Marcel Oetiker: «Beim Reisen werde ich oft inspiriert» | mit Video

Beim Zürcher Bahnhof Hardbrücke brausen Züge vorbei, kreischen in den Kurven, ächzen beim Anfahren und beim Bremsen. Doch Marcel Oetiker hat diesen Ort nicht als Treffpunkt gewählt, weil solche Geräusche manche Künstler zu kreativen Höhenflügen anregen. Text von Gastautor Markus Ganz; Video von Manu Leuenberger

«Ich bin beruflich meist mit dem ÖV unterwegs und fahre oft über Zürich», erklärt der 1979 geborene Komponist und Schwyzerörgeli-Virtuose aus Altendorf. «Und Reisen kann sehr inspirierend sein. Ich halte meine Ideen dann nach Möglichkeit auf dem Laptop oder einem Blatt Papier fest».

Marcel Oetiker glaubt auch nicht, dass Einflüsse wie solche Geräusche die neue Schweizer Volksmusik geprägt haben, zu der er gezählt wird. Wichtiger ist seiner Meinung nach, dass man Musik studiert und das Gelernte bewusst beim Komponieren anwendet ‒ «dies vermag auch diesem Genre eine neue Perspektive zu öffnen».

Von Volksmusik zum Jazz-Studium

Marcel Oetiker ist ein gutes Beispiel dafür. Der Autodidakt spielte bereits in sehr jungen Jahren traditionelle Ländlermusik und stieg in dieser Szene rasch auf. So kam er in einen Bereich, wo man sich mehr an der Musik selbst als am Unterhaltungswert orientiert.

«Aus einem Status Quo ein spürbares Maximum herauszuholen, das den vielen Wiederholungen so lange wie möglich standhält – das war und ist die Ebene der Volksmusik, die mich faszinierte.» Diesen Ansatz hat er bis heute beibehalten.

Er lernte neue Möglichkeiten kennen durch das Jazz-Studium an der Berner Hochschule der Künste, das er mit einem Master in Komposition und Theorie abschloss. «Der Jazz bietet eine viel differenziertere Harmonik und insbesondere ein Theoriemodell, um die verschiedenen harmonischen Wirkungen der Musik kontrollieren und niederschreiben zu können.» Sogar eine gewisse Nähe zur Neuen Musik ist manchmal herauszuhören, denn er möchte das ganze Spektrum der kompositorischen Möglichkeiten ausnützen können.

Von Notation zu akustischen Partituren

Marcel-Oetiker-Video_VorschauDies hat auch die Kompositionsweise von Marcel Oetiker verändert. Er geht nur noch selten von einem klassischen Motiv aus, weil er nicht in diesem spezifischen Kompositionsstil verbleiben möchte. So kommt er auch zunehmend von der üblichen Notation weg und versucht vermehrt, «ganz auf der akustischen Ebene zu verbleiben». Er liefert den ausführenden Musikern als Annäherung beispielsweise eine akustische Partitur, die er mit Instrumenten oder Geräuschen schafft.

Marcel Oetiker entwickelt auch Werke für mehrere Musiker. «Es ist nicht wie bei einer typischen Band, wo man zusammen an einem Stück tüftelt. Die Kompositionen entstehen aus spezifischen Begebenheiten heraus und sind nicht immer durchgängig notiert, sondern bestehen beispielsweise auch aus Anweisungen.» Trotzdem betont Marcel Oetiker, dass die Stücke meistens sehr durchdacht sind und wenig Freiheiten lassen.

Zuoberst die Musik, erst dann das Geld

Marcel Oetiker ist Berufsmusiker. Neben seiner kompositorischen Tätigkeit leitet er verschiedene Ensembles und unterrichtet an verschiedensten Bildungsstätten. «Wollte ich schnell reich werden, dürfte ich nicht in solch ungewöhnlichen Musikgebieten tätig sein. Ich hatte nie vor, von der Musik zu leben – sondern für die Musik.»

Umso mehr schätzt er, dass er die Wahrung seiner Urheberrechte der SUISA überlassen kann. «Sie nimmt mir sehr viele administrative Belange ab. Das ist, was ich brauche, um mich noch mehr auf die Musik konzentrieren zu können.». Beeindruckt hat ihn vor allem die Beratung. «Ich habe immer eine hilfreiche Antwort erhalten, wenn ich mit einer Frage an sie gelangt bin. Und ich habe dafür nie eine Rechnung erhalten ‒ wo gibt es das noch?»

www.marceloetiker.com

Wo-neue-Musik-entsteht_Cover«Wo neue Musik entsteht»

Der Wert der Ideen der Musikschaffenden ist das Herzstück der Arbeit der SUISA. Für die Broschüre «Wo neue Musik entsteht» gaben fünf Persönlichkeiten und Gruppen aus verschiedenen Musikgenres und Sprachregionen der Schweiz Einblick in ihren kreativen Schaffensprozess und ihre musikalische Tätigkeit. Neben Marcel Oetiker werden Camilla Sparksss, Oliver Waespi, Eriah und Carrousel auf dem SUISAblog.ch und in der 2015 erstmals erschienenen Broschüre (PDF, 8.17 MB) vorgestellt.

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  1. Julien Gilliand sagt:

    Finde das Gespräch interessant und spannend, leider finde ich die Bilder nicht optimal, wie z.B. Bildausschnitte, Kameraführung und Farben sind zu wenig ausgearbeitet und ausgesucht… Zum Teil auch sehr sehr wackelige Bilder, dass mehr Verwirrung stiftet als was anderes…
    Bei der Mikrophonierung hätte ich Anstecker gewählt, die weniger Nebengeräusche aufnehmen. Wenn keine Vorhanden waren, dann hätte ich die Richt-Mikrophone nicht auf die Gleise gerichtet, da sobald ein Zug kommt, man ihn kaum mehr versteht, Zudem finde ich, gehören sie nicht ins Bild (es ist ja keine PK…) Vielleicht hätte es ein geeigneter Interview-Platz auch nicht schlecht getan…

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