. Juli 2022

Mit der Erweiterung des Gemeinsamen Tarifs 4i erhalten die Rechteinhaber/innen ab Juli 2022 auch Vergütungen für Privatkopien ihrer Werke auf Laptops und externen Festplatten. (Foto: Rawpixel / Shutterstock.com)

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